Der deutsche Herbst

  • KT Guttenberg: Der deutsche Herbst. Warum die kommenden Landtagswahlen entscheidend für unser Land sind

  • Will Marshall, CEO von Planet Labs, über die Heirat von KI und der Satelliten-Industrie – und daraus erwachsende Chancen

Meine Insights der Woche – 16. Juli 2026­


Guten Morgen,

der „Deutsche Herbst" ist in unserem kollektiven Gedächtnis ein Kapitel des Jahres 1977: Schleyer-Entführung, Mogadischu, Stammheim. Die noch immer junge Republik im Ausnahmezustand, die sich in der Krise behauptete – nicht ohne Blessuren, aber ohne sich selbst aufzugeben.

Fast fünfzig Jahre später bekommt der Begriff eine zweite, leisere Bedeutung. Kein Terror, keine Krisenstäbe. Nur drei Wahltermine: der 6. September in Sachsen-Anhalt, der 20. September in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Und doch steht wieder etwas Grundsätzliches zur Disposition – die Frage, ob die Menschen in der politischen Mitte unseres Landes noch Mehrheiten bilden können, die diesen Namen verdienen. Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre.


PS: Mit dieser Ausgabe verabschieden wir uns in die Sommerpause. Wir wünschen auch Ihnen eine erholsame Zeit, genießen Sie die entspanntesten Wochen des Jahres. Von Mitte August an melden wir uns wieder mit unserem NEULAND Update – und freuen uns, wenn Sie wieder dabei sind.


I N S I G H T S

Der DEUTSCHE HERBST

Die Landtagswahlen im September werden entscheidend für den weiteren Weg Deutschlands sein – vor allem, wie die etablierten Parteien reagieren. Ein Ausblick.

Zweitstimmen-Ergebnisse der Bundestagswahlen 2021 und 2025 (rechts). Bild: n-tv

Das Frühjahr war der Prolog

Die Zeit drängt. Und wer wissen will, was dieser Herbst bringt, sollte den vergangenen März nicht vergessen. In Baden-Württemberg rettete Cem Özdemir den Grünen mit 30,2 Prozent einen hauchdünnen Vorsprung vor der CDU (29,7) – gut 27.000 Stimmen trennten die beiden Parteien. Die AfD verdoppelte ihr Ergebnis auf knapp 19 Prozent, die SPD stürzte auf 5,5 Prozent – ihr bundesweit schlechtestes Landtagswahlergebnis –, und die FDP flog erstmals in der Geschichte ihres Stammlandes aus dem Parlament. In Rheinland-Pfalz gewann die CDU mit Gordon Schnieder nach 35 Jahren wieder eine Landtagswahl; auch dort verdoppelte sich die AfD.

Die Lektion des Frühjahrs: Der Westen produziert noch Mehrheiten der Mitte, aber nur noch mit Ach und Krach, und um den Preis, dass die verbliebenen „Großen“ faktisch zum Regieren miteinander verdammt sind. Die Fragmentierung des Wählervotums frisst sich von Ost nach West. Der Herbst 2026 wird nun zeigen, wie weit sie im Osten bereits gediehen ist.

Magdeburg: der Ernstfall

Sachsen-Anhalt ist der eigentliche Ernstfall dieses Wahljahres. Die AfD wurde zuletzt dort in Umfragen bei rund 40 Prozent gemessen, ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ruft selbstbewusst „45 Prozent plus X" als Wahlziel aus – und legt ein Programm vor, das von „Remigration" bis zum Austausch von 150 bis 200 Landesbeamten reicht. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik könnte eine Partei eine Landesregierung führen, deren Landesverband der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch einstuft.

Dagegen steht ein Ministerpräsident, der erst seit Januar im Amt ist: Sven Schulze, CDU, in den Umfragen bei 26 Prozent. Zur Redlichkeit gehört der Hinweis, dass Sachsen-Anhalt schon einmal alle Demoskopen blamiert hat. 2021 wurde ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorhergesagt, am Ende gewann Reiner Haseloff mit 17 Prozentpunkten Vorsprung. Die Parteibindung ist nirgends schwächer als in diesem Bundesland, die Volatilität nirgends höher. Aber Schulze ist nicht Haseloff, und die Strategie seiner Partei gleicht bislang nur der eines Seismographen: Sie warnt vor der AfD und übernimmt zugleich deren Themen, vom verpflichtenden Bürgergeld-Arbeitsdienst bis zur deutschsprachigen Radioquote. Wer das Original bekämpft, indem er es kopiert, läuft Gefahr, am Ende nur das Original zu adeln.

Schwerin: das Duell

In Mecklenburg-Vorpommern hat der Wahlkampf die Form eines Duells angenommen: Manuela Schwesig, seit 2017 im Amt und auf dem Parteitag mit 98,9 Prozent gekürt, gegen eine AfD, die in den Umfragen bei etwa 35 Prozent liegt, während Schwesigs SPD zuletzt auf 27 bis 28 Prozent zulegte. Zerrieben wird dazwischen die CDU, die mit rund zehn Prozent auf das schlechteste Ergebnis ihrer Landesgeschichte zusteuern könnte; die Grünen bangen um den Wiedereinzug, das BSW hofft auf den ersten – und bringt vorsorglich eine „Bürgerregierung" mit überparteilichem Ministerpräsidenten ins Spiel, was so klingt, als wolle man die Politik durch deren Abschaffung retten.

Selbst wenn Schwesig das Duell gegen den AfD-Herausforderer gewinnt, könnte danach die Rechnerei beginnen: Rot-Rot hat keine Mehrheit mehr, die CDU schließt die Linke aus, für das Thüringer Modell einer "Brombeer-Koalition" unter Einschluss des BSW fehlt die Arithmetik. Man kann eine Wahl-Schlacht gewinnen und trotzdem keine Regierung bilden können.

Protagonisten dieses deutschen Herbstes: Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, SPD...

Bild: WikiMedia Commons

... und (zumindest indirekt) Björn Höcke, Vorsitzender der AfD-Fraktion in Thüringens Landtag.

Bild: WikiMedia Commons

Berlin: das Beben vor der Wahl

Berlin schließlich spielt ein eigenes Stück – und hat seinen ersten Akt bereits hinter sich. Der CDU-Mann Kai Wegner, im Juni noch mit 93 Prozent zum Spitzenkandidaten gekürt, zog sich am 10. Juli zurück: Der Tagesspiegel hatte gerichtlich die Auskunft erzwungen, dass der Regierende Bürgermeister am ersten Morgen des großen Stromausfalls im Januar – anders als von ihm dargestellt – kein einziges dienstliches Telefonat geführt hatte. „Die Stadt Berlin ist wichtiger als eine Person", sagte Wegner zum Abschied; die Stadt hätte sich diese Einsicht wohl ein halbes Jahr früher gewünscht. Regieren will er noch bis zur Wahl. 

Am Montag kürte der Landesvorstand einstimmig Finanzsenator Stefan Evers zum Nachfolger – ihm bleiben nur zehn Wochen, um den Abwärtstrend seiner Partei zu drehen, die in der jüngsten Infratest-Umfrage bei 17 Prozent liegt, hinter der Linken.

Denn das ist die zweite Berliner Besonderheit: Fünf Parteien liegen dicht beieinander, und vorn steht derzeit ausgerechnet die Linke, die ihre Mitgliederzahl in Berlin binnen Monaten auf über 15.000 verdoppelt hat und in Elif Eralp erstmals offensiv eine Kandidatin für das Amt als Regierende Bürgermeisterin anbietet. Evers hat die Verhinderung eines Linksbündnisses bereits zur „Schicksalswahl" erklärt. In Berlin geht es nicht um die Brandmauer nach rechts, sondern um die Frage, ob eine derart fragmentierte Stadt überhaupt noch regierbar ist – und ob Dreierbündnisse einigungsfähige Programme haben oder nur bessere Schnittmengen.

Die eigentliche Frage

Entscheidend ist nicht, was die Wähler im September entscheiden. Entscheidend ist, was die Parteien daraus machen. Fünf Prüfungen stehen an.

Die CDU-Prüfung: In Magdeburg muss die Union zeigen, dass sich die (richtige) Brandmauer zur AfD halten lässt, ohne zur bloßen Worthülse oder Verbotsarchitektur zu verkommen – und ohne dass die Partei sich selbst nach rechtsaußen mit besseren Manieren als die AfD verschiebt. Ein Foto des Fraktionschefs in vertrauter Runde mit dem AfD-Spitzenkandidaten, wie es im Juni die Runde machte, wiegt im Social-Media-Rummel dieser Zeit schwerer als zehn Sonntagsreden zur Abgrenzung. Und Berlin hat gezeigt: Glaubwürdigkeit ist die härteste Währung der Mitte. Wer sie beim Krisenmanagement verspielt, bestätigt genau jene, die behaupten, „die da oben" seien den Herausforderungen unserer Tage längst entrückt.

Die SPD-Prüfung: Die 5,5 Prozent von Baden-Württemberg waren ein Memento mori für die älteste Partei des Landes. Manuela Schwesig mag in Schwerin diese Wahl gewinnen können – die Frage ist, ob die Sozialdemokratie noch weiß, wofür sie jenseits einzelner populärer Landesmütter gewählt werden will. In Berlin dümpelt sie im Fünferfeld, in Magdeburg kämpft sie um den Wiedereinzug.

Kann Deutschland noch wirksam regiert werden? Spitzenvertreter von CDU/CSU und SPD nach der Koalitionsbildung im Bund, Frühjahr 2025. Bild: WikiMedia Commons

Die Grünen-Prüfung: Keine Partei lebt derzeit in zwei so verschiedenen Wirklichkeiten. Im Westen stellt sie mit Özdemir den Ministerpräsidenten des drittgrößten Bundeslandes; im Osten droht ihr in Schwerin der Rauswurf aus dem Landtag, in Magdeburg spielt sie kaum eine Rolle. Nur in Berlin, wo Werner Graf im Getümmel mitmischt, ist sogar das Rote Rathaus denkbar. Eine Partei, die westdeutsche Staatskanzleien führt und ostdeutsche Flächenländer verliert, ist weniger Volkspartei als Milieupartei mit Regierungserfahrung. Die Prüfung lautet, ob sie das ändern will oder sich darin einrichtet. Ein Befund, der freilich auch für traditionelle Volksparteien gilt.

Die Linken-Prüfung: Die Überraschung des Jahres. Umfrageführung in Berlin, Zugewinne in Magdeburg und Schwerin, Mitgliederboom – die totgesagte Partei erlebt eine zweite Jugend. Ihre Prüfung ist die Regierungsfähigkeit: Enteignungsforderungen mobilisieren, aber sie ergeben kein Regierungsprogramm, und die Antisemitismusvorwürfe gegen Teile der Berliner Partei sind mehr als eine Fußnote. Zugleich stellt ihr Aufstieg die Mitte vor ein Dilemma: Der Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU macht Mehrheiten diesseits der AfD vielerorts rechnerisch unmöglich. Die Ausfälle des neuen Parteivorsitzenden der Linken, Luigi Pantisano, gegenüber der CDU („faschistische Politik“) zementieren wohl auch faktisch die Zwillingsbrandmauer nach links. Zwischen AfD und Linke wird für die Parteien der Mitte der Platz zum Regieren eng.

Die Systemprüfung: Sachsen, Thüringen, Brandenburg haben bereits vorgeführt, wohin die Reise für die Demokratie gehen kann: Brombeer-Koalitionen, Minderheitsregierungen, Bündnisse, die bei vielen Wählern den Eindruck hinterlassen, der einzige programmliche Vorsatz sei die Verhinderung anderer Parteien. Regieren durch Ausschlussarithmetik mag eine Weile funktionieren. Aber eine Mitte, deren einziges Angebot in den Augen vieler Menschen lautet „Wir sind nicht die anderen", macht diese anderen mit jeder Wahl größer. 

Die AfD lebt nicht von ihren Antworten, sondern vom – trügerischen und zynisch gelebten – Eindruck, die einzige Partei zu sein, die überhaupt noch etwas verändern will. Der Umstand, dass die von dieser Partei maßgeblichen angestrebten Veränderungen unser Land erschüttern würden, verblasst dabei.

Der Deutsche Herbst von 1977 wurde überstanden, weil der Staat Stärke zeigte, ohne seine Grundsätze preiszugeben. Der Herbst von 2026 verlangt etwas anderes: eine Politik, die wieder überzeugt – inhaltlich und personell. Zur Wahl steht im September nicht allein das Unwesen der AfD. Zur Wahl steht, ob die Mitte noch etwas zu sagen hat, das man wählen möchte. Andernfalls driftet der notwendige Kampf gegen Extremismus in die Selbstaufgabe

Es ist nicht zu spät, dass sich die Parteien der Mitte besinnen. Hierfür darf es nie zu spät sein.



A U F  E I N  W O R T

Warum so zuversichtlich, 
Will Marshall?

Der Gründer des Satellitenunternehmens Planet Labs über den Weltraumboom, die Ehe von KI und Weltraum – und warum Rechenzentren im All nachhaltiger und günstiger sind

Christian Sewing ist seit 2018 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank.

Bild: KT Guttenberg

NEULAND: Will, wenn Sie auf unsere Erde schauen, ins All, die Aussichten der Satelliten-Industrie: Was gibt Ihnen Zuversicht?

Will Marshall: Wir erleben gerade eine Boom-Phase. Wir haben den Börsengang von SpaceX erlebt, riesige Kapitalmengen fließen in die Branche – weil der Weltraum noch relevanter ist als je zuvor. Den meisten ist gar nicht bewusst, welche Rolle er längst in ihrem Alltag spielt: Wer eine Karte oder GPS nutzt, auf einem Boot kommuniziert, nutzt den Weltraum. Nun sind die Kosten für Starts und Satelliten entscheidend gesunken, und die Folge ist eine Explosion an Möglichkeiten. Daraus entstanden bereits Starlink, das weltweit Kommunikation ermöglicht, und Planet, die größte Flotte erdabbildender Satelliten, die die Welt täglich erfasst. Es ist eine unglaubliche Zeit. Ich vergleiche diesen Moment mit dem Übergang vom Großrechner zum Desktop-Computer – nur für den Weltraum. Damals hob der gesamte IT-Sektor erst richtig ab. Diesen Punkt erreichen wir jetzt.

NEULAND: Wie verbindet sich das mit Künstlicher Intelligenz?

Will Marshall: KI und Weltraum heiraten gerade, sage ich gern. KI beeinflusst jede erdenkliche Disziplin, und das Weltall ist keine Ausnahme. Aber das Weltall bietet KI, was es dringend braucht. Sehen Sie: Alle KI-Modelle werden mit den Texten des Internets trainiert, und daher können sie nur so gut sein wie ihre Trainingsdaten – daher können sie übersetzen, Briefe schreiben, über menschliches Wissen sprechen. Aber über die reale Welt wissen diese Modelle nichts, sie sind blind für die Realität. Sie sind wie ein Bibliothekar, der jedes Buch gelesen hat, hochintelligent – aber nie davorstand und erlebte, wie es ist, Landwirt zu sein oder ein Journalist. Genau das ändern wir jetzt. Alle großen Köpfe der Branche, Dario Amodei, Demis Hassabis, sprechen davon, dass man Modelle der realen Welt bauen muss. Dafür braucht man reale Daten – und wovon hat der Weltraum Unmengen? Unser Unternehmen Planet macht von jedem Punkt der Landmasse 3.000 Aufnahmen, jeden einzelnen Tag. Damit lässt sich die Grundlage eines physischen Weltmodells trainieren, mit dem man dann Fragen über die reale Welt beantworten kann. Und das vervielfacht das Potenzial der KI. Heute erklärt Ihnen ein Sprachmodell die Theorie der Agrarwissenschaft, aber weiß nichts über Ihren konkreten Acker und die Frage, warum der Nachbar auf dieser Fläche mehr Ertrag hat. Oder nehmen Sie eine Flut: Das Modell kennt die Theorie – aber nicht, welche Brücken in der Stadt zerstört sind. Unsere Daten, kombiniert mit Sprachmodellen, ermöglichen Antworten. Planet hat tatsächlich eine KI gebaut, eine natürlich-sprachliche Schnittstelle zu unseren Daten, sodass Sie die Erde abfragen können. Die Zahl der Anwendungen, die daraus erwächst, ist dramatisch. 

NEULAND: Stimmt es, dass es jetzt die Möglichkeit gibt, GPUs und ganze Rechenzentren ins All zu bringen?

Will Marshall: Absolut. Die planetaren Sensorsysteme befinden sich ohnehin im All, und es wird schon sehr bald schlicht billiger sein, auch die Rechenleistung ins All zu verlagern. Wir haben eine Studie mit Google durchgeführt, die nahelegt: Sobald die Startkosten auf 200 bis 300 Dollar pro Kilogramm fallen – derzeit liegen sie bei etwa 1.000 Dollar pro Kilogramm, aber sie sinken rasant –, wäre es schlicht günstiger. Es klingt nach Science-Fiction, aber es wird einfach billiger sein. Warum? Weil Rechenzentren in erster Linie ein Energieproblem sind, und im All liefert jedes Solarpanel fünfmal mehr Energie als am Boden. Denn es gibt keinen Tag-Nacht-Wechsel, man braucht keine Batterien, weil man sich in einem sonnensynchronen Orbit befinden kann, der stets zur Sonne ausgerichtet ist. Man muss also nur die Solarpanels hochbringen, die Chips, einen Radiator, um die Wärme abzugeben, und Funkgeräte, um die Daten hin und her zu übertragen – und all das beherrschen wir. 

NEULAND: Damit erübrigte sich die hitzige Energiedebatte um Rechenzentren auf der Erde.

Will Marshall: Genau. Es löst zugleich die Konflikte um Wasser mit den Gemeinden in der Nähe solcher Anlagen, die Energiekonflikte und den Flächenverbrauch, der der Landwirtschaft Boden entzieht. Es ist also auch nachhaltiger für den Planeten. Und es beginnt bereits: Für Google bringen wir einige ihrer TPUs, sogenannte Tensor-Prozessoren, ins All. NVIDIA-GPUs haben wir schon zahlreich auf unseren Raumfahrzeugen gestartet, jetzt kommen eigens dafür bestimmte Missionen für TPUs hinzu. Das ist ein sogenannter Moonshot, ein Projekt über ein Jahrzehnt. Aber schon dieses Jahr machen wir technische Demonstrationen: ob die TPUs die Strahlung und den Start überstehen, ob die Satellitenverbindungen tragen. Denn man braucht Cluster solcher Raumfahrzeuge in enger Formation, um genug Rechenleistung zu bündeln. Wir haben diese Reise jetzt begonnen. Und Google hat Planet Labs ausgewählt, weil wir zu den wenigen Unternehmen gehören, die Hunderte Satelliten gestartet haben und wissen, wie man das baut.

Mit Will Marshall sprach KT Guttenberg. Sie finden das Gespräch auch auf YouTube.


O – T Ö N E

GYSI GEGEN GUTTENBERG & 

LAND IN SICHT &

MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Mittwochs: 
GYSI GEGEN GUTTENBERG

Was steckt in "links" oder "rechts"?

­„Es wird nie eine Partei geben, die sich ‚Die Rechte‘ nennt, selbst wenn sie noch so rechts ist. Obwohl wir den Staatssozialismus hatten, mit seiner Art der Existenz und des Untergangs, ist das Wort ‚Linke‘ nicht so verbraucht wie das Wort ‚Rechte‘.“

Gregor Gysi, Pooodcaster 

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„Das liegt aber auch daran – und das dürft ihr auch mal selbstkritisch feststellen –, dass man ‚rechts‘ zum Kampfbegriff gemacht hat. Dahingehend, dass man auch jene darunter packt, die man wirklich noch in der Mitte sehen kann. Aber dadurch, dass sie nicht links sind und links denken, werden sie mit dem Begriff ‚rechts‘ belegt, so dass der gedankliche Sprung zu rechtsextrem oder rechtsradikal als ein kürzerer erscheint als der Sprung von links – was für manche etwas Wärmendes in der Sprache mit sich bringt – zu linksradikal.“

Gregor Gysi, Pooodcaster 

­Reinhören =>­

L I V E  E R L E B E N 

GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR

Sehen wir uns?­

  • Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26

  • Bochum, RuhrCongress, 30.10.26

  • Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26

­Tickets =>­


Dienstags: 
LAND IN SICHT

Merz' peinliche Unterwürfigkeit

„Es schlugen zwei Herzen in meiner Brust. Das eine hat gesagt: Alles klar, Trump benimmt sich offenbar hinter verschlossenen Türen wie ein zivilisierter Mensch. Dafür tritt er vorne auf wie der Bully, der er nun mal häufig ist. Aber alle sagen: ‚Jetzt macht er ja doch mit und ihr kennt den gar nicht richtig.‘ Das erinnert mich an Beziehungen, in denen die Frau sagt: ‚Wenigstens betrügt er mich nicht.‘ Der Maßstab ist so niedrig.“

Ricardia Bramley, Team LAND IN SICHT 

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„Super Vergleich, weil du zu Recht darauf hinweist, wie sehr sich die Maßstäbe verschoben haben. Wie wir schon voraussetzen, dass alles anders zu sein hat, wenn wir mit Trump zu tun haben, und wie sehr sich zivilisierte Politik zu etwas so Unterwürfigem verschoben hat. Wie alle froh sind – Merz inklusive, das ist für einen deutschen Bundeskanzler durchaus peinlich –, wenn sie mal gelobt werden oder nicht namentlich kritisiert werden.“­

KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT 

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­Reinhören =>­­­­


Wie gespalten ist das Volk der USA?

„Die Kritiker Amerikas versus die ‚Pro-American-everything‘-Fraktion spalteten sich früher nicht so in die Lager der politischen Parteien auf. Jetzt spaltet sich die Bevölkerung wirklich in MAGA und Democrats, während es damals okay war, die Regierung zu kritisieren, egal, welcher Partei du dich zugehörig fühltest. Du konntest auch innerhalb deiner Partei sagen: Ich bin gerade nicht zufrieden mit Watergate und damit, dass wir in die Parteizentrale der anderen einbrechen.“

Ricardia Bramley, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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„Du wurdest damals eben auch nicht sofort von der Parteispitze verfolgt oder des Amtes beraubt – mit teilweise wüsten, mafiaähnlichen Methoden wie heute. Auf der anderen Seite gab es natürlich auch schon damals die harte Spaltung zwischen Democrats und Republicans. Da hat man sich nichts geschenkt. Diese Zweiteilung ist schon immer eine recht harte Bruchlinie gewesen. Nur ist sie mittlerweile ein Krater geworden, der kaum noch überwindbar zu sein scheint.“

KT Guttenberg, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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HEY, KT!

"Warum weinen Männer jetzt öffentlich?"

Fragt BALL IN SICHT-Hörerin Carmen Nusselt aus Nürnberg

Argentiniens Fußball-Star Lionel Messi in Tränen, nach dem 3:2 über Ägypten, einem Achtelfinal-Sieg bei der WM.

Bild: Magenta.TV

"Jetzt? Ernsthaft? Verehrte Fragestellerin, Männer weinen öffentlich, seit es Öffentlichkeit gibt. Neu ist nicht die Träne. Eher, dass wir sie wieder sehen dürfen, ohne dass jemand hastig das Licht ausschaltet.

Ein Blick in die Bibliothek: Odysseus, der listenreichste Mann der Weltliteratur, sitzt bei Homer sieben Jahre am Strand der Kalypso und weint. Täglich, in Serie, mit Blick aufs Meer. Achill heult um Patroklos, dass die Götter zusammenzucken. Im Rolandslied rauft sich Karl der Große den Bart, während seine Ritter reihenweise ohnmächtig vom Pferd kippen. Eine Szene, gegen die jede moderne Trainerbank wie ein Meditations-Seminar wirkt. Und einer der kürzesten Verse der Bibel, Johannes 11,35, lautet in erhabener Knappheit: „Jesus weinte.” Kein Kommentar der Jünger. Es war ganz offenkundig in Ordnung. In der Luther-Übersetzung heißt es wiederum etwas lyrischer: „Und Jesus gingen die Augen über.“

Die Träne war jahrtausendelang keine Schwäche. Vielmehr diente sie als Charakterbeweis: Wer weinen konnte, hatte eine Seele, und wer eine Seele hatte, dem konnte man trauen. Goethes Werther ließ noch einen ganzen Kontinent junger Männer in Tränen ausbrechen. Erst das neunzehnte Jahrhundert erfand den trockenen Mann. Fabrik, Kaserne, Kontor: Die Träne wurde wegrationalisiert, wie alles ohne messbare Rendite. „Ein Junge weint nicht” ist also keine ewige Wahrheit, sondern eine industrielle Norm, ungefähr so alt wie die Dampflok und deutlich weniger charmant gealtert.

Dass sie nie funktionierte, zeigt die Praxis. Churchill weinte öffentlich mit einer Regelmäßigkeit, die seine Zeitgenossen längst eingepreist hatten. Paul Gascoigne schluchzte 1990 im WM-Halbfinale so herzzerreißend, dass England ihm nicht die Männlichkeit absprach, sondern den Fußball als Nationalgefühl zurückeroberte. Barack Obama wischte sich 2016 vor laufenden Kameras die Tränen aus dem Gesicht, als er über die erschossenen Kinder von Sandy Hook sprach. Und im September 2025 stockte Friedrich Merz in der wiedereröffneten Münchner Synagoge an der Reichenbachstraße mitten in der Rede, kämpfte mit den Tränen, verlor – und gewann doch. Denn was hätte an diesem Ort eine ungerührte Stimme bewiesen? Es gibt Momente, in denen die Fassung zu wahren bedeutet, die Lage zu verfehlen.

Nun die Wissenschaft. Bis etwa zum dreizehnten Lebensjahr weinen Jungen und Mädchen gleich oft. Danach klafft die Schere weit auf: Männer weinen sechs- bis siebzehnmal im Jahr, Frauen dreißig- bis vierundsechzigmal. Die Differenz wird nicht geboren, sie wird anerzogen – mit dem Stimmbruch kommt das Tränenverbot. Und wann weinen Männer dann doch? Überdurchschnittlich oft aus Mitgefühl und vor Freude – also wenn sie über sich hinausgehen, nicht wenn sie in sich zusammenfallen. Keine schlechte Bilanz. 

Lionel Messis verheultes Antlitz nach dem Sieg gegen Ägypten bei der diesjährigen WM stützt die These. Ronaldos wässrige Augen nach dem Ausscheiden Portugals widersprechen ihr wohl.

Warum also „jetzt”? Vielleicht, weil eine Generation nachwächst, die den Unterschied zwischen Fassung und Haltung kennt. Fassung ist, was man wahrt. Haltung ist, was man hat. Das eine kann man verlieren, ohne das andere einzubüßen. Und vielleicht, weil wir endlich verstehen, dass das männliche Schweigen über das Innenleben kein Heldentum war, sondern ein Gesundheitsrisiko mit Krawatte.

Bleibt die Grenze: Die Träne taugt nicht als Instrument. Wer strategisch weint, hat das Weinen verraten – echte Tränen haben ein Timing, das keine Medienberatung der Welt hinbekommt. Aber die ehrliche Träne des ehrlichen Mannes? Die war nie das Problem. Das Problem waren hundertfünfzig Jahre, in denen wir so taten, als gäbe es sie nicht. Odysseus wusste es besser. Und der saß immerhin an einem Strand, an dem ihn niemand filmte."

­Meine Frage an KT­

Die größte aller Familienserien 

­

Haben wir nicht alle mal Phasen, in denen man Trost und Zuversicht gebrauchen kann? Dann hier der Sommertipp: Gut gemachte Familienserien (BRD der 80er: Diese Drombuschs, US-Westküste 2010er: Parenthood) geben uns bekanntlich berührende und ermutigende Einblicke in den Alltag der anderen, sie nehmen uns huckepack mit auf diese Achterbahnfahrt namens Leben. THIS IS US leistet all das – und noch viel mehr. Diese sagenhaft komplexe und zugleich zugängliche Serie, die das ZDF jetzt in Gänze bietet, erzählt die Geschichte der Pearsons, die tragisch sein könnte, wenn sie nicht so beglückend wäre. Wie mühelos die Macher mittels Setdesign, Moden, Musik, Themen, Schauspielern permanent zwischen den Jahrzehnten springen, wie nahtlos funktioniert, dass jede Figur glaubwürdig in den verschiedensten Phasen ihres Lebens gezeichnet wird – das gibt uns Zuschauern das Gefühl, das ganze Panorama dieser Familie zu verstehen, alle Handlungsmotive, alle Traumata, alle Momente der Erfüllung. Und am Ende begreifen wir: Was wir da über sechs Staffeln gebannt verfolgt haben, das waren in der Tat wir selbst. (rüb)

THIS IS US. TV-Serie. 6 Staffeln. ZDF-Mediathek 

­Zur Serie =>­


Liebe Leserin, lieber Leser, 

wie hat Ihnen diese Ausgabe von NEULAND Update gefallen? Schreiben Sie uns gern: feedback@guttenberg.media 

Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst, Ihr KT Guttenberg­


T E A M  G U T T E N B E R G

KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.

Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.

Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.

Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.

Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.

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Der hybride Krieg

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Der ausgestreckte Mittelfinger – eine Analyse