KT Guttenberg: Sieben Erkenntnisse, wie es im Nahen Osten weitergehen dürfte
KT Guttenberg: Sieben Erkenntnisse über die Folgen des Waffenstillstands zwischen Iran und den USA
USA und Europa – wir bleiben zusammen! William Cohen, früherer US-Verteidigungsminister, und Lord Charles Powell, ehemaliger Berater Margaret Thatchers, im Gespräch
Hey KT, ist dir eigentlich jemals langweilig?
Meine Insights der Woche – 25. Juni 2026
Guten Morgen,
am Vierwaldstättersee leisteten die Schweizer der Legende nach ihren Rütlischwur, der einst die Eidgenossenschaft begründete. Nun, wenige Kilometer weiter, trafen sich am Sonntag in einem Luxushotel am Bürgenstock Unterhändler Irans und der USA, um einen Weg zu finden, den Krieg im Nahen Osten zu beenden.
Was Irans Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf und US-Vizepräsident JD Vance schließlich unterzeichneten, könnte immerhin den Anfang eines Friedensprozesses markieren. Aber es bleiben zahlreiche offene Fragen – und mehrere ungelöste Konfliktlinien. Warum Iran strategisch gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen dürfte, warum Donald Trumps Wette nicht aufging, was wirklich getauscht wurde – Energie gegen Zeit, nicht Uran gegen Sicherheit – und wie sich Israel verhalten könnte: all das analysieren wir jetzt im NEULAND Update. Und natürlich beleuchten wir auch die Konsequenzen für Europa. Ich wünsche Ihnen eine bereichernde Lektüre!
Schreiben Sie uns gern, was Sie über dieses Thema denken: feedback@guttenberg.media
PS: Bei der durchaus spektakulären Fußball-WM beginnt bald die Knockout-Phase: Hören Sie doch mal rein in unseren WM-Podcast BALL IN SICHT mit Klaus Brinkbäumer und Rüdiger Barth. Immer im LAND IN SICHT-Kanal, überall, wo's Podcasts gibt und auf YouTube. Oder gleich hier.
Insights
Der wacklige Waffenstillstand
Iran und die USA haben ein Abkommen unterzeichnet. Aber was ist es wert? Sieben Erkenntnisse vom Vierwaldstättersee – wer gewinnt, wer verliert und wo die nächsten Fehlkalkulationen lauern
Vom Bürgenstock-Resort geht der Blick weit über den See. Das Luxushotel gehört dem katarischen Staatsfonds.
Bild: Bürgenstock-Resort
Eine Roadmap, ja – aber auch ein Plan?
Man sollte sich von der hübschen Kulisse des Vierwaldstättersees nicht täuschen lassen. Was Sonntagabend dort stattfand, war nicht der finale Akt eines Krieges, sondern die erste Verhandlungsrunde unter der Vorgabe eines dürren Memorandums, das Donald Trump vor einer Woche in Versailles signiert hatte.
Man einigte sich am Bürgenstock auf eine „Roadmap“: die Einrichtung eines Komitees mit politischer Oberaufsicht, ein Deeskalationsdraht in den Libanon, Teherans Zusage, die IAEA-Inspektoren wieder ins Land zu lassen, und die Versicherung beider Seiten, binnen sechzig Tagen zu einem finalen Abkommen zu kommen. US-Vizepräsident JD Vance nannte es eine „erfolgreiche Grundlage“. Irans Präsident Pezeshkian erklärte am selben Morgen, Iran werde vom Recht auf Urananreicherung „niemals zurücktreten“.
Beide Sätze stehen unwidersprochen nebeneinander. Genau das ist der Status quo: ein Verfahren, das läuft, über einer Substanz, die fehlt. Nicht wenige halten den Interimsdeal gar für schlechter als das Abkommen von 2015 (JCPOA) – die ultimative Kränkung für Trump. Die sechzig Tage Frist, um ein dauerhaftes Abkommen zu verhandeln, von Trump selbst als keine „harte Frist“ relativiert, werden wohl eher verlängert als erfüllt.
Bevor ich zu den Erkenntnissen komme, eine notwendige Schärfung – auch gegenüber jeder vorschnellen Sieger-Verlierer-Rechnung. Die Versuchung ist groß, diesen Krieg in einer einzigen Dimension zu vermessen. Er verlangt aber drei.
Operativ-militärisch hat Iran reale, schwere Schläge hingenommen: Der Zwölf-Tage-Krieg des vergangenen Jahres und die Schläge dieses Frühjahrs haben die bekannte nukleare Anreicherungsinfrastruktur weitgehend unbrauchbar gemacht; Beobachter sprechen von einem erheblich beschädigten Militärarsenal.
Strategisch-politisch dagegen steht Teheran gestärkter da als vor dem Krieg – das Regime hat überlebt, die Revolutionsgarden haben ihre Macht ausgebaut, die regionale Stellvertreter-Architektur, das Anreicherungsrecht und vor allem das Wissen wurden bewahrt; in der eigenen Wahrnehmung sowie in den Augen vieler anderer hat es einen Triumph errungen.
Innenpolitisch-wirtschaftlich schließlich bleibt Iran fragil, mit Legitimitätskrise und schrumpfender Wirtschaft – aber ohne die Schwächung der Eliten, auf die Washington gehofft hatte.
Wer all das zu einem einzigen Urteil verdichtet, verkennt die Komplexität der Lage. Ja, im Vergleich zu den zahlreichen Kriegszielen, die Trump mäandernd verkündet hatte, liest sich das Memorandum of Understanding wie eine Kapitulationserklärung der USA, unterschlägt aber gleichzeitig die militärische Substanz dessen, was zerstört wurde. Und die schlichte Formel der US-Regierung vom „Kriegsverlierer Iran“ verschweigt, dass der Iran bis dato die Deutungshoheit gewonnen hat.
Diese Asymmetrie ist der Schlüssel zu einer vorläufigen Bilanz.
US-Unterhändler JD Vance am Bürgenstock. Neben ihm Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif. Bild: Wikimedia Commons
Irans Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf, Sprecher des Parlaments, gilt als derzeit mächtigste Figur des Regimes.
Bild: Wikimedia Commons
Erstens
Der eigentliche Tauschhandel war Energie gegen Zeit, nicht Uran gegen Sicherheit.
Wir sollten die Reihenfolge der Zugeständnisse wie ein Kardiogramm der wahren Interessen lesen.
Was sofort kam: partielle Öffnung der Straße von Hormus, Ende der US-Blockade, Sanktionsbefreiungen für Irans Energiesektor, gebührenfreie Durchfahrt – befristet auf sechzig Tage.
Was vertagt wurde: das gesamte Nukleardossier, die Freigabe eingefrorener Vermögen in zweistelliger Milliardenhöhe, der 300-Milliarden-Wiederaufbaufonds.
Der Krieg endete nicht, weil eine Bombe ihr Ziel fand, sondern u.a. weil ein Fünftel des globalen Öls und Gases nicht mehr durch Hormus floss und Trump selbst von einer drohenden „ökonomischen Katastrophe“ sprach. Wer das begreift, begreift auch die Schwäche des Deals: Gekauft wurde Zeit, nicht eine Lösung des ursprünglichen Konfliktes.
Zweitens
Geographie schlägt Vertragstext – und Teheran weiß es.
Die gebührenfreie Durchfahrt gilt für sechzig Tage. Danach, so kündigte Irans Verhandlungsführer Ghalibaf bereits an, werde man „Gebühren für Dienstleistungen“ erheben; die Straße kehre „nicht zu den Vorkriegsbedingungen zurück“. Das Völkerrecht verbietet Mautgebühren in natürlichen Meerengen, erlaubt aber Entgelte für Lotsendienste, Versicherung, Sicherheit – eine dünne, aber leicht entzündbare Konfliktlinie.
Und die Landkarte offenbart potentielle „Geiseln“: Saudis und Emiratis besitzen Pipelines um die Engstelle herum, Kuwaitis, Kataris und Bahrainer nicht. Hier liegt die eigentliche Erkenntnis: Iran hat operativ schwere Schläge hingenommen – die Anreicherungsinfrastruktur ist offline, ein Großteil der Verteidigungsindustrie unbrauchbar – und hält doch den entscheidenden Hebel weiter in der Hand. Die militärische Schwächung hat seine wichtigste strategische Verhandlungsmasse nicht angetastet. Wer den Krieg über Zerstörungen bilanziert, übersieht, dass die eigentliche Währung dieses Konflikts nie das Schlachtfeld war.
Die Straße von Hormus – Nadelöhr der Ölwirtschaft, strategische Waffe Irans. Bild: Wikimedia Commons
Drittens
Ein Beteiligter steht an der Seitenlinie.
Das Abkommen von 2015 war multilateral, mit sechs Mächten gegenüber dem Iran umfasste es 159 Seiten. Das Memorandum von 2026 wurde bilateral ausgehandelt und füllt vierzehn Absätze. Israel – als Kriegsbeteiligter – ist kein Unterzeichner, obwohl Absatz eins das Ende der Kämpfe im Libanon und dessen territoriale Integrität verlangt, eines Landes, dessen Süden Israel besetzt hält.
Wer beim Verhandeln eines Abkommens nicht am Tisch sitzt, fühlt sich zu dessen Umsetzung nicht zwangsläufig verpflichtet. Premierminister Netanjahu hat erklärt, seine Truppen blieben; ein Minister seines Kabinetts schrieb, Trumps Abkommen binde Israel nicht. Dies offenbart eine Konstellation, an der das Memorandum zerbrechen könnte – und am Wochenende beinahe schon zerbrochen wäre, als Teheran Hormus kurzzeitig für geschlossen erklärte. Noch während am Bürgenstock verhandelt wurde, feuerten die Terrororganisation Hisbollah und die israelische Armee wieder aufeinander.
Viertens
Der Libanon ist der Lackmustest.
Nicht umsonst wurde in der Schweiz um einen Deeskalationsmechanismus für den Libanon gerungen: Der eigentliche Test findet nicht in den Zentrifugen von Natanz statt, sondern in den Dörfern südlich des Litani.
Darin liegt die Asymmetrie, die das Council on Foreign Relations als „Iran-Gewinn“ beschreibt: Teheran wollte seinen Stellvertreter Hisbollah schützen und die Entschlossenheit Washingtons testen, die Libanon-Frage aus den Verhandlungen herauszuhalten. Beides ist ihm gelungen. Wer wissen will, ob der Deal hält, schaue in das libanesisch-israelische Grenzgebiet, nicht nach Teheran.
Hier scheiden sich auch die Geister seriöser Analysten, und es lohnt, den Widerspruch stehen zu lassen, statt ihn zu glätten. Die eine Lesart – in Washingtoner Geheimdienstkreisen verbreitet – erwartet, dass Israel das Abkommen aktiv zu torpedieren sucht. Netanjahu wollte diesen Krieg nicht beenden, schon gar nicht zu diesen Bedingungen; das Memorandum lässt das Nukleardossier offen, schweigt zu Raketen und Stellvertretern, und die wirtschaftlichen Zuckerln wirken auf viele Israelis wie eine Rettungsleine für ein Regime, das man am Boden glaubte.
Die andere, kühlere Lesart hält diese Sabotage-Furcht für überzogen. Israel könne sich keinen vollen Bruch mit Washington leisten. Zudem könnten israelische Strategen schlicht kalkulieren, dass das Memorandum auch ohne ihr Zutun zerfällt – warum also den Rückschlag unnötig selbst provozieren? Schließlich, da der Krieg kein klares strategisches Ziel erreicht hat, könnten sie den Traum vom Regimewechsel widerwillig beiseitelegen und zum Schattenkrieg zurückkehren: verdeckte Sabotage statt offener Schläge, neue rote Linien in Abstimmung mit Washington.
Ein Präzedenzfall stützt diese zweite Lesart: Schon das JCPOA akzeptierte Netanjahu zähneknirschend und verlegte sich darauf, Irans Aktivitäten in Syrien und Libanon zu attackieren. Ein mögliches Szenario ist daher: Israel fügt sich – aber das schafft keine Stabilität, sondern bestenfalls eine Atempause, während alle Seiten die nächste Runde vorbereiten.
Entdecktes Waffenlager der Hisbollah im Libanon. Bild: ARD
Fünftens
Das gefährlichste Vakuum ist nicht rein militärisch.
Das ist die Erkenntnis, die in der Berichterstattung am häufigsten untergeht. Irans Anreicherungsinfrastruktur ist beschädigt, aber die Bestände hochangereicherten Urans existieren weiter, und die internationale Atombehörde IAEA hat seit den Schlägen kaum noch Zugang. Teheran könnte zum Schluss kommen, dass seine Fähigkeit, über Hormus die Weltwirtschaft zu stören, Abschreckung genug ist, um das Nuklearprogramm still wieder aufzubauen. Dass Iran gestern die Rückkehr der Inspektoren zusagte, ist das einzige substantielle Resultat – und zugleich eine Zusage, die Teheran schon einmal gegeben und zurückgenommen hat. Die Verschiebung der eigentlichen Frage auf sechzig Tage ist kein Aufschub; eher das Eingeständnis, dass es für sie auf Sicht keine verhandelte Antwort geben wird.
Sechstens
Das ganze Abkommen ruht auf einer einzigen, unwahrscheinlichen Wette – Geld gegen Verzicht.
Nachdem die Bomben Iran nicht bezwangen, versucht Trump es mit dem goldenen Holzhammer. Das ist, nüchtern betrachtet, die innere Logik des Memorandums: sehr viel Geld für Teheran – sofortiger Ölexport, perspektivisch die Freigabe eingefrorener Vermögen in zweistelliger Milliardenhöhe, Sanktionsabbau, ein Wiederaufbaufonds von mindestens 300 Milliarden Dollar – im Tausch gegen die glaubhafte Aufgabe jeder Bombenambition.
Die Wette ist simpel gestrickt: das Regime ist daheim unbeliebt und könnte das Geld dringend brauchen; und nachdem Iran die Meerenge zur Waffe gemacht hat, mag es im nuklearen Sprengkopf weniger Wert sehen als zuvor.
Doch es gibt gewichtige Gründe, an dieser Wette zu zweifeln. Irans Hardliner haben keinen Anlass, Amerika zu trauen; sie erwarten israelische Sabotage; ihr regionaler Einfluss speist sich gerade aus der Feindschaft zum „Großen Satan“; und das Nuklearprogramm verspricht Prestige und womöglich Schutz. Inspektoren werden Mühe haben, Täuschung zu verhindern. Die alte Versuchung – den Kuchen zu behalten und ihn zugleich zu essen, Uran und Geld – bleibt verführerisch.
Hier liegt die vielleicht wichtigste Erkenntnis über Trumps Methode: Sie unterstellt, der Gegner denke wie er, für den alles käuflich ist. Die erste Regel der Diplomatie aber lautet, sich den Gegner nicht nach dem eigenen Bilde zu denken.
Siebtens
Die teuerste verlorene Ressource steht in keinem Absatz – sie heißt Verlässlichkeit.
Die Golfstaaten, mitten in den größten Investitionsprogrammen ihrer Geschichte, ziehen aus dem Frühjahr eine Lehre: Der Schutzherr USA ist sprunghaft, der Krieg war aus ihrer Sicht unnötig, und er hat Iran womöglich gestärkt statt geschwächt. Zudem sollen laut Trump ausgerechnet die Golfstaaten die 300 Milliarden für den Iran bereitstellen. All dies treibt sie zu Absicherung – Nichtangriffspakte mit Teheran, Hedging zwischen Washington und alternativen Partnern, um Risiken zu verringern. Reduzierte Verlässlichkeit Amerikas als militärischer Verbündeter ist die harte Währung der Geopolitik, und man kauft sie nicht mit einem Reconstruction Fund zurück. Europa, das seine Sicherheit weiter zu großen Teilen aus Washington bezieht, sollte seine Schlüsse daraus ziehen.
Israel steht potentiell vor dem offensten Bruch mit Washington seit Jahren: Es zog in diesen Krieg und erlebt ihn als bittere Enttäuschung – Schulter an Schulter mit den Amerikanern gekämpft, nur um von Trump aus den Verhandlungen geschnitten und in seinem Feldzug gegen die Hisbollah ausgebremst zu werden. Der Krieg war strategisch ein Fehlschlag, weil Iran eine Bedrohung bleibt; das könnte Netanjahu im Oktober die Wiederwahl kosten, und jeder Nachfolger wäre den gleichen Bedrohungen ausgesetzt.
Die kleinen Golfstaaten ohne Pipeline-Alternative – Kuwait, Katar, Bahrain – sind Hormus-Gebühren künftig ausgeliefert; und keiner am Golf kann mehr sicher sein, wie bereitwillig Amerika künftig kämpft. Das treibt die Region auseinander: Manche werden Iran abzuschrecken suchen – die Emirate könnten noch engere Bande mit Israel knüpfen –, andere ihn zu beschwichtigen versuchen, wieder andere zwischen beidem lavieren.
Iran ist der eigentliche strategische Profiteur. Das Regime hat externe Schläge und die schwersten inneren Proteste seit Jahren überstanden, ohne nennenswerte Defektionen; es bewahrte Anreicherungsrecht, Raketenarsenal, Stellvertreter-Architektur und das Wissen, all das wieder aufzubauen.
Auch China gewinnt mittelbar. Jede beschleunigte Abkehr vom Öl, jede Erschütterung amerikanischer Verlässlichkeit spielt Peking in die Hände. Die Mediatoren – Pakistan, Katar, Oman – haben diplomatisches Kapital akkumuliert.
VERFÜHRERISCHE FEHLKALKULATIONEN
In Washington: Die Annahme, Sanktionsdruck zwinge Iran in ein umfassendes Abkommen, wäre die zentrale Fehlkalkulation. Teheran hat soeben demonstriert, dass es mehr Schmerz aushält als erwartet, und besitzt mit Hormus einen Hebel, der ohne Unterschrift wirkt. Zudem kalkuliert es mit dem Überdauern westlicher Legislaturperioden.
Die zweite Fehlannahme: dass ein bilaterales Memorandum ein multilaterales Verifikationsregime ersetzen könnte. Es kann es nicht. Die dritte, tiefste: dass sich nukleare Ambition mit Geld auskaufen ließe, weil der Gegner denke wie der Dealmaker, für den alles eine Frage des Preises ist. Wer so kalkuliert, verwechselt das eigene Wertesystem mit dem des anderen.
In Teheran: Die Annahme, der Hormus-Hebel sei dauerhaft, würde die strukturelle Verschiebung der Energiewelt ignorieren. Die Welt von 2026 braucht angesichts alternativer Quellen iranisches Öl weniger dringend als Iran dessen Verkauf. Kunden, die jahrelang andere Lieferanten fanden, kehren nicht zurück, nur weil eine Sanktion fällt. Macht, die man hortet, verfällt.
In Europa: Die größte Fehlkalkulation wäre, diesen Konflikt als Nahost-Episode abzulegen. Die eigentliche Botschaft des Bürgenstock-Abends gilt uns in Europa und vor allem auch uns Deutschen: Ein Verbündeter, der mit Maximalforderungen in einen Krieg geht und mit einem Verfahren herauskommt, hat seine Abschreckung beschädigt – und mit ihr die Statik einer Sicherheitsordnung, von der wir mehr abhängen, als uns lieb ist.
Das ist keine Lehre des Nahen Ostens. Es ist eine Frage an uns: wie lange wir uns Garantien leisten wollen, deren Mittel und deren Verlässlichkeit zugleich erodieren.
A U F E I N W O R T
Warum so zuversichtlich, William Cohen und Lord Charles Powell?
Der eine war US-Verteidigungsminister unter Präsident Clinton. Der andere beriet die britische Premierministerin Margaret Thatcher. Was sie gemeinsam haben: Sie glauben, dass die Vereinigten Staaten und Europa Partner bleiben werden
William Cohen, früherer US-Verteidigungsminister, links, und Lord Charles Powell, einst außenpolitischer Berater von Margaret Thatcher.
Bild: KT Guttenberg
NEULAND: Bill und Charles, ich habe das Vergnügen, mit zwei der bedeutendsten geopolitischen Denker zu reden, die ich kenne. Charles, Aufruhr allerorten, Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, das transatlantische Verhältnis in Trümmern: Was gibt Ihnen dennoch Zuversicht?
Lord Charles Powell: Das langfristige Denken. Ich halte wenig von der Vorstellung, eine neue Weltordnung sei plötzlich über uns hereingebrochen, fertig und fix. So entstehen Weltordnungen nicht – sie bilden sich über lange Zeiträume heraus.
Mich beunruhigt die europäische Haltung, die sagt: Die Beziehung zu Trump ist die neue Weltordnung. Das ist kurzsichtig. Wer langfristig denkt, weiß: Die Vereinigten Staaten werden Europa immer brauchen – schon angesichts von China und Russland auf der anderen Seite. Der einzig vernünftige Weg für Europa ist, auf eine bessere Beziehung zu den USA hinzuarbeiten und zu hoffen, dass sich die Haltungen dort wieder verschieben – hin zu gemeinsamem Handeln. Dafür werden beide Seiten Zugeständnisse machen müssen. Ich glaube, das ist möglich.
Bill, würden Sie zustimmen?
William Cohen: Präsident Trump hat sich alle Mühe gegeben, unsere Verbündeten zu brüskieren – für ihre Freundschaft, ihre Opfer, ihre vermeintliche Weigerung, seinen Maßstäben zu genügen. Das NATO-Bündnis ist einmalig – nie gab es eine militärisch-politische Organisation, die so lange Bestand hatte und so viel geleistet hat. Und nun stellt ein amerikanischer Präsident sie in Frage und beleidigt die Führungen Europas. Die meisten Kongressabgeordneten, mit denen ich gedient habe, teilen seine Haltung nicht. Sie ärgern sich, dass wir hochrangige Vertreter entsenden, um dem deutschen rechten Rand Zuspruch zu verschaffen – während Europa sich zu Unrecht verleumdet fühlt.
Aber lassen Sie mich den Blick umkehren: Warum diese europäische Faszination für Putin, für die Macht der Tyrannei? Newt Gingrich zitierte einmal Shakespeare, aus „Maß für Maß": Welch herrliche Sache, die Stärke eines Riesen zu besitzen – und welch grausame, sie wie ein Riese zu gebrauchen.
Genau das spüren viele Amerikaner. Wir haben die Stärke eines Riesen – militärisch, wirtschaftlich. Aber wir hatten immer auch eine Leitidee, die Menschen anzog. 2009 war ich in Südkorea; ein Minister sagte mir: Wenn Obama gewählt wird, ist das die Erneuerung des amerikanischen Traums – denn wenn ein Afroamerikaner der ersten Generation Präsident werden kann, ist alles möglich. Das ist unsere härteste Kraft. Doch diese Leitidee – das Sinnbild für Freiheit und Möglichkeit – wird jetzt beschädigt. Man schiebt jeden ab, der eine dunkle Hautfarbe hat und möglicherweise irregulär hier ist. Beamte treten in Skimasken und mit Waffen auf, werfen Menschen in unbeschriftete Fahrzeuge. Das sieht aus wie eine Diktatur. Ich will, dass diese Masken fallen. Wir dürfen niemals hinnehmen, dass bewaffnete Soldaten durch unsere Straßen ziehen.
Ein letztes Bild: Nach dem Studium arbeitete ich für den jüngsten Ankläger der Nürnberger Prozesse. Er sagte: Das Großartige an Amerika ist, dass man, wenn es um drei Uhr morgens an der Tür klopft, ziemlich sicher sein kann, dass es der Milchmann ist. Das können wir nicht mehr sagen. Davor hat er gewarnt.
In einem Satz, Bill: Haben Sie noch Hoffnung?
William Cohen: Ich bin felsenfest überzeugt, dass die große Mehrheit der Amerikaner die Beziehung zu Europa bewahren will – und weiß, dass wir stärker und sicherer sind, wenn wir Bündnisse mit Partnern haben, die unsere Werte teilen. Also ja: Ich habe große Hoffnung.
Das letzte Wort gehört Ihnen, Charles. Wie lange wird es für Europa dauern, auf Augenhöhe zu kommen?
Lord Charles Powell: Es wird dauern, denn unser Rückstand ist enorm – vor allem bei den Verteidigungsausgaben. Wir alle in Europa haben unsere Verteidigung verfallen lassen, während die Bedrohungen wuchsen. Deutschland hat immerhin reagiert und höhere Ausgaben beschlossen. Aber viele andere Länder – darunter, ich muss es beschämt sagen, auch Großbritannien – noch nicht. Man greift sich Zahlen aus der Luft, doch niemand glaubt sie. Es geht um die politische Bereitschaft, dem Wohlfahrtsdenken die Stirn zu bieten: In dieser Lage ist mehr Verteidigung dringlicher als mehr Sozialleistungen. Das wird am meisten helfen, das europäisch-atlantische Verhältnis wieder aufzubauen.
Mit William Cohen und Lord Charles Powell sprach KT Guttenberg. Sie finden das Gespräch auf YouTube.
O – T Ö N E
GYSI GEGEN GUTTENBERG &
LAND IN SICHT &
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Mittwochs:
GYSI GEGEN GUTTENBERG
Wie plant man heute seine Zukunft?
„Berufsplanung ist in meinen Augen dem härtesten Wandel ausgesetzt, den viele noch gar nicht begriffen haben. Insbesondere durch den Siegeszug von KI. Das, was heute noch in Schulen, Berufsschulen und Universitäten ausgebildet wird, könnte in relativ kurzer Zeit als Berufsbild Makulatur sein. Was macht das mit einer Lebensplanung, was macht das mit den jungen Menschen, und sind wir möglicherweise sehr viel mehr zur Flexibilität und zum Ad-hoc-Handeln gezwungen? Gleichzeitig ist Planung natürlich etwas, was einem zumindest scheinbare Sicherheit gibt. Tatsächliche Sicherheit ist es in den allerwenigsten Fällen.“
KT Guttenberg, Pooodcaster
„Ich glaube, dass es beim Bau noch eine Weile dauert. Jedes Haus wird individuell zusammengestellt. Ich kenne einen jungen Mann, der hat sein Abitur gemacht und will Architekt werden, aber er hat sich entschlossen, vorher Zimmermann zu lernen. Wenn er dann Architekt ist, kann ihm keiner sagen, du hast ja keine Ahnung. Er kann sein Handwerk. Das finde ich wichtig.“
Gregor Gysi, Pooodcaster
L I V E E R L E B E N
GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR
Sehen wir uns?
Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26
Bochum, RuhrCongress, 30.10.26
Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26
Dienstags:
LAND IN SICHT
Trump vs. Meloni
„Ich ertappe mich selbst dabei, man merkt es auch in dieser Runde und an der Unterstützung in Italien: Dass plötzlich breite Sympathie für Giorgia Meloni entsteht, diese hart rechte, teilweise postfaschistische Politikerin.“
Peter Greve, Host LAND IN SICHT
„Ich reibe mich an diesem Kampfbegriff postfaschistisch, Peter. Meloni ist definitiv keine Linksliberale – aber was ist postfaschistisch oder faschistisch an ihr? An ihrer Politik erkenne ich keinen Postfaschismus. Insbesondere in Europa verhält sie sich sehr konstruktiv, da haben wir schon andere gesehen.“
KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT
Reinhören =>
L I V E E R L E B E N
LAND IN SICHT ON TOUR
Im Landhaus Walter in Hamburg steigt am 25. August ein besonderes Open-Air-Event mit unserer Crew Klaus Brinkbäumer, Ricardia Bramley und KT Guttenberg: die erste Live-Aufnahme von zwei LAND IN SICHT-Episoden. Inklusive Zuschauerfragen! Wir freuen uns sehr auf Sie.
DAS EVENT:
Hamburg, Landhaus Walter, 25.8.26
Was wissen die USA über Aliens?
„Die Wahrscheinlichkeit, dass es vor dem Hintergrund der Größe des Universums irgendwo noch eine andere Form von Leben gibt, halte ich für absolut gegeben. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es klüger ist als das, was wir selbst geschaffen haben – nämlich eine Menschheit, die solche Typen wie Donald Trump zum Präsidenten wählt –, halte ich auch für relativ hoch.“
KT Guttenberg,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Wahrscheinlich kommen die, sehen uns und sagen: Nee, komm, fahr weiter. (schmunzelnd)“
Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Auch gar nichts verschwenden, um die zu zerstören – das schaffen die schon selber.“ (lacht)
KT Guttenberg,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Redaktionstipp: HörenLesenGucken
Die Geschichte einer Liebe
Da stirbt der Mann nach Jahrzehnten Ehe und sagt, er wolle zu einem Geist werden. Und seine Frau, die wird ihn nach seinem Tod, sagen wir, spüren und riechen und hören, wird sich anfangen zu erinnern, wie alles begann und wohin all dies führte. Die große Autorin Siri Hustvedt ist diese Frau, ihr Mann war der große Autor Paul Auster. Hustvedts Ghost Stories ist eine Feier des Lebens, unsagbar traurig und unendlich heiter, und das Buch zu lesen, erinnert uns selbst daran, wie alles angefangen hat, wo wir heute stehen und wofür wir dankbar sein wollen. (rüb)
Ghost Stories. Rowohlt, 25 Euro.
H E Y, K T !
"Ist dir eigentlich auch mal langweilig?"
Fragt NEULAND Update-Leserin Lisa Keller aus Konstanz
Doomscrolling aus Überdruss, wie von der KI gesehen.
Bild: Pollo.Ai
KTs Antwort: "Eine herrliche Frage – und eine, die ich nur mit einem breiten Lächeln beantworten kann: Ja, Gott sei Dank. Wobei ich gestehen muss, dass mir das Eingeständnis schwerer fällt, als es sollte. Leben wir doch in einer Zeit, die Langeweile behandelt wie einen Befund, den man umgehend wegtherapieren muss. Idealerweise mit einem Bildschirm, einem Termin, einer gerne vollkommen sinnbefreiten Übersprungshandlung.
Dabei war die Langeweile einmal eine vornehme Geisteshaltung. Die großen Gedanken sind selten im Gedränge entstanden, sondern in den leeren Stunden, in denen jener Geist nichts zu tun hatte, als sich selbst zuzuhören. Der Universalgelehrte Pascal befand einmal, alles Unglück der Menschen rühre aus einem einzigen Umstand: dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben verstünden. Er meinte damit die Zerstreuung („divertissement“), jene unermüdliche Flucht vor sich selbst – und hätte seinen Gedanken heute vermutlich als Push-Benachrichtigung formuliert, womit er den Punkt zugleich bestätigt und verfehlt hätte.
Schopenhauer wiederum, der vermeintliche Misanthrop mit dem feinen Ohr fürs Allzumenschliche, sah das Leben als Pendel, das ewig zwischen Schmerz und Langeweile hin- und herschlägt: Kaum ist die Not gestillt, meldet sich der Überdruss. Man könnte das für Pessimismus halten. Für mich ist es eine ziemlich genaue Beschreibung der modernen Smartphonesucht.
Denn was wir Langeweile nennen, ist ja oft nur der unbesetzte Augenblick, in dem das Eigentliche beginnen könnte. Der Leerlauf, in dem sich Assoziationen bilden, in dem ein Einfall reift, der unter Dauerbeschallung niemals das Licht erblickt hätte. Die durchoptimierte Welt aber duldet keinen Leerlauf. Sie füllt jede Lücke, als wäre sie ein Mangel und merkt nicht, dass sie damit den fruchtbarsten Boden zubetoniert, den wir haben.
Mir ist also langweilig, ja. Beim Warten, beim Spazieren, beim Blick aus dem Zugfenster auf eine Landschaft, die nichts von mir will. Und ich habe gelernt, diese Momente nicht zu vertreiben, sondern sie zu hüten wie ein kleines, störrisches Privileg. Denn die Langeweile ist nicht die Abwesenheit von etwas. Sie ist die Anwesenheit von Zeit, die noch niemandem gehört. Sie erinnert uns daran, dass nicht jede Minute einen Zweck haben muss, um wertvoll zu sein."
Wollen Sie auch etwas von KT Guttenberg wissen? Dann los.
Liebe Leserin, lieber Leser,
wie hat Ihnen diese Ausgabe von NEULAND Update gefallen? Schreiben Sie uns gern: feedback@guttenberg.media
Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!
Herzlichst, Ihr KT Guttenberg
T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.