Die dritte deutsche Fußball-Revolution

  • WM-Aus der DFB-Elf: Zeit für die dritte deutsche Fußball-Revolution! Ein Plädoyer von Rüdiger Barth

  • KT Guttenberg: Zwei Top-Ökonomen und ihr Zehn-Punkte-Plan für Deutschland – Gespräch mit Markus K. Brunnermeier und Stefan Kolev

  • Eine App voller Erinnerungen – und was Menschen daraus machen. Der große Roman "Candy Haus" von Jennifer Egan

Meine Insights der Woche – 02. Juli 2026­


Guten Morgen,

kürzlich traf ich zwei bemerkenswerte Vordenker der deutschen Wirtschaftswissenschaften. Markus K. Brunnermeier und Stefan Kolev haben einen ungeschminkten, aber konstruktiven Blick auf unser Land – und legten jüngst sehr konkrete Ansätze vor, wie Deutschland wieder in die Spur kommen kann. Ihre „Agenda des Aufbruchs" – Sie finden den Aufsatz unter diesem Link – wird im politischen Berlin zu Recht intensiv diskutiert. Darin werben die Forscher dafür, dass Deutschland und Europa nicht den Status quo absichern sollen, sondern vielmehr ihre Resilienz stärken. Resilienz, das meint hier: die Fähigkeit, sich nach Schocks neu zu erfinden, statt zur alten Normalität zurückkehren zu wollen.

Ob man die Thesen der Ökonomen teilt oder nicht, sollte jeder für sich entscheiden. Sicher aber ist: Sie liefern wertvolle Denkanstöße. Und sie stützen sich auf ein zukunftsgewandtes, tatkräftiges Bild von den Deutschen. Ihre Agenda versteht sich ausdrücklich als Aktualisierung der Sozialen Marktwirtschaft und als lagerübergreifender Kompass, nicht als technokratische Liste. Die Forscher fordern allerdings nichts weniger als eine andere Kultur des Denkens ein. Und sind zugleich überzeugt, dass die Deutschen dazu in der Lage sind.

Ich bin gespannt, was Sie von ihren Ideen halten. Schreiben Sie uns gern: feedback@guttenberg.media

PS: Deutschland ist zwar raus beim Turnier, unser WM-Podcast BALL IN SICHT mit Klaus Brinkbäumer und Rüdiger Barth läuft natürlich aber munter weiter. Immer im LAND IN SICHT-Kanal, überall, wo's Podcasts gibt und auf YouTube. Rüdiger Barth, früherer Sportchef des stern, Mitglied in unserem TEAM GUTTENBERG, skizziert zum Einstieg in diesen Newsletter, wie dem deutschen Fußball wieder der Anschluss an die Weltspitze gelingen könnte. Es wird Zeit...


P E R S P E K T I V E

Die dritte Fußball-Revolution, bitte!

Wie die Nationalmannschaft die Nation wieder begeistern kann? Deutschland hat Talente und eine leistungsfähige Struktur, aber es muss künftig auch Abenteurer fördern, jene Freigeister, die bisher von DFB und Klubs aussortiert werden. Ein Einwurf von Rüdiger Barth

Abenteurer im deutschen Nationaltrikot, von der KI imaginiert.

Visualisierung: Pollo.AI

Hand aufs Fan-Herz: Je länger diese WM dauert, desto klarer wird, wieviel der deutschen Nationalmannschaft zur Weltspitze derzeit fehlt. Wenn man sieht, wie die Franzosen wirbeln, wie die Spanier die Räume verdichten, wie die Mexikaner verteidigen – es passt schon, dass das DFB-Team bereits im Urlaub ist. Die deutschen Spieler wollten zwar. Aber sie konnten nicht.

Ein Jahrzehnt schon lebt der deutsche Fußball im selbstgeschaffenen Schwarzen Loch, nein: im weißgewandeten Loch der Zweitklassigkeit. Ob nun Julian Nagelsmann Bundestrainer bleibt oder nicht, ob Jürgen Klopp anheuert (was ich wirklich gern erleben würde) – es geht bei der Bewältigung der Krise um viel mehr als den Namen des Bundestrainers. Es geht um einen grundsätzlichen Wandel im Selbstverständnis des deutschen Fußballs. Und jetzt die gute Nachricht: Der Leidensdruck ist groß genug dafür.

In früheren Jahren war der Deutsche Fußball-Bund tatsächlich zweimal in der Lage, einen solchen Leidensdruck in eine konstruktive Zukunftsagenda umzuwandeln. Nach der missratenen EURO 2000 (mit dem Libero Lothar Matthäus, 39 Jahre) trat Teamchef Erich Ribbeck zurück – und der DFB revolutionierte die Nachwuchsschulung, Akademien wurden für Profiklubs zur Verpflichtung. Es entstand ein bis heute verfeinertes, international bewundertes System der Talentförderung, das laut DFB in aktuell 339 Stützpunkten Tausende junger Spieler ausbildet. Aus diesen Quellen speist sich das Reservoir an Talenten, aus denen später ein Bundestrainer schöpfen wird, und dank dieses Systems wuchs bis 2014 ein großes Team heran. Die Einführung dieses Systems war eine Revolution – die erste deutsche Fußball-Revolution der Neuzeit.

Nach der schlappen EURO 2004 trat Teamchef Rudi Völler zurück, und der DFB traute sich, sich von Jürgen Klinsmann das System Nationalmannschaft in die Luft sprengen und neu zusammensetzen zu lassen (wie das Klinsmann nannte). Woraus bestand diese zweite Revolution? Sie war rhetorisch überladen, aber substantiell: ein Sportdirektor namens Oliver Bierhoff wurde installiert, der fachkundige Assistent Joachim Löw durchgesetzt, systematisches Scouting eingeführt, und amerikanische Fitness-Experten stießen hinzu. Klinsmann forderte provokant ein höheres Leistungsbewusstsein ein. Sein Weg führte über Treibsand, doch am Ende stand bei der Heim-WM 2006 der 3. Platz mit einer Mannschaft, die die Deutschen verzückte. Und 2014 erntete man die Früchte all dessen: den Weltmeistertitel.

Mit diesem Triumph jedoch wurde der DFB satt, der Matchplan der Nationalmannschaft heißt seitdem Komfortzone statt Gegenpressing. Nach der WM-Blamage 2018 geschah erst mal – gar nichts, Weltmeistertrainer Joachim Löw durfte bleiben. Nach der WM-Pleite 2022: gar nichts, Hansi Flick durfte bleiben. Und jetzt, nach dem Scheitern 2026, geschieht erneut gar nichts? Oder springt der DFB endlich wieder in die Zukunft?

Die Talente schult man nach eingeschliffenen Mustern, dabei erlebt der Weltfußball schon länger eine explosive Entwicklung der Athletik und Hochgeschwindigkeitstechnik. Deutsche Spieler werden derweil weiter vielseitig ausgebildet, polyvalent, wie manche sagen, alles könnend, leider meist ohne Spezialbegabung auf Weltklasseniveau. Das Ergebnis zeigt sich in der Spitze: Deutschland hat das Verteidigen verlernt und so gut wie keine Tempodribbler. Wagemut und Improvisation sind offensichtlich keine Eigenschaften, zu denen je ein Trainer inspiriert hätte.


Was nun die überfällige nächste Revolution sein muss, die dritte dieser Reihe? Die Nationalmannschaft braucht unbedingt mehr Einfallsreichtum, mehr Anarchie und Abenteuerlust, mehr Dynamik und innere Freiheit. Ja, solche Fähigkeiten kann man systematisch fördern. Frankreich macht dies, auch Spanien, neuerdings auch England, jeweils mit einem eigenen Weg. 

Frankreich betreibt seit 1988 das nationale Leistungszentrum in Clairefontaine, das Ergebnis spricht für sich. In Spanien arbeiten alle Klubs in eine Spielidee hinein – und so beherrschen mehrere Dutzend Aktive Gegenpressing und Passspiel auf höchstem Niveau. England hat sein Wissen gebündelt und erlebt nunmehr eine Talenteschwemme, Trainer Thomas Tuchel konnte Stars wie Phil Foden zuhause lassen, die ihm nicht ins Konzept passen.

Auch diese dritte Revolution muss ganz unten ansetzen. Schon die Ausbilder der Jüngsten sollten anders incentiviert werden, weniger auf Ergebnis spielen lassen, weniger taktische Korsetts anlegen müssen. Wünschenswert wäre ein konsequentes Scouting von athletischen, mentalen, kreativen oder spielintuitiven Hochbegabungen – solche Typen fehlten dem deutschen WM-Kader eindeutig. Es geht um einen schärferen Blick für individuelle Klasse. Und dann: um mehr Geduld, mehr menschliche Wärme. Mehr Verständnis für Entwicklungen in der Pubertät, für unterschiedliche Geschwindigkeiten der Reifung. Plus, das ist klar: bestmöglicher Einsatz von KI, die Ausnutzung aller technologischen Möglichkeiten, um Entwicklungslinien von Fähigkeiten besser zu begreifen.


Der lebensfrohe Stürmer Deniz Undav musste vor Jahren ins Ausland wechseln, um sein Talent ausreizen zu können – und in Deutschland spät irgendwann erkannt zu werden. Auf diesen einen Undav jedoch kommen vermutlich Dutzende ähnlich genialisch veranlagter Undavs, an die ihre Trainer nicht genug geglaubt haben und deren Potential verloren ging. 

"Um wieder Fußball-Deutschland zu werden, müssen wir jetzt richtig ran an die Nummer", hat Jürgen Klopp nach dem Ausscheiden in einem Interview gesagt. Klopp war in Mainz, Dortmund und Liverpool als Trainer dafür bekannt, Talente von inneren Zweifeln befreien zu können und Spielern wie Fans den Glauben zu geben, dass es wirklich glücken kann. Fortune ging dem deutschen Team ja auch ab. Fortune kann man sich erarbeiten.

Klopps Nummer zumindest dürfte der DFB haben. ­

Rüdiger Barth vom TEAM GUTTENBERG berichtete 2002 und 2006 für das Magazin stern von der Fußball-WM. Er schrieb u.a. "Die 10 – Magier des Fußballs" (mit Giuseppe Di Grazia) und "Ballack. Der Weg" (mit Bernd Volland). Im Podcast BALL IN SICHT redet er regelmäßig mit Klaus Brinkbäumer über die wunderbaren Dramen dieser WM.

­Zu BALL IN SICHT =>­


I N S I G H T S

Der Zehn-Punkte-Plan

Die renommierten deutschen Ökonomen Markus K. Brunnermeier und Stefan Kolev haben mit ihrer "Agenda des Aufbruchs" eine echte Reformdebatte ausgelöst, die quer durch die politischen Lager läuft. Worauf zielen ihre wichtigsten Gedanken? 

"Der deutsche Michel sprengt seine Ketten", wie von der KI gesehen.

Visualisierung: Pollo.Ai

Die Bausteine der "Agenda des Aufbruchs"

Ihren 30-seitigen gedankenreichen Aufsatz leiten die Forscher mit einem Hinweis ein, der auf den ersten Blick banal klingen mag – aber wenn man ihn genau liest, liest man die zugrunde liegende Zuversicht ebenso mit wie die darin steckende Warnung: "Deutschlands Zukunft hängt entscheidend von seiner Resilienz ab. Wachstum und Fortschritt sind nicht selbstverständlich – und bleiben aus, wenn man sich nicht an das Neue anpasst." 

Wie könnte denn nun nach Ansicht von Markus K. Brunnermeier und Stefan Kolev beides gelingen, die Anpassung an das Neue, die Stärkung der Resilienz?

1. Um-Industrialisierung
Deutschlands Stärke, so sagen die Ökonomen, liege nicht etwa in bestimmten Produkten wie Autos oder Maschinen, sondern vielmehr in den für deren Produktion nötigen Fähigkeiten: das Wissen der Ingenieure, die akademische Infrastruktur, die präzise Art und Weise, wie komplexe Prozesse gemeinschaftlich erarbeitet werden. Diese Fähigkeiten gelte es nun auf neue Technologien zu übertragen, auf KI, Biotech, innovative Werkstoffe. 

2. KI in der Breite anwenden
Bei der KI-Forschung sei Deutschland vorne dabei, beim alltäglichen Einsatz allerdings hänge es hinterher, sagen die Forscher. Entscheidend sei nun nicht, sagen die Wissenschaftler, mit den USA und China um die größten KI-Modelle zu konkurrieren. Stattdessen müsse man sich zum Ziel setzen, KI weltweit am erfolgreichsten in die eigene Industrie und Wirtschaft einzubauen.


3. Daten als Chance
Daten, darauf weisen die Autoren hin, würden hierzulande vor allem als Datenschutzrisiko gesehen – das bremse Innovation, gerade bei KI und Medizin. Ihr Vorschlag: Deutschland solle sichere Verfahren entwickeln, mit denen sich Daten nutzen lassen, ohne sie preiszugeben. Damit könne Deutschland zum Vorreiter für vertrauenswürdige Dateninfrastruktur werden.

4. Forschung und Verbände erneuern
Deutschlands Forschung sei eng an die bestehende Industrie gekoppelt, daher tue man sich mit sprunghaften Innovationen eher schwer. Und wenn es mal gelinge, würden am Ende andere oft die Früchte tragen, wie das Beispiel MP3 zeige. Es brauche demnach eine mutigere, unbürokratischere Förderung und mehr personellen Austausch zwischen Wissenschaft, Industrie und Start-ups. Auch Verbände und Gewerkschaften sollen den Wandel aktiver als bislang begleiten.

5. Staat als Schiedsrichter, nicht als Lenker
Mehr Demut für den Staat: Er solle gute Rahmenbedingungen schaffen – Stichworte sind Rechtssicherheit, Infrastruktur, weniger Hürden für Experimente –, aber nicht der Versuchung erliegen, selbst vermeintliche Technologie-„Gewinner" auszuwählen. Wo der Staat das versucht habe (als Beispiele werden Northvolt, Intel und die Maut genannt), sei dies oft teuer gescheitert.

6. Übergänge statt Arbeitsplätze schützen
Hier schlagen die Ökonomen einen Paradigmenwechsel vor: Nicht der einzelne Arbeitsplatz solle geschützt werden, sondern der Mensch beim Wechsel von einem Job zum nächsten sei zu schützen. Zu ihrem Ansatz gehören Weiterbildung als Normalfall, eine Sozialversicherung, die den Jobwechsel nicht bestraft, und mehr Sicherheit in der Übergangsphase – ein Modell, das sich am dänischen Vorbild orientiert.

7. Ein Sozialstaat, der voranbringt
Für Brunnermeier und Kolev sollte der Sozialstaat vor allem dazu da sein, Menschen zu befähigen, irgendwo neu anzufangen – und dies durch Bildung, Gesundheitsförderung und gute Infrastruktur zu ermöglichen, weniger mit finanzieller Unterstützung. Dazu gehöre, das Rentensystem demografiefest zu machen und stärker an den Kapitalmarkt anzubinden, damit auch Normalverdiener von dessen Renditen profitieren.

8. Steuern, die Wandel belohnen
Die Ökonomen plädieren für ein Umdenken: Das Steuerrecht sollte einfacher und durchschaubarer werden und berufliche Übergänge – etwa den Schritt in die Selbstständigkeit – nicht erschweren. Wichtig sei auch eine andere, positivere Kultur des Scheiterns. Ohne unternehmerisches Risiko könne nichts Neues entstehen.

9. Energie: mehr Optionen offenhalten
Auch hier argumentieren die Forscher entschieden: Statt früh auf einzelne Pfade zu setzen, solle Deutschland ein breites Energieportfolio offenhalten und stärker europäisch denken. CO₂ solle konsequent einen Preis haben, die Einnahmen aber sollen als Klimageld an die Bürger zurückfließen – und die Systemkosten sollen sinken, statt einzelne Strompreise zu subventionieren.

10. Europa und Sicherheit gemeinsam denken
Bei diesem Thema differenzieren Brunnermeier und Kolev: Europa solle dort zusammenstehen, wo Größe zählt (Binnenmarkt, Handel, Finanzen, Verteidigung), und wiederum dort vielfältig bleiben, wo Anpassung zähle. Bei der Verteidigung gehe es darum, vor allem Fähigkeiten zu beschaffen statt einzelne Waffensysteme – und Cybersicherheit als Fundament für alles andere zu begreifen. (red)

Lesen Sie dazu das folgende Gespräch mit KT Guttenberg.



A U F  E I N  W O R T

Warum so zuversichtlich, Stefan Kolev und Markus K. Brunnermeier?

Ein Gespräch über die Soziale Marktwirtschaft im KI-Zeitalter, eine neue Kultur der Resilienz und des Scheiterns – und warum der Blick nach Osteuropa lehrreicher sein kann als der in die USA.

Zwei Professoren, die Deutschland voranbringen wollen: Stefan Kolev, Berlin, (links) und Markus K. Brunnermeier, Princeton.

Bild: KT Guttenberg

NEULAND: Professor Kolev, Professor Brunnermeier, Sie zählen zu den profiliertesten Ökonomen des Landes. Mit Ihrer „Agenda des Aufbruchs" haben Sie viel Aufsehen erregt. Was stimmt Sie zuversichtlich?

Stefan Kolev: Die Deutschen haben es in ihrer Geschichte immer wieder vermocht, ihren Frieden mit dem Kapitalismus neu zu schließen – das sollte uns auch diesmal gelingen. Die Soziale Marktwirtschaft ist die humanste Ordnung, die man sich vorstellen kann, um in einer dynamischen Marktwirtschaft ein würdiges Leben zu leben, auch in unseren schwierigen Zeiten.

Markus K. Brunnermeier: Zuversichtlich stimmt mich, dass die Probleme inzwischen erkannt werden. Fast jeder erkennt, dass wir uns ändern müssen – das ist der erste Grund. Und der zweite Grund ist: Wir haben die Talente, auf denen sich aufbauen lässt. Ein bisschen mehr Resilienz, ein bisschen mehr Anpassungsfähigkeit, dann geht es weiter. Deutschland ist ein starkes Land.

NEULAND: In den USA stößt das deutsche Sprechen über „Probleme" oft auf Unverständnis – dort heißt dasselbe „Herausforderung". Sind wir zu sehr im Problemdenken verhaftet, Herr Brunnermeier?

Brunnermeier: In gewissem Maße schon, das ist eine Frage der Einstellung. Aber wir können lernen, im Wandel zuerst die Chance zu sehen und das Neue selbst zu gestalten. 

NEULAND: Herr Kolev, wo liegen die Chancen konkret – an welchen drei, vier Stellen ist unmittelbarer Handlungsbedarf und könnte man handeln, ohne dass gleich das ganze Land in Flammen stünde?

Kolev: Der entscheidende Punkt ist – neben dem Befestigen des Sozialstaats und des Staats insgesamt – die Frage, wie wir innovativer werden: wie wir aus dem Potenzial des Einzelnen, aus dem Wissenschaftssystem, aus der klugen Verzahnung von angewandter Forschung und Industrie Neues entstehen lassen, ohne Angst vor dem Neuen. Das institutionelle Geflecht der Akteure ist vorhanden. Die Aufgabe ist, damit ins KI-Zeitalter aufzubrechen, indem wir die eigenen Stärken ausspielen und angstfrei in die Zukunft gehen – ohne Amerikaner oder Chinesen zu kopieren. Wir müssen unsere historische DNA erneuern und daran glauben, dass hier eine andere Zukunft entsteht: keine Kopie der eigenen Vergangenheit, aber auch keine Kopie amerikanischer oder chinesischer Zukunftsvorstellungen. Es ist alles da. Kommt das Mindset der Resilienz hinzu, brechen wir zu einem ganz eigenen, vielversprechenden Weg auf.

NEULAND: Resilienz verstehen Sie als Erneuerung, als Verjüngung des Denkens – ohne die Älteren aus dem Blick zu verlieren?

Brunnermeier: In einer Zeit, in der sich alles ändert und große Umwälzungen stattfinden, kann man nicht stillstehen, man muss sich verändern. Zugleich müssen wir eine Gesellschaft bleiben, die zusammenhält und sich gegenseitig hilft – mit Anreizen, Neues auszuprobieren und zu experimentieren. Und wenn es nicht klappt, kann man zurückfedern, besser noch: nach vorne federn.

NEULAND: Das heißt auch, eine neue Kultur des Scheiterns.

Kolev: Eine neue Kultur des Scheiterns, des Experimentierens, des Nicht-Perfektionismus – eine Kultur des „gut genug" statt des Optimalen. Wir müssen über Arbeit heute nachdenken, über den Kapitalmarkt, vor allem aber über Innovation – mit Schumpeter gesprochen: über die schöpferische Zerstörung. Bislang sehen wir vor allem das Zerstörerische, das uns sofort trifft; wir müssen wieder an das Schöpferische glauben, das oft erst etwas später eintritt. Über diese Kultur müssen wir genuin nachdenken. Die Politik kann kurzfristige Impulse setzen, doch die langfristige Erneuerung findet in unseren Köpfen statt. Es geht um einen kulturellen Wandel hin zu einem Mindset, das mit den Ängsten des Wandels auf neue Weise umgeht.

NEULAND: Mit diesen Ängsten spielen bei uns gewisse Parteien. Was lässt sich von den USA lernen, was dieses Mindset angeht – und steckt nicht genug Kraft in diesem Land für eine eigene Handschrift?

Brunnermeier: Lernen lässt sich die Stehaufmännchen-Mentalität, die ist sehr wichtig. Was Deutschland besser kann und was der Resilienz hilft: Es ist deutlich kohäsiver, die Gesellschaft hält stärker zusammen, während die USA weit polarisierter sind. Man braucht beides – die Kohäsion, das Zusammenhalten also, und die Stehauf-Mentalität. Am Letzteren kann Deutschland noch arbeiten.

Kolev: Und man muss nicht immer in die USA schauen. Von Berlin aus fahren wir mit der Regionalbahn nach Polen. Wer sich Osteuropa der vergangenen 35 Jahre ansieht, erkennt: Sehr viele Menschen haben sich täglich Resilienz antrainiert. Sie haben verstanden, dass Hinfallen nur produktiv sein kann, wenn man wieder aufsteht und sich beim Aufstehen neu erfindet – denn der Job, der einen einst trug, existiert nicht mehr. Die erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung Osteuropas beruht auch darauf, dass diese Resilienz auf harte Weise gelernt werden musste. Wir müssen sie nicht auf die harte Art lernen, wenn wir uns auf die Soziale Marktwirtschaft besinnen. Eine Reise in die boomenden Metropolen Osteuropas ist – trotz des dort noch stärkeren demografischen Wandels – mindestens so lehrreich wie der Blick in die USA.

Zu den Forschern:

Markus K. Brunnermeier, geboren 1969 in Landshut, ist Edwards-S.-Sanford-Professor für Volkswirtschaftslehre an der Princeton University und Direktor des dortigen Bendheim Center for Finance. Bücher u.a.: Die resiliente Gesellschaft, Aufbau 2021. In Berlin gilt er als gefragter Impulsgeber. 

Stefan Kolev, geboren 1981 in Sofia, leitet seit 2023 wissenschaftlich das Ludwig-Erhard-Forum für Wirtschaft und Gesellschaft in Berlin. Als Stimme einer erneuerten Sozialen Marktwirtschaft warnt der gebürtige Bulgare vor der Abwanderung junger Menschen. Sein Buch Wohlstand für Junge erscheint demnächst im Herder-Verlag.

Mit Markus K. Brunnermeier und Stefan Kolev sprach KT Guttenberg. Sie finden das Gespräch auch auf YouTube.


O – T Ö N E

GYSI GEGEN GUTTENBERG & 

LAND IN SICHT &

MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Mittwochs: 
GYSI GEGEN GUTTENBERG

Wie wichtig sind lebensträume?

­„Viele würden sagen, wenn sie vor ein paar Jahren einem Elon Musk das erste Mal zugehört haben: Wir haben es da mit einem Quartalsirren zu tun. Der will auf den Mars, der will ein elektrisches Auto bauen, der will dieses und jenes, der will der reichste Mensch der Erde werden. Letzteres hat er geschafft, und er bastelt daran, auf den Mars zu kommen. Ich glaube, das ist keiner, der innerlich schon zur Hälfte abrüstet.“

KT Guttenberg, Pooodcaster 

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„Das Problem ist, dass Menschen, die so erfolgreich sind, die anderen zu Lebensträumen verführen, die für sie nicht real sind. Wenn du dann siehst, dass jemand, der aus den ärmsten Verhältnissen kommt, wie Gerhard Schröder, es bis zum Bundeskanzler schafft, dann weckt das natürlich Träume. Das darf man nicht unterschätzen.“

Gregor Gysi, Pooodcaster 

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­Reinhören =>­

L I V E  E R L E B E N 

GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR

Sehen wir uns?­

  • Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26

  • Bochum, RuhrCongress, 30.10.26

  • Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26

­Tickets =>­


Dienstags: 
LAND IN SICHT

 Was genau heißt "faschistisch"?

„Ich stelle schon fest, dass insbesondere in den sozialen Medien alles, was sich nur rechts der Mitte bewegt – nicht von allen, aber von immer mehr –, mit dem Wort faschistisch belegt wird. Ich glaube, damit muss man sehr vorsichtig sein, weil man damit unfreiwillig die Messlatte verschiebt und suggeriert, dass der historische Faschismus eben auch nur strenge Politik gewesen sei.“

KT Guttenberg, Host LAND IN SICHT 

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„Ich sehe es ein bisschen anders als die Kollegen: Ja, ab und zu wird es vielleicht zu viel verwendet. Die Äußerung des Linken Pantisano war bescheuert und faktisch falsch. Ich glaube aber, dass wir durchaus Begriffe brauchen und auch große Begriffe brauchen, um einige Dinge, die gerade auf der Welt passieren, zu bezeichnen.“

Peter Greve, Team LAND IN SICHT

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­Reinhören =>­­­­

L I V E  E R L E B E N 

LAND IN SICHT ON TOUR

Im Landhaus Walter in Hamburg steigt am 25. August ein besonderes Open-Air-Event mit unserer Crew Klaus Brinkbäumer, Ricardia Bramley und KT Guttenberg: die erste Live-Aufnahme von zwei LAND IN SICHT-Episoden. Inklusive Zuschauerfragen! Wir freuen uns sehr auf Sie.

DAS EVENT:
Hamburg, Landhaus Walter, 25.8.26

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­Tickets kaufen =>­


Hat Obama Versagt?

Wie bewertest du die Präsidentschaftszeit von Barack Obama? Also nicht ihn persönlich, sondern seine acht Jahre, gerade auch weil inzwischen ein bisschen Zeit ins Land gegangen ist. Nach ihm folgte, was damals lange unvorstellbar schien, Donald Trump.“

Ricardia Bramley, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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„Er hat ein Land hinterlassen, das reif war für einen Gegenentwurf. Und zwar für den krassesten Gegenentwurf, den man sich nur vorstellen kann. Obama davon freizusprechen, wäre eine absolute Verklärung. Man muss schon sagen: Der Gegenentwurf namens Trump ist nicht trotz Obama denkbar geworden, sondern teilweise auch wegen Obama. Mir ist ein Obama zwar um Lichtjahre lieber als alles, was wir heute haben. Ich finde ihn einen bemerkenswerten, großen Charakter. Aber wäre seine Präsidentschaft richtig erfolgreich gewesen, wäre ein Demokrat in seine Fußstapfen getreten – und hätte diese Linie auf Jahre weiter erfolgreich geführt.

KT Guttenberg, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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Redaktionstipp: HörenLesenGucken

Die App der Erinnerungen 

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Man stelle sich vor, es gäbe die Möglichkeit, seine Erinnerungen ins Netz hochzuladen – und so mit anderen Menschen zu teilen. Was wären die Chancen, was die Gefahren, welche Geschäftsmodelle entstünden – und wie würde sich das menschliche Zusammenleben verändern? Was die US-amerikanische Autorin Jennifer Egan aus dieser Idee gemacht hat, ist große Erzählkunst: ein reichhaltiges Ensemble, verschiedenste Perspektiven, Tonalitäten und Zeiten der Handlung, all das zusammengewoben zu einer faszinierenden Geschichte über eine durchdigitalisierte Gesellschaft. (rüb)

Jennifer Egan: Candy Haus. Roman. S.Fischer, 15 Euro. 

­Zum Verlag =>­


Liebe Leserin, lieber Leser, 

wie hat Ihnen diese Ausgabe von NEULAND Update gefallen? Schreiben Sie uns gern: feedback@guttenberg.media 

Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst, Ihr KT Guttenberg­


T E A M  G U T T E N B E R G

KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.

Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.

Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.

Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.

Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.

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