Trotz Krisen und KI: das "neue Normal"
KT Guttenberg: Das "neue Normal" – so meistern wir den permanenten Wandel
Paul Ryan: Der frühere Sprecher des US-Repräsentantenhauses rät den Deutschen, mehr Risiko zu wagen
Hey KT, welchen Sinn haben Moden – und sollte man ihnen folgen?
Meine Insights der Woche – 26. Februar 2026
Guten Morgen,
zur neuen Ausgabe unseres NEULAND Updates dürfen wir Sie herzlich willkommen heißen. Am Wochenende haben wir den 50.000. Abonnenten begrüßt – auch im Namen unseres Teams danke für Ihre Lust auf mehr Zuversicht!
In dieser Ausgabe geht es um ein irritierendes Grundgefühl, das unser Leben mehr und mehr kennzeichnet: Unsicherheit. Die Empfindung, auf schwankendem, unbekanntem Terrain unterwegs zu sein. Unsere alten Maßstäbe helfen da kaum mehr, neue sind noch nicht gefunden. Das Gespür für „normalerweise“ ist verloren gegangen. Was tritt an dessen Stelle? Was kann das „neue Normal“ sein?
Viel Vergnügen!
INSIGHTS
Das "neue Normal": eine Begrüßung
Die Welt verändert sich rasant, und nur wenige unserer früheren Gewissheiten scheinen den Wandel zu überdauern. Muss uns das Angst machen? Nein. Wie wir trotz der Unruhe handlungsfähig bleiben
Die KI nicht als Feind, der unsere Arbeitsplätze vernichtet, sondern als kongenialer Partner – das ist eine Zukunftsvision, die uns antreiben darf
Visualisierung: Pollo.Ai, Stil: "Monet"
„Normalerweise“ war einmal das Zauberwort der alten Bundesrepublik: Normalerweise bleibt der Job sicher, die Rente berechenbar, Europa friedlich, die Technik beherrschbar. Normalerweise halten sich Staaten ans Völkerrecht und Menschen an Regeln, normalerweise siegt die Vernunft über Unvernunft.
Dieses „Normalerweise“, jene Maßeinheit von Verlässlichkeit, ist verschwunden – und kommt nicht mehr zurück. An seine Stelle ist eine Welt getreten, in der sich Megatrends, Krisen und Technologien überlagern und beschleunigen: Demografie, Globalisierung unter Stress, Urbanisierung, Klimawandel, Digitalisierung – und nun generative KI als neuer Taktgeber.
Das Entscheidende: Nicht nur Politik und Märkte sind instabiler geworden, sondern auch das Fundament, auf dem wir unser Bild von Zukunft gebaut haben. Wer ernsthaft glaubt, man könne im Jahr 2026 noch das eigene Leben oder Politik gestalten, als wären künstliche Intelligenz, Automatisierung und Plattformökonomie bloß Spezialthemen für Fachkonferenzen, hat den Charakter dieser Zeit nicht verstanden.
KI ist kein Gadget, sie ist eine Infrastruktur – für Arbeit, Wissen, Sicherheit, ja sogar für Kriegsführung. Sie verändert, wie Entscheidungen vorbereitet werden, wie Öffentlichkeit entsteht und wie Macht verteilt wird. Der Deep Mind-Gründer Mustafa Suleyman spricht sogar von einer „neuen digitalen Spezies“, die das Dasein eines Werkzeuges bereits überschritten habe.
Das neue Normal lässt sich in einem Satz beschreiben: Wir müssen schon die nächste Transformation managen, während wir noch mit der letzten beschäftigt sind.
Arbeitsmärkte verändern sich, bevor sich die Lehrpläne geändert haben. Informationsräume fragmentieren, bevor wir gelernt haben, Desinformation zu erkennen. KI-Modelle übernehmen Tätigkeiten, lange bevor wir eine gesellschaftliche Debatte darüber geführt haben, welche Verantwortung wir eigentlich noch tragen wollen – und welche wir um keinen Preis delegieren sollten. Und das Rad wird sich immer schneller drehen. Richard Fain, der frühere CEO eines US-Touristikkonzerns, hat diese Erkenntnis wunderbar auf den Punkt gebracht: „Das Tempo des Wandels heute ist langsamer als es jemals wieder sein wird.“
Demgemäß bedarf es einer Kompetenz, die früher eher Entdeckern oder Leistungssportlern zu eigen sein musste und uns mittlerweile alle betrifft: Normalität unter dem Stress von Grenzerfahrungen und Unbekanntem entwickeln zu können. Eine Normalität, die nicht mehr darin besteht, dass es ruhig ist, sondern darin, dass wir in der Unruhe handlungsfähig bleiben.
Resilienz ersetzt hier Perfektion: Das robuste System schlägt den schlanken Prozess, der schon bei der ersten Störung kollabiert. Für Staaten heißt das: kritische Infrastrukturen schützen, digitale Souveränität aufbauen, Abhängigkeiten reduzieren. Für Unternehmen und Organisationen: Szenarien denken und vorbereiten, nicht nur Budgets abhaken. Für uns selbst: Fähigkeiten lernen, die nicht nach dem nächsten Software-Update überflüssig sind – Urteilskraft, Kreativität, Empathie.
Gleichzeitig wächst der Druck auf das demokratische System. KI kann Debatten sortieren, aber auch manipulieren; sie kann Transparenz herstellen, aber auch nahezu makellose Fälschungen produzieren. „Normal“ ist damit nicht mehr, dass Öffentlichkeit ein relativ klarer Raum ist, in dem Fakten und Meinungen erkennbar getrennt sind.
Das neue Normal verlangt institutionelle Intelligenz: Regeln für den Einsatz von Technologie, Schutz vor Missbrauch, aber auch die Bereitschaft, Innovation nicht reflexhaft zu verteufeln.
Eine Demokratie, die KI nur als Risiko begreift, verliert Gestaltungsmacht – eine, die sie naiv feiert, verspielt Vertrauen. Der Satz „Normalerweise gibt es nicht mehr“ ist indes alles andere als eine Kapitulationserklärung. Er ist eine Aufforderung, das Versprechen von Normalität neu zu definieren.
Normal für uns sollte nicht mehr der Glaube sein, dass vieles bleibt, wie es ist – dies wäre eine Illusion. Normal sollte sein, dass wir Wandel ernst nehmen, ohne den Menschen zu vergessen; dass wir Technologie nutzen, ohne Verantwortung abzugeben; dass wir inmitten der Beschleunigung auch Nichtverhandelbares festhalten: Menschenwürde, Freiheit, Rechtsstaat. In diesem Sinne wäre eine moderne, erwachsene Normalität keine Rückkehr zur alten Sicherheit – sondern der Wille, eine unsichere Welt bewusst zu gestalten.
Maschinenstürmer hatten früher keine Zukunft. Umgekehrt gilt es, Innovationsbesoffenen ihre Grenzen aufzuzeigen. Wir müssen im globalen Maßstab die unerhört schwierige Aufgabe annehmen, die KI vernünftig zu reglementieren und zu kanalisieren.
Der Diskurs über die Chancen und Risiken der KI gehört daher zu den wichtigsten unserer Tage.
Kluge Menschen warnen eindringlich vor der potentiellen Macht der KI. Cathy O'Neil schrieb schon vor ein paar Jahren "Weapons of Math Destruction", sie verband in ihrem raffinierten Titel die Worte „Mathematik" und "Massenvernichtungswaffen". Für die US-Amerikanerin sind Algorithmen im Kern codierte Vorurteile, die die Schwächsten weiter schwächen und sich jeder demokratischen Kontrolle entziehen. Die US-Soziologin Shoshana Zuboff wiederum („Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“) warnt vor der Manipulation unseres Verhaltens durch die Tech-Konzerne.
Zu den KI-Skeptikern zähle ich auch den israelischen Historiker Yuval Noah Harari („Nexus“), der insbesondere deren Fähigkeit fürchtet, Geschichten zu erzählen, perfekte Lügen industriell zu verbreiten – und damit potentiell den sozialen Zusammenhalt in Demokratien zu zerstören. Der US-amerikanische KI-Forscher Eliezer Yudkowsky zeichnet gar das Bild einer superintelligenten KI, die an die Werte der Menschlichkeit nicht gebunden wäre – und damit unsere Spezies auslöschen könnte.
Wir sollten uns kritisch – nicht defätistisch – mit diesen Argumenten befassen und sie gleichzeitig als Antrieb für Gestaltung verstehen. Mit dem nötigen Verantwortungsbewusstsein und vor allem der Bereitschaft, sich nicht allein von Ängsten treiben zu lassen.
Vordenker einer hilfreichen Skepsis: Cathy O' Neil (l.) und Yuval Noah Harari
Fotos: WikiCommons
Vordenker einer tastenden Zuversicht: Henry Kissinger (l.) und Mustafa Suleyman
Fotos: WikiCommons
Grund genug dafür gibt es allemal: Ethan Mollick (Autor von „Co-Intelligenz“) begreift die KI vor allem als Partner des Menschen – wenn wir gewisse Regeln beachten. Der bereits zitierte Mustafa Suleyman wirbt dafür, mit KI zentrale Probleme der Menschheit zu lösen: etwa in Medizin und Bildung oder beim Klimawandel. Um ihr jedoch nicht zum Opfer zu fallen, müsse sie „eingehegt“ werden.
LinkedIn-Gründer Reid Hoffman, den ich für unsere erste NEULAND Ausgabe traf – Sie können das Gespräch hier nachlesen –, betont in seinem Buch „Superagency“, dass wir Menschen durch die KI sehr viel handlungsfähiger werden. „So wie Autos im 20. Jahrhundert Superkräfte physischer Mobilität gaben“, sagt Hoffman, „gibt KI im 21. Jahrhundert Superkräfte kognitiver Mobilität.“ Aber auch er spricht sich eindeutig für Regeln aus.
Wie Regulierung gehen kann? Dies beschreiben etwa der frühere US-Außenminister Henry Kissinger, Ex-Google-Chef Eric Schmidt und der frühere Microsoft-Vorstand Craig Mundie in ihrem Buch „Genesis“. Sie fordern darin eine Kooperation im globalen Maßstab, vergleichbar nur mit der internationalen Verständigung zu Beginn des Atomzeitalters.
Und so verlangt das „neue Normal“ vom Menschen, eine uralte Fähigkeit einzusetzen: aufeinander zuzugehen.
Gerade jetzt, da wir – um den Titel dieses Newsletters aufzugreifen – ständig „Neuland“ betreten. Unsere Zukunft wird unter anderem davon abhängen, ob wir uns als ohnmächtige Flüchtlinge einer (ja nur scheinbar) heilen Welt begreifen oder als Pioniere, die die neue Welt tatenfroh begrüßen.
Ich neige zu letzterem.
O – T Ö N E
Jede Woche neu:
Land in Sicht & Das GUTE Amerika
Impulse aus unseren Podcasts
Dienstags:
LAND IN SICHT
Trump, der trickreiche Illusionist
„Was Trump in den vergangenen Tagen wieder gemacht hat... Er war wieder ein Meister in der Technik, die wir gerade diskutiert haben. Erst spricht der Supreme Court ein Urteil gegen seine Zölle, was eine fundamentale Niederlage für Trump bedeutet. Und nur wenige Minuten danach verkündet er neue Zölle für die Welt – 15 Prozent – auf alles, von allen Nationen. Und damit hat er sofort wieder die Oberhand, trotz der Niederlage, die er gerade hinter sich hat, und dann diskutiert er darüber, in welcher Form jetzt Iran angegriffen wird oder nicht – und wir alle haben wieder Trump als scheinbar Handelnden im Kopf."
Klaus Brinkbäumer,
Host LAND IN SICHT
Freitags:
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Das Rätsel Pam Bondi
Ich will keinen doppelten Standard anlegen – warum sollte eine Frau besser sein als ein Mann? Oder moralischer? Und doch denke ich, wenn ich an die Justizministerin Pam Bondi und den Epstein-Skandal denke, an dieses Zitat von Madeleine Albright, der früheren Außenministerin der USA: `There is a special place in hell reserved for women who don't help women.´"
Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Mittwochs:
GYSI GEGEN GUTTENBERG
Reisen bildet – am besten vor der Ankunft
„Das finde ich kulturell interessant: In Ländern, in denen man früher teilweise mit Hunger zu kämpfen hatte oder mit Schwierigkeiten, seine Bevölkerung zu ernähren, gilt es als extrem unhöflich, wenn man als Gast aufisst."
KT Guttenberg, Pooodcaster
„Ja, klar. Du sagst ja damit, du bist noch hungrig." (schmunzelt)
Gregor Gysi, Pooodcaster
„Ich bin aber immer wieder erstaunt, wie wenige das wissen, die in ein solches Land reisen. Man kann diesen Menschen nur sagen: Es ist nicht zu viel verlangt, auf dem Flug dahin einmal in ein Büchlein schauen oder sich die Info aus dem Netz zu holen: Wie benehme ich mich in diesem Land?"
KT Guttenberg, Pooodcaster
A U F E I N W O R T
Warum so zuversichtlich, Paul Ryan?
Der republikanische US-Politiker und frühere Vizepräsidentschafts-Kandidat glaubt an das Potential Deutschlands.
Unter einer Bedingung allerdings: dass wir mehr Risiko wagen
Paul Ryan war der Running Mate von Mitt Romney im US-Wahlkampf 2012 – das Duo unterlag Barack Obama und Joe Biden. Bis zu seinem Rückzug 2018 galt er als einer der einflussreichsten Wirtschafts- und Finanzpolitiker der Republikaner
Foto: KT Guttenberg
NEULAND: Paul, was gibt dir dieser Tage Zuversicht?
Paul Ryan: Die Technologie. Wir erleben gerade einige erstaunliche technologische Durchbrüche, zum Beispiel in der Künstlichen Intelligenz, im Quantencomputing oder durch die Blockchain-Technologie. Wir befinden uns in einer neuen industriellen Revolution, die das Leben zum Besseren verändern wird. Ja, es wird viel Disruption geben, viele Verwerfungen – aber unterm Strich bin ich Techno-Optimist. Es wird aufregend.
NEULAND: Wo siehst du da Deutschland?
Paul Ryan: Hintendran. Europa muss sich deregulieren. Es braucht bessere Steuergesetze. Der Grund, warum wir in Amerika so erfolgreich sind, liegt im Wesentlichen an drei Faktoren: Wir haben private Eigentumsrechte, die man wirtschaftlich wirklich nutzen kann. Wir haben tiefe und liquide Kapitalmärkte, verbunden mit dem Innovationsethos. Und wir haben einen passenden regulatorischen Rahmen. Wenn all dies gegeben ist – dann kann man mit menschlichem Erfindungsreichtum alles möglich machen. Erstaunlich, was Menschen dann leisten können. Wenn man sich die US-Wirtschaft und die europäische Wirtschaft vor 25 Jahren anschaut, stellt man fest: Wir waren damals ungefähr gleichauf. Und dann schaue man sich die Entwicklung in den USA seither an. Das liegt an unserer Politik – unserer wachstumsorientierten Politik. Wir haben es sicher nicht perfekt hinbekommen, aber besser als die meisten.
NEULAND: Du kennst Deutschland ziemlich gut, warst schon oft hier. Wenn du in die Zukunft Deutschlands blickst – was siehst du dort?
Paul Ryan: Ich bin ein großer Deutschland-Fan. Meine Mutter ist Deutsche, ihre Familie kommt aus Bayern, aus einem kleinen Ort bei Waldmünchen namens Hochabrunn. Nachdem ich aus dem US-Kongress ausgeschieden war, wollte ich wieder Kontakt zu meinen deutschen Wurzeln aufnehmen. Deshalb sitze ich im Aufsichtsrat von Bosch. Deshalb reise ich beruflich immer wieder nach Deutschland. Meine Frau und ich fahren jedes Jahr hierher, seit 2019 schon. Ich liebe die Deutschen wirklich. Ich liebe die Kultur, das Essen, den Erfindungsgeist. Ich liebe es einfach, die Arbeitsethik, das ingenieurtechnische Können und Talent zu beobachten. Was euch meiner Meinung nach fehlt, ist Risikobereitschaft. Was fehlt, sind die Risikobereitschaft und ein Innovationsgeist, der durch wirtschaftsfreundliche Politik entfesselt wird. Und da sehe ich Verbesserungspotenzial in Deutschland. Unsere Geburtenraten in Amerika sind nicht dort, wo sie sein müssten, aber eure sind es auch nicht. Ich sehe also einige besorgniserregende Trendlinien. Aber abgesehen davon: Ich sehe in Deutschland Menschen, die fleißig, hart arbeitend und innovativ sind. Und wenn man die richtige Politik bei Energieunabhängigkeit, Bevölkerung, Immigration und Integration umsetzt, dann könnt Ihr wirklich in Form kommen.
Das Gespräch mit Paul Ryan führte KT Guttenberg. Sie finden den Beitrag hier auf YouTube.
N E U L A N D C O M M U N I T Y
Welches Thema bewegt Sie?
Sie können die Inhalte dieses Newsletters und unserer Podcasts mitgestalten – unser NEULAND Update lebt vom Dialog
H E Y, K T !
"Welchen Sinn haben eigentlich Moden – und sollte man ihnen folgen?"
Fragt GGG-Hörerin Petra Borowski aus NRW
Die Modenschau, ein Ort der Träume. "Moden sind demokratisch", schreibt KT, "weil jeder teilnehmen darf, und zugleich tyrannisch, weil sie jenen lächerlich machen können, der nicht oder zu spät folgt."
Foto: WikiCommons
KTs Antwort:
„Moden sind wie jene flüchtigen Bekannten, die zu laut lachen und dennoch etwas Richtiges sagen. Man begegnet ihnen in Schaufenstern, auf Bildschirmen, in Redewendungen und Meinungen; sie drängen sich auf, als sei die Gegenwart ein gepachteter Laufsteg. Was gestern noch untragbar war, gilt heute als Statement, und übermorgen wird man betreten verschweigen, jemals daran geglaubt zu haben.
Ihr Sinn ist vielleicht weniger, uns zu schmücken, als uns zu verraten. In der Mode – der stofflichen wie der geistigen – artikuliert eine Gesellschaft ihr heimliches Tagebuch: ihre Ängste und Hoffnungen, ihre Ermüdungen, ihren Trotz. Die Revolution tarnt sich als Saumverlauf, die Emanzipation als neue Silhouette, der Überdruss an Ernsthaftigkeit als ironischer Sneakersohlenstreifen im Parkett der Konvention. Moden sind die Kurzprosa der Geschichte, schnell gedruckt, schnell vergriffen.
Und man selbst? Steht morgens vor dem Schrank wie vor einer Wahlkabine. Die Entscheidung zwischen T-Shirt und Hemd, zwischen (manchmal gequälter) Distanz und Zugehörigkeit, ist nie nur eine textile.
Moden sind das flüchtige Echo einer Gesellschaft, die sich selbst auf der Bühne ihres Augenblicks inszeniert. Sie sind keine Laune, sondern ein Symptom – der Versuch, sich ständig neu zu definieren, während Kultur und Individuum einander spiegeln. Moden verlangen Zustimmung und produzieren zugleich den Wunsch, ihnen zu entkommen. Ob im Stoff oder in der Haltung, hier verdichtet sich Zeitgeist: politische Müdigkeit, Fortschrittsglaube, Rebellion oder Nostalgie.
Moden sind also mehr als ästhetische Oberflächen. Sie sind soziale Grammatik. Wer sich modern kleidet oder äußert, spricht mit – über Herkunft, Status, Selbstverständnis. In diesem Sinne sind Moden demokratisch, weil jeder teilnehmen darf, und zugleich tyrannisch, weil sie jenen lächerlich machen können, der nicht oder zu spät folgt. Ich zähle nicht selten zu letzterer Gruppe.
Und wer trotzig „zeitlos“ bleiben will: bitte sehr, auch die Verweigerung kennt Kollektionen.
Letztlich ist Mode das Ritual des Neuanfangs, das wir so sehr begehren wie fürchten. In ihr äußert sich der Traum vom Wandel, aber auch die Angst vor Stillstand. Wer keine Moden kennt, verliert den Bezug zur Gegenwart; wer ihnen nur folgt, verliert sich womöglich selbst.
Ich habe mich irgendwann entschieden, Moden weder blind zu verehren noch hochmütig zu verachten. Dann sind sie kein Diktat mehr, sondern ein geliehener Stoff, den man innerlich bereits umgenäht hat. Man trägt sie, solange sie etwas über einen selbst erzählen – und legt sie ab, sobald sie nur noch von den anderen sprechen."
Wollen Sie auch etwas von KT Guttenberg wissen? Dann los.
HörenLesenGucken
Slapstick-Krimi im Weißen Haus
Diese Miniserie ist schon ein Jahr alt, aber einfach weiterhin super – und sie kam gerade heraus, als Donald Trump wieder US-Präsident war. Shonda Rhimes, die Plot-Magierin unter den Serien-Showrunnern, erzählt einen klassischen "Who-dunnit"-Fall – mit einem Mord, der im Weißen Haus geschah. Acht Folgen lang: grandioser Murder-Mystery-Slapstick. Mit einem schwulen Präsidenten, dessen etwas deppertem Ehemann, mit sagenhaften 157 Verdächtigen, mit Schwung und Witz und ohne viel Blut. Was die Serie im Heute so erfrischend macht: der herrlich diverse Cast, die Rollen jenseits aller Hollywood-Klischees, die Frechheit, einen so wilden Plot im Machtzentrum der Welt spielen zu lassen. Obwohl "The Residence" Kritiker wie Publikum begeisterte, hat sie Netflix nach nur einer Staffel abgesetzt. Warum auch immer. (ric)
TV-Serie: The Residence. Acht Folgen. Auf Netflix.
L I V E E R L E B E N
GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR
Sehen wir uns?
Aachen, Eurogress, 27.5.26
Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26
Bochum, RuhrCongress, 30.10.26
Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26
Liebe Leserin, lieber Leser,
wir hoffen auch diese Ausgabe von NEULAND Update hat Ihnen gefallen. Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!
Herzlichst, Ihr KT Guttenberg
T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.