Nahost in Flammen: Wer hat welche Interessen?
KT Guttenberg über die Anatomie des Iran-Kriegs: Welche Akteure verfolgen welche strategischen Interessen – und was stimmt trotz allem zuversichtlich?
Welthandels-Expertin Shannon O'Neil: die Menschen von Minneapolis und der amerikanische Spirit
Hey KT, wird die britische Monarchie den Epstein-Skandal überleben?
Meine Insights der Woche – 26. Februar 2026
Guten Morgen,
dieser Tage mangelt es nicht an Äußerungen zum aktuellen Iran-Krieg. Angesichts der komplexen und volatilen Lage sollte von Vorhersagen über mittel- und langfristige Konsequenzen eigentlich abgesehen werden. Nun ja, eigentlich.
Im Wettlauf um mediale Aufmerksamkeit können offenbar viele der Versuchung nicht widerstehen, in die Kristallkugel zu blicken. Meist mit allzu verengtem Fokus – gerichtet auf die Hauptprotagonisten in den USA, in Israel und im Iran. Dabei stehen sich in diesem Kriegs keineswegs klar definierte Lager gegenüber, sondern ein Geflecht aus Staaten, Führungszirkeln und internationalen Institutionen mit teils überlappenden, teils gegensätzlichen Zielsetzungen.
Wir bieten Ihnen heute im NEULAND Update eine Analyse der maßgeblichen Akteure an, die über eine Aufzählung der „üblichen Verdächtigen“ hinausreicht. Eine Einordnung ihrer Positionen und Ziele ist nötig, um die Dimensionen und potentiellen Folgewirkungen des Konfliktes zu verstehen. Am Ende schildern wir, bei aller Skepsis, gute Gründe für Zuversicht, dass aus diesem Krieg etwas Gutes erwachsen kann.
Wir hoffen, Sie finden die Lektüre bereichernd.
INSIGHTS
Der Iran-Krieg: die Analyse
Die Rollen scheinen in diesem Konflikt klar verteilt: hier Israel und die USA, dort der Iran. In Wirklichkeit aber verfolgen sehr viele Akteure in diesem Konflikt handfeste Eigeninteressen. Was übersehen wir?
Ein Land im Zentrum des Weltinteresses: Iran. Wer wird künftig in Teheran regieren? Und wer will Einfluss in der Region?
Bild: Shutterstock
Die Hauptakteure
Im Mittelpunkt des offenen militärischen Konflikts stehen die USA und Israel auf der einen Seite und das iranische Regime samt seiner „Achse des Widerstands“ auf der Gegenseite: also Revolutionsgarden, Hisbollah, schiitische Milizen in Irak und Syrien, Hamas-nahe Kräfte und die Huthis im Jemen.
USA und Israel
Für Washington und Jerusalem geht es längst nicht mehr um bloße Eindämmung, sondern um die dauerhafte Zerstörung oder zumindest drastische Degradierung der nuklearen und ballistischen Fähigkeiten Irans, der Kommando- und Führungsstrukturen der Revolutionsgarden und der regionalen Proxy-Netze. So werden im Politik-Sprech die unterstützenden Akteure genannt.
Kern dieser Strategie ist das Kalkül auf einen Regimewechsel: Ein schwächeres, innenpolitisch erschüttertes Regime in Teheran soll in seinem Handlungsspielraum so beschnitten werden, dass es faktisch seine aggressive Außenpolitik aufgeben muss. Dieser Aspekt steht für die USA und Israel eindeutig im Vordergrund.
Die mögliche innenpolitische Konsequenz – also die Beseitigung einer menschenverachtenden klerikalen Diktatur, die ihre eigene Bevölkerung terrorisiert – wäre in diesem Denken lediglich ein willkommener Zusatzeffekt. Nicht zuletzt verdeutlichen dies israelische und amerikanische Vertreter, mit denen ich in den letzten Tagen sprechen konnte: Beide Regierungen verfügen über keinen Plan im Nachgang einer etwaigen „Enthauptung“ der iranischen Führung. Der israelische Botschafter in Deutschland hat dies auch unumwunden öffentlich eingeräumt.
Wichtig dabei ist: Die Strategien der US-Regierung und der Israels sind alles andere als deckungsgleich. Die israelische Regierung hat die endgültige Zerstörung der revolutionären Machtinstrumente, u.a. der Revolutionsgarden und der Proxy-Netze im Blick. In Washington folgt man hingegen einem eher funktionalen Verständnis von Regime-Change, ähnlich wie in Venezuela – demnach sollen mit dem Angriff die Bedingungen für ein (auch abgestuftes) Ersetzen des Regimes geschaffen werden. Das mag ähnlich klingen, birgt allerdings durchaus Friktionspotential zwischen den beiden Partnern, sobald die erste große militärische Welle abgeschlossen ist.
Diese zielt auf einen möglichst kurzen, möglichst überwältigenden Schlag: massive Luft- und Cyberoperationen, Attacken gegen Führungspersönlichkeiten, Nuklearanlagen, Raketenstellungen, See- und Luftstreitkräfte werden kombiniert mit politischem und wirtschaftlichem Druck. Die bewusste Aufforderung an die iranische Bevölkerung, das Regime zu stürzen, ist als potenzielle innere Variable dieser Welle zu verstehen.
Das iranische Regime und die „Achse des Widerstands“
Der iranische Machtapparat ist an der Spitze dezimiert, aber noch nicht politisch erledigt. Er setzt – auch nach dem Tod des Religionsführers Khamenei – nach innen auf Regimeerhalt und nach außen auf eine langfristige Abnutzungslogik. Nach Jahrzehnten des Aufbaus nuklearer Infrastruktur, von Raketenprogrammen, Terrorzellen und Proxy-Netzen versteht das Regime den Konflikt als Existenzkampf. Es geht um das Überleben eines Systems. Sein strategisches Ziel ist die eigene Herrschaft abzusichern, Know-how und Kapazitäten im Nuklear- und Raketenbereich ebenso zu erhalten wie den regionalen Abschreckungs- und Einflussgürtel. Letzterer wurde in den vergangenen Jahren durch die Ereignisse in Syrien, Gaza und Libanon erheblich geschwächt, aber eben nicht zerstört.chreiben: Wir müssen schon die nächste Transformation managen, während wir noch mit der letzten beschäftigt sind.
Arbeitsmärkte verändern sich, bevor sich die Lehrpläne geändert haben. Informationsräume fragmentieren, bevor wir gelernt haben, Desinformation zu erkennen. KI-Modelle übernehmen Tätigkeiten, lange bevor wir eine gesellschaftliche Debatte darüber geführt haben, welche Verantwortung wir eigentlich noch tragen wollen – und welche wir um keinen Preis delegieren sollten. Und das Rad wird sich immer schneller drehen. Richard Fain, der frühere CEO eines US-Touristikkonzerns, hat diese Erkenntnis wunderbar auf den Punkt gebracht: „Das Tempo des Wandels heute ist langsamer als es jemals wieder sein wird.“
Demgemäß bedarf es einer Kompetenz, die früher eher Entdeckern oder Leistungssportlern zu eigen sein musste und uns mittlerweile alle betrifft: Normalität unter dem Stress von Grenzerfahrungen und Unbekanntem entwickeln zu können. Eine Normalität, die nicht mehr darin besteht, dass es ruhig ist, sondern darin, dass wir in der Unruhe handlungsfähig bleiben.
Resilienz ersetzt hier Perfektion: Das robuste System schlägt den schlanken Prozess, der schon bei der ersten Störung kollabiert. Für Staaten heißt das: kritische Infrastrukturen schützen, digitale Souveränität aufbauen, Abhängigkeiten reduzieren. Für Unternehmen und Organisationen: Szenarien denken und vorbereiten, nicht nur Budgets abhaken. Für uns selbst: Fähigkeiten lernen, die nicht nach dem nächsten Software-Update überflüssig sind – Urteilskraft, Kreativität, Empathie.
Gleichzeitig wächst der Druck auf das demokratische System. KI kann Debatten sortieren, aber auch manipulieren; sie kann Transparenz herstellen, aber auch nahezu makellose Fälschungen produzieren. „Normal“ ist damit nicht mehr, dass Öffentlichkeit ein relativ klarer Raum ist, in dem Fakten und Meinungen erkennbar getrennt sind.
Taktisch bevorzugt Teheran einen langen, asymmetrischen Konflikt: gezielte Raketen- und Drohnenangriffe, Cyberoperationen, Attacken auf Schifffahrt und Energieinfrastruktur, Schläge aber auch gegen die Golfstaaten, um deren Verhältnis zu den Vereinigten Staaten zu belasten. Die iranische Führung zielt auf zeitliche Streckung, auf das Ausreizen von Eskalationsstufen unterhalb eines direkten Flächenkriegs und vor allem auch darauf: Dass die USA und Israel innenpolitisch an den Kosten ermüden. Und zwar bevor das Regime kollabiert. Das ist eine Wette auf die Zeit. Ob sie aufgeht?
Die Machtfrage im Iran ist ungeklärt und derzeit vollkommen unabsehbar. Die Szenarien reichen von einem schnellen Kollaps des Regimes bis hin zu einem langwierigen Bürgerkrieg. Ob sich am Ende opportunistische Köpfe des alten Regimes, wie etwa Ali Larijani, oder der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, durchsetzen, wird sich zeigen. Ich bin beiden Männern in den letzten zwei Jahrzehnten begegnet.
Larijani ist ein kalter, zynischer, aber hochintelligenter Jongleur der Macht. Sollte er die nächsten Wochen überleben, ist mit ihm zu rechnen, obwohl auch er für das Terrorregime Khameneis steht. Pahlawi ist der Hoffnungsträger vieler Exiliraner. Den Beweis, die fragmentierte iranische Gesellschaft zu befrieden, muss er freilich noch erbringen.
Zwar Verbündete, aber ihre Interessen sind nicht deckungsgleich: US-Präsident Donald Trump (l.) und Israels Premier Benjamin Netanjahu
Fotos: Shutterstock; WikiCommons
Irans neuer starker Mann, für wie lange? Ali Larijani (l.) Rechts: Reza Pahlavi, der im Exil in den USA lebt. Kann der älteste Sohn des 1979 gestürzten Schahs die auf ihm ruhenden Erwartungen erfüllen?
Fotos: WikiCommons
Regionale Akteure
Um den Kernkonflikt herum gruppiert sich eine Reihe regionaler Staaten. Die Golfmonarchien – u.a. Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait, Bahrain – sehen Iran als strukturelle Bedrohung für ihre Sicherheit, Infrastruktur und Energieexporte. Sie haben ein objektives Interesse daran, dass Irans militärische und nukleare Fähigkeiten begrenzt werden und seine Proxys geschwächt sind.
Gleichzeitig fürchten sie einen unkontrollierten Sturz des Regimes mindestens genauso wie seine Stärke: Ein zerfallender Iran mit unkontrollierten Milizen, Terror und massiven Flüchtlingsströmen wäre für sie ein Alptraum. Sie stehen daher in einem Spannungsfeld: sicherheitspolitisch eng an die USA gebunden und klar gegen Teherans expansiven Kurs gerichtet, einerseits. Andererseits aber gegen einen offen erzwungenen, unkoordinierten Regimewechsel und gegen eine jahrelange Eskalation, die Ölpreise, Seewege, Investitionen und innere Stabilität gefährdet. Ihr Ziel ist daher eher ein rasch eingedämmter Konflikt, der Iran schwächt, aber nicht kollabieren lässt.
Eine ähnliche Ambivalenz gilt für Akteure wie Türkei und Ägypten, aber auch Vermittlerstaaten wie Oman und Katar. Sie streben nach einer Rolle als regionale Ordnungsmächte oder Mediatoren, nutzen den Konflikt zum eigenen Profilgewinn und zur Verhandlung von Gegenleistungen mit Washington, Teheran und den Golfstaaten.
Zugleich fürchten sie einen regionalen Flächenbrand, der eigene Territorien, Wirtschaft und innenpolitische Balance gefährden würde. Entsprechend positionieren sie sich deutlich gegen Eskalation und zeigen wenig Interesse an offenem Regime-Change, plädieren für Waffenstillstände, Sicherheitsgarantien und rote Linien. Ihr Ideal scheint ein eingehegter Konflikt mit Verhandlungsperspektiven zu sein, nicht ein „totaler“ Sieg einer Seite.
Eine Schlüsselrolle wächst mittlerweile der Türkei zu. Als militärisch starkes NATO-Mitglied und in harter Gegnerschaft zu Israel betreibt Ankara beileibe nicht nur in Syrien und im Irak blanke Interessenspolitik. Schließlich muss noch die Interessenslage der einflussreichen Kurden einbezogen werden. Laut Medienberichten sollen sie bereits mit Bodentruppen im Nordwesten Irans präsent sein.
Russland und China
Russland und China sind in dieser Konstellation keine klassischen Kriegsparteien, dafür jedoch zentrale Akteure im strategischen Hintergrund. Moskau hat Iran in den vergangenen Jahren als Partner etabliert, um westliche Sanktionen zu unterlaufen, als Waffenlieferanten und als Verbündeten in Syrien und im Schwarzmeer- und Kaukasusraum. Aus russischer Sicht wäre ein schwaches, sanktioniertes, vom Westen isoliertes, aber intaktes Regime in Teheran geopolitisch wertvoll: Es bindet US-Aufmerksamkeit und Ressourcen in der Region, unterstützt russische Kriegsführung indirekt und öffnet wirtschaftliche und militärtechnische Kanäle.
Russland hat daher keinerlei Interesse an einem Regimewechsel, schon gar nicht an einem prowestlichen Iran, und würde einen Kollaps des Staates als strategischen Rückschlag betrachten. Gleichzeitig ist der Preis einer offenen militärischen Konfrontation mit den USA für Moskau zu hoch, sodass die Unterstützung des Iran eher politisch, wirtschaftlich und technologisch stattfindet – ergänzt um Propaganda und diplomatische Manöver in internationalen Gremien. Russland kann mit einem langen, köchelnden Konflikt leben, solange die Auswirkungen auf eigene Sicherheit und Wirtschaft beherrschbar bleiben. Zudem eröffnet die „Ablenkung“ der USA im Iran potentielle Eskalationsspielräume in der Ukraine.
Für China ist Iran ein wichtiger Lieferant von Öl, ein Bestandteil der Belt-and-Road-Korridore – wo massiv in Infrastruktur investiert wird, etwa entlang der alten Seidenstraße – und ein Baustein in Pekings Strategie, US-Einflusszonen zu fragmentieren. Wie Russland lehnt Peking Regime-Change-Kriege ab (solange man sie nicht selbst betreibt) und favorisiert stabile, wenn auch autoritäre Partner, die vom Westen isoliert und dadurch auf China angewiesen sind.
Gleichwohl ist China in einem Dilemma: Ein plötzlicher Zusammenbruch des iranischen Regimes gilt aus oben genannten Gründen als unberechenbares Risiko – für Energiepreise, Seewege und regionale Stabilität. Ähnliches gilt aber auch für einen längeren Konflikt, etwa mit anhaltenden Sperrungen der Straße von Hormuz. Gleichzeitig könnte aber ein längerer Krieg, der die USA stärker beanspruchen würde, Peking bei seinen Avancen auf Taiwan nutzen. Entsprechend tritt Peking rhetorisch als Verfechter von Dialog und Deeskalation auf, gibt Teheran diplomatische Rückendeckung, hält sich aber von direkter militärischer Unterstützung fern. Ein Balanceakt.
Europa und internationale Institutionen
Europa und internationale Institutionen argumentieren mit Werten und Normen, ihr Einfluss aber ist machtpolitisch begrenzt. Die europäischen Staaten – insbesondere Deutschland, Frankreich und Großbritannien – betonen immer wieder: Nichtverbreitung des Konflikts, Völkerrecht, Schutz von Seewegen und die Vermeidung von Flüchtlingswellen und terroristischen Rückwirkungen. Allerdings ohne bislang einen wirkkräftigen Beitrag geleistet zu haben.
De facto konzentriert sich Europa auf Sanktionen, diplomatische Initiativen, humanitäre Hilfe und Appelle an beide Seiten, ohne den Konfliktverlauf substanziell steuern zu können. Der UN-Sicherheitsrat ist Bühne für Resolutionen, Verurteilungen, Vetos und symbolische Diplomatie – wird aber blockiert durch Großmachtkonflikte. Die IAEA und andere internationale Organisationen versuchen, Minimalstandards von Transparenz und Sicherheitsarchitektur im Nuklearbereich zu retten, stoßen aber an Grenzen, sobald militärische Logik und Souveränitätsargumente dominieren.
Zwei Spannungsachsen: Regime-Change vs. Systemerhalt, Blitzkrieg vs. Zermürbung
Entlang zweier zentraler Achsen lassen sich die Akteure klar verorten: ob ein Regimewechsel angestrebt oder eher ein gezähmter, aber fortbestehender iranischer Staat akzeptiert wird, erstens. Zweitens: ob ein schneller, entscheidender Schlag oder ein langer, zermürbender Prozess bevorzugt wird.
USA und Israel (sowie einige europäische Regierungen) bilden das einzige Lager, das militärische Aktionen mit einem (unterschiedlich) hohen Maß an Regime-Change-Erwartung verbindet und auf den schnellen Schlag setzt. Iran selbst steht für die Gegenposition: kompromissloser Regime-Erhalt bei hoher Bereitschaft zu einem langen, asymmetrischen Überlebenskampf.
Russland und China sind auf der Seite des Regime-Erhalts, bereit, einen verlängerten Konflikt in Kauf zu nehmen, sofern er kontrollierbar bleibt. Die Golfstaaten und viele regionale Mittelmächte stehen zwischen diesen Polen: Sie wollen das Verhalten Irans fundamental ändern, aber keinen unkontrollierten Regimewechsel, und plädieren für Begrenzung und schnelle Deeskalation, um die eigene Verwundbarkeit zu minimieren. Internationale Institutionen schließlich versuchen, das Ganze in Regeln, Verfahren und Verhandlungsformate zu gießen – in einem Krieg, der von den wichtigsten Akteuren eher als Macht- und Systemkonflikt denn als regelgebundene Auseinandersetzung verstanden wird. Kompliziert? Oh ja.
Gibt es trotzdem Grund zur Zuversicht?
Ja, da das iranische Regime in den letzten Jahrzehnten ein maßgeblicher (globaler) Destabilisierungsfaktor war. Ja, da ein Ende der existenziellen Bedrohung Israels auch weitere Annäherungsoptionen zu den Golfstaaten eröffnen könnte. Ja, da ein Sponsor von Terrorzellen im Gazastreifen, im Libanon, Syrien, Jemen und selbst in Europa wegfallen könnte. Ja, da eine nukleare Aufrüstungsspirale in der Region verhindert werden könnte. Ja, da mutige und kluge Menschen im Iran statt der Todesstrafe eine wiedergewonnene Freiheit erwarten könnten.
Es bleiben allerdings zahllose – nicht nur völkerrechtliche – Fragezeichen und gewaltige Schritte, die noch zu unternehmen sind. Es bleibt aber auch der Aufruf an Europa, sich endlich aus der besserwisserischen Zuschauerrolle zu verabschieden. In dieser Region, die auch unser Schicksal mitbestimmt, müssen wir endlich wahrnehmbarer werden.
O – T Ö N E
Land in Sicht &
Make America GOOD Again &
Gysi gegen Guttenberg
Inspirationen aus unseren Podcasts
Dienstags:
LAND IN SICHT
Guido Westerwelle: wie war er?
Politisch habe ich Guido Westerwelle überhaupt nicht vertraut, weil er wirklich mit allen Wassern gewaschen war. Und zwar so, dass man sich auch nicht auf das politische Wort verlassen konnte. Damit haben wir in der Union damals immer wieder gerungen. Das ist aber Politik. Das gibt es bei uns auch."
KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT
„Man konnte sich auf das politische Wort nicht verlassen? Das ist schon ein ziemlich kritischer Satz."
Klaus Brinkbäumer, Host LAND IN SICHT
„Das machen Unionsvertreter ganz genauso, das gibt es bei der SPD, so ist das politische Spitzengeschäft – Verlässlichkeit ist eine sehr endliche Währung. Punkt eins. Punkt zwei, und damit möchte ich mein großes Aber unterstreichen: Außerhalb des politischen Geschäftes war Guido Westerwelle ein ganz außergewöhnlich warmer und auch liebenswürdiger Charakter. Der empathisch war, der sich für den Menschen interessierte. Bei dem nichts nach außen drang, worüber man sich im persönlichen Kontext unterhalten hatte."
KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT
Freitags:
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
US-Supreme Court vs Donald Trump
„Die Entscheidung des Supreme Courts gegen Trumps Tarife – ich habe es nicht für möglich gehalten, dass das wirklich geht. Weil er doch so viele der jetzigen Richter bestimmt hat und die ja auch ordentlich für seine Seite entschieden haben in der Vergangenheit. Jetzt haben sie aber, ganz der Constitution entsprechend, gegen ihn entschieden. Da war ich fasziniert."
Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Da bist du aber Opfer eines schrägen Bildes, das inbesondere auf unserer Seite des Atlantiks gezeichnet wird. Der Supreme Cout hat mitnichten – trotz des konservativen Übergewichts seiner Vertreter, die Trump teilweise selbst besetzt hat – nur für ihn entschieden. Die hatten schon einige sehr kritische Urteile gegenüber dem Handeln der Regierung. Bei uns wird leider sehr selektiv Bericht erstattet. Und was man verstehen muss: die Richter sind sicher von Trump handverlesen in der Hoffnung, dass sie seinen teilweise kruden Ideen folgen, den "Sumpf Washington" trockenzulegen, wie er das nennt. Aber man darf nicht vergessen: Es handelt sich immer noch um veritable Juristen. Und ein Supreme Court-Richter ist auf Lebenszeit bestellt. Das darf man nie ausblenden. Die blenden das auch nicht aus. Sie wissen ganz genau: Irgendwann ist Trump Geschichte."
KT Guttenberg,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Mittwochs:
GYSI GEGEN GUTTENBERG
Was passiert, wenn die AfD in einem Land regiert?
„Die Wahl in Sachsen-Anhalt könnte ein Tipping Point sein, was die Stabilität in unserem Land angeht."
KT Guttenberg, Pooodcaster
„Richtig."
Gregor Gysi, Pooodcaster
„Das ist eine Sorge, die ich habe. Und ich kann nur hoffen, dass man bei den Parteien der Mitte begreift, was da jetzt auf dem Spiel steht."
KT Guttenberg
„Das Problem ist Folgendes: Trump hat bestimmte Gründe, die Demokratie und den Rechtsstaat anzugreifen. Die AfD macht das auch. Und die Kräfte dazwischen: politisch von der CSU bis zur Linken, in den Medien, in der Kunst und Kultur, in der Wissenschaft und Forschung, in den Kirchen, in den Gewerkschaften, in Unternehmerverbänden sind nicht in der Lage, sich zur Verteidigung zu organisieren."
Gregor Gysi
„Ist es denn gesund, wenn wir in einer solchen Phase, Gregor, nichts Besseres zu tun haben, als uns wechselseitig immer wieder nur die Brandmauer-Debatte um die Ohren zu hauen?"
KT Guttenberg
A U F E I N W O R T
Warum so zuversichtlich, Shannon O'Neil?
Die renommierte Expertin für Welthandel und globale Lieferketten redet im NEULAND Update über ihre Heimat, die USA – und den Spirit der Menschen von Minneapolis
Shannon O' Neil ist Senior Vice President des Council on Foreign Relations, New York, einem der weltweit einflussreichsten Thinktanks zur Außenpolitik
Foto: Dominik Wichmann
NEULAND: Shannon, was gibt dir dieser Tage Zuversicht?
Shannon O'Neil: Was mich in Bezug auf die Vereinigten Staaten optimistisch stimmt: Das, was in Minneapolis passiert ist. Natürlich nicht die Morde, nicht die Hinrichtung zweier Amerikaner – sondern das, was sich danach in der Gemeinschaft der Stadt entwickelte. Diese Stadt hat sich für die Migranten, die dort leben, zusammengeschlossen. Menschen halfen, die die Betroffenen gar nicht kannten. Sie kamen und brachten Dinge mit, die gebraucht wurden, sie kamen mit dem, was sie leisten können. Sie lieferten Lebensmittel in die Häuser. Und sie gingen hinaus und marschierten bei eisiger Kälte auf den Straßen, um gegen das zu protestieren, was sie sahen: einen Verstoß gegen die Rechtsstaatlichkeit. Wie die Menschen von Minneapolis handelten, das ist der wahre amerikanische Geist.
Das Gespräch mit Shannon O'Neil führte Dominik Wichmann. Sie finden den Beitrag hier auf YouTube.
N E U L A N D C O M M U N I T Y
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H E Y, K T !
"Wird die britische Monarchie den Epstein-Skandal überleben?"
Fragt GGG-Hörerin Iris Gehrmann aus Berlin
Der britische König Charles bei der Krönung 2023. Seine Monarchie ist unter Druck.
Foto: WikiCommons
KTs Antwort: „Natürlich wird sie das. Historisch gesehen sind Skandale fast ihr Normalzustand. Die Krone hat über die Jahrhunderte Affären, Scheidungen, Abdankungen und andere Ungemütlichkeiten überstanden. Größere und kleinere. Grausliche und amüsante. Bislang starb die britische Monarchie nicht an Skandalen, bestenfalls häutete sie sich an ihnen.
Die Krisen der letzten 100 Jahre lieferten gelegentlich einen Vorwand für „Reformen“, nie aber für den Systemwechsel. Die moderne Lehre des Hauses Windsor lautet: „Wenn ein Royal zum Problem wird, trennt man die Institution vom Menschen“. Genau das passiert nun mit Andrew, dessen Titel und Funktionen konsequent gestrichen wurden. Es ist der Versuch, einen Brandherd zur „sehr bedauerlichen Einzelkerze“ umzudeklarieren.
Der eigentliche Schaden könnte im Legitimationsverlust liegen. Laut Umfragen sinkt die Zustimmung zur Monarchie teils unter 50%, und der Epstein-Komplex mit Andrew ist ein Kerntreiber. Besonders Jüngere reagieren mit kühler Indifferenz. Immer weniger junge Menschen würden eine Abschaffung als Katastrophe empfinden, und nur eine Minderheit glaubt noch, dass die Monarchie unverzichtbar für das Land sei. Man könnte sagen: Früher war die Königin „Mutter der Nation“, heute ist die Krone eher der peinliche Onkel, über den man beim Familienfest lieber schweigt.
Andrew fungiert aber eher als Blitzableiter denn als Erdrutsch. Bei 82 Prozent der Briten ist er hochgradig unbeliebt, aber diese Abneigung überträgt sich nur begrenzt auf den Rest der Familie. Viele finden zwar, dass der Palast mehr tun müsste, um ihn zu verurteilen oder zur Kooperation mit Ermittlern zu drängen, aber rund 8 von 10 Briten glauben trotzdem, dass es die Monarchie in zehn Jahren noch geben wird.
Andrew ist damit weniger die Abrissbirne für das Haus Windsor als der Mietnomade, der die Reputation der Hausverwaltung ruiniert. Der wirklich toxische Teil des Epstein-Skandals liegt nicht allein in den Vorwürfen selbst, sondern im Verdacht, Sicherheit, Behörden und Hof hätten jahrelang weggeschaut. Wenn Autorität nicht mehr mit Vorbild verbunden wird, bleibt nur noch Folklore. Und Folklore legitimiert keine Millionen-Budgets aus Steuermitteln.
Legitimität aber, das lehrt diese Episode, ist keine Erbschaft, sondern gleicht im Verhältnis Königshaus zur Bevölkerung einem laufenden Vertrag. Und Verträge werden irgendwann neu verhandelt. Weder der König noch der Thronfolger vermitteln den Eindruck, als wären sie dem nicht gewachsen. Zumindest bis der nächste Einschlag kommt.
Der Vorteil der Krone: Man kann sie polieren. Der Nachteil: Sie spiegelt auch das, was man lieber nicht sehen möchte.
Also, die britische Monarchie wird den Epstein-Skandal überleben. Die Frage ist nur: als Staatsform, als Netflix-Genre oder irgendwann nur noch als Souvenirshop?"
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TV-Doku: Guido Westerwelle
Zunächst ein Disclaimer: Die 90-minütige WDR-Dokumentation "Westerwelle" wurde von der Open Minds Media GmbH produziert – und die verantwortet auch das NEULAND Update und die GUTTENBERG Podcasts. Wir sind also befangen... Und dennoch hoffen wir, dass Sie es uns abnehmen: Der Film von Regisseur Jobst Knigge zeichnet ein höchst einfühlsames Porträt des Instinktpolitikers Guido Westerwelle, der vor nunmehr zehn Jahren an den Folgen seiner Leukämie gestorben ist. Eingeflossen sind Original-Audiofiles Westerwelles, die kurz vor seinem Tod in Gesprächen mit seinem Biografen Dominik Wichmann entstanden sind. In der neuen Folge #5 unseres Podcasts LAND IN SICHT sprechen übrigens die Macher der Doku über die vielseitige – und mitunter widersprüchliche – Persönlichkeit des früheren FDP-Politikers. (rüb)
WESTERWELLE. Ein Film von Jobst Knigge. Buch und Regie: Dominik Wichmann, Klaus Brinkbäumer und Jobst Knigge. Produktion: Open Minds Media im Auftrag des WDR, 2026.
Zu sehen im ERSTEN am Montag, 9.3., 22.50 Uhr, und in der ARD Mediathek.
Charlotte McConaghy: Die Rettung. S. Fischer, 24 Euro
L I V E E R L E B E N
GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR
Sehen wir uns?
Aachen, Eurogress, 27.5.26
Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26
Bochum, RuhrCongress, 30.10.26
Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26
Liebe Leserin, lieber Leser,
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Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!
Herzlichst, Ihr KT Guttenberg
T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.