KT Guttenberg: Die Entwickler warnen eindringlich vor der Technologie, der US-Präsident wiegelt ab – 7 Maßnahmen, um den KI-Risiken zu begegnen
José Maria Aznar: Der frühere spanische Ministerpräsident über den alarmierenden Mangel an Führung in Europa
Meine Insights der Woche – 17. September 2026
Guten Morgen,
in den vergangenen Jahren gab es kein Thema, das mich so sehr mit Sorge erfüllt hätte wie dieses: Die maßgebenden Entwickler der Künstlichen Intelligenz warnen eindringlich vor der Verselbstständigung von KI. Einzelne Stimmen sehen gar das Ende der Menschheit eingeläutet. Geht das zu weit? Wahrscheinlich. Und trotzdem reden wir über keine Dystopie aus Hollywood. Die Warnung vor Kontrollverlust ist real. Und die Gefahr scheint in der Tat vorhanden zu sein – nur US-Präsident Donald Trump spricht von einer „Verschwörung“.
Worum es wirklich geht, welche Motive der KI-Macher eine Rolle spielen könnten und welche politische Maßnahmen ich für notwendig erachte – jetzt im NEULAND Update. Auch wenn es mitunter schwer fällt dieser Tage: Bleiben wir zuversichtlich!
PS: Vor den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern haben wir wieder neue Episoden unseres Podcasts LAND IN SICHT aufgenommen – was steht da auf dem Spiel, gerade auch für die Bundesregierung? Sie finden die Folgen (auf YouTube und Joyn sowie auf Spotify und Apple) am schnellsten bei uns: www.guttenberg.media/podcasts.
I N S I G H T S
KI: Kontrollverlust? Was geschehen muss
Könnte die KI die Menschheit bald auslöschen? Die Baumeister
der Maschine bitten eindringlich um ein Tempolimit –
und der mächtigste Mann der Welt erklärt sich selbst zur Sicherheitsarchitektur.
US-Präsident Donald Trump beim Dinner mit Tech-Größen wie Mark Zuckerberg (Meta, 3.v.l.) und Bill Gates (Ex-Microsoft, r.).
Bild: Wikimedia Commons
I. Trumps (künstliche) Intelligenz
Es war, wie so oft, eine Kaskade. Sechsmal schrieb Donald Trump, der Präsident der Vereinigten Staaten, am Montag auf seiner Plattform Truth Social zur Künstlichen Intelligenz. Der erste Beitrag enthält jenen Satz, der für die Geschichtsbücher taugt: Die einzige Kontrolle, die einzigen „Leitplanken“, die KI brauche, seien ein starker und kluger Präsident mit hohem IQ – und davon hätten die Vereinigten Staaten reichlich. Es folgte, im selben Atemzug, die Drohung: Seine Regierung habe KI-„Leute“ bereits davon abgehalten, Schlechtes oder potentiell Schlechtes zu tun, und der Staat verfüge über beträchtliche straf- und regulierungsrechtliche Macht über diese Unternehmen.
Später am Tag: Gegen KI und Rechenzentren sei eine kranke Verschwörung im Gange, und der einzige, der sich darüber freue, sei China – Verschwörungstheoretiker (sic!), Verräter und Leaker mögen sich in Acht nehmen. Am Nachmittag wetterte er schließlich: Dass KI die Welt übernehme und die Menschheit zerstöre, sei ein „HOAX“. Dieselben Leute, die das behaupteten, hätten vor kurzem noch den Weltuntergang durch den Klimawandel angekündigt; er selbst sei der „Hoax Buster“.
Damit haben die Warnungen vor einem der maßgeblichsten Technologiesprünge unserer Zeit jene Einordnung erfahren, die Trump regelmäßig anwendet: sobald sein einfach gestricktes Verständnis von Machtgefügen in Frage steht, bedient er sich einer Erzählung von Schwindel, Verrat und Verschwörung. Eine Methode, die seine MAGA-Bewegung seit einem Jahrzehnt zusammenhält.
Ludwig XIV., der Sonnenkönig, soll einst gesagt haben, der Staat sei er. Ob er es je sagte, ist bis heute umstritten; die Wirkung des Satzes hat aber den Beweis überlebt. Hier verhält es sich umgekehrt: Der Satz ist dokumentiert, bestritten wird allein seine Wirkung. Ein einzelner Mensch erklärt sich zur Sicherheitsarchitektur einer Technologie, deren Verhalten ihre eigenen Erbauer nach eigenem Bekunden nicht mehr zuverlässig vorhersagen können. Es handelt sich dabei nicht einmal um Hybris im klassischen Sinne, da Hybris die Kenntnis der Größenordnung vorausetzen würde. Bestenfalls ist es Sorglosigkeit.
„Wer KI gewinnt, gewinnt“: So fasst Donald Trump also die neue Weltlage zusammen.
Tatsächlich erklärt Trump wissenschaftliche und technische Warnungen zur Pose und behandelt KI ausschließlich als Wettrennen gegen China. Aber ein Wettrennen, in dem der Preis für Tempo der Verlust von Kontrolle sein kann, ist fern jeder Strategie. Es kommt eher der Hoffnung gleich, dass die Bremse erst nach der Kurve gebraucht wird.
Dabei geht es nicht mehr um die vertrauten Fragen digitaler Politik: Datenschutz, Urheberrecht, Bias, ein paar Millionen Fördermittel, eine neue Behörde in Brüssel. Diese Fragen bleiben wichtig. Doch sie wirken zunehmend klein gegenüber einer Technologie, die Wertschöpfung, militärische Fähigkeiten, die Sicherheitsarchitektur des Netzes und den Arbeitsmarkt zugleich umformen könnte.
Ludwig XIV., genannt „Der Sonnenkönig“. Er soll gesagt haben: „Der Staat bin ich.“
Bild: Wikimedia Commons
II. Die neue Warnung
Ausgerechnet aus den Unternehmen selbst kommt nun der schrillste Alarm. Dario Amodei, Chef von Anthropic, ruft dazu auf, die Weiterentwicklung der leistungsfähigsten Modelle bewusst zu verlangsamen. Dabei geht es ihm nicht um einen Stopp der KI, sondern um Zeitgewinn („Pacing the Frontier“), damit Sicherheitsforschung, Evaluierung und Kontrolle mit den Fähigkeiten Schritt halten können.
Amodeis Sorge ist weniger mystisch als präzise: Er meint die wachsende Fähigkeit von KI, künftige Versionen ihrer selbst zu bauen. Zudem könnten KI-Systeme für Cyberangriffe, Bioterrorismus und erhebliche ökonomische Verwerfungen missbraucht werden. Er fordert unabhängige Prüfer mit tiefem Zugang zu Spitzenmodellen, gemeinsame Standards führender KI-Unternehmen in demokratischen Staaten, die gemeinsame Sicherheitsstandards festlegen, und internationale Verständigung, soweit sie überprüfbar ist.
Elon Musk stellte daraufhin lakonisch fest: „Dario is right.“ Der Nobelpreisträger Demis Hassabis von Google DeepMind sprang Amodei ebenfalls zur Seite und auch Sam Altman hat seinen Konkurrenten bemerkenswert deutlich unterstützt. Demnach befürwortet OpenAI einen bundesweiten amerikanischen Rahmen für verbindliche Sicherheitsanforderungen bei Frontier-AI; kein Wettbewerbsdruck dürfe Leichtsinn rechtfertigen. Altman benennt zwei Kernrisiken: einen Verlust menschlicher Kontrolle über die Zukunft und eine extreme Konzentration von Macht bei einzelnen Unternehmen oder Personen.
Freilich gibt es auch Gegenstimmen wie David Sacks, der ehemalige KI-Beauftragte Trumps, die weniger platt als der Präsident argumentieren. Ihnen zufolge seien die Sicherheitsappelle von Amodei & Co. nicht nur altruistisch, sondern getragen von handfesten Geschäfts- und Machtinteressen. Wer bereits an der Spitze stehe, profitiere von Lizenzpflichten, Vorabprüfungen und gemeinsamen Branchenstandards: Sie erhöhten Kosten und Eintrittsbarrieren für kleinere Start-ups und Open-Source-Modelle und zementierten damit die Marktstellung der großen Frontier-Labs. Zudem: Wenn Anthropic und OpenAI ihre Modelle tatsächlich für zu riskant hielten, könnten sie Entwicklung und Veröffentlichung doch freiwillig drosseln.
Nun, beides kann wahr sein. Die Warnung kann aufrichtig und das Marktinteresse real sein. Amodei selbst hat der amerikanischen Öffentlichkeit am Sonntag zwei bemerkenswerte Sätze zugemutet: Die Branche habe die Menschen zu lange über die Risiken belogen. Und das schwierigste Dilemma seines Vorschlags sei China.
Man muss all diese Warnungen weder für Prophezeiungen noch jede dramatische Zeitangabe für gesicherte Tatsachen halten. Gerade die zugespitzten Szenarien eines KI-Agentenschwarms, der das gesamte Internet kompromittieren könnte, sind Prognosen, nicht bewiesene Fähigkeiten. Dass ein solcher Schwarm im Juli bereits aus einer Testumgebung ausbrach, ist allerdings ein Faktum.
Aber es ist tatsächlich bemerkenswert, dass die drei, vier mächtigsten „Erbauer“ einer Technologie am selben Wochenende öffentlich um ihre eigene Zügelung bitten. Ebenso, dass ein Staatschef ihnen antwortet, sie sollten sich nicht so anstellen.
Dabei wäre die richtige politische Reaktion auf eine plausibel katastrophale, noch unsichere Gefahr nicht galliger Spott nach Trump‘scher Lesart, sondern Vorsorge unter Unsicherheit.
Stimmen der Vernunft? Elon Musk (SpaceX, links oben), Dario Amodei (Anthropic, r.o.), Demis Hassabis (Google DeepMind, links unten) warnen, David Sacks (r.u.), der frühere KI-Berater Trumps, hinterfragt ihre Motive.
Bilder: Wikimedia Commons
III. Was tatsächlich droht
Die Debatte leidet an der Konzentration auf zwei extreme Alternativen, wonach KI entweder in wenigen Jahren zur Auslöschung der Menschheit führen könnte oder jede Sorge nichts anderes als Hysterie sei. Dazwischen liegt indes eine sehr reale Zone großer, schrittweiser Schäden.
Dazu zählen Cyberrisiken: Leistungsfähige Agenten können Sicherheitslücken finden, Angriffe automatisieren und kritische Infrastruktur unter Druck setzen. Was heute hoch spezialisierte Teams erfordert, könnte schneller, billiger und massenhaft verfügbar werden.
Unbestritten sind auch biologische und militärische Risiken: Modelle können Wissen und Planungsfähigkeiten für schädliche Anwendungen verbreiten oder autonome Systeme in Konflikten beschleunigen.
Seit längerem droht bereits ökonomische Konzentration: Die entscheidenden Ressourcen – Chips, Energie, Cloudkapazität, Daten und Spitzenforscher – liegen bei wenigen Firmen und Staaten. Das schafft Abhängigkeiten, die mit klassischer Wettbewerbspolitik kaum noch zu erfassen sind.
Und schließlich die Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Öffentlichkeit: Nicht nur Routinetätigkeiten, sondern auch Analyse, Kommunikation, Softwareentwicklung und Verwaltung werden umgebaut. Parallel sinken die Kosten für Täuschung, personalisierte Manipulation und synthetische Massenkommunikation.
Der wichtigste Punkt lautet: Die Risiken sind nicht nur „technisch“. Sie sind auch institutionell. Eine Demokratie muss an KI nicht allein deshalb Schaden nehmen, weil ein Modell falsche oder schädliche Antworten gibt, sondern weil Macht, Geschwindigkeit und Entscheidungskompetenz intransparent in wenige private Infrastrukturen oder ungehemmte Regierungen wandern.
Waren ebenso zu Gast beim Dinner im Weißen Haus – Sam Altman (OpenAI, 2.v.r.) und Tim Cook (Apple, 3.v.r.)
Bild: Wikimedia Commons
IV. Politische Folgerungen
Sieben Folgerungen halte ich für zwingend – und sie gelten diesseits wie jenseits des Atlantiks:
Verifizierbarkeit vor Versprechen. Freiwillige Selbstverpflichtungen sind eine Totgeburt. Eingebettete Prüfer brauchen gesetzliche Zugangsrechte, keine Einladungen; Meldepflichten bedürfen der Aufbewahrungspflichten für Protokolle, damit Vorfälle nachträglich prüfbar sind.
Haftung statt Genehmigung. Der schnellste Hebel ist nicht eine neue Behörde, sondern die Produkthaftung. Sie existiert, sie ist eingespielt, und sie diszipliniert schneller als jedes Zulassungsverfahren. Ihre Anwendung auf KI-Systeme muss jedoch präzisiert und durchsetzbar gestaltet werden. Ausgerechnet Trumps früherer KI-Berater David Sacks setzt auf Haftung statt Genehmigung und räumt ein, dass Haftungsexposition ein gutes Geschäftsargument für Vorsicht ist.
Internationalisierung ohne Illusion. Die deutsche Bundesregierung wirbt für eine unabhängige internationale KI-Aufsicht und will das Thema in die G7-Gespräche tragen. Die Richtung stimmt, der Zeithorizont ist unrealistisch. Realistisch wäre ein Verifikationsverbund der Demokratien – plus ein wenigstens schmaler, technischer Kanal nach Peking.
Eine AI-Sicherheitsinstitution. Insbesondere Europa braucht ein fachlich starkes, technisch eigenständiges Zentrum für Modell-Evaluierung, Incident Response und Standards – eng verbunden mit nationalen Cybersicherheitsbehörden, Forschung und der NATO, aber öffentlich rechenschaftspflichtig.
Strategische Infrastruktur. Gigafactories sind in Europa nur dann mehr als Ankündigungspolitik, wenn sie mit verlässlicher Energie, Chipzugang, europäischer Cloudkapazität und klaren Prioritäten für Forschung und kritische Anwendungen verbunden werden.
Machtkonzentration begrenzen. Wettbewerbspolitik muss den Zugang zu Cloud, Chips, Daten und Modellen in den Blick nehmen. Wo wenige Anbieter zum Betriebssystem von Wirtschaft und Staat werden, geht es nicht allein um Preise, sondern um politische Handlungsfreiheit.
Produktivitätsgewinn gesellschaftlich teilen. Weiterbildung, Übergangssicherung und eine Modernisierung öffentlicher Dienstleistungen gehören zur KI-Politik. Sonst wird aus einer Produktivitätsrevolution eine Akzeptanzkrise.
Die Bevölkerung ist übrigens längst weiter als ihre Politik. In einer Forsa-Umfrage für RTL und ntv halten 81 Prozent der Deutschen die Gefahr, dass KI missbraucht und dadurch die Demokratie gefährdet wird, für groß; nur 16 Prozent für gering. 89 Prozent sorgen sich, KI-erzeugte Bilder, Videos und Nachrichten künftig nicht mehr von echten unterscheiden zu können. Das politische Kapital liegt auf der Straße. Es fehlt nur das Angebot.
Setzen wir aber, auch als Gesellschaft, die richtigen Schwerpunkte? Wir führen mit bewundernswerter Ausdauer Debatten über Zuckersteuern, Abstandsflächen und Mietpreisdeckel. Nichts davon ist unwichtig; eine Demokratie, die das Kleine nicht verhandelt, verlernt das Verhandeln. Aber die Aufmerksamkeitsökonomie eines Gemeinwesens ist ein Haushalt wie jeder andere, und unserer ist grotesk fehlallokiert.
Eine Gesellschaft, die über Grenzwerte streitet, während andere über die Grenzen der Kontrolle streiten, läuft Gefahr, Gründlichkeit mit Ernst zu verwechseln.
Zwei politische Pole, eine Sorge: Trumps früherer Stratege Steve Bannon (l.) und US-Senator Bernie Sanders. Bilder: Wikimedia Common
V. Ein Hoffnungsschimmer?
In Washington, wo ich gerade bin, ereignete sich am Dienstag etwas Erstaunliches. Auf der „Pro-Human Assembly“ des Future of Life Institute standen Bernie Sanders und Steve Bannon auf derselben Bühne. Der eine ist ein bekennender demokratischer Sozialist aus Vermont, der andere der Stratege, der Donald Trump 2016 ins Weiße Haus verhalf. Diese zwei Männer verbindet politisch nichts außer der wechselseitigen Abneigung. Nun waren sie sich doch in einem Punkt einig: Der Mensch darf das Steuer nicht aus der Hand geben.
Wie man die Technologie regulieren soll, darüber waren die beiden erwartungsgemäß unterschiedlicher Meinung. Darauf kam es an diesem Tag aber auch nicht an. Der Präsident hatte die Sorge um Kontrolle zur Sache von Verschwörern, Verrätern und Weltuntergangspropheten erklärt. Nun führten ihn zwei Männer ad absurdum, von denen der eine den Trumpismus mitgeprägt hat und der andere ihm als Inbegriff alles Falschen gilt. Wenn sich die äußersten Ränder eines politischen Spektrums in einem Punkt treffen, ist das selten Zufall. Meist ist es ein Hinweis, dass die Mitte etwas übersehen hat. Und es zeigt, dass der Hochmut, sich selbst zur Leitplanke zu erklären, nicht einmal mehr im eigenen Lager verfängt.
Man muss weder Sanders noch Bannon zu Säulenheiligen der Besonnenheit erheben, denn beide leben nicht schlecht von der Empörung. Gerade deshalb ist das Bild so aufschlussreich. Der Präsident sagt, die einzige Leitplanke sei er. In Washington antworteten ihm Menschen, die sonst nichts verbindet: Die Leitplanke sind wir.
A U F E I N W O R T
Warum NICHT so zuversichtlich,
José Maria Aznar?
Der frühere spanische Ministerpräsident verfolgt die Entwicklungen mit Sorge – er sieht einen alarmierenden Mangel an Führung. Aber er glaubt an Europa, falls es sein Bündnis stärkt.
José Maria Aznar war von 1996 bis 2004 spanischer Ministerpräsident.
Bild: Wikimedia Commons
NEULAND: Herr Ministerpräsident, José Maria, Europa steht in vielerlei Hinsicht massiv unter Druck. Was bedeutet das für uns?
José Maria Aznar: Wir müssen die Europäische Union bewahren, wir müssen unsere Beziehungen zu Nordamerika bewahren, vor allem zur NATO, und wir müssen versuchen, in Europa viele Reformen durchzuführen, denn wir haben viele Fehler gemacht. Der Euro ist eine sehr starke Währung. Der Binnenmarkt muss weiterentwickelt werden. Und wir müssen zuversichtlich sein und sagen: Wir haben in dieser komplizierten Welt eine Chance, wenn wir Entscheidungen treffen und in den schwierigeren politischen und wirtschaftlichen Fragen dieser Zeit einen positiven Ansatz verfolgen. Wenn nicht, wird die Marginalisierung Europas zu einem Problem für uns. Ein sehr trauriger Moment, aber ich hoffe, dass wir die Fähigkeit haben zu reagieren.
NEULAND: Sind die Menschen denn dafür bereit? Keine Frage, dass es in Europa manchmal an Führung mangelt – aber spüren Sie eine Bereitschaft in der Bevölkerung?
José Maria Aznar: Meine größte Sorge gilt zunächst unserer Führung, denn die Führenden selbst sind darauf nicht vorbereitet – warum also die Menschen? Der Mangel an Führung ist heute alarmierend, überall vielleicht, aber der Niedergang Europas hängt sehr eng mit dem Niedergang unserer Führung zusammen – mit der fehlenden Fähigkeit, neue politische und wirtschaftliche Ziele für Europa zu definieren.
NEULAND: Und woran liegt das – an den traditionellen Parteien, daran, wie sie Talente an die Spitze bringen?
José Maria Aznar: Die historischen Rahmenbedingungen der Politik sind heute ganz anders als vor 20 oder 25 Jahren, und die technologische Revolution wirkt sich auf die Praxis von Politik aus. Nicht nur die Künstliche Intelligenz, zuvor schon die sozialen Netzwerke haben das kulturelle, politische, wirtschaftliche, ja sogar religiöse Verhalten sehr vieler Menschen völlig verändert – ebenso wie die Bereitschaft der Menschen, überhaupt Zeit in Politik zu investieren. Und dieses Niveau nimmt ab. Denn die Massifizierung der Kommunikation, ihre Vereinfachung sowie der Ausdruck von Polarisierung und Fragmentierung lassen die Fähigkeiten sowohl der Menschen als auch der Führenden sinken. Und die Führenden sind heute Sklaven – Sklaven der iPhones, von TikTok und all den anderen sozialen Netzwerken. Das ist ein Problem.
NEULAND: Wo sehen Sie Deutschland im europäischen und im globalen Kontext? Sie haben mir erzählt, dass Ihnen jemand sagte, die Wiederaufrüstung Deutschlands sei eine Metapher für Sorge. Andererseits brauchen wir sie in Europa.
José Maria Aznar: Blickt man in die Geschichte Europas, lässt sich sagen: Ein stärkeres Bündnis ist sehr wichtig, denn in der Geschichte Europas haben starke Bündnisse schwächere besiegt. Und die Rivalität zwischen den Nationen ist Teil dieser Geschichte. Man kann diese Geschichte nicht auslöschen, aber man kann sie verbessern. Und wir haben die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg mit zwei besonderen Bausteinen verbessert: mit der Europäischen Gemeinschaft, aus der wir mit all ihren Mängeln viele Schritte hin zur Europäischen Union gemacht haben, und mit der NATO. Das bedeutet, dass wir einige der klassischen Risiken Osteuropas beseitigt haben. Aber jetzt: die Bedrohung durch einen Populismus, der nicht an die Europäische Union glaubt, ein amerikanischer Präsident, der sehr, sehr disruptiv ist, der Niedergang der Europäer und unser Rückstand bei der technologischen Revolution – das ist ein Problem, und wir können nicht zurück in andere Jahrzehnte, in andere Abschnitte unserer Geschichte. Wir müssen unsere Kraft darauf verwenden, die Europäische Union weiterzuentwickeln und unser Bündnis zu stärken. Ein anderer Weg ist undenkbar. Für mich bedeutet die Vorstellung einer Auflösung der Europäischen Union oder eines Austritts aus der NATO ein ernstes Risiko für Europa.
NEULAND: Und wie blicken Sie heute auf Spanien?
José Maria Aznar: Spanien hat für die Zukunft wirtschaftlich viele Möglichkeiten, aber wir müssen uns auch auf die politische Ebene besinnen. Vor 15 Jahren hatten wir sehr stabilen Erfolg, wirtschaftliches und politisches Wachstum, aber das kommt zum Stillstand. Jetzt haben wir eine furchtbare Koalition aus radikalen Sozialisten, Kommunisten, Separatisten, Terroristen. Ich kenne in der Geschichte keine nationale Regierung, die das Schicksal ihres Landes in die Hände der Feinde des Landes legt. Das ist jetzt die Situation in Spanien, aber ich denke, bei den nächsten Wahlen gibt es einen Wechsel.
Mit José Maria Aznar sprach KT Guttenberg. Sie finden das Interview auch auf YouTube.
O – T Ö N E
GYSI GEGEN GUTTENBERG &
LAND IN SICHT &
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Mittwochs:
GYSI GEGEN GUTTENBERG
Steht die Menschheit vor dem Aus?
„Der Unterschied zu früher ist gewaltig, weil bei den Versuchen, wo man vor einer Katastrophe stand und eingriff, lag es am Verhalten des Menschen, das zu kontrollieren. Erinnere dich, Gregor, an die Entwicklung der Nuklear-Waffen und diese wahnsinnige Aufrüstungsspirale, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte. Die Katastrophe wäre auch menschheitsvernichtend gewesen – aber am Ende konnten Menschen noch mit ihren eigenen Händen in die Speichen greifen.“
KT Guttenberg, Pooodcaster
„Letztlich war das Rote Telefon zwischen Moskau und Washington entscheidend.“
Gregor Gysi, Pooodcaster
„Ja! Und ich frage mich, wenn ich das alles lese, was man jetzt vernimmt, sind wir nicht in einer Position, die das schon überschritten hat? Weil die Künstliche Intelligenz heute schon in der Lage ist, den Menschen zu täuschen.“
KT Guttenberg, Pooodcaster
Dienstags:
LAND IN SICHT
Wie lange hält die Koalition in Berlin?
„KT, würdest du im Moment dich fast festlegen – so habe ich dich gerade gehört –, dass diese Koalition nicht bis zum Ende der Amtsperiode durchhalten wird, dass sie auf jeden Fall auseinanderfallen wird?“
Klaus Brinkbäumer, Host LAND IN SICHT
„Also: Bis zum Ende der Amtsperiode muss man jedenfalls viel Fantasie aufbringen. Ich glaube, man muss fast die Frage stellen, hält sie noch bis zu den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im kommenden Frühjahr? Auch da kommt eine andere Frage mit dazu: Diejenigen, die sagen, es gebe innerhalb der Union keine Unterstützer mehr für Friedrich Merz, müssen natürlich auch eine Alternative aufweisen können. Wie üblich werden da zwei Namen in den Raum geschmissen. Der eine ist der nie vom Ehrgeiz befreit sein werdende Markus Söder und der andere ist ein Hendrik Wüst.“
KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT
9/11: Ricardia in New York
„Wir sprachen eigentlich Transaktionen durch für den normalen Tag, dann kam dieses Fernseher-Einschalten, und dann haben wir gesagt: ‚Komm, wir gehen aufs Dach‘. Und dann kam das zweite Flugzeug.“
Ricardia Bramley, Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Hast du das gesehen? Also hast du es reinfliegen sehen – nicht auf dem Bildschirm, sondern live?“
KT Guttenberg,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Nein, wir waren auf den Treppen auf dem Weg nach oben, und in der Zeit muss das passiert sein – als wir dann auf dem Dach waren, das muss Minuten später gewesen sein, haben wir gesehen: Warte mal, jetzt ist der zweite Turm auch in Flammen oder im Rauch! Wir sahen ja nur Rauch. Da wussten wir, es ist kein Unfall mehr. Und dieser Schritt zwischen ‚Wir gestalten unseren normalen Tag‘ und ‚Warte mal, hier passiert gerade irgendwas anderes‘, der geschah irgendwie in Zeitlupe. Dann haben wir gesehen, wie der zweite Turm eingestürzt ist, als wir auf dem Dach standen.“
Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Redaktionstipp: HörenLesenGucken
Mitten aus dem Leben
Viel wird über die Brandmauer der etablierten Parteien zur AfD geschrieben, nicht selten schwingt bei manchen (Fern-) Diagnosen Ratlosigkeit mit. In diesem Buch nun, SPIEGEL-Bestsellerplatz Nummer 1, stellt sich Monchi, ein explizit antifaschistischer Punk-Sänger (Feine Sahne Fischfilet), in seiner Heimat Vorpommern dem Leben und den Gesprächen mit AfD-Wählern – mehr als jeder Zweite in seinem Geburtsort hat zuletzt diese Partei gewählt. Herausgekommen ist ein Plädoyer dafür, das Verbindende zu suchen. Weil wir ja miteinander reden müssen, um miteinander leben zu können. (rüb)
Monchi: Hinter der Brandmauer. KiWi, 20 Euro
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Herzlichst, Ihr KT Guttenberg
T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.