SpaceX und Anthropic: Wer hat die Macht?
KT Guttenberg: SpaceX und Anthropic: Wer hat die Macht? Und wo bleibt eigentlich Europa?
José Manuel Barroso, früherer Präsident der Europäischen Kommission: Deutschland müsste stolzer sein auf sich
Hey KT, sollte der Bundestag die Sommerpause verkürzen?
Meine Insights der Woche – 18. Juni 2026
Guten Morgen,
es gibt seltene Tage, an denen die Zukunft sich in zwei Ereignissen verdichtet. Freitag, der 12. Juni 2026, war ein solcher Tag.
Während SpaceX an der Nasdaq den größten Börsengang der Geschichte feiert und Elon Musk seine Macht und globalen Einfluss ausbaut, zieht Anthropic auf Geheiß der US-Regierung den Stecker seiner stärksten KI-Modelle. Vor wenigen Wochen hatte sich das Unternehmen noch geweigert, seine Technologie dem Militär zur Verfügung zu stellen. Hier die vom Markt gekrönte Kühnheit, dort die abgeschaltete Vorsicht. Aus Vorsicht? Künstliche Intelligenz ist in Amerika keine Software mehr, sondern Staatsräson.
Zwei Nachrichten, eine Lehre: Wer sie nebeneinanderlegt, versteht, wohin die Macht in der Künstlichen Intelligenz wandert – und warum das für Europa weniger eine Bedrohung als eine zweite Chance ist.
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Insights
KI und Raketen: Wer hat die Macht?
SpaceX krönt sich an der Börse, Anthropic zieht den Stecker: Künstliche Intelligenz ist in den USA keine Software mehr, sondern eine Frage staatlichen Zugriffs. Für Europa erwächst daraus eine zweite Chance
SpaceX-Gründer Elon Musk (l.), US-Präsident Donald Trump: Unverzichtbarkeit bedeutet Macht. Bild: Wikimedia Commons
Die Gründer von Anthropic – Dario und Daniela Amodei sind Geschwister. Bild: Anthropic
Der gezogene Stecker
Am Abend, um 17:21 Uhr Ostküstenzeit, erreichte Anthropic ein Brief des US-Handelsministeriums. Ein Schockmoment für das KI-Unternehmen. Bei Firmenchef Dario Amodei traf eine Exportkontroll-Anordnung ein, gezeichnet von Handelsminister Howard Lutnick, die jedem Nicht-Amerikaner – auch den ausländischen Mitarbeitern des Unternehmens selbst – den Zugriff auf die beiden stärksten Modelle des Hauses, Fable 5 und Mythos 5, untersagt. Weil sich der Befehl nur durch Komplettabschaltung sauber befolgen ließ, zog Anthropic für alle Kunden den Stecker. Es ist, soweit ersichtlich, das erste Mal, dass ein öffentlich verfügbares KI-Spitzenmodell auf staatliche Anweisung hin vom Netz genommen wurde.
Wenige Stunden zuvor hatte ein anderes Unternehmen an der Wall Street Geschichte geschrieben – im umgekehrten Sinne. SpaceX ging an die Nasdaq. 75 Milliarden Dollar eingesammelt, 555 Millionen Aktien zu 135 Dollar, eine Anfangsbewertung von 1,75 Billionen. Der Kurs sprang am ersten Tag um knapp ein Fünftel, die Marktkapitalisierung kletterte auf mehr als zwei Billionen Dollar. Es war der größte Börsengang der Geschichte eines der nunmehr wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Vereinigten Staaten. Und in diesem Konzern steckt seit der Übernahme im Februar auch xAI – Elon Musks KI-Firma mit dem Modell Grok.
Die offizielle Begründung war dünn. Anthropic erhielt nach eigener Darstellung nur mündlich Kenntnis von einem „eng begrenzten, nicht-universellen“ Jailbreak – einer Methode, die Schutzmechanismen von Fable 5 zu umgehen. Das Unternehmen widersprach: es gebe keinen Grund für einen Rückruf, das Schadenspotenzial liege auf dem Niveau dessen, was andere Modelle ohnehin böten.
Pikant ist aber die Spur: Die zugrunde liegende Untersuchung stamme Berichten zufolge aus dem Hause Amazon, und sei eskaliert worden von dessen CEO Andy Jassy. Amazon ist zugleich Konkurrent und Großinvestor. Überdies hatte ein als „Pliny the Liberator“ bekannter Jailbreak-Aktivist binnen eines Tages nach Veröffentlichung den Systemprompt von Fable 5 ins Netz gestellt. Klingt zunächst wie die üblichen harten Manschetten zwischen führenden US-Tech-Unternehmen. Den Vorgang muss man jedoch im Kontext betrachten. Bereits im Frühjahr hatte das Pentagon Anthropic als „supply chain risk“ eingestuft – das erste Mal, dass dieses Etikett ein US-Unternehmen trifft.
Vorausgegangen war Anthropics Weigerung, seine Modelle für vollautonome Waffensysteme und für Massenüberwachung freizugeben. Das Unternehmen klagt dagegen, unterstützt von rund 150 pensionierten Richtern; eine kalifornische Bundesrichterin nannte das Vorgehen sinngemäß einen Versuch, Anthropic zu lähmen. Der frühere KI-„Zar“ der Trump-Regierung, David Sacks, wiederum wirft dem Haus „Angstmacherei“ und eine „raffinierte Strategie der Vereinnahmung des Regulators“ vor und bestreitet jede Vergeltung. Beweise für ein gezieltes Strafmanöver fehlen.
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Anthropic hatte erst am 1. Juni vertraulich seinen eigenen Börsenprospekt eingereicht; Presseberichte nennen einen Umsatzlauf von 47 Milliarden Dollar und eine angepeilte Bewertung um die 965 Milliarden. Das Unternehmen, das sich seit Jahren als das vorsichtigste, sicherheitsbewussteste der Branche inszeniert, wird ausgerechnet auf der Zielgeraden zum eigenen IPO von seiner Regierung diszipliniert.
Die gekrönte Rakete
Und das andere Lager? Sieht sich belohnt. SpaceX wird an der Börse nicht als Raketenfirma gepriesen, sondern als Technologie-Konglomerat: Starlink (über zehn Millionen Kunden), Startdienste (also Frachtplätze in Raketen, etwa für Satelliten), seit Februar die KI-Sparte mit Grok und dem Großrechner Colossus in Memphis – und dazu die Meinungsmaschinerie der Plattform X. Dass die KI-Sparte 2025 rund 6,4 Milliarden Dollar operativen Verlust einfuhr, dass Grok gegen Claude und GPT bislang nicht als konkurrenzfähig gilt, dass der Gesamtkonzern im ersten Quartal 2026 tiefrote Zahlen schrieb – all das hielt die Anleger nicht ab. Morningstar taxierte den fairen Marktwert auf 780 Milliarden Dollar; der Markt zahlte fast das Dreifache.
Hier die vermeintliche Tugend: abgeschaltet. Dort die Kühnheit: gekrönt. Vorsicht, so lernt man, ist ein Wesenszug, der an der Börse selten notiert wird.
Erschließung neuer Märkte heute: Raketenstart von SpaceX. Bild: Wikimedia Commons
Nein, Musks Macht ist nicht„unreguliert“
Der naheliegende Schluss – hier der gegängelte Brave, dort der ungezügelte Freie – stimmt allerdings so pauschal nicht. Musk ist alles andere als unreguliert. Seine Unternehmen unterstehen Behörden wie FAA, FCC, SEC, Umweltbehörden; es gibt Spektrumstreitigkeiten bei Funkfrequenzen, Umweltklagen rund um den Weltraumbahnhof Boca Chica, Fragen zur Orbitalmüll-Haftung. Während seiner Zeit an der Spitze des Sparprogramms DOGE 2025 häuften sich die Vorwürfe handfester Interessenkonflikte – etwa als die FAA ausgerechnet bei Starlink Aufträge platzierte. Es folgte der öffentliche Bruch von Elon Musk mit Präsident Trump über dessen Haushaltsgesetz, dann, zum Jahreswechsel, die Versöhnung beim Dinner in Mar-a-Lago.
Der Unterschied zu Anthropic ist also nicht „reguliert gegen frei“. Er ist subtiler. Anthropic versucht, dem Staat Grenzen zu setzen (keine autonomen Waffen, keine Massenüberwachung) und wird dafür zum Risiko erklärt. Musk verschränkt sich mit dem Staat, macht sich unentbehrlich – über die Hälfte aller Orbitalstarts weltweit, die kritische Kommunikationsinfrastruktur Starlink, dazu rund 82 Prozent der Stimmrechte im eigenen Konzern – und wird dafür mit dem größten Börsengang der Geschichte belohnt.
Macht entsteht hier nicht durch Folgsamkeit und nicht durch Anarchie, sondern durch Unverzichtbarkeit. Macht entsteht dort, wo sich der andere ein Nein nicht mehr leisten kann. Wer den Staat braucht, wird kontrolliert. Wer vom Staat gebraucht wird, kontrolliert mit.
Was der Staat gelernt hat
Einige Beobachter raunen bereits, die Laissez-faire-Fraktion in Washington sei entmachtet. Noch vor zwei Wochen, am 2. Juni, hatte Trump eine verpflichtende Vorab-Prüfung von KI-Modellen ausdrücklich abgelehnt und auf Freiwilligkeit gesetzt. Doch Freiwilligkeit hält nur, solange die Schutzmechanismen halten. Versagen sie sichtbar – und sei es nur durch Dritte –, kann aus der Bitte sofort ein Befehl werden, ganz gleich, ob der Hersteller die Gefahr für real hält oder nicht.
Der Fable-Eingriff zeigt, wie schmal der Grat ist: Zwischen der freiwilligen Bitte und dem global vollstreckten Befehl lagen ganze zehn Tage. Nicht wenige erwarten, dass KI zum tragenden Thema der Midterm-Wahlen dieses Jahres und des Präsidentschaftswahlkampfs 2028 wird – und dass die Hürde für staatliches Eingreifen künftig niedriger liegen wird als gedacht.
Was sich hier vollzieht, ist nicht Regulierung, sondern Vereinnahmung neuer Art. Sobald KI die Kerninteressen des Staates berührt – militärische Macht, geopolitische Stellung, nationale Sicherheit –, dulden nicht einmal große Demokratien mehr private Autonomie, jedenfalls keine widerständige. Der Atlantic Council, eine renommierte Denkfabrik, beschreibt drei konkurrierende Ordnungsmodelle: die rechte- und risikobasierte Regulierung der EU, die auf Innovationsfreiheit setzende Freiwilligkeit der USA, die Staatskontrolle Chinas. Alle eint die Erkenntnis, dass mittlerweile Faktoren wie Rechenleistung, Daten und digitale Infrastruktur mindestens den geopolitischen Rang gewonnen haben wie Schifffahrtsrouten und Pipelines. Und jede KI-Politik ruht auf mehr oder weniger verborgenen Annahmen darüber, welche Zukunft eintritt.
Doch mit Blick auf die USA ist die Erzählung vom zurückkehrenden Leviathan, dem übermächtigen Souverän nach Thomas Hobbes, zu glatt. Und ausgerechnet Elon Musk entlarvt sie. Denn dieselbe Regierung, die dem Vorsichtigen das schärfste Werkzeug aus der Hand schlägt, räumt dem Kühnen eine Macht ein, die an die eigene heranreicht: ein Kommunikationsnetz im Orbit, von dem Behörden, Flugsicherung und Schlachtfelder abhängen, mehr als die Hälfte aller Weltraumstarts, mit xAI auch noch eine eigene künstliche Intelligenz – und mit X einen der größten Meinungsräume der Welt. Der Staat duldet private Autonomie also sehr wohl. Er teilt sie nur ungleich zu. Vereinnahmung, so zeigt sich, kennt zwei Richtungen: Der Staat nimmt sich den Vorsichtigen, der Kühne nimmt sich den Staat.
Kurz: Der Leviathan meldet sich zurück – aber nicht als unparteiischer Souverän, der für die Allgemeinheit das Strategische zurückholt. Er meldet sich als Patron, der nach Loyalität verteilt.
Was wie die Rückkehr des Staates aussieht, ist in Wahrheit ein sehr altes Arrangement. Schon Karl V. verdankte seine Kaiserkrone 1519 nicht der eigenen Kasse, sondern dem Augsburger Bankier Jakob Fugger, der die Wahl finanzierte und den Habsburger vier Jahre später schriftlich daran erinnerte, dass es ohne ihn keine Krone gegeben hätte. Und das britische Empire regierte Indien über ein Jahrhundert lang nicht durch die Krone, sondern durch eine Aktiengesellschaft – die East India Company, die per königlichem Freibrief eine eigene Armee unterhielt, Kriege führte und Steuern eintrieb, bis der Staat sie 1858 wieder kassierte.
Der Souverän, der einem privaten Magnaten quasi-staatliche Macht verleiht, ist keine Erfindung des Silicon Valley. Neu ist allenfalls, dass das Lehen heute auch im Orbit liegt. Für die Unternehmen heißt das unterdessen, was manche den „regulatorischen Rug Pull“ nennen: Ein KI-Modell kann binnen einer Woche lanciert, gelobt und global abgeschaltet werden – aus Gründen, die sein Hersteller nicht einmal vollständig kennt. Für jeden Konzern, der seine Abläufe auf KI umstellen will, ist das ein neues, unkalkulierbares Betriebsrisiko.
Erschließung neuer Märkte einst: die erste Flotte der East India Company, 1601.
Das Unternehmen prägte später sogar eigene Münzen. Bilder: Wikimedia Commons
Europa: aus fremder Schwäche eigene Stärke
Und genau hier wendet sich die Geschichte – zugunsten Europas. Falls dieses Europa endlich seine Chancen begreifen sollte. Denn was als amerikanisches Drama beginnt, schreibt das stärkste Argument der europäischen Souveränitäts-Verfechter fast von selbst zu Ende.
Jahrelang hieß die Erzählung: Europa reguliert, Amerika baut. Brüssel schreibt Regeln, das Silicon Valley liefert Produkte. Diese Geschichte wird brüchig. Frankreich kündigte beim Pariser AI Action Summit 109 Milliarden Euro an Infrastrukturinvestitionen an; Deutschland startete eine erste industrielle KI-Cloud mit 10.000 Nvidia-Blackwell-Chips, betrieben mit der Deutschen Telekom, dazu der Exascale-Rechner JUPITER in Jülich. Während des Berliner Gipfels zur digitalen Souveränität verständigten sich Berlin und Paris mit Mistral, SAP und dem Rüstungs-KI-Spezialisten Helsing auf eine souveräne Verwaltungs-KI; bis Mitte 2026 soll ein verbindliches Rahmenabkommen folgen. Mistral, mittlerweile vom niederländischen ASML als größtem Anteilseigner gestützt, legte mit „European AI: A Playbook to Own It“ einen ausformulierten Fahrplan vor. Beobachter erwarten, dass Europas Technologieausgaben 2026 die Marke von 1,5 Billionen Euro überschreiten – getrieben auch von der Souveränitätsnotwendigkeit.
Entscheidend ist: Das Argument für europäische Eigenständigkeit ist nicht länger ideologisch, sondern wird operativ. Gezwungenermaßen. Wenn ein Modell jederzeit auf Zuruf einer fremden Regierung verschwinden kann, formuliert sich die Geschäftsidee für ein kontrollierbares, regelkonformes, im eigenen Rechtsraum betriebenes Alternativangebot eigentlich von allein. Frankreichs SecNumCloud, das deutsche BSI-C5-Schema, die Schrems-Rechtsprechung – für Laien nur Chiffren, für die Architekten der Zukunft entscheidende Normen – sind plötzlich nicht nur bürokratische Hürden, sondern Wachstumsargumente. Die Stärke Europas wächst hier nicht aus eigener Genialität, sondern aus amerikanischer Volatilität. Doch geliehene Stärke ist keine: Wer doch nur reguliert und nichts baut, dem bleibt am Ende bloß das Verbot.
Pionier einst: Jakob Fugger (Holzbüste von Conrat Meit, um 1515). Bild: Wikimedia Commons
6. Zumutbare Wahrheiten
Adenauer mutete seinen Landsleuten auch unbequeme Wahrheiten zu. Nicht wenige wollten die Vergangenheit lieber ruhen lassen, aber gerade solchen Deutschen rief er 1946 an der Kölner Universität zu: „Der Nationalsozialismus hätte in Deutschland nicht zur Macht kommen können, wenn er nicht in breiten Schichten der Bevölkerung vorbereitetes Land für seine Giftsaat gefunden hätte. Ich betone, in breiten Schichten der Bevölkerung.” Gewählt wurde er trotzdem.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn unbequeme Wahrheiten werden in Demokratien selten belohnt. Adenauer hatte offenbar Landsleute, die die Reife besaßen, Zumutungen zu akzeptieren. Ob wir das heute noch können, ist eine offene Frage.
Unbequeme Wahrheiten anderer Art gibt es auch in unserer Zeit. Wir sollten jene Politiker belohnen, die den Mut haben, sie auszusprechen – wenn sie dies wertschätzend tun und konstruktive Wege ihrer Begegnung aufzeigen.
7. Diskussionskultur
In der NS-Zeit war den Deutschen der freie Disput verboten gewesen. Der Heidelberger Philosoph Karl Jaspers forderte 1946 eine erwachsene Diskussionskultur ein: „Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht kommen”, schrieb er. Es gehe um „das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden”. Er forderte also geradezu Ungeheuerliches – den bewussten Perspektivenwechsel. „Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen.”
Das wäre im Jahr 2026 mal ein Programm, das nicht polarisierte, das viele Menschen anziehen würde, die sich nach Zusammenhalt sehnen. Hat eine Partei dazu die Kraft?
Vielleicht beginnt die Erneuerung aber gar nicht bei einer Partei, sondern bei uns selbst: Erst wenn wir im Anderen mehr sehen als ein Gegenargument, kann aus Streit wieder Gespräch werden.
8. Die Medien unserer Zeit
In den Trümmerlandschaften wurden 1946 Radiosender und Printpublikationen en masse gegründet, debattierfreudige Blätter wie die „Neue Zeitung” in München entstanden, von Millionen täglich gelesen. Auch die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit, 1947 der SPIEGEL, 1948 der stern. Der Bestseller-Autor Erich Kästner warf sich in der Redaktion der „NZ” in den Maschinenraum, baute das beste Feuilleton des Landes auf und leitete es gleich selbst, gab vielen neuen, auch widersprüchlichen Stimmen eine Bühne und verknüpfte die Kultur Weimars mit dem, was da entstehen mochte. Es war eine sehnsüchtig vermisste alte, radikal neue Streitkultur. Kästner selbst legte sich auch mit Thomas Mann an.
Verschanzen ist bequem. Lasst uns in den Medien unserer Zeit – gerade auch in den sozialen – anständig streiten. Dafür müssen wir uns (und seitens der Medien) allerdings erst mal wieder zuhören. In einer Zeit sozialer Plattformen, deren Algorithmen Empörung belohnen, ist Zuhören die eigentliche Revolte. Und noch etwas: Kästner, Jaspers, Schumacher – sie alle stritten in Formaten, die Konzentration verlangten. Langer Text. Langes Gespräch. Langes Nachdenken. Vielleicht ist auch das eine Form von Eigenverantwortung: sich die Zeit zu nehmen, die ein Gedanke braucht.
Bestseller-Autor Erich Kästner, 1930. Nach dem Krieg kämpfte er mit seiner "Neuen Zeitung" für eine freie Streitkultur.
Bild: Grete Kolliner / WikiCommons
9. Wider allen Nörgelns
Nach dem Krieg galt es, Millionen Schlesier und Sudetendeutsche zu integrieren, und in vielen ländlichen Regionen Deutschlands entbrannten kulturelle und religiöse Konflikte. Man hielt es aus. Man hielt durch – dabei gab es so viel weniger als heute. Wir könnten darauf stolz sein. Wir könnten auch, trotz aller Herausforderungen, auf die vollbrachte Wiedervereinigung stolz sein.
Warum nörgeln wir Deutschen so viel? Warum sehen wir so oft, was nicht da ist, warum nur sind wir unfähig zu sehen, was da ist? Seien wir zuversichtlich. Es gibt Grund genug dafür. Wer glaubt, Pessimismus sei die intellektuell redlichere Haltung, irrt. Er ist oft nur die bequemere.
10. Wehrhaftigkeit
Seid nie wieder fähig zu einem Krieg. Das forderten damals die Sieger von den Deutschen, und auch die Besiegten dachten so. Frieden war sowohl Versprechen als auch Verpflichtung für unser Land, das binnen eines Vierteljahrhunderts zwei Weltkriege entfacht hatte. Die Alliierten forcierten auch die Entnazifizierung – die mal konsequent, mal läppisch durchgezogen wurde –, und es schien angeraten, den Deutschen ihren ewigen preußischen Militarismus auszutreiben.
Dies gelang im Lauf der Jahre so gründlich, dass wir nun, da es gilt, unsere zahnlose Demokratie wehrhaft zu machen, darüber diskutieren, ob man das Wort „kriegstüchtig” verwenden darf.
11. Einfach anfangen
Wenn wir heute vom „Wunder der Nachkriegszeit” sprechen, denken wir vor allem an das Wiedererstarken der Wirtschaft. Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, Know-how und Kapital stehen weiterhin bereit. Heute aber erzählen wir uns vor allem Geschichten vom schleichenden Niedergang, viel seltener Geschichten von Innovation.
Damals gab es Pionierstories wie die von Beate Uhse. Die frühere Luftwaffen-Pilotin, Kriegswitwe und junge Mutter, damals 26 Jahre alt, erkannte nach dem Krieg Empfängnisverhütung als Geschäftsmodell. Start-up-Spirit besaß auch Grete Schickedanz, 34, die den vor dem Krieg florierenden Versandhandel ihres Mannes neu belebte, die „Quelle”, die 1938 gegründet worden war. Ihr Mann hatte sein Entnazifizierungsverfahren noch nicht überstanden und ohnehin keine Kraft zum Neuanfang. Grete Schickedanz hingegen schon. Und keiner dieser Pionierinnen wartete auf ein Förderprogramm, einen Zuschuss oder staatliche Absicherung. Man fing an – mit dem, was man hatte, und dem Willen, etwas aufzubauen. Das ist keine romantische Verklärung, sondern eine nüchterne Tatsache: Eigeninitiative war damals nicht Tugend, sondern Überlebensprinzip.
Als vor einiger Zeit im Kanzleramt Wirtschaftsgrößen zur Beratung zusammenkamen, waren kaum Frauen zugegen. Dabei gibt es auch heute zahlreiche erfolgreiche Unternehmerinnen. Und erfolgreiche junge Gründer ebenso. Lernen wir von ihnen. Vielleicht brauchen wir weniger „Gipfel” im Kanzleramt und mehr Freiräume für diejenigen, die einfach anfangen.
Beate Uhse als Testpilotin der Luftwaffe, 1937. Die Ostpreußin begann nach dem Krieg in Flensburg ein neues Leben – und half mit ihren Verhütungsmethoden zahlreichen Frauen.
Bild: WikiCommons
12. Was noch da ist
Durch den Krieg war die Industrie so gut wie zerstört, die Reparationen gaben ihr den Rest – so ist es im kollektiven Bewusstsein mehr oder weniger überliefert, oder? Trotzdem falsch. Das Potenzial der deutschen Wirtschaft war 1946 noch immer groß, die Fähigkeit zum Wachstum gespeichert. Ende 1946 bedeutete die Schaffung der „Bizone”, das Zusammenlegen der britischen und amerikanischen Zone zu einem Wirtschaftsraum, einen entscheidenden Schritt. Handelshemmnisse und Zollgrenzen wurden abgebaut. Verkehr und Warenströme konnten fließen. 41 Millionen Menschen lebten wieder auf einem einheitlichen Gebiet, dem Kern der späteren Bundesrepublik.
Übertragen wir dies auf heute: Was nicht mehr da ist, ist vielfach beklagt. Was immer noch da ist, wird selten gewürdigt. Wie viel Potential ist in unserer Wirtschaft gespeichert, das nur zögerlich zur Entfaltung kommt, weil tausendundeine Auflage – Brandschutz, Datenschutz, Sonstwas-Schutz – aus den Hauptstädten dies verhindern.
Aber seien wir ehrlich: Nicht nur die Regierenden in Berlin und Brüssel sind der Quell unserer obsessiven Überregulierung. Zuweilen sind wir es auch selbst. Von daher gilt es: Brocken aus dem Weg zu räumen, damit mehr fließen kann. Regeln sollen Leitplanken sein, keine Betonblöcke.
13. Mit den Augen der Trümmergeneration
Unser Wohlstand baute in den letzten Jahrzehnten vor allem auf billige Energie (Russland), billiger Produktion und ungebremste Nachfrage (China) sowie militärischer Sicherheit (USA). Alle drei Säulen sind weggebrochen oder könnten wegbrechen. Der Druck steigt zusätzlich durch Klimakrise, Deglobalisierungstendenzen und den Subventionswettlauf um Zukunftstechnologien. Deutschland und seine Wirtschaft brauchen neue Märkte, neue strategische Allianzen, eine andere Flexibilität.
Wenn wir aber Adenauer und Schumacher vor 80 Jahren erzählt hätten, dass Deutschland im Jahr 2026 eingebunden sein würde in die Europäische Union, ein ungeteiltes Land, wirtschaftlich vergleichsweise prosperierend, sie hätten vermutlich gesagt: Das ist doch wunderbar. Oder nicht? Fraglos kämpft unsere Volkswirtschaft derzeit um Anschluss, aber vielleicht sollten wir uns von Zeit zu Zeit mit den Augen derer betrachten, die aus Trümmern starteten.
Presseausweis des Reporters Willy Brandt beim Hauptkriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg. Nach seiner Rolle in der SPD suchte er da noch.
Bild: WikiCommons
14. Die Nächsten
Bereits 1946 begann der Kalte Krieg, der Ost und West trennte, Churchill war es, der vom „Eisernen Vorhang” sprach. Heute nun, obwohl wir in der NATO sind, scheint unsere Sicherheit wieder fragil. Aber, im Vergleich zur Nachkriegszeit: Wie viel leichter haben wir es. Wie viel mehr ist da, auf dem wir aufbauen können. Ein 16-jähriger Jugendlicher namens Helmut Kohl wurde im Herbst 1946 für die westliche Demokratie entflammt, als er in Ludwigshafen am Rhein seine erste Wahl beobachtete.
Die prägenden Persönlichkeiten der kommenden Jahrzehnte, sie sind schon jetzt unter uns, als Jugendliche, Auszubildende oder Studierende. Gerade für sie müssen wir Perspektiven Kompromisse finden. Aber auch mit ihnen. Und zu ihnen gehören auch junge Gründerinnen und Unternehmer, die heute nicht fragen, was der Staat für sie tut – sondern die einfach loslegen. Diese Menschen verdienen nicht nur Bewunderung, sondern unsere Stärkung.
15. Machen. Oder nicht.
Gleich nach dem Krieg hatten die US-Amerikaner Konrad Adenauer als Oberbürgermeister der Stadt Köln wieder eingesetzt. Als kurz danach die Briten übernahmen, beurlaubten sie ihn. Sie waren nicht überzeugt, dass man Adenauer eine solche Verantwortung geben sollte – die Geschichte sprach ein anderes Urteil. Das Wirtschaftswunder war kein Zufall, es war ein Produkt von Potential und kluger Politik und einem Volk, das es vermochte, wie Karl Jaspers gehofft hatte, das Gemeinsame im Widersprechenden zu ergreifen. Aber es war auch das Produkt von Menschen, die nicht auf Erlaubnis warteten. Die keine staatliche Blaupause benötigten, um ihr Unternehmen, ihren Verein, ihre Zeitung, ihr Leben neu zu bauen. Eigenverantwortung war, siehe oben, in jener Zeit kein politisches Schlagwort – sie war gelebte Notwendigkeit.
Damals wie heute gilt: Krise ist kein Endzustand, sondern ein Übergang. Und Übergänge sind unbequem, aber formbar.
Wer nur auf den Abgrund starrt, übersieht die Brücken. Wer nur auf die Brücken starrt, vergisst, dass darunter immer noch der Abgrund liegt.
Nach dem Krieg bauten die Menschen aus Trümmern Häuser und aus Schuld eine neue Verfassung – heute müssen wir aus Zweifel wieder Vertrauen bauen.
Haben wir noch das Potential? Oh ja.
Haben wir noch kluge Politiker? Das dürfen wir hoffen.
Sind wir im Jahr 2026 noch ein Volk, das das Gemeinsame im Widersprechenden ergreifen kann? Zeigen wir es uns.
Wunder passieren nicht – sie werden gemacht. Oder eben nicht. Das „Oder eben nicht" sollte uns nicht kalt lassen. Geschichte gibt keine Garantien. Die Nachkriegsdeutschen hätten auch scheitern können – und niemand hätte ihnen nachträglich Unrecht gegeben. Sie scheiterten aber nicht.
Die Frage ist also nicht, ob wir es könnten. Die Frage ist, ob wir es wollen.
* Rüdiger Barth, Hauke Friederichs: Deutschland 1946. Das Wunder beginnt. Heyne, 24 Euro. Hier geht's zum Verlag.
A U F E I N W O R T
Warum so zuversichtlich, José Manuel Barroso?
Von 2004 bis 2014 war der Portugiese Präsident der Europäischen Kommission, auch während der Eurokrise. Deutschland müsse stolzer auf sich sein, sagt er. Ein selbstbewusster Anführer Europas!
José Manuel Barroso stammt aus Lissabon. Der frühere Politiker ist heute als Berater tätig.
Bild: KT Guttenber
NEULAND: Herr Präsident, Unruhe allerorten, Risiken an jeder Ecke – was gibt Ihnen noch Zuversicht?
José Manuel Barroso: Der Vergleich – er ist meine Methode, grobe Irrtümer zu vermeiden. Es heißt immer: So schlimm war es noch nie. Das stimmt schlicht nicht. Bei Lebenserwartung und Kindersterblichkeit stehen wir heute unvergleichlich besser da als vor zehn, fünfzig oder hundert Jahren. Wir hatten Jahrhunderte der Sklaverei, die verheerendsten Kriege der Geschichte. Und der Fortschritt seither war außerordentlich.
Mein besonderer Grund zur Zuversicht ist die Wissenschaft, auch wenn man die Risiken nicht ignorieren darf. Was heute geschieht, ist das Zusammenwirken umwälzender Technologien: Künstliche Intelligenz, Quantencomputer, Biotechnologie. Wir befinden uns wahrscheinlich mitten in der größten wissenschaftlichen Revolution, die es je gab. Ich bin zuversichtlich, dass die Menschheit ihre Probleme lösen kann – auch die, die sie selbst verursacht hat.
Und wie ist Ihre Perspektive auf Europa?
José Manuel Barroso: Europa ist ein besonders gutes Beispiel. Es ist heute sehr verbreitet zu sagen: Das ist der schlimmste Moment, alles ist so schwierig, die Kriege... Aber bei allem Schrecken dieser Kriege: Die Zahl der Opfer ist geringer als die Gefallenen einer einzigen Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Europa war über Jahrhunderte der Kontinent der Gewalt und der Kriege. Die beiden Weltkriege wurden in Europa ausgelöst. Und wie sah Europa noch vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren aus? Ganz Mittel- und Osteuropa lebte unter totalitärem Kommunismus. Ich war achtzehn, 1974, als ein Militärputsch Portugal die Demokratie brachte, Griechenland und Spanien folgten. Und als wir die Staatsschuldenkrise durchlebten, sagten Wirtschaftsnobelpreisträger: Der Euro wird zusammenbrechen. Die Wirklichkeit ist eine andere. Der Euro ist nach wie vor die zweitwichtigste Weltwährung. Die Belastbarkeit der Europäischen Union ist höher als die meisten zugeben wollen.
Ja, wir sind quälend langsam. Aber Jean Monnet hatte recht: Die Europäische Gemeinschaft baut sich durch Krisen. Es brauchte die Finanzkrise für europäische Stabilitätsmechanismen, die Pandemie für gemeinsame Impfstoffbeschaffung, den russischen Angriff auf die Ukraine, damit Europa aufgehört hat, ein ewiger geopolitischer Teenager zu sein und zu einem ernsthaften Akteur zu werden.
Es gäbe genügend Gründe für Zuversicht. Die Deutschen aber neigen zum Pessimismus. Zu Recht?
José Manuel Barroso: Europa insgesamt hat diese Stimmung – skeptisch, bisweilen melancholisch. Das erklärt sich zum Teil durch die Demografie: Wir werden älter. In Südostasien ist das eine andere Welt. Diese Ambition, diese Zuversicht, dieser Hunger, dieses Wachstumsdenken – das fehlt uns. Aber Deutschland ist eine der großen Zivilisationen der Welt, von der Philosophie über die Rechtswissenschaft bis zur Musik. Es gibt so viele Gründe, auf Deutschland stolz zu sein. Und in einem ist Deutschland unerreicht: der Fähigkeit, aus den dunkelsten Stunden zu lernen. Ich habe darüber einmal mit Präsident Xi gesprochen. Er sagte: In Europa ist etwas gelungen, das in Asien fehlt – die Aussöhnung nach dem Krieg. Das ist zu einem guten Teil das Verdienst Deutschlands.
Und dennoch: ohne Überheblichkeit – denn Überheblichkeit ist immer eine Form von Dummheit –, aber Deutschland sollte stolzer auf sich sein. Und einen Teil seiner Selbstkritik an andere exportieren, die sie nötiger hätten. Geopolitisch ist das keine Kleinigkeit. Wir brauchen eine starke, selbstbewusste deutsche Führung. Ohne Deutschland und auch Frankreich bewegt sich in Europa nichts.
Mit José Manuel Barroso sprach KT Guttenberg. Sie finden das Gespräch auf YouTube.
O – T Ö N E
GYSI GEGEN GUTTENBERG &
LAND IN SICHT &
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Mittwochs:
GYSI GEGEN GUTTENBERG
Ist der Nahostkonflikt lösbar?
Ist der Nahostkonflikt lösbar?
„Die Iranfrage ist auch verbunden mit dem Konflikt zwischen Israel und Libanon. Und dazu haben wir das Innenverhältnis zwischen Netanjahu und Donald Trump. Vor der Entwicklung, vor der wir jetzt stehen, haben wir bereits beide in diesem Podcast gewarnt, als der Krieg im Iran losging – dass er auch das Potenzial in sich trägt, dass Trump und Netanjahu in echten Streit geraten könnten. Genau das geschieht gerade.“
KT Guttenberg, Pooodcaster
„Richtig. (...) Und zugleich achten wir viel zu wenig auf das, was im Libanon passiert. Das ist ein Staat, dessen Regierung im Süden eigentlich so gut wie nichts zu entscheiden hat, weil der von der Hisbollah beherrscht wird.“
Gregor Gysi, Pooodcaster
„Und Terroristen.“
KT Guttenberg, Pooodcaster
„Und die Hisbollah wird wiederum beherrscht vom Iran. Deshalb hängt da alles miteinander zusammen. Das Ganze ist ein Knäuel – der Nahostkonflikt kann eigentlich nur insgesamt gelöst werden oder gar nicht.“
Gregor Gysi, Pooodcaster
L I V E E R L E B E N
GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR
Sehen wir uns?
Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26
Bochum, RuhrCongress, 30.10.26
Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26
Dienstags:
LAND IN SICHT
Eine Fifa-MAGA-WM?
„Wir wollen über die Fußball-WM und die Männer, die sie prägen, reden. Das sind natürlich Gianni Infantino und Donald Trump. Es ist eine Fifa-MAGA-WM. Welches Bild geben die beiden Herren bisher ab?“
Klaus Brinkbäumer, Host LAND IN SICHT
„Ich glaube, das Wort bizarr ist fast noch milde. Aber gleichzeitig zeigen sie das, was sie als Persönlichkeiten über die letzten Jahre schon geprägt hat: Es ist der Flirt mit dem jeweiligen Strong Man auf der anderen Seite. Man gefällt sich gegenseitig. Das hat etwas Unterwürfiges seitens Gianni Infantino, und man erinnert sich natürlich an die Auftritte, die er im Weißen Haus hatte. Ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob es eine MAGA-WM ist, auch wenn Trump es gerne in diese Richtung schieben würde. Vielen seiner MAGA-Leute geht diese WM Lichtjahre am Hintern vorbei.“
KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT
L I V E E R L E B E N
LAND IN SICHT ON TOUR
Im Landhaus Walter in Hamburg steigt am 25. August ein besonderes Open-Air-Event mit unserer Crew Klaus Brinkbäumer, Ricardia Bramley und KT Guttenberg: die erste Live-Aufnahme von zwei LAND IN SICHT-Episoden. Inklusive Zuschauerfragen! Wir freuen uns sehr auf Sie.
DAS EVENT:
Hamburg, Landhaus Walter, 25.8.26
Die Dragqueens und MAGA
„Wie erlebst du den Kontrast von allem, was für die Queer-Community erreicht worden ist, jetzt zu MAGA? Wir sind wieder zurück zu einem Trump, der selbst die Regenbogenflagge mal geschwenkt hat, zu einer MAGA-Bewegung, die alles infrage stellt, die ihre Kinder aus dem Unterricht nimmt, sobald über queer oder schwul und lesbisch gesprochen wird, die sich rückwärts zu bewegen scheint. Weil sie sich bedroht fühlen in ihren traditionelleren Rollen. Wie blickst du auf das Thema?“
Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Zunächst mal mit einer ganz großen Offenheit und auch Bewunderung für vieles, was geschaffen wurde. Das ist mir wichtig zu sagen. Ich halte diese Stonewall-Inn-Bewegung für einen großen Moment in der westlichen Geschichte. Man darf nicht vergessen: Das ist nicht von Politikern inszeniert worden, sondern das waren Dragqueens, Obdachlose und viele andere, die da beteiligt waren. Da ist ein richtiges Signal gesetzt worden.“
KT Guttenberg,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Redaktionstipp: HörenLesenGucken
DEutsch-Deutsche Wahrheit
Es gibt eine Passage in der ARD-Serie "WM 1994 – Elf Helden, ein Albtraum", zweite Folge, da wächst das Medium über sich hinaus – und erklärt binnen weniger Momente ein historisches Missverständnis der deutschen Vereinigung. Es geht um Matthias Sammer, aufgewachsen in der DDR, dort zum Fußballstar gereift, nach der Wende berufen in die gesamtdeutsche Nationalmannschaft, und um Hans-Hubert "Berti" Vogts, Bundestrainer, 1974 Weltmeister mit der BRD. Matthias Sammer also erzählt in dieser Episode, wie schwer es ihm im Jahr 1994 gefallen war, umzusetzen, was ihm sein Trainer an Freiheiten gewährte. "Berti hat von uns (Ostdeutschen) am Anfang Dinge verlangt, die konnten wir ihm gar nicht geben. Weil wir so nicht aufgewachsen sind, in der Offenheit (...) Dann habe ich Berti gebeten, können wir mal miteinander sprechen? Ich habe versucht ihm zu erklären, wie wir aufgewachsen sind, mit der Staatssicherheit, mit Misstrauen. (...). Dieses Gespräch, und das ist das, was ich Berti bis heute hoch anrechne, war wie ein Wendepunkt, für mich, für alle Beteiligten. Dass er überhaupt mal verstanden hat, wer wir sind. Er war davon ausgegangen: Herzlich willkommen, ihr seid da, jetzt integriert euch und geht miteinander um, völlige Normalität. Aber das konnten wir nicht. (...) Wir waren lange noch nicht frei."
Ja, Deutschland schied damals im Viertelfinale aus, gegen Bulgarien, 1:2. Eine Grusel-WM. Aber Sammer und Vogts, der Sachse und der Niederrheiner, da wuchs etwas zusammen. Zwei Jahre später wurden sie gemeinsam Europameister. So mündete der WM-Albtraum in eine deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte, und auch davon erzählt diese Serie noch. (rüb)
WM 1994 – Elf Helden, ein Albtraum. Vier Folgen. ARD-Mediathek.
H E Y, K T !
"Sollte der Bundestag die Sommerpause verkürzen?"
Fragt GYSI GEGEN GUTTENBERG-Hörer Andreas Menk aus Kassel
Sommerferien 2026 für unsere Politiker – aus Zeitmangel einfach in Berlin? Eine KI-Vision
Bild: Pollo.Ai
KTs Antwort: „Im 15. Jahrhundert mag es Herrscher gegeben haben, die auf die Erfindung des Buchdrucks reagiert haben, indem sie das Lesen lehren ließen. Es gab andere, die – hätten sie gekonnt – wohl erst eine Kommission einberufen hätten. Deutschland neigt in der Gegenwart jedenfalls zu Letzterem. Nun steht eine Erfindung vor der Tür, die den Buchdruck in seiner Wucht locker übertrumpft – und die Frage ist berechtigt: Welches Deutschland erleben wir diesmal?
Künstliche Intelligenz ist längst kein Silicon-Valley-Hype mehr, den man aussitzen kann wie eine schlechte Konjunktur. Sie ist, wenn man Gelehrten wie Geoffrey Hinton oder Demis Hassabis auch nur ansatzweise Glauben schenkt, ein fundamentaler Einschnitt in das Verhältnis von Mensch und Arbeit, von Wissen und Macht, von Schöpfung und Reproduktion. Wer das noch immer für übertrieben hält, dem empfehle ich, seinen Steuerberater zu fragen, ob er nachts noch ruhig schläft.
Besuchen wir gedanklich eine typische deutsche Schule. Nicht die wenigen leuchtenden Ausnahmen, die man gerne auf Konferenzen präsentiert, sondern den schmerzhaften Durchschnitt. Der Umgang mit digitalen Werkzeugen beschränkt sich häufig auf das Ausfüllen von PDF-Formularen und den gelegentlichen Ausflug ins Internet, bei dem der Lehrer im Zimmer bleibt, damit niemand auf falsche Gedanken kommt.
ChatGPT, Claude, Gemini – diese Systeme sind in den Köpfen vieler Kultusminister so willkommen wie ein ungebetener Verwandter zu Weihnachten. Die Reaktion ist häufig die gleiche: „Nutzung bei Prüfungen verboten". Fertig. Problem gelöst. Man hat das Wasser aufgewischt und den Hahn vergessen.
Dabei brauchen junge Menschen heute vor allem dreierlei.
Erstens: Urteilsvermögen. Nicht das Wissen selbst wird zur Mangelware, sondern die Fähigkeit, es zu bewerten. Eine KI kann Ihnen hundert Quellen zur Klimapolitik liefern – aber sie kann nicht für Sie entscheiden, welcher Stimme Sie vertrauen, welchem Framing Sie misstrauen und welche Schlussfolgerung Sie für Ihr Leben ziehen wollen. Das ist genuin menschlich. Das müssen Schulen trainieren, täglich, hartnäckig, anhand echter Widersprüche – nicht anhand abgesicherter Lehrbuchtexte, die schon beim Druck veraltet waren.
Zweitens: Promptkompetenz als neue Kulturtechnik. Ich weiß, das klingt technokratisch. Aber wer heute keine Maschine sinnvoll befragen kann, ist in einem sehr konkreten Sinne illiterat – so wie es Illiteralität in der Gutenberg-Galaxie war, keinen Brief lesen zu können. Das Formulieren guter Fragen, das präzise Beschreiben eines Problems, das kritische Hinterfragen von Antworten: Das sind keine Informatik-Fähigkeiten. Das sind zutiefst geisteswissenschaftliche Tugenden, die sich hervorragend im Deutschunterricht, in Geschichte, in Philosophie kultivieren lassen – wenn man denn wollte.
Drittens: Emotionale und soziale Intelligenz – das klingt wie ein Kalender-Spruch, ist aber bitterernst gemeint. Empathie, Konfliktfähigkeit, kreative Kollaboration: Das sind die Felder, auf denen Maschinen systematisch schwach bleiben. Eine Bildung, die sich auf diese Stärken konzentriert, bereitet nicht auf das Gestern vor, sondern auf das Morgen. Seltsamerweise hat die Menschheit das schon länger gewusst – und trotzdem konsequent die MINT-Fächer mit Budgets überschüttet, während Kunst, Musik und Ethik als Auslaufmodelle galten. Wer Kinder aber darauf vorbereitet, ohne KI zu leben, bereitet sie darauf vor, in der Vergangenheit zu wohnen.
Ja, KI wird Berufe vernichten. Nicht alle, nicht sofort – aber sie wird es tun. Radiologen, Juristen, Übersetzer, Programmierer: Berufsbilder, für die man gestern noch jahrelang studiert hat, stehen heute unter einem Veränderungsdruck, den keine Abiturgeneration mehr ignorieren kann. Eine Bildung, die das verschweigt, ist keine Bildung – sie ist Beruhigungsmedizin.
Doch es gibt genuine Chancen. KI kann Bildung individualisieren wie kein Lehrplan es je könnte. Sie kann Lehrerinnen und Lehrer von Routinearbeit entlasten – damit der Mensch tun kann, was Menschen gut können. Und sie kann Kindern aus bildungsfernen Haushalten erstmals echten Zugang zu Wissen geben, den bisher nur Privilegierte hatten. Der Sohn eines Akademikers hatte meist jemanden, der seine Hausaufgaben kommentiert. Der Sohn einer Reinigungskraft nie. Das kann sich ändern. Das ist, wenn man es ernst nimmt, eine kleine Revolution der Chancengerechtigkeit.
Es fehlt in Deutschland selten an Diagnosen. Es fehlt an Therapiewillen. Deshalb, ohne föderale Weichspülung: KI-Kompetenz gehört verbindlich ins Curriculum – nicht als Wahlfach für Technikbegeisterte, sondern als Pflicht. Prüfungsformate müssen neu gedacht werden. Und die Lehrerausbildung muss modernisiert werden – wer sie heute ohne KI-Kenntnisse absolviert, verlässt das Seminar mit einem Führerschein für Pferdekutschen.
Es gibt einen Satz, der mir in letzter Zeit nicht aus dem Kopf geht: „Jede Generation bekommt die Schule, die sie verdient. Aber die Kinder verdienen es besser.”
Das KI-Zeitalter ist keine Bedrohung für Bildung. Es ist ihre härteste Prüfung. Und anders als im Abitur sollte man nicht auf die Möglichkeit des Wiederholens setzen."
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T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.