Der ausgestreckte Mittelfinger – eine Analyse

  • KT Guttenberg: Der ausgestreckte Mittelfinger – eine Geste, die weiterhin Karriere macht

  • Christian Sewing, CEO der Deutschen Bank, über den neuen Schulterschluss von Wirtschaft und Politik

  • Hey KT, warum weinen Männer jetzt öffentlich?

Meine Insights der Woche – 09. Juli 2026­


Guten Morgen,

der ausgestreckte Mittelfinger ist eine Geste der Herabwürdigung, die überall auf der Welt verstanden wird – seit Jahrtausenden schon, das ist dokumentiert. In diesen Tagen ist sie tatsächlich und metaphorisch in zahlreichen Varianten zu beobachten, gerade auch und vor allem in der Politik.

Welche Mechanismen sind da am Werk – und warum kommen Demagogen damit durch, warum wird die Normverletzung von der Gesellschaft nicht mehr geächtet? Trotz der Verrohung der Sitten bin ich zuversichtlich: Mit dem Rohstoff Provokation lässt sich nachhaltig keine Politik bauen. Bei der Lektüre wünsche ich Ihnen viel Vergnügen. 


I N S I G H T S

Der ausgestreckte Mittelfinger

Die Geste hat früher Karrieren beendet, heute begründet sie welche. 
KT Guttenberg über die Frage, was die Provokation eigentlich über die Provokateure aussagt – und warum sie am Ende ins Leere laufen wird

Die universelle Geste des "Ihr-könnt-mich-mal".

Bild: iStock

Eine Attacke gegen das Establishment
Am Dienstag dieser Woche trat der Brite Nigel Farage vor die Kameras, legte sein Unterhausmandat nieder und kündigte im selben Atemzug an, es sich bei der damit provozierten Nachwahl in Clacton umgehend zurückholen zu wollen. Die Begründung lieferte er gleich mit: Es sei „eine Chance, dem gesamten Establishment zwei Finger hochzustrecken“. 

Der Anlass war weniger heroisch als die Geste suggeriert. Der parlamentarische Integritäts-Beauftragte* hatte nicht-deklarierte Zuwendungen untersucht, darunter fünf Millionen Pfund eines Krypto-Investors. Der Rücktritt setzt die Untersuchung nun aus. Man könnte auch sagen: Farage zeigt dem Establishment den Finger – mit der Hand, die der Ertappte gerade aus der Keksdose zieht.
* Parliamentary Commissioner for Standards

Erinnern Sie sich noch an Stefan Effenberg?

27. Juni 1994, Cotton Bowl in Dallas, annähernd fünfzig Grad auf dem Rasen. Der amtierende Weltmeister quält sich gegen Südkorea, tausend mitgereiste Deutsche pfeifen ihren Mittelfeldspieler nieder, und Effenberg, ausgewechselt und gedemütigt, streckt ihnen den Mittelfinger entgegen. Noch in derselben Nacht telefonieren DFB-Präsident Egidius Braun und Bundestrainer Berti Vogts. Am nächsten Morgen ist Effenberg kein Nationalspieler mehr. Braun erklärt, er schäme sich „in tiefster Seele” und droht, als die Mannschaft ihren Kollegen verteidigt, kurzerhand mit dem Rückzug des gesamten Teams aus dem Turnier. Mitten in einer Weltmeisterschaft. Wegen eines Fingers.

Nicht nur eine Randnotiz: Vom berühmtesten Stinkefinger der deutschen Geschichte existiert kein einziges Foto, keine einzige Filmaufnahme. Das Bild eines lachenden Effenberg mit ausgestrecktem Mittelfinger, das die Redaktionen seit dreißig Jahren zum Skandal drucken, entstand bei anderer Gelegenheit – der Jahrhundertfinger wird seit jeher mit einer falschen Quelle illustriert, und niemanden hat es je gestört. In Dallas sahen lediglich ein paar Zuschauer die Geste, das genügte. Sie brauchte keine Dokumentation, um zu vernichten – so intakt war die Norm, die sie verletzte. 

Heute gilt das Umgekehrte: Die Geste muss dokumentiert sein, um zu wirken. Und sie vernichtet nichts mehr. Sie zementiert.­

Vom Eklat bei der WM 1994 gibt es kein Foto, dieses Bild des Nationalspielers Stefan Effenberg entstand bei anderer Gelegenheit. Bild: NDR/ARD/Getty Images

Was ist da passiert?

Zwischen Dallas 1994 und Clacton 2026 liegt keine allgemeine Verrohung der Sitten. Diogenes streckte den Athenern den Mittelfinger schon vor zweieinhalb Jahrtausenden entgegen, die Römer kannten den digitus impudicus als etablierte Vokabel. Was sich verändert hat, ist der Wechselkurs. Die Politikwissenschaft hat dafür nüchterne Begriffe gefunden: Benjamin Moffitt beschreibt „bad manners” als konstitutives Element des populistischen Stils, Pierre Ostiguy spricht vom demonstrativen Zurschaustellen des „Niedrigen” als Distinktionsgewinn. Und eine vielzitierte Studie im American Sociological Review (Hahl, Kim, Zuckerman Sivan, 2018) erklärte, warum ausgerechnet der offenkundig lügende Demagoge als authentisch wahrgenommen wird: Wer die Regeln des Establishments demonstrativ bricht, beweist damit – in der Logik seiner Anhänger – dass er nicht dazugehört. Die Normverletzung ist kein Betriebsunfall der Botschaft. Sie ist die Botschaft.

Effenberg zeigte den Finger und verlor seinen Platz in der Mannschaft. Farage zeigt den Finger, um seinen Platz als Mannschaftskapitän zu behalten. Dazwischen liegt die Entdeckung, dass Scham eine Währung ist, aus der man austreten kann wie aus einem Wechselkursmechanismus – und dass, wer als Erster austritt, kurzfristig abwertet und exportstark wird.

Eine Woche, viele Finger

Man musste in den vergangenen Tagen nicht lange suchen, um die Geste in allen Aggregatzuständen zu besichtigen.

Erfurt. Die AfD hielt ihren Bundesparteitag ab, 31.000 Menschen protestierten dagegen (die Veranstalter zählten 50.000) – die größten Proteste, die es je gegen einen AfD-Parteitag gab, und in großer Mehrheit friedlich, das zu erwähnen gebietet die Redlichkeit. Aber eben nicht vollständig: Die Polizei zählte 48 Straftaten, ermittelt wegen schweren Landfriedensbruchs nach dem Versuch, eine Absperrung zu durchbrechen, und – das wiegt schwerer – Journalisten wurden tätlich angegriffen. Wer für die Pressefreiheit auf die Straße geht und dabei Reporter verprügelt, weil sie das falsche Medium vertreten, zeigt der eigenen Sache den Finger.

Drinnen derweil die scheinbar feinere Variante: Der neue Partei-Vize Stefan Möller kokettierte vor den Delegierten mit seiner „dicken Akte beim Verfassungsschutz”. Die Beobachtung durch den Inlandsgeheimdienst, einst ein Karriererisiko, wird zur Ordensspange. Auch das ist ein Stinkefinger – nur unauffälliger gehalten, etwa auf Brusthöhe.

Von oben nach unten: AfD-Vorsitzende Alice Weidel beim Parteitag in Erfurt, gewaltsame Proteste, friedliche Proteste.

Bilder: ZDF

Paris. Das Berufungsgericht bestätigte am Dienstagmittag Marine Le Pens Verurteilung wegen Veruntreuung von EU-Geldern: drei Jahre Haft, zwei davon zur Bewährung, ein Jahr Fußfessel, 100.000 Euro Geldstrafe. Es verkürzte aber die Wählbarkeitssperre so, dass sie bereits verbüßt ist. Um 20 Uhr saß Le Pen bei TF1 und erklärte: „Heute Abend bin ich Kandidatin für die Präsidentschaftswahl.” Zwei Instanzen könnten sich schließlich auch irren, meinte sie auf Nachfrage; Kampagnenmotto: „Pour la France, la Renaissance”. 

Der juristische Kniff dahinter ist so beachtenswert wie besorgniserregend: Solange ihre Revision läuft, ruht die Fußfessel-Pflicht – sie kann also unbeschwert über Marktplätze ziehen, während das höchste Gericht über sie berät. Die Fessel ist angedroht, nicht angelegt. Le Pen hat zwanzig Jahre in die „Entteufelung” ihrer Partei investiert, in Krawattenzwang und Vokabelhygiene. Nun, da die Justiz sie stellt, greift auch sie zur Geste: Die Richter irren, das Volk wird richten. Dass ausgerechnet die selbsternannte Meisterin der Respektabilität am Ende auf den Farage-Modus umschaltet, sagt viel über die Anreizstruktur der Stunde.

Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin Frankreichs, und der britische Politiker Nigel Farage. Bilder: Wikimedia Commons

Straße von Hormus. Auch Staaten haben Mittelfinger. Zumindest ihre Regime. Die iranische Inszenierung der Trauerfeier für den Religionsführer Ali Chamenei fällt unter diese Kategorie. Zudem beschoss der Iran – mitten in der mühsam vereinbarten Waffenruhe – drei Handelsschiffe, darunter den katarischen Flüssiggastanker „Al Rekayyat”, in dessen Maschinenraum ein Feuer ausbrach. Teherans Begründung: Die Schiffe hätten die falsche, nämlich nicht die von Iran diktierte Route benutzt. Die USA antworteten in der Nacht zum Mittwoch mit Schlägen auf über achtzig Ziele, darunter mehr als sechzig Boote der Revolutionsgarden. Ein Waffenstillstand, den man vereinbart, um ihn zu brechen, ist die geopolitische Form der Geste: Man reicht die Hand – und klappt vier Finger ein.

Trauerfeier Irans für den getöteten Religionsführer Ali Chamenei. Bild: CNN

Ankara. Die US-Schläge liefen an, während Trump beim NATO-Gipfel weilte, wo Erdoğan ihm einen Empfang bereitete, der sich zwischen Barock und Broadway nicht recht entscheiden konnte: Reiterstaffel, Kanonendonner, Kunstflugstaffel in Rot-Weiß-Blau. Trump dankte es mit der Mitteilung, er sei von der NATO „sehr enttäuscht”, den deutschen Beitrag hatte er zuvor als „lächerlich” bezeichnet. Man kann Verbündete kritisieren; man kann sie auch als Publikum einer fortlaufenden Kränkungsperformance halten. Das Bündnis übt sich derweil in der Kunst, einen Gipfel bereits dann als Erfolg zu werten, wenn, so die frühere NATO-Sprecherin Oana Lungescu, keine Wutausbrüche des Präsidenten zu verzeichnen sind. Die Latte liegt auf dem Boden; man ist erleichtert, wenn niemand darüber stolpert.

Türkeis Staatspräsident Erdogan (rechts), US-Präsident Trump vor dem NATO-Gipfel in Ankara. Bild: CNBC

Washington, 4. Juli. Zum 250. Geburtstag der Unabhängigkeitserklärung – nachdem etliche Künstler ihre Auftritte abgesagt hatten, weil ihnen das Programm zu politisch geriet – kündigte Trump ersatzweise „die Nummer-eins-Attraktion auf der ganzen Welt” an: sich selbst. Es folgten 850.000 Pyroeffekte, Kampfjets, eine wetterbedingte Evakuierung des Festgeländes und eine Rede, in der er „Kommunisten” mit einem Krebsgeschwür verglich – womit die Demokraten gemeint waren, denen er bei den Zwischenwahlen im November zu unterliegen fürchtet. Unweit des Kapitols marschierten vermummte Männer der rechtsextremen Patriot Front und riefen „Reclaim America”. Putin gratulierte per Telegramm, Anrede: „Lieber Donald”. Der 250. Jahrestag jener Deklaration, die den Trotz gegen einen König in Verfassungsprosa übersetzte, wurde so zur Feier des Trotzes gegen die eigene Verfassungsprosa.

Und dann die Rote Karte. Vielleicht die lehrreichste Episode der Woche, weil die kleinste. US-Stürmer Folarin Balogun sieht im WM-Sechzehntelfinale Rot, Trump ruft persönlich bei FIFA-Präsident Infantino an, die Sperre wird zur Bewährung ausgesetzt, Balogun spielt im Achtelfinale. Trump bestätigt den Anruf freimütig im Oval Office und liefert nebenbei das Geständnis der Woche: „Ich wusste nicht, was eine Rote Karte ist.” Ein Mann, der nicht weiß, was eine Rote Karte ist, hebt den Hörer ab, und sie verschwindet. 

Genau darum ging es Effenberg 1994 nie: Er akzeptierte am Ende seinen Rauswurf. Und genau darum geht es heute: Die Sanktion selbst wird verhandelbar, wenn man nur laut genug ist. Die UEFA sieht „eine rote Linie überschritten”, der DFB fordert Aufklärung. Der eleganteste Kommentar aber kam vom Betroffenen: „Ich habe die Entscheidung akzeptiert, als ich die Rote Karte bekommen habe”, sagte Balogun. Der Stürmer zeigte mehr Amtswürde als das Amt.

US-Nationalspieler Folarin Balogun (r.) beim Foul, das die Rote Karte nach sich zog. Bild: ARD

Läuft das Fass über?

Bleibt die Frage, die man sich als Zeitgenosse schuldet: Gibt es Grund zur Zuversicht – oder nur zur Gewöhnung?

Drei Beobachtungen sprechen gegen den Fatalismus.

Erstens: Der Finger unterliegt der Inflation. Eine Geste, deren gesamte Wirkung aus dem Tabubruch besteht, verbraucht ihr Kapital mit jedem Gebrauch. Effenbergs Finger erschütterte eine Nation, weil es bei diesem einen blieb. Trumps Finger ist Dauerzustand, und Dauerzustände empören irgendwann nicht mehr, sie ermüden. Was man auch daran ablesen mag, dass die Menschenmenge am 4. Juli sichtbar dünner ausfiel als in früheren Jahren, und dass Trumps Beliebtheitswerte unter dem Eindruck des Iran-Kriegs deutlich gesunken sind. Wer allen permanent den Stinkefinger zeigt, hat irgendwann einfach nur die Hand oben. Provokation ist ein Rohstoff, der beim Abbau verfällt.

Zweitens: Die Institutionen haben in dieser Woche geliefert. Leise, aber pünktlich. Das Pariser Berufungsgericht hat nicht getrödelt, sondern neun Monate vor der Wahl entschieden, differenziert, unbeeindruckt von Drohkulissen; der Kassationsgerichtshof hat zugesagt, ebenfalls vor der Wahl zu urteilen. Man kann das Urteil kritisieren, von rechts wie von links, aber ein Rechtsstaat, der eine Favoritin auf das höchste Staatsamt verurteilt und ihr zugleich den Wahlantritt nicht verwehrt, demonstriert exakt jene Unterscheidung von Recht und Rache, die seine Verächter ihm absprechen. 

In Westminster wiederum war es eine unspektakuläre Institution – der parlamentarische Integritäts-Beauftragte –, die Farage überhaupt erst zur Flucht nach vorn zwang. Der Finger wird immer dann am höchsten gereckt, wenn Ermittler und Gerichte am nächsten rücken. Farage identifizierte das Establishment als Feind just in dem Moment, in dem dessen Beauftragter seine Spendenliste prüfte. Das ist kein Zeichen von Stärke. Das ist das Pfeifen im Walde, in Fingerform. Auch in den USA gibt es ermutigende Zeichen einer verfassungstreuen Justiz, die das Prinzip der Gewaltenteilung wohltuend anders interpretiert als der Präsident.

Drittens: Die Gegenbeispiele existieren, man muss sie nur würdigen wollen. 31.000 Menschen, die bei Sommerhitze friedlich durch Erfurt ziehen, sind ein stärkeres Argument als die wenigen, die Journalisten jagen – aber man tut der Sache keinen Gefallen, wenn man Letztere verschweigt oder Erstere vergisst. Baloguns lakonische Satzruhe wog schwerer als der präsidiale Anruf. Und selbst Le Pens Karriere taugt, richtig gelesen, als Beleg für die Kraft der Norm: Dass sie anderthalb Jahrzehnte mühsamer Mäßigung investieren musste, um mehrheitsfähig zu werden, beweist ja, dass Anstand an der Wahlurne einen Preis hat. Wer ihn zahlt, glaubt an die Währung. Ihr jetziger Kurswechsel ist eine Wette darauf, dass diese Währung entwertet ist. Ob die Wette aufgeht, ist offen; verloren hat sie sie schon dreimal.

Der Stinkefinger ist, anatomisch betrachtet, der längste Finger der Hand. Und zugleich der einzige, mit dem man kaum greifen, wenig halten und nichts bauen kann. Er taugt zum Zeigen, nicht zum Zupacken. Vielleicht ist das am Ende die tröstlichste Nachricht dieser aufgeregten Woche: Regieren muss man mit der ganzen Hand. Und wer regieren will – in Downing Street 10, im Elysée, in Magdeburg oder im Oval Office –, wird früher oder später feststellen, dass die Geste, die ihn nach oben trug, dort oben nicht dauerhaft funktioniert. 

Effenberg hat das übrigens später eingeräumt: Hätte er gewusst, was folgt, hätte er den Fingerzeig vielleicht unterlassen. Es wäre viel gewonnen, wenn diese Einsicht künftig wieder vor der Geste käme statt in den Memoiren.

PS:

Apropos Fußball und Rote Karte, die WM biegt in die Endphase, und es gibt – neben sportlich faszinierenden K.o.-Spielen – den handfesten politischen Eklat um US-Präsident Trump und Gianni Infantinos FIFA. In der neuen Folge unseres WM-Podcasts BALL IN SICHT (sie geht live am 9. Juli, 14 Uhr) zeichnen Klaus Brinkbäumer und Rüdiger Barth die Anatomie dieses Skandals nach – wie immer im LAND IN SICHT-Kanal, überall, wo's Podcasts gibt und auf YouTube.




A U F  E I N  W O R T

Warum so zuversichtlich, 
Christian Sewing?

Der CEO der Deutschen Bank über die neue Geschwindigkeit in Europa, die Kapitalmarktunion als größtes Wachstumspotenzial – und warum ihn der Schulterschluss von Wirtschaft und Politik in Deutschland optimistisch stimmt.

Christian Sewing ist seit 2018 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank.

Bild: KT Guttenberg

NEULAND: Christian, was gibt Ihnen dieser Tage Zuversicht, wenn Sie auf Europa blicken?

Christian Sewing: Ich sehe in Europa auf der einen Seite eine klare Analyse, wo unsere Schwächen liegen – aber zum ersten Mal auch echte Bewegung in politischen und regulatorischen Entscheidungen. Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum werden wieder in den Mittelpunkt gestellt, und zwar mit Schritten, die wir in Europa so bisher nicht gesehen haben. Die Coalition of the Willing, um das neudeutsche Wort zu benutzen, zeigt mir: Wenn wir schon nicht mit allen 27 gleichzeitig vorangehen, dann gehen eben einzelne Länder voran. Genau das brauchen wir – dieses Momentum, diese Geschwindigkeit. Das gab es vor ein paar Jahren noch nicht. Und das gibt mir Zuversicht, dass wir endlich Bewegung bekommen.

NEULAND: Zum Beispiel in Sachen Kapitalmarktunion?

Christian Sewing: Meines Erachtens das Kernstichwort. Denn wir brauchen dieses Kapital, um Wachstum, Innovation und Investitionen zu finanzieren. Der Draghi-Report ist hervorragend – aber er sagt eben auch, dass wir rund 800 Milliarden Euro oder sogar mehr pro Jahr investieren müssen. Das können wir nicht allein mit öffentlichen Mitteln stemmen. Wir brauchen den privaten Kapitalmarkt. Deshalb ist die Kapitalmarktunion das günstigste Wachstumspotenzial, das wir in Europa haben – und deshalb ist gerade hier die Coalition of the Willing so wichtig.

NEULAND: Deutschland stellt sich gerade reformfähiger auf – so scheint es zumindest. Wie blicken Sie auf unser Land?

Christian Sewing: Auch da bin ich zuversichtlicher – nicht nur wegen der Bereitschaft der Regierung, Schritte zu gehen. Gerade die Rentenreform ist ein wirklich guter und begrüßenswerter Schritt, der übrigens außerhalb Deutschlands absolut positiv gesehen wird. Was mich aber ehrlicherweise am meisten zuversichtlich macht, ist die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik. Man merkt, dass es – bei aller konstruktiven Kritik – zu einem Schulterschluss kommt. „Made for Germany" ist eine Initiative, die zeigt: Wir wollen, dass Deutschland wieder wächst und wettbewerbsfähig ist, und dass sich Corporate Leaders dafür einsetzen. Das ist genauso wichtig wie politische Entscheidungen.

Mit Christian Sewing sprach KT Guttenberg. Sie finden das Gespräch auch auf YouTube.


O – T Ö N E

GYSI GEGEN GUTTENBERG & 

LAND IN SICHT &

MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Mittwochs: 
GYSI GEGEN GUTTENBERG

Was bedeutet uns noch Höflichkeit?

­„Das Ordnungsgeld im Bundestag für unflätige Zwischenrufe ist, glaube ich, auf 4.000 Euro erhöht worden. Und es gibt mittlerweile eine Kaskade von Ordnungsrufen, Sitzungsausschlüssen und Ähnlichem. Du sitzt noch drin im Bundestag, Gregor. Bei mir ging es damals schon rund, aber mittlerweile ist das ein ziemlicher Affenzirkus geworden, oder?“

KT Guttenberg, Pooodcaster 

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„Das liegt an der neuen Kultur durch den Einzug der AfD – weil die sich mit den anderen auf eine Art und Weise auseinandersetzen, die es vorher so nicht gab. Aber die anderen reagieren auch entsprechend auf die AfD. Das ist also auch deren Fehler. Ich habe mal die Zwischenrufe bei mir gelesen. Ich verstehe diese Rufe akustisch sowieso nicht, aber hinterher lese ich sie im Protokoll. Was die AfD da sagt, ist so absurd.“

Gregor Gysi, Pooodcaster 

­Reinhören =>­

L I V E  E R L E B E N 

GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR

Sehen wir uns?­

  • Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26

  • Bochum, RuhrCongress, 30.10.26

  • Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26

­Tickets =>­


Dienstags: 
LAND IN SICHT

Sind Straßenblockaden Gewalt?

„Es ist immer sehr leicht, sich auf das Spektakulärste zu konzentrieren, nämlich vermummte Gewalt. Aber so etwas wie Straßenblockaden zähle ich nicht zur Gewalt. Und meine persönliche Sicht darauf ist: So etwas wie Straßenblockaden sind absolut in Ordnung, wenn man es mit einer Partei wie der AfD zu tun hat, die so viel Schlimmeres mit unserem Land und sehr vielen Menschen vorhat als sich auf die Straße zu setzen.“

Peter Greve, Team LAND IN SICHT 

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„Trotzdem müssen wir aufpassen, dass wir genau das andere deswegen nicht verschweigen. Das kommt leider auch zu häufig vor. Dann heißt es: ‚Okay, das geht gerade noch, und über das andere redet man halt nicht.‘ Ich finde, man muss als Demokrat über Gewalt – egal, auf welcher Seite sie geschieht – nicht nur reden, sondern man sollte sie auch verurteilen.“

KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT 

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­Reinhören =>­­­­


Wie gespalten ist das Volk der USA?

„Die Kritiker Amerikas versus die ‚Pro-American-everything‘-Fraktion spalteten sich früher nicht so in die Lager der politischen Parteien auf. Jetzt spaltet sich die Bevölkerung wirklich in MAGA und Democrats, während es damals okay war, die Regierung zu kritisieren, egal, welcher Partei du dich zugehörig fühltest. Du konntest auch innerhalb deiner Partei sagen: Ich bin gerade nicht zufrieden mit Watergate und damit, dass wir in die Parteizentrale der anderen einbrechen.“

Ricardia Bramley, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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„Du wurdest damals eben auch nicht sofort von der Parteispitze verfolgt oder des Amtes beraubt – mit teilweise wüsten, mafiaähnlichen Methoden wie heute. Auf der anderen Seite gab es natürlich auch schon damals die harte Spaltung zwischen Democrats und Republicans. Da hat man sich nichts geschenkt. Diese Zweiteilung ist schon immer eine recht harte Bruchlinie gewesen. Nur ist sie mittlerweile ein Krater geworden, der kaum noch überwindbar zu sein scheint.“

KT Guttenberg, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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HEY, KT!

"Warum weinen Männer jetzt öffentlich?"

Fragt BALL IN SICHT-Hörerin Carmen Nusselt aus Nürnberg

Argentiniens Fußball-Star Lionel Messi in Tränen, nach dem 3:2 über Ägypten, einem Achtelfinal-Sieg bei der WM.

Bild: Magenta.TV

"Jetzt? Ernsthaft? Verehrte Fragestellerin, Männer weinen öffentlich, seit es Öffentlichkeit gibt. Neu ist nicht die Träne. Eher, dass wir sie wieder sehen dürfen, ohne dass jemand hastig das Licht ausschaltet.

Ein Blick in die Bibliothek: Odysseus, der listenreichste Mann der Weltliteratur, sitzt bei Homer sieben Jahre am Strand der Kalypso und weint. Täglich, in Serie, mit Blick aufs Meer. Achill heult um Patroklos, dass die Götter zusammenzucken. Im Rolandslied rauft sich Karl der Große den Bart, während seine Ritter reihenweise ohnmächtig vom Pferd kippen. Eine Szene, gegen die jede moderne Trainerbank wie ein Meditations-Seminar wirkt. Und einer der kürzesten Verse der Bibel, Johannes 11,35, lautet in erhabener Knappheit: „Jesus weinte.” Kein Kommentar der Jünger. Es war ganz offenkundig in Ordnung. In der Luther-Übersetzung heißt es wiederum etwas lyrischer: „Und Jesus gingen die Augen über.“

Die Träne war jahrtausendelang keine Schwäche. Vielmehr diente sie als Charakterbeweis: Wer weinen konnte, hatte eine Seele, und wer eine Seele hatte, dem konnte man trauen. Goethes Werther ließ noch einen ganzen Kontinent junger Männer in Tränen ausbrechen. Erst das neunzehnte Jahrhundert erfand den trockenen Mann. Fabrik, Kaserne, Kontor: Die Träne wurde wegrationalisiert, wie alles ohne messbare Rendite. „Ein Junge weint nicht” ist also keine ewige Wahrheit, sondern eine industrielle Norm, ungefähr so alt wie die Dampflok und deutlich weniger charmant gealtert.

Dass sie nie funktionierte, zeigt die Praxis. Churchill weinte öffentlich mit einer Regelmäßigkeit, die seine Zeitgenossen längst eingepreist hatten. Paul Gascoigne schluchzte 1990 im WM-Halbfinale so herzzerreißend, dass England ihm nicht die Männlichkeit absprach, sondern den Fußball als Nationalgefühl zurückeroberte. Barack Obama wischte sich 2016 vor laufenden Kameras die Tränen aus dem Gesicht, als er über die erschossenen Kinder von Sandy Hook sprach. Und im September 2025 stockte Friedrich Merz in der wiedereröffneten Münchner Synagoge an der Reichenbachstraße mitten in der Rede, kämpfte mit den Tränen, verlor – und gewann doch. Denn was hätte an diesem Ort eine ungerührte Stimme bewiesen? Es gibt Momente, in denen die Fassung zu wahren bedeutet, die Lage zu verfehlen.

Nun die Wissenschaft. Bis etwa zum dreizehnten Lebensjahr weinen Jungen und Mädchen gleich oft. Danach klafft die Schere weit auf: Männer weinen sechs- bis siebzehnmal im Jahr, Frauen dreißig- bis vierundsechzigmal. Die Differenz wird nicht geboren, sie wird anerzogen – mit dem Stimmbruch kommt das Tränenverbot. Und wann weinen Männer dann doch? Überdurchschnittlich oft aus Mitgefühl und vor Freude – also wenn sie über sich hinausgehen, nicht wenn sie in sich zusammenfallen. Keine schlechte Bilanz. 

Lionel Messis verheultes Antlitz nach dem Sieg gegen Ägypten bei der diesjährigen WM stützt die These. Ronaldos wässrige Augen nach dem Ausscheiden Portugals widersprechen ihr wohl.

Warum also „jetzt”? Vielleicht, weil eine Generation nachwächst, die den Unterschied zwischen Fassung und Haltung kennt. Fassung ist, was man wahrt. Haltung ist, was man hat. Das eine kann man verlieren, ohne das andere einzubüßen. Und vielleicht, weil wir endlich verstehen, dass das männliche Schweigen über das Innenleben kein Heldentum war, sondern ein Gesundheitsrisiko mit Krawatte.

Bleibt die Grenze: Die Träne taugt nicht als Instrument. Wer strategisch weint, hat das Weinen verraten – echte Tränen haben ein Timing, das keine Medienberatung der Welt hinbekommt. Aber die ehrliche Träne des ehrlichen Mannes? Die war nie das Problem. Das Problem waren hundertfünfzig Jahre, in denen wir so taten, als gäbe es sie nicht. Odysseus wusste es besser. Und der saß immerhin an einem Strand, an dem ihn niemand filmte."

­Meine Frage an KT­

Die größte aller Familienserien 

­

Haben wir nicht alle mal Phasen, in denen man Trost und Zuversicht gebrauchen kann? Dann hier der Sommertipp: Gut gemachte Familienserien (BRD der 80er: Diese Drombuschs, US-Westküste 2010er: Parenthood) geben uns bekanntlich berührende und ermutigende Einblicke in den Alltag der anderen, sie nehmen uns huckepack mit auf diese Achterbahnfahrt namens Leben. THIS IS US leistet all das – und noch viel mehr. Diese sagenhaft komplexe und zugleich zugängliche Serie, die das ZDF jetzt in Gänze bietet, erzählt die Geschichte der Pearsons, die tragisch sein könnte, wenn sie nicht so beglückend wäre. Wie mühelos die Macher mittels Setdesign, Moden, Musik, Themen, Schauspielern permanent zwischen den Jahrzehnten springen, wie nahtlos funktioniert, dass jede Figur glaubwürdig in den verschiedensten Phasen ihres Lebens gezeichnet wird – das gibt uns Zuschauern das Gefühl, das ganze Panorama dieser Familie zu verstehen, alle Handlungsmotive, alle Traumata, alle Momente der Erfüllung. Und am Ende begreifen wir: Was wir da über sechs Staffeln gebannt verfolgt haben, das waren in der Tat wir selbst. (rüb)

THIS IS US. TV-Serie. 6 Staffeln. ZDF-Mediathek 

­Zur Serie =>­


Liebe Leserin, lieber Leser, 

wie hat Ihnen diese Ausgabe von NEULAND Update gefallen? Schreiben Sie uns gern: feedback@guttenberg.media 

Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst, Ihr KT Guttenberg­


T E A M  G U T T E N B E R G

KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.

Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.

Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.

Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.

Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.

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