Die Politik in Zeiten der Angst: Was tun?
KT Guttenberg über Angst als Machtmittel der Politik – und die Frage, wie man die Sorgen der Menschen endlich ernst nehmen kann
Bode Miller: Der US-Skistar schöpft Zuversicht aus seiner Erfahrung, Angst überwinden zu können. Wut helfe nicht weiter, sagt er. Das Gespräch.
Hey KT, warum jammern wir Deutsche eigentlich so viel?
Meine Insights der Woche – 26. Februar 2026
Guten Morgen,
gewiss kennen Sie noch den früheren Skistar Bode Miller. Wenn sich dieser Hasardeur früher in Kitzbühel oder Wengen die Piste hinuntergestürzt hat, stockte mir oft der Atem. Der US-Amerikaner war in vielerlei Hinsicht extrem – extrem mutig, extrem eigenwillig und extrem erfolgreich. Für dieses NEULAND Update trafen wir den Olympiasieger zum Gedankenaustausch. „Zuversicht“, sagt Bode Miller, „ziehe ich aus der Erfahrung, meine Angst überwunden zu haben.“
Angst. In der Politik ist dies das Wort der Stunde, zumal in diesen Tagen, da niemand weiß, wie sich der Krieg im Nahen Osten entwickelt. Kriegsangst, Abstiegsangst, Klimaangst. Die Angst treibt die Politik. Und viele Politiker fühlen sich ihr ausgeliefert.
Wer heute Politik macht – in Parlamenten, Medien, Konzernzentralen –, steht in einer Situation, die der eines Athleten vor dem Start eines Abfahrtslaufs ähnelt. Die Piste ist eisig, der Hang steil, die Kameras laufen. Zwei Haltungen sind nun fatal: die Angst zu ignorieren – oder mit ihr gezielt zu spielen. Der angstverdrängende Politiker verkauft an sich und sein Wahlvolk weiter Beruhigungspillen, während die Lawinengefahr steigt. Der angstjonglierende Politiker legt Sprengladungen in die Schneedecke und nennt die Abgänge dann „Stimme des Volkes“.
Bei Corona konnten wir beides studieren: Regierungen, die zunächst beschwichtigten, es bestehe „kein Anlass zur Panik“, und Oppositionsakteure, die aus jeder Maßnahme den Beweis einer „Corona-Diktatur“ machten. Ähnliches gilt für in die Migrationspolitik, wo moralische Beschwichtigung und populistische Zuspitzung dem Yin und Yang einer unfertigen Demokratie gleichen.
Gäbe es denn eine Alternative? Aber ja, unbedingt. Wir wollen sie im Folgenden skizzieren. Viel Vergnügen bei der Lektüre!
INSIGHTS
4 Schritte gegen die Angst
In der Politik werden Sorgen der Bevölkerung meist instrumentalisiert: Die Mitte redet die Lage schön, die Populisten dramatisieren sie.
Es ist Zeit für einen dritten Weg – die Menschen ernst zu nehmen
Ein Land im Zentrum des Weltinteresses: Iran. Wer wird künftig in Teheran regieren? Und wer will Einfluss in der Region?
Bild: Shutterstock
Angst als Grundrauschen der Politik
Es gibt Sätze, die im Sport geboren werden und in der Politik ihre zweite Karriere machen könnten. Einer davon hätte aus dem Mund eines Skirennläufers wie Bode Miller stammen können: Wer seine Angst ignoriert, fliegt ab – wer ihr alles überlässt, auch.
In Deutschland 2026 ist Angst kein Randphänomen, sondern Grundrauschen. Die Jahre von Pandemie, Energiepreisschock, Kriegsbildern aus der Ukraine und Haushaltskrisen haben eine Mischung aus Erschöpfung und Gereiztheit erzeugt. In der Politik beobachten wir derzeit eine Angstverleugnung im Zentrum und ein aggressives Angstjonglieren an den Rändern. Die einen reden sich die Lage schön, die anderen reden sie systematisch schlecht. Dazwischen bleibt der Bürger zurück, als Statist im Theater der Zumutungen.
Angst ist ein Rohstoff. In der Biologie ist sie ein überlebensnotwendiger, in der Demokratie ein hochriskanter. Populisten aller Couleur haben früh verstanden: Wer die diffusen Ängste einer Gesellschaft in einfache Bilder kondensiert – „Überfremdung“, „Systemversagen“, „Elitenverschwörung“ –, gewinnt Macht, lange bevor er Verantwortung übernehmen muss. Angst ist politisch deshalb so attraktiv, weil sie Geschwindigkeit verspricht: Sie verkürzt Debatten, sie vereinfacht Komplexität, sie generiert Loyalität, zumindest vorübergehend.
Auf der anderen Seite stehen jene, die politisch erfolgreich sein wollen, indem sie Angst reflexhaft für erledigt erklären. Man kennt die rhetorische Figur: „Es gibt keinen Grund zur Sorge.“ „Wir haben alles im Griff.“ „Panikmache hilft niemandem.“ Die Botschaft ist gut gemeint – und gnadenlos töricht. Wer reale Ängste – vor sozialem Abstieg, kulturellem Verlust, Kontrollverlust in einer digitalisierten Welt – nur als „irrational“ abtut, treibt die Verunsicherten direkt in die Arme der Angstprofis.
Zwischen Angstverleugnung und Angstbewirtschaftung wäre ein dritter Weg notwendig: Angst ernst nehmen, ohne sie zu bedienen. „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern ihre Durchlässigkeit“ – dieser Satz aus der Tiefenpsychologie könnte heute politisches Programm sein.
Das beginnt mit einem einfachen Eingeständnis: Ja, die Welt ist riskanter geworden – geopolitisch, technologisch, ökologisch. Die Kriege im Nahen Osten und der Ukraine, die KI-Evangelisten im Silicon Valley, die Hitzesommer im Mittelmeerraum sprechen ihre eigene Sprache. Es gibt gute Gründe, unruhig zu sein. Aber es gibt ebenso gute Gründe, zu unterscheiden: zwischen begründeter Sorge und inszenierter Hysterie, zwischen strukturellen Problemen und affektiver Aufladung, zwischen persönlicher Verletzlichkeit und politischer Instrumentalisierung. Franklin D. Roosevelt formulierte 1933 in seiner ersten Antrittsrede den berühmten Satz, man habe „nichts zu fürchten als die Furcht selbst“ – ein Satz, der nicht Angst leugnet, sondern ihre Lähmungswirkung adressiert. Wie also sieht dieser dritte Weg aus?
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gewiss kennen Sie noch den früheren Skistar Bode Miller. Wenn sich dieser Hasardeur früher in Kitzbühel oder Wengen die Piste hinuntergestürzt hat, stockte mir oft der Atem. Der US-Amerikaner war in vielerlei Hinsicht extrem – extrem mutig, extrem eigenwillig und extrem erfolgreich. Für dieses NEULAND Update trafen wir den Olympiasieger zum Gedankenaustausch. „Zuversicht“, sagt Bode Miller, „ziehe ich aus der Erfahrung, meine Angst überwunden zu haben.“
Angst. In der Politik ist dies das Wort der Stunde, zumal in diesen Tagen, da niemand weiß, wie sich der Krieg im Nahen Osten entwickelt. Kriegsangst, Abstiegsangst, Klimaangst. Die Angst treibt die Politik. Und viele Politiker fühlen sich ihr ausgeliefert.
Wer heute Politik macht – in Parlamenten, Medien, Konzernzentralen –, steht in einer Situation, die der eines Athleten vor dem Start eines Abfahrtslaufs ähnelt. Die Piste ist eisig, der Hang steil, die Kameras laufen. Zwei Haltungen sind nun fatal: die Angst zu ignorieren – oder mit ihr gezielt zu spielen. Der angstverdrängende Politiker verkauft an sich und sein Wahlvolk weiter Beruhigungspillen, während die Lawinengefahr steigt. Der angstjonglierende Politiker legt Sprengladungen in die Schneedecke und nennt die Abgänge dann „Stimme des Volkes“.
Bei Corona konnten wir beides studieren: Regierungen, die zunächst beschwichtigten, es bestehe „kein Anlass zur Panik“, und Oppositionsakteure, die aus jeder Maßnahme den Beweis einer „Corona-Diktatur“ machten. Ähnliches gilt für in die Migrationspolitik, wo moralische Beschwichtigung und populistische Zuspitzung dem Yin und Yang einer unfertigen Demokratie gleichen.
Gäbe es denn eine Alternative? Aber ja, unbedingt. Wir wollen sie im Folgenden skizzieren. Viel Vergnügen bei der Lektüre!
I N S I G H T S
4 Schritte gegen die Angst
In der Politik werden Sorgen der Bevölkerung meist instrumentalisiert: Die Mitte redet die Lage schön, die Populisten dramatisieren sie.
Es ist Zeit für einen dritten Weg – die Menschen ernst zu nehmen
So fühlt sich unsere Zeit für viele Menschen an, als Schussfahrt ins Ungewisse – wo wir landen werden, ist völlig offen. Im Bild: Bode Miller in Action, 2013, Val Gardena, Italien.
Foto: Shutterstock
Angst als Grundrauschen der Politik
Es gibt Sätze, die im Sport geboren werden und in der Politik ihre zweite Karriere machen könnten. Einer davon hätte aus dem Mund eines Skirennläufers wie Bode Miller stammen können: Wer seine Angst ignoriert, fliegt ab – wer ihr alles überlässt, auch.
In Deutschland 2026 ist Angst kein Randphänomen, sondern Grundrauschen. Die Jahre von Pandemie, Energiepreisschock, Kriegsbildern aus der Ukraine und Haushaltskrisen haben eine Mischung aus Erschöpfung und Gereiztheit erzeugt. In der Politik beobachten wir derzeit eine Angstverleugnung im Zentrum und ein aggressives Angstjonglieren an den Rändern. Die einen reden sich die Lage schön, die anderen reden sie systematisch schlecht. Dazwischen bleibt der Bürger zurück, als Statist im Theater der Zumutungen.
Angst ist ein Rohstoff. In der Biologie ist sie ein überlebensnotwendiger, in der Demokratie ein hochriskanter. Populisten aller Couleur haben früh verstanden: Wer die diffusen Ängste einer Gesellschaft in einfache Bilder kondensiert – „Überfremdung“, „Systemversagen“, „Elitenverschwörung“ –, gewinnt Macht, lange bevor er Verantwortung übernehmen muss. Angst ist politisch deshalb so attraktiv, weil sie Geschwindigkeit verspricht: Sie verkürzt Debatten, sie vereinfacht Komplexität, sie generiert Loyalität, zumindest vorübergehend.
Auf der anderen Seite stehen jene, die politisch erfolgreich sein wollen, indem sie Angst reflexhaft für erledigt erklären. Man kennt die rhetorische Figur: „Es gibt keinen Grund zur Sorge.“ „Wir haben alles im Griff.“ „Panikmache hilft niemandem.“ Die Botschaft ist gut gemeint – und gnadenlos töricht. Wer reale Ängste – vor sozialem Abstieg, kulturellem Verlust, Kontrollverlust in einer digitalisierten Welt – nur als „irrational“ abtut, treibt die Verunsicherten direkt in die Arme der Angstprofis.
Zwischen Angstverleugnung und Angstbewirtschaftung wäre ein dritter Weg notwendig: Angst ernst nehmen, ohne sie zu bedienen. „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern ihre Durchlässigkeit“ – dieser Satz aus der Tiefenpsychologie könnte heute politisches Programm sein.
Das beginnt mit einem einfachen Eingeständnis: Ja, die Welt ist riskanter geworden – geopolitisch, technologisch, ökologisch. Die Kriege im Nahen Osten und der Ukraine, die KI-Evangelisten im Silicon Valley, die Hitzesommer im Mittelmeerraum sprechen ihre eigene Sprache. Es gibt gute Gründe, unruhig zu sein. Aber es gibt ebenso gute Gründe, zu unterscheiden: zwischen begründeter Sorge und inszenierter Hysterie, zwischen strukturellen Problemen und affektiver Aufladung, zwischen persönlicher Verletzlichkeit und politischer Instrumentalisierung. Franklin D. Roosevelt formulierte 1933 in seiner ersten Antrittsrede den berühmten Satz, man habe „nichts zu fürchten als die Furcht selbst“ – ein Satz, der nicht Angst leugnet, sondern ihre Lähmungswirkung adressiert. Wie also sieht dieser dritte Weg aus?
Erstens: Angst benennen
Eine politische Rede, die nicht nur Zahlen, sondern auch Gefühle artikuliert, ohne sie zu manipulieren, ist kein Luxus, sondern demokratische Vernunft. „Viele von Ihnen haben Angst um ihre Rente, um die Sicherheit Ihrer Kinder, um Ihre kulturelle Heimat.“ Dieser Satz ist kein Kniefall vor dem Populismus, sondern die Voraussetzung dafür, ihn zu entwaffnen. Barack Obama formulierte in seiner Fernsehansprache nach dem Anschlag von San Bernardino 2015, man dürfe Terror ernst nehmen, müsse sich aber daran erinnern, „dass Freiheit stärker ist als Angst“ – es war ein Versuch, Bedrohung anzuerkennen, ohne ihr die Regie zu überlassen.
Zweitens: Angst in Information übersetzen
Angst vor Migration ist oft Angst vor Kontrollverlust. Angst vor Klimapolitik ist gelegentlich Angst vor Wohlstandsverlust. Angst vor Digitalisierung ist nicht selten Angst vor Entwertung lebenslanger Erfahrung. Eine demokratische Antwort müsste breiter sein: Wer diese Übersetzungsarbeit verweigert, überlässt das Feld jenen, die aus Angst eine Waffe schmieden. Wer sie leistet, kann aus Angst einen Verhandlungspartner machen. Letztlich geht es um Klarheit. Dinge beim Namen zu nennen und nicht zu verbrämen, hilft, die Angst oder das Unwohlsein einzuhegen.
Drittens: Angst teilen, statt sie zu delegieren
Führung ohne Verwundbarkeit ist Fassade. In vielen politischen Kulturen dominiert die Erwartung, die „da oben“ sollten bitte angstfrei handeln – als technokratische Helden, unerschütterlich, unfehlbar. Das Ergebnis sind Fassaden der Souveränität, hinter denen sich dieselben Verunsicherungen verbergen wie im Rest der Gesellschaft. Ehrlicher wäre: Führung heißt, die eigene Angst zu reflektieren, nicht sie zu verleugnen. Ein Regierungschef, der zugibt, dass ihn die Lage beunruhigt, aber zugleich erklärt, wie er diese Unruhe in wachsamere, klügere Entscheidungen übersetzen will, wäre kein Schwächling, sondern ein seltener Fall von erwachsener Autorität. Das ist mehr als Inszenierung – es ist politische Klugheit.
Die neuseeländische Regierungschefin Jacinda Ardern hat nach dem Attentat von Christchurch 2019 gezeigt, wie sich Empathie, Betroffenheit und Entschlossenheit verbinden lassen: Sie suchte unmittelbar den Kontakt zu den Angehörigen, signalisierte Solidarität mit der muslimischen Gemeinschaft und leitete binnen weniger Tage eine deutliche Verschärfung des Waffenrechts ein. Ein Beispiel dafür, wie Führung nicht trotz, sondern mit reflektierter Angst handlungsfähig bleibt.
Jacinda Ardern, Neuseelands frühere Regierungschefin. Nach dem Attentat von Christchurch 2019 nahm sie die Angst ernst – und handelte entschlossen.
Foto: WikiCommons
Viertens: Angst nicht zum alleinigen Taktgeber machen
Die Angstjongleure unserer Zeit liefern in Dauerschleife Gründe, sich zu fürchten – vor dem „System“, vor „den Anderen“, vor der Zukunft. Eine verantwortliche Politik muss die Freiheit verteidigen, auch andere Gefühle zu kultivieren: Zuversicht, Neugier, Trauer, Humor. Im Gegensatz zu unserem Land verstehen es etwa die skandinavischen Staaten, ihr Volk unmissverständlich auf reale Gefahren vorzubereiten. Man übt kontinuierlich den Ernstfall und nimmt damit Angst – weil (nahezu) jeder weiß, was zu tun ist.
Wer Angst aber zur Leitwährung macht, verarmt emotional und demokratisch. Wer sie in einen Chor anderer Regungen einbettet, verhindert, dass sie zur alleinigen Partitur des öffentlichen Lebens wird. Am Ende läuft es auf eine unbequeme Zumutung hinaus – für Bürger wie für Eliten: Es gibt kein angstfreies Gemeinwesen. Und es gibt kein angstfreies Leben.
Die Frage ist nicht, ob Angst verschwindet, sondern wer mit ihr arbeitet. Wer sie verdrängt, wird von ihr überrascht. Wer sie instrumentalisiert, zerstört Vertrauen. Wer sie ehrlich ausspricht, sorgfältig prüft und begrenzt, kann aus ihr ein Kraftfeld machen – nicht, weil er sie liebt, sondern weil er verstanden hat, dass eine Demokratie ohne Angstbewusstsein genauso gefährlich ist wie eine, die nur noch von diesem getragen wird.
Gedanken von Guido Westerwelle
„Jahrzehntelang war ich ein Starker, und plötzlich bin ich ein ganz Schwacher.
(...)
Die Krankheit ist sehr egoistisch. Sie schluckt alles an Wahrnehmbarkeit um dich herum, wie ein schwarzes Loch.
(...)
Ich habe nachts geträumt. Vom Leben, aber auch vom Sterben. Mehr, Gott sei Dank, vom Leben."
Freitags:
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
War Amerika denn mal GUT?
„Es gibt einen Kommentar von unseren Hörerinnen und Hörern, der ist mir besonders hängen geblieben – weil ich die Frage so gut fand: 'Hey, man wird doch wohl nochmal fragen dürfen War denn Amerika jemals good?'"
Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Aber ja, Ricardia! Und das ist ja auch einer der Gründe, warum wir diesen Podcast machen. Damit wir immer wieder daran erinnern, dass Amerika – wie unser eigenes Land auch – ganz dunkle Kapitel in der eigenen Geschichte hat. Aber immer wieder, und tatsächlich sogar für die ganze Welt, Dinge auf den Weg gebracht hat, die man sehr positiv sehen kann. Die Tragik unserer Tage liegt darin, dass das, wofür wir die USA preisen, was in den letzten Jahrzehnten oder im letzten Jahrhundert geschaffen wurde, momentan radikal infrage gestellt wird."
KT Guttenberg,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Dienstags:
LAND IN SICHT
Weimer, ein Kulturkampf-Minister?
"Das halte ich für einen Vorgang, der in ähnlicher Form an ganz vielen Stellen auch in kleineren städtischen Parlamenten, Landtagen oder Kreistagen stattfindet:
Dass Menschen unter Druck gesetzt werden, weil sie womöglich einer politischen Strömung angehören oder ihnen das überhaupt erst mal unterstellt wird und dass sie unter Druck gesetzt werden, ohne dass sie wirklich verstehen, warum."
Peter Greve,
TEAM LAND IN SICHT
„Ich fand den Vorgang auch seltsam. Das schicke ich mal voraus und bin entfernt davon, großes Verständnis zu äußern.
Wir müssen hier dann aber auch offen sagen, dass das aus allen politischen Richtungen stattfindet. Und dass das heute mit dem Begriff Cancel Culture umschrieben wird."
KT Guttenberg,
Team LAND IN SICHT
„Ich verstehe das Argument – lasst uns gerne mal über die sogenannte Cancel Culture reden und wo das auch problematisch sein kann. Aber das hier ist was anderes: Das ist politische Macht!"
Peter Greve,
Team LAND IN SICHT
A U F E I N W O R T
Warum so zuversichtlich,
Bode Miller?
Er galt früher als Rebell des Skizirkus und war enorm populär. Im NEULAND Update erzählt der US-Amerikaner, warum nicht Wut ihm gegen seine Angst geholfen hat – sondern der Glaube an sich selbst.
ode Miller, Ski-Olympiasieger aus den USA. Auf der Piste früher ein beispielloser Draufgänger, heute ideenreicher Multi-Unternehmer und achtfacher Vater.
Foto: KT Guttenberg
NEULAND: Bode, was gibt dir dieser Tage Zuversicht?
Bode Miller: Für mich kommt Zuversicht aus der Überzeugung, dass ich Dinge schaffen kann. Dass ich Widrigkeiten überwinde, egal was kommt. Diese Überzeugung stützt sich auf Erfahrung – und auf die Gewissheit, ein Gehirn zu haben, das Probleme lösen kann. Ich habe genug Traumata durchlebt, um mich selbst auf die Probe gestellt zu haben. Daraus entsteht dieses Vertrauen: meine Ideen lösen Probleme – und ich habe den Glauben, dass ich die Lösungen auch umsetzen kann.
NEULAND: Wie hängt das mit deiner Erfahrung von Angst zusammen?
Bode Miller: Genau das hat mein Selbstvertrauen gestärkt: das Wissen, dass mein Handeln echte Konsequenzen hatte. Im Skirennsport hatte ich mehr Grund zur Angst als jeder andere. Ich stürzte viel häufiger als alle anderen – weil ich härter gepusht habe als alle anderen. Die Problemlösung funktionierte genau so, wie ich es beschrieben habe – nicht, indem ich die Angst unterdrückte, sondern das Selbstvertrauen musste die Angst überwinden. Die beiden schließen sich nicht aus. Man kann große Angst haben und gleichzeitig großes Selbstvertrauen. Und großen Glauben. Für mich war Inspiration immer das Mittel, mit dem ich der Angst begegnete. Ich habe es mit Wut versucht – zu unberechenbar. Ich bin ständig von der Strecke geflogen, das hat nicht geholfen. Inspiration war viel formbarer, ich konnte sie kontrollieren und genau auf das richtige Maß einstellen. Und mit dieser Inspiration habe ich die Angst die meiste Zeit überwunden.
NEULAND: Heute begeisterst du dich für neue Technologien. Was genau machst du?
Bode Miller: Ehrlich gesagt bin ich überall gleichzeitig unterwegs. Ich sitze in acht verschiedenen Beiräten und arbeite direkt mit vier oder fünf Unternehmen zusammen. Mit einem deutschen Hersteller arbeiten ich an einem neuen Ski-Design, das liegt mir am Herzen und ist fast so etwas wie eine Verpflichtung für mich. Ich habe auch ein Unternehmen für menschliche Optimierung mitgegründet. Es geht darum, das Leben der Menschen durch den richtigen Einsatz nicht-pharmazeutischer Wirkstoffe und funktionaler Kleidung zu verbessern. Dazu kommt meine Stiftung. Und ich habe acht Kinder. Es ist gerade sehr viel los.
NEULAND: Wenn du an Deutschland denkst – was kommt dir in den Sinn?
Bode Miller: Oktoberfest, das ist das Erste, was aufblitzt. Die Kultur, die Begeisterung, die Kameradschaft... Meiner Beobachtung nach ist das so ziemlich die einzige Zeit, in der Deutsche wirklich alle Hemmungen fallen lassen. Da machen Leute Sachen, die sie zu keiner anderen Jahreszeit machen würden. Risikobereitschaft! Als würden sie ihr gesamtes Risikokontingent in diese zwei Wochen packen. Und das war's dann. Das ist mein stärkster Eindruck.
Das Gespräch mit Bode Miller führte KT Guttenberg. Sie finden den Beitrag hier auf YouTube.
N E U L A N D C O M M U N I T Y
Welches Thema bewegt Sie?
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H E Y, K T !
"Warum jammern wir Deutsche eigentlich so viel?"
Fragt MAKE AMERICA GOOD AGAIN-Hörer Johannes Auer aus dem Chiemgau
Eine Frucht der Nörgelei? Klassischer Plastik-Spreizdübel, patentiert von Artur Fischer 1958. Sowas können wir Deutschen halt dann doch: Probleme lösen.
Foto: WikiCommons
KTs Antwort: „Vielleicht, weil wir es können. Jammern ist hierzulande kein Zeichen von Schwäche, sondern von kultureller Tiefenbohrung. Der Italiener gestikuliert, der Franzose diskutiert, der Deutsche dokumentiert: Missstände, Unzulänglichkeiten, Abweichungen von der DIN-Norm.
Schon Luther klagte sich durch die Kirchengeschichte, Goethe seufzte über die „Leiden des jungen W.“ und Thomas Mann machte aus der Familienmelancholie Weltliteratur. Selbst die Fleißigen der Nachkriegszeit jammerten — freilich mit Disziplin und in Schichtarbeit.
Jammern ist unsere akustische Landesflagge: nicht laut, aber dauerhaft. Es signalisiert: Wir nehmen Dinge ernst, vielleicht zu ernst. Wo andere lediglich eine Herausforderung sehen, bestaunen wir ein schwerwiegendes Problem. Grund genug für drei Arbeitsgruppen und zahlreiche Risikoanalysen.
Oder steckt darin auch etwas Tröstliches? Das deutsche Jammern ist nicht immer nur destruktiv; es ist ein Stammtischventil (auch wenn dieser Ort längst Chatgruppen gewichen ist), manchmal sogar ein rhetorisches Warmhalten der Hoffnung. Wer klagt, mag den Glauben nicht verloren haben, dass etwas besser werden kann.
Vielleicht könnte darin unser paradoxes Erfolgsrezept liegen: Wir jammern uns nach vorn. Der Fortschritt kam oft mit Stirnrunzeln – von der Aufklärung bis zur Kläranlage (Frankfurt Niederrad 1882).
Also: Wenn schon Jammern, dann bitte mit Stil. Mit der Grundmelodie: „Da geht noch was.“ Dann wäre unsere latente Unzufriedenheit kein Defekt, sondern eine Form des Engagements.
Aber letztlich ist unser Genörgel schon höchst beklagenswert…"
Wollen Sie auch etwas von KT Guttenberg wissen? Dann los.
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Schonungslos inspirierend
Sentimentalität ist das Alibi der Hartherzigen – an diesem Gedanken setzt das norwegische Familiendrama "Sentimental Value" an. Mit wachsender Empörung beobachtet der Zuschauer, wie ein abgehalfterter Regisseur die entfremdete, erfolgreich Theater spielende Tochter für sein Comeback instrumentalisieren möchte. Die Sympathien des Publikum sind von Beginn an klar zugewiesen, und alles wird überschattet vom tragischen Selbstmord der Mutter. Erst allmählich dämmert dem Vater, mit seiner Egomanie die Familie zerstört zu haben. Kommt seine Reue zu spät? Ein schonungslos tiefgründiger, wunderbar einfühlsamer Film, der die Spannung bis zum Schluss hält – und das eindringlich agierende Ensemble (Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lileaas und Elle Fanning) verführt die Zuschauer zur Auseinandersetzung mit ihren eigenen familiären Generationskonflikten. Erst recht, wenn sie ihn mit der Familie gemeinsam sehen. (rh)
Sentimental Value. Spielfilm, Norwegen 2025. Regie: Joachim Trier. 135 Minuten. Im Kino.
L I V E E R L E B E N
GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR
Sehen wir uns?
Aachen, Eurogress, 27.5.26
Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26
Bochum, RuhrCongress, 30.10.26
Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26
Liebe Leserin, lieber Leser,
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Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!
Herzlichst, Ihr KT Guttenberg
T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.