Türkei: eine Demokratie am Scheideweg

  • KT Guttenberg: Wie Präsident Erdoğan die Demokratie in der Türkei angreift – und in welchem Dilemma die EU und die NATO stecken

  • Mathias Schilling, deutscher Venture Capitalist aus San Francisco, prophezeit: Europa hat ein sehr gutes Jahrzehnt vor sich!

  • Hey KT, welcher Institution vertraust du wirklich noch?

Meine Insights der Woche – 28. Mai 2026­


Guten Morgen,

es gibt Momente, in denen politische Entwicklungen nicht mehr graduell verlaufen, sondern sprunghaft – in denen ein Regime den Schritt wagt, der zuvor als zu riskant galt. In der Türkei hat Präsident Recep Tayyip Erdoğan diesen Schritt getan. Doch was sich in den letzten Tagen in Ankara abspielte, war kein Ereignis aus heiterem Himmel: Sondern der vorläufige Höhepunkt einer Strategie, die Erdoğan seit dem Gezi-Park-Aufstand 2013 verfolgt und nach dem Putschversuch von 2016 massiv beschleunigt hat – systematische Entmachtung der Justiz, Gleichschaltung der Medien, Verfolgung von Oppositionellen, Kurden und Zivilgesellschaft. Was jetzt geschieht, ist deshalb keine innenpolitische Randnotiz: Es ist ein Angriff auf den institutionellen Kern demokratischer Konkurrenz in einem NATO-Mitgliedsstaat, einem Schlüsselland europäischer Sicherheit, einem Gatekeeper zwischen Europa und dem Nahen Osten.

Beachtlich ist, wie schnell die Berichterstattung wieder von anderen Konfliktherden überlagert wird. Angesichts der Bedeutung der Geschehnisse allerdings, die weit über die Türkei hinausreicht, erscheint uns eine nüchterne Einordnung geboten. Und wir fragen, ob es trotzdem Anlass zur Zuversicht gibt.

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Insights

Die Türkei am Scheideweg

Ein Staatspräsident, der den Führer der Opposition absetzen lässt, der schon lange die Presse zensiert und die Justiz drangsaliert: Recep Tayyip Erdoğan beschädigt immer weiter die Demokratie seines Landes. Was macht ihn so mächtig? Und warum besteht dennoch Anlass zur Hoffnung?

Der türkische Staatspräsident Erdogan ist seit 2014 im Amt.

Bild: Sasa Dzambic / Shutterstock

I. Was geschehen ist 

Die Ereignisse überschlugen sich. Am 21. Mai 2026 erklärte das Regionalberufungsgericht Ankara den Parteitag der Republikanischen Volkspartei (CHP) aus dem Jahr 2023 für „absolut nichtig“. Der demokratisch gewählte Parteivorsitzende Özgür Özel wurde seines Amtes enthoben – und an seiner Stelle per Gerichtsbeschluss der alte, 2023 abgewählte Vorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu wieder eingesetzt. Ausgerechnet Kılıçdaroğlu, der 2023 gegen Erdoğan verloren hatte und innerhalb der CHP als handzahm, für manche als Verräter gilt.

Am 24. Mai eskalierte die Situation. Die Polizei stürmte das CHP-Hauptquartier in Ankara, setzte Tränengas und Gummigeschosse gegen Parteimitglieder und Unterstützer ein, die sich seit Tagen im Gebäude verbarrikadiert hatten. Özel postete ein Drei-Minuten-Video: „Wir werden angegriffen. Unser Vergehen? Wir haben unsere Partei nach 47 Jahren zur stärksten Kraft im Land gemacht.“

Zwei Tage später wurde ein CHP-Bürgermeister in Westanatolien festgenommen, und die türkische Polizei zerstreute mit Tränengas eine Protestkundgebung in İzmir.

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II. Der systematische Kontext: Kontrolle

Die CHP hatte bei den Kommunalwahlen im März 2024 einen historischen Sieg errungen und Erdoğans AKP in fast allen großen Städten geschlagen. Seitdem wurde die Partei systematisch unter Druck gesetzt: Hunderte Mitglieder und mehr als 17 Bürgermeister wurden verhaftet.

Das prominenteste Opfer ist Ekrem İmamoğlu, der Istanbuler Bürgermeister und aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat der Opposition. Wenige Tage vor seiner Ernennung zum CHP-Präsidentschaftskandidaten wurde er am 23. März 2025 verhaftet – die Anklage fordert kumuliert mehr als 2.000 Jahre Haft. Die Verhaftung löste die größten Massenproteste seit dem Gezi-Park-Aufstand aus.

Dass die Justiz dabei als politisches Instrument fungiert, ist strukturell belegt: Nach dem Putschversuch 2016 wurden über 4.000 Richter und Staatsanwälte entlassen und durch regierungsnahe Ernennungen ersetzt. Der Hohe Rat der Richter und Staatsanwälte (HSK) wird seither faktisch vom Justizministerium kontrolliert. İmamoğlus umfassende Anklageschrift wurde erst acht Monate nach seiner Verhaftung eingereicht – ein Ablauf, der auf eine konstruierte, nicht ermittlungsgetriebene Logik hindeutet. Und das Berufungsgericht maßte sich mit seinem Urteil vom 21. Mai Zuständigkeiten an, die laut türkischer Verfassung dem Obersten Wahlrat (YSK) vorbehalten sind.


Die Methoden

Timing: Kurz vor İmamoğlus Verhaftung entzog die Universität Istanbul ihm seinen Hochschulabschluss – mithin die Voraussetzung für eine Präsidentschaftskandidatur. Begründet wurde es mit „Abwesenheit“ und einem „offensichtlichen Fehler“.

Strukturangriff: Das Berufungsgericht annullierte nicht nur die Parteiführung, sondern verletzte damit die Zuständigkeit des Obersten Wahlrats (YSK), eines Verfassungsorgans.

Medienunterdrückung: Der CHP-nahe Sender Tele 1 wurde unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt; andere Redaktionen mussten Pässe und Smartphones aushändigen.

Einschüchterung: Anwälte İmamoğlus wurden festgenommen, Journalistinnen bedroht.

Kritischen Beobachtern zufolge fordert Erdoğan, die CHP solle die Rolle einer loyalen Opposition ohne echte Regierungsambition akzeptieren, damit sein Herrschaftssystem auf unbestimmte Zeit fortgesetzt werden kann. Was dabei leicht in Vergessenheit gerät: Die CHP ist nicht die erste Zielscheibe dieses Systems. Die kurdische HDP – heute unter dem Namen DEM-Partei firmierend – wurde über Jahre mit Verbotsverfahren überzogen, ihre gewählten Bürgermeister wurden abgesetzt und durch staatliche Zwangsverwalter ersetzt, ihr langjähriger Vorsitzender Selahattin Demirtaş sitzt seit 2016 in Haft – trotz zwei Urteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, die seine Freilassung forderten. Erdoğan hat das Instrumentarium an den Kurden erprobt und verfeinert. Jetzt wendet er es auf die größte Oppositionspartei des Landes an.­

Istanbuls Bürgermeister Imamoglu sitzt in Haft (links), Oppositionsführer Özel wurde für abgesetzt erklärt.

Bilder: WikiCommons

III. Die EU: Kalkül statt Konsequenz

Europa schaut zu. Mit Betroffenheit, aber offenbar mit wenig Bereitschaft zum Handeln. Die EU verfolge „die Situation in der Türkei sehr genau“, ließ ein Sprecher der Europäischen Kommission verlauten. Mehr konnte oder wollte Brüssel nicht sagen.

Dieses Schweigen hat einen Namen: strategische Abhängigkeit. Die Türkei ist seit dem EU-Türkei-Abkommen von 2015 Gatekeeper für Migrationsbewegungen nach Europa. Zugleich wächst Ankaras Attraktivität als Rüstungspartner für europäische Staaten.

Das Ergebnis ist ein klassisches Dilemma zwischen Werten und Interessen – Europa wählt bisher die Interessen.

IV. Die NATO-Dimension: Gipfel in Ankara

Kaum zwei Monate nachdem Polizei die Zentrale der größten Oppositionspartei gestürmt hat, wird Erdoğan die Staats- und Regierungschefs der gesamten westlichen Allianz in seinem Präsidentenpalast empfangen. Der NATO-Gipfel ist für den 7. und 8. Juli 2026 in Ankara angesetzt.

Die Türkei ist kein Randmitglied: Sie besitzt die zweitgrößte Armee im Bündnis, kontrolliert den Bosporus und damit den russischen Zugang zum Mittelmeer, und ist die einzige NATO-Nation, die gleichzeitig gute Beziehungen zu Kiew und Moskau unterhält.

Das strategische Paradox ist offensichtlich: Der Gastgeber untergräbt in seiner eigenen Hauptstadt die Demokratie, während die Allianz offiziell deren Schutz als Kernauftrag proklamiert. Von seinen westlichen Verbündeten muss Erdoğan wohl nicht mehr als verbale Besorgnis erwarten.

NATO-Gipfel in Den Haag, 2015. Unten, dritter von links: Erdogan neben US-Präsident Trump. 

Bild: WikiCommons 

Erdogan mit Russlands Wladimir Putin (links) und Irans früherem Präsidenten Ebrahim Raisi.

Bild: WikiCommons

V. Russland: Erdoğans strategische Mehrdeutigkeit

Kein außenpolitisches Thema illustriert Erdoğans Doppelspiel besser als die Russland-Politik. Die Türkei erhöhte ihre Exporte nach Russland, wurde zum Transitland für sanktionsbelastetes russisches Kapital, und Istanbul blieb als Flugdrehscheibe nach Russland aktiv, als Europa die Verbindungen kappte. Russlands Rosatom baut zudem Türkeis erstes Kernkraftwerk.

Gleichzeitig lieferte Ankara der Ukraine Drohnen, sperrte den Bosporus für russische Kriegsschiffe und versucht aktiv, Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine zu initiieren. Im April 2026 teilte Erdoğan NATO-Generalsekretär Mark Rutte mit, die Türkei arbeite daran, Gespräche auf Führungsebene zwischen Kiew und Moskau zu ermöglichen.

Erdoğan meistert das Gleichgewichtsspiel zwischen Abhängigkeit und Autonomie mit bemerkenswerter Disziplin – solange er innenpolitisch nicht herausgefordert wird.

VI. Der Nahe Osten: Regionalmacht mit Ambitionen

Der Fall des Assad-Regimes im Dezember 2024 war ein strategischer Triumph für Ankara. Mit einer türkeifreundlichen Regierung in Damaskus eröffneten sich Erdoğan neue Möglichkeiten. Ein Verteidigungsabkommen zwischen der Türkei und Syrien vom August 2025 zementierte die türkische Präsenz im syrischen Sicherheitssektor.

Auch in Gaza spielte Ankara eine Schlüsselrolle: Auf dem Gaza-Gipfel in Scharm el-Scheich im Oktober 2025 nannte US-Präsident Trump die Türkei als eine von vier Garantiemächten eines Waffenstillstands. Ankara nutzt seine Nähe zur US-Gaza-Politik als Hebel für amerikanische Unterstützung seiner Ziele in Syrien. Auch im Irankonflikt kann der Einfluss der Türkei nicht überschätzt werden.

Die Konsequenz: Je unverzichtbarer die Türkei außenpolitisch wird, desto weniger Spielraum hat der Westen, auf innenpolitische Demokratiedefizite einzuwirken.

Inhalt eines CARE-Pakets, 1946. Brücken bauen, das konnten die Amerikaner damals.

Bild: WikiCommons

6. Zumutbare Wahrheiten

Adenauer mutete seinen Landsleuten auch unbequeme Wahrheiten zu. Nicht wenige wollten die Vergangenheit lieber ruhen lassen, aber gerade solchen Deutschen rief er 1946 an der Kölner Universität zu: „Der Nationalsozialismus hätte in Deutschland nicht zur Macht kommen können, wenn er nicht in breiten Schichten der Bevölkerung vorbereitetes Land für seine Giftsaat gefunden hätte. Ich betone, in breiten Schichten der Bevölkerung.” Gewählt wurde er trotzdem. 

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn unbequeme Wahrheiten werden in Demokratien selten belohnt. Adenauer hatte offenbar Landsleute, die die Reife besaßen, Zumutungen zu akzeptieren. Ob wir das heute noch können, ist eine offene Frage.

Unbequeme Wahrheiten anderer Art gibt es auch in unserer Zeit. Wir sollten jene Politiker belohnen, die den Mut haben, sie auszusprechen – wenn sie dies wertschätzend tun und konstruktive Wege ihrer Begegnung aufzeigen.­

7. Diskussionskultur 

In der NS-Zeit war den Deutschen der freie Disput verboten gewesen. Der Heidelberger Philosoph Karl Jaspers forderte 1946 eine erwachsene Diskussionskultur ein: „Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht kommen”, schrieb er. Es gehe um „das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden”. Er forderte also geradezu Ungeheuerliches – den bewussten Perspektivenwechsel. „Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen.” 

Das wäre im Jahr 2026 mal ein Programm, das nicht polarisierte, das viele Menschen anziehen würde, die sich nach Zusammenhalt sehnen. Hat eine Partei dazu die Kraft? 

Vielleicht beginnt die Erneuerung aber gar nicht bei einer Partei, sondern bei uns selbst: Erst wenn wir im Anderen mehr sehen als ein Gegenargument, kann aus Streit wieder Gespräch werden.­

8. Die Medien unserer Zeit

In den Trümmerlandschaften wurden 1946 Radiosender und Printpublikationen en masse gegründet, debattierfreudige Blätter wie die „Neue Zeitung” in München entstanden, von Millionen täglich gelesen. Auch die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit, 1947 der SPIEGEL, 1948 der stern. Der Bestseller-Autor Erich Kästner warf sich in der Redaktion der „NZ” in den Maschinenraum, baute das beste Feuilleton des Landes auf und leitete es gleich selbst, gab vielen neuen, auch widersprüchlichen Stimmen eine Bühne und verknüpfte die Kultur Weimars mit dem, was da entstehen mochte. Es war eine sehnsüchtig vermisste alte, radikal neue Streitkultur. Kästner selbst legte sich auch mit Thomas Mann an. 

Verschanzen ist bequem. Lasst uns in den Medien unserer Zeit – gerade auch in den sozialen – anständig streiten. Dafür müssen wir uns (und seitens der Medien) allerdings erst mal wieder zuhören. In einer Zeit sozialer Plattformen, deren Algorithmen Empörung belohnen, ist Zuhören die eigentliche Revolte. Und noch etwas: Kästner, Jaspers, Schumacher – sie alle stritten in Formaten, die Konzentration verlangten. Langer Text. Langes Gespräch. Langes Nachdenken. Vielleicht ist auch das eine Form von Eigenverantwortung: sich die Zeit zu nehmen, die ein Gedanke braucht.

Bestseller-Autor Erich Kästner, 1930. Nach dem Krieg kämpfte er mit seiner "Neuen Zeitung" für eine freie Streitkultur.

Bild: Grete Kolliner / WikiCommons

9. Wider allen Nörgelns

Nach dem Krieg galt es, Millionen Schlesier und Sudetendeutsche zu integrieren, und in vielen ländlichen Regionen Deutschlands entbrannten kulturelle und religiöse Konflikte. Man hielt es aus. Man hielt durch – dabei gab es so viel weniger als heute. Wir könnten darauf stolz sein. Wir könnten auch, trotz aller Herausforderungen, auf die vollbrachte Wiedervereinigung stolz sein. 

Warum nörgeln wir Deutschen so viel? Warum sehen wir so oft, was nicht da ist, warum nur sind wir unfähig zu sehen, was da ist? Seien wir zuversichtlich. Es gibt Grund genug dafür. Wer glaubt, Pessimismus sei die intellektuell redlichere Haltung, irrt. Er ist oft nur die bequemere.

10. Wehrhaftigkeit

Seid nie wieder fähig zu einem Krieg. Das forderten damals die Sieger von den Deutschen, und auch die Besiegten dachten so. Frieden war sowohl Versprechen als auch Verpflichtung für unser Land, das binnen eines Vierteljahrhunderts zwei Weltkriege entfacht hatte. Die Alliierten forcierten auch die Entnazifizierung – die mal konsequent, mal läppisch durchgezogen wurde –, und es schien angeraten, den Deutschen ihren ewigen preußischen Militarismus auszutreiben. 

Dies gelang im Lauf der Jahre so gründlich, dass wir nun, da es gilt, unsere zahnlose Demokratie wehrhaft zu machen, darüber diskutieren, ob man das Wort „kriegstüchtig” verwenden darf. 

11. Einfach anfangen

Wenn wir heute vom „Wunder der Nachkriegszeit” sprechen, denken wir vor allem an das Wiedererstarken der Wirtschaft. Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, Know-how und Kapital stehen weiterhin bereit. Heute aber erzählen wir uns vor allem Geschichten vom schleichenden Niedergang, viel seltener Geschichten von Innovation.

Damals gab es Pionierstories wie die von Beate Uhse. Die frühere Luftwaffen-Pilotin, Kriegswitwe und junge Mutter, damals 26 Jahre alt, erkannte nach dem Krieg Empfängnisverhütung als Geschäftsmodell. Start-up-Spirit besaß auch Grete Schickedanz, 34, die den vor dem Krieg florierenden Versandhandel ihres Mannes neu belebte, die „Quelle”, die 1938 gegründet worden war. Ihr Mann hatte sein Entnazifizierungsverfahren noch nicht überstanden und ohnehin keine Kraft zum Neuanfang. Grete Schickedanz hingegen schon. Und keiner dieser Pionierinnen wartete auf ein Förderprogramm, einen Zuschuss oder staatliche Absicherung. Man fing an – mit dem, was man hatte, und dem Willen, etwas aufzubauen. Das ist keine romantische Verklärung, sondern eine nüchterne Tatsache: Eigeninitiative war damals nicht Tugend, sondern Überlebensprinzip.

Als vor einiger Zeit im Kanzleramt Wirtschaftsgrößen zur Beratung zusammenkamen, waren kaum Frauen zugegen. Dabei gibt es auch heute zahlreiche erfolgreiche Unternehmerinnen. Und erfolgreiche junge Gründer ebenso. Lernen wir von ihnen. Vielleicht brauchen wir weniger „Gipfel” im Kanzleramt und mehr Freiräume für diejenigen, die einfach anfangen.

Beate Uhse als Testpilotin der Luftwaffe, 1937. Die Ostpreußin begann nach dem Krieg in Flensburg ein neues Leben – und half mit ihren Verhütungsmethoden zahlreichen Frauen. 

Bild: WikiCommons

12. Was noch da ist

Durch den Krieg war die Industrie so gut wie zerstört, die Reparationen gaben ihr den Rest – so ist es im kollektiven Bewusstsein mehr oder weniger überliefert, oder? Trotzdem falsch. Das Potenzial der deutschen Wirtschaft war 1946 noch immer groß, die Fähigkeit zum Wachstum gespeichert. Ende 1946 bedeutete die Schaffung der „Bizone”, das Zusammenlegen der britischen und amerikanischen Zone zu einem Wirtschaftsraum, einen entscheidenden Schritt. Handelshemmnisse und Zollgrenzen wurden abgebaut. Verkehr und Warenströme konnten fließen. 41 Millionen Menschen lebten wieder auf einem einheitlichen Gebiet, dem Kern der späteren Bundesrepublik. 

Übertragen wir dies auf heute: Was nicht mehr da ist, ist vielfach beklagt. Was immer noch da ist, wird selten gewürdigt. Wie viel Potential ist in unserer Wirtschaft gespeichert, das nur zögerlich zur Entfaltung kommt, weil tausendundeine Auflage – Brandschutz, Datenschutz, Sonstwas-Schutz – aus den Hauptstädten dies verhindern. 

Aber seien wir ehrlich: Nicht nur die Regierenden in Berlin und Brüssel sind der Quell unserer obsessiven Überregulierung. Zuweilen sind wir es auch selbst. Von daher gilt es: Brocken aus dem Weg zu räumen, damit mehr fließen kann. Regeln sollen Leitplanken sein, keine Betonblöcke.

13. Mit den Augen der Trümmergeneration

Unser Wohlstand baute in den letzten Jahrzehnten vor allem auf billige Energie (Russland), billiger Produktion und ungebremste Nachfrage (China) sowie militärischer Sicherheit (USA). Alle drei Säulen sind weggebrochen oder könnten wegbrechen. Der Druck steigt zusätzlich durch Klimakrise, Deglobalisierungstendenzen und den Subventionswettlauf um Zukunftstechnologien. Deutschland und seine Wirtschaft brauchen neue Märkte, neue strategische Allianzen, eine andere Flexibilität.

Wenn wir aber Adenauer und Schumacher vor 80 Jahren erzählt hätten, dass Deutschland im Jahr 2026 eingebunden sein würde in die Europäische Union, ein ungeteiltes Land, wirtschaftlich vergleichsweise prosperierend, sie hätten vermutlich gesagt: Das ist doch wunderbar. Oder nicht? Fraglos kämpft unsere Volkswirtschaft derzeit um Anschluss, aber vielleicht sollten wir uns von Zeit zu Zeit mit den Augen derer betrachten, die aus Trümmern starteten.

Presseausweis des Reporters Willy Brandt beim Hauptkriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg. Nach seiner Rolle in der SPD suchte er da noch.

Bild: WikiCommons

14. Die Nächsten

Bereits 1946 begann der Kalte Krieg, der Ost und West trennte, Churchill war es, der vom „Eisernen Vorhang” sprach. Heute nun, obwohl wir in der NATO sind, scheint unsere Sicherheit wieder fragil. Aber, im Vergleich zur Nachkriegszeit: Wie viel leichter haben wir es. Wie viel mehr ist da, auf dem wir aufbauen können. Ein 16-jähriger Jugendlicher namens Helmut Kohl wurde im Herbst 1946 für die westliche Demokratie entflammt, als er in Ludwigshafen am Rhein seine erste Wahl beobachtete. 

Die prägenden Persönlichkeiten der kommenden Jahrzehnte, sie sind schon jetzt unter uns, als Jugendliche, Auszubildende oder Studierende. Gerade für sie müssen wir Perspektiven Kompromisse finden. Aber auch mit ihnen. Und zu ihnen gehören auch junge Gründerinnen und Unternehmer, die heute nicht fragen, was der Staat für sie tut – sondern die einfach loslegen. Diese Menschen verdienen nicht nur Bewunderung, sondern unsere Stärkung.

15. Machen. Oder nicht.

Gleich nach dem Krieg hatten die US-Amerikaner Konrad Adenauer als Oberbürgermeister der Stadt Köln wieder eingesetzt. Als kurz danach die Briten übernahmen, beurlaubten sie ihn. Sie waren nicht überzeugt, dass man Adenauer eine solche Verantwortung geben sollte – die Geschichte sprach ein anderes Urteil. Das Wirtschaftswunder war kein Zufall, es war ein Produkt von Potential und kluger Politik und einem Volk, das es vermochte, wie Karl Jaspers gehofft hatte, das Gemeinsame im Widersprechenden zu ergreifen. Aber es war auch das Produkt von Menschen, die nicht auf Erlaubnis warteten. Die keine staatliche Blaupause benötigten, um ihr Unternehmen, ihren Verein, ihre Zeitung, ihr Leben neu zu bauen. Eigenverantwortung war, siehe oben, in jener Zeit kein politisches Schlagwort – sie war gelebte Notwendigkeit.

Damals wie heute gilt: Krise ist kein Endzustand, sondern ein Übergang. Und Übergänge sind unbequem, aber formbar.

Wer nur auf den Abgrund starrt, übersieht die Brücken. Wer nur auf die Brücken starrt, vergisst, dass darunter immer noch der Abgrund liegt.

Nach dem Krieg bauten die Menschen aus Trümmern Häuser und aus Schuld eine neue Verfassung – heute müssen wir aus Zweifel wieder Vertrauen bauen.

Haben wir noch das Potential? Oh ja. 

Haben wir noch kluge Politiker? Das dürfen wir hoffen. 

Sind wir im Jahr 2026 noch ein Volk, das das Gemeinsame im Widersprechenden ergreifen kann? Zeigen wir es uns.

Wunder passieren nicht – sie werden gemacht. Oder eben nicht. Das „Oder eben nicht" sollte uns nicht kalt lassen. Geschichte gibt keine Garantien. Die Nachkriegsdeutschen hätten auch scheitern können – und niemand hätte ihnen nachträglich Unrecht gegeben. Sie scheiterten aber nicht. 

Die Frage ist also nicht, ob wir es könnten. Die Frage ist, ob wir es wollen.

* Rüdiger Barth, Hauke Friederichs: Deutschland 1946. Das Wunder beginnt. Heyne, 24 Euro. Hier geht's zum Verlag.



A U F  E I N  W O R T

Warum so zuversichtlich, Fareed Zakaria?

Der US-amerikanische Journalist ist einer der präzisesten Analytiker des Weltgeschehens. Im NEULAND Update weist er auf Entwicklungen hin, die wir gern mal übersehen – und preist Europa als Erfolgsmodell

Fareed Zakaria, CNN-Host und TIME-Kolumnist, wurde in Indien geboren und lebt in New York.

Bild: KT Guttenberg

NEULAND: Fareed, die Nachrichten klingen von Woche zu Woche schlimmer, viele Menschen machen sich Sorgen. Was gibt Ihnen noch Zuversicht?

Fareed Zakaria: Die Schlagzeilen hören sich oft schlecht an, aber die Trends sind oftmals sehr positiv. Schauen Sie auf die weltweite Lebenserwartung, auf das Durchschnittseinkommen. Ich bin in Indien aufgewachsen – und es ist schlicht erstaunlich, wie viele Menschen dort noch immer der Armut entkommen, mit welcher Energie dieser Aufstieg vorangeht. Man muss sich das immer wieder bewusst machen: Die langfristigen Kurven zeigen nach oben. Weniger Menschen sterben an vermeidbaren Krankheiten, mehr Menschen können sich zwei Mahlzeiten am Tag und ein Dach über dem Kopf leisten. Das ist kein kleiner Fortschritt.

NEULAND: Wenn Sie auf die Europäer schauen – gibt Ihnen irgendetwas Hoffnung?

Fareed Zakaria: Europa sollte sich an seine eigene Geschichte erinnern. In den vergangenen dreißig Jahren hat sich dieser Kontinent auf eine Weise verändert, die historisch einmalig ist: die Integration Osteuropas, der Aufbau eines Kontinents "whole and free" – wie George Bush Senior es einmal formuliert hat. Das ist eine außerordentliche Leistung. Und Europa betreibt nach wie vor das beeindruckendste Modell internationaler Zusammenarbeit, das die Welt kennt. Ja, das wirtschaftliche Wachstum könnte stärker sein, und es gibt vernünftige politische Antworten darauf. Aber in der großen Erzählung der Geschichte gehört Europa zu den erstaunlichsten Erfolgsgeschichten überhaupt. Ich sage das ein wenig zögernd – denn manchmal macht solches Lob selbstgefällig. Es gibt genug zu verändern. Aber es gibt auch genug, worauf Europa stolz sein kann.

Mit Fareed Zakaria sprach KT Guttenberg. Sie finden den Beitrag hier auf YouTube.


O – T Ö N E

GYSI GEGEN GUTTENBERG & 

LAND IN SICHT &

MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Mittwochs: 
GYSI GEGEN GUTTENBERG

Kein Frieden in Sicht

„Und jetzt es ist doch im Augenblick so, wenn ich das richtig verstehe, dass Putin sagt: Ich will, dass die Krim und das Donezk-Becken russisches Territorium werden. Und Selenskyj sagt: Auf keinen Fall! Punkt. Das kann man ja auch verstehen. Jetzt ist das Problem: Siehst du da eine Lösung? Worin könnte die bestehen?"

Gregor Gysi, Pooodcaster 

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„Nein, keine Lösung, die angesichts der momentanen Lage beide zufriedenstellen könnte – und so etwas gibt es aber auch in der Historie nicht. Es gibt, glaube ich, keinen Friedensschluss, auf den man objektiv blicken würde, der Zufriedenheit auf beiden Seiten hinterlassen hätte. Das wäre ja auch der Gipfel des Zynismus.“

KT Guttenberg, Pooodcaster 

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­Reinhören.

L I V E  E R L E B E N 

GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR

Sehen wir uns?­

  • Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26

  • Bochum, RuhrCongress, 30.10.26

  • Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26

­Tickets =>­


Dienstags: 
LAND IN SICHT

Chinas Blick auf den Westen

„Lacht China über die westliche Demokratie, oder – wenn es nicht lacht, weil es natürlich strategisch geschickter ist – , belächelt es die westliche Demokratie? Hält es sie für zu schwach? Ja, oder?"

Klaus Brinkbäumer, Host LAND IN SICHT 

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„Ja und Nein – man hat schon auch Respekt vor den großen westlichen Demokratien. Aber in vielen chinesischen Eliten gilt die westliche Demokratie als ineffizient, als spalterisch und auch als ökonomisch riskant. Man verweist dann gern auf die Finanzkrisen, man verweist gerne auf die Polarisierung, zumal in den USA, aber auch zunehmend in unseren Ländern, und auf die politischen Blockaden, die daraus entstehen. Man sieht den Westen in dem Sinne nicht als Vorbild. Sondern eher als warnendes Beispiel.“­

KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT

­Reinhören

L I V E  E R L E B E N 

LAND IN SICHT ON TOUR

Im Landhaus Walter in Hamburg steigt am 25. August ein besonderes Open-Air-Event mit unserer Crew Klaus Brinkbäumer, Ricardia Bramley und KT Guttenberg: die erste Live-Aufnahme von zwei LAND IN SICHT-Episoden. Inklusive Zuschauerfragen! Wir freuen uns sehr auf Sie.
Wollen Sie für unsere Live-Premiere Tickets gewinnen? Machen Sie mit bei unserer Verlosung von drei mal zwei Eintrittskarten – Mail an lis@openminds.media bis zum 28. Mai 2026 genügt.

Gewinnspiel

Veranstalter: Open Minds Media, Prannerstr. 11, 80333 München. Teilnahmeberechtigt sind Personen ab 18 Jahren mit Wohnsitz in Deutschland. Unter allen Einsendungen verlosen wir am 29. Mai 3 × 2 Tickets für obiges Event. Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt. Kein Kaufzwang, keine Barauszahlung, Mehrfachteilnahme ausgeschlossen. Teilnehmerdaten werden nur zur Auslosung genutzt und danach gelöscht.

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DAS EVENT:
Hamburg, Landhaus Walter, 25.8.26

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­Tickets kaufen =>­


Wo endet die Freiheit des Worts?

Es gab die Fälle bei uns, wo irgendwelche Leute – auf wüste Weise wohlgemerkt – beispielsweise Robert Habeck im Netz beleidigt haben und dann stand plötzlich die Polizei vor der Tür eines Rentners. Das sind die Fälle, die in den USA zu genau diesen Äußerungen führen. Sie sagen: Wir brauchen von euch Deutschen gerade noch eine moralisch saure Belehrung, wo ihr ja die Meinungsfreiheit sehr viel mehr einschränkt als wir das tun.“­

KT Guttenberg, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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„Ich würde aber eine Lanze brechen für Deutschland und den deutschen Umgang damit – dass es eben diese Hassreden nicht geben darf, weil wir wissen: Alle Freiheit gilt ja eigentlich nur so lange, oder ist nur so lange wirklich fair, wie sie nicht die Freiheit eines anderen massiv beeinträchtigt. Das ist etwas, das wir in Amerika nicht unbedingt draufhaben.“

Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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Redaktionstipp: HörenLesenGucken

Der Sommer unseres Lebens

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Gibt es noch Menschen, die "Tschick" entdecken können? Dann nichts wie los. Ein deutsches Roadmovie, ein Sommerroman, wie ihn nur ein so einfallsreicher Kopf und gefühlsreicher Mensch wie Wolfgang Herrndorf schreiben konnte, der leider viel zu früh gestorben ist. Wir begleiten zwei jugendliche Ausreißer in ihrem geklauten Lada auf ihrer Suche nach der "Walachei", wo immer das ist, und was die beiden erleben, das ist so wild und so vertraut, so lustig und so traurig, so doof und so klug, dass es eine Freude ist. Wenn Sie einen Teenager kennen, den Sie mal wieder zum Lesen verführen wollen, geben Sie diesem jungen Menschen einfach "Tschick" in die Hand. Und wenn er oder sie partout nicht will, lesen Sie dieses Buch einfach selbst nochmal. Gerade jetzt, da der neueste Sommer unseres Lebens beginnt. (rüb)

Wolfgang Herrndorf: Tschick. Rowohlt, 13 Euro.

­Zum Verlag =>


H E Y,  K T !

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"Was bedeutet die KI für den Bildungsstandort Deutschland?"


Fragt GYSI GEGEN GUTTENBERG-Hörer Hans-Peter Reichert aus München

Eine Interpretation der KI zum Thema: KI in der Schule von morgen. Gepromptet von einem Menschen, versteht sich.

Visualisierung: Pollo.AI

KTs Antwort: „Im 15. Jahrhundert mag es Herrscher gegeben haben, die auf die Erfindung des Buchdrucks reagiert haben, indem sie das Lesen lehren ließen. Es gab andere, die – hätten sie gekonnt – wohl erst eine Kommission einberufen hätten. Deutschland neigt in der Gegenwart jedenfalls zu Letzterem. Nun steht eine Erfindung vor der Tür, die den Buchdruck in seiner Wucht locker übertrumpft – und die Frage ist berechtigt: Welches Deutschland erleben wir diesmal?

Künstliche Intelligenz ist längst kein Silicon-Valley-Hype mehr, den man aussitzen kann wie eine schlechte Konjunktur. Sie ist, wenn man Gelehrten wie Geoffrey Hinton oder Demis Hassabis auch nur ansatzweise Glauben schenkt, ein fundamentaler Einschnitt in das Verhältnis von Mensch und Arbeit, von Wissen und Macht, von Schöpfung und Reproduktion. Wer das noch immer für übertrieben hält, dem empfehle ich, seinen Steuerberater zu fragen, ob er nachts noch ruhig schläft.

Besuchen wir gedanklich eine typische deutsche Schule. Nicht die wenigen leuchtenden Ausnahmen, die man gerne auf Konferenzen präsentiert, sondern den schmerzhaften Durchschnitt. Der Umgang mit digitalen Werkzeugen beschränkt sich häufig auf das Ausfüllen von PDF-Formularen und den gelegentlichen Ausflug ins Internet, bei dem der Lehrer im Zimmer bleibt, damit niemand auf falsche Gedanken kommt.

ChatGPT, Claude, Gemini – diese Systeme sind in den Köpfen vieler Kultusminister so willkommen wie ein ungebetener Verwandter zu Weihnachten. Die Reaktion ist häufig die gleiche: „Nutzung bei Prüfungen verboten". Fertig. Problem gelöst. Man hat das Wasser aufgewischt und den Hahn vergessen.

Dabei brauchen junge Menschen heute vor allem dreierlei.

Erstens: Urteilsvermögen. Nicht das Wissen selbst wird zur Mangelware, sondern die Fähigkeit, es zu bewerten. Eine KI kann Ihnen hundert Quellen zur Klimapolitik liefern – aber sie kann nicht für Sie entscheiden, welcher Stimme Sie vertrauen, welchem Framing Sie misstrauen und welche Schlussfolgerung Sie für Ihr Leben ziehen wollen. Das ist genuin menschlich. Das müssen Schulen trainieren, täglich, hartnäckig, anhand echter Widersprüche – nicht anhand abgesicherter Lehrbuchtexte, die schon beim Druck veraltet waren.

Zweitens: Promptkompetenz als neue Kulturtechnik. Ich weiß, das klingt technokratisch. Aber wer heute keine Maschine sinnvoll befragen kann, ist in einem sehr konkreten Sinne illiterat – so wie es Illiteralität in der Gutenberg-Galaxie war, keinen Brief lesen zu können. Das Formulieren guter Fragen, das präzise Beschreiben eines Problems, das kritische Hinterfragen von Antworten: Das sind keine Informatik-Fähigkeiten. Das sind zutiefst geisteswissenschaftliche Tugenden, die sich hervorragend im Deutschunterricht, in Geschichte, in Philosophie kultivieren lassen – wenn man denn wollte.

Drittens: Emotionale und soziale Intelligenz – das klingt wie ein Kalender-Spruch, ist aber bitterernst gemeint. Empathie, Konfliktfähigkeit, kreative Kollaboration: Das sind die Felder, auf denen Maschinen systematisch schwach bleiben. Eine Bildung, die sich auf diese Stärken konzentriert, bereitet nicht auf das Gestern vor, sondern auf das Morgen. Seltsamerweise hat die Menschheit das schon länger gewusst – und trotzdem konsequent die MINT-Fächer mit Budgets überschüttet, während Kunst, Musik und Ethik als Auslaufmodelle galten. Wer Kinder aber darauf vorbereitet, ohne KI zu leben, bereitet sie darauf vor, in der Vergangenheit zu wohnen.

Ja, KI wird Berufe vernichten. Nicht alle, nicht sofort – aber sie wird es tun. Radiologen, Juristen, Übersetzer, Programmierer: Berufsbilder, für die man gestern noch jahrelang studiert hat, stehen heute unter einem Veränderungsdruck, den keine Abiturgeneration mehr ignorieren kann. Eine Bildung, die das verschweigt, ist keine Bildung – sie ist Beruhigungsmedizin.

Doch es gibt genuine Chancen. KI kann Bildung individualisieren wie kein Lehrplan es je könnte. Sie kann Lehrerinnen und Lehrer von Routinearbeit entlasten – damit der Mensch tun kann, was Menschen gut können. Und sie kann Kindern aus bildungsfernen Haushalten erstmals echten Zugang zu Wissen geben, den bisher nur Privilegierte hatten. Der Sohn eines Akademikers hatte meist jemanden, der seine Hausaufgaben kommentiert. Der Sohn einer Reinigungskraft nie. Das kann sich ändern. Das ist, wenn man es ernst nimmt, eine kleine Revolution der Chancengerechtigkeit.

Es fehlt in Deutschland selten an Diagnosen. Es fehlt an Therapiewillen. Deshalb, ohne föderale Weichspülung: KI-Kompetenz gehört verbindlich ins Curriculum – nicht als Wahlfach für Technikbegeisterte, sondern als Pflicht. Prüfungsformate müssen neu gedacht werden. Und die Lehrerausbildung muss modernisiert werden – wer sie heute ohne KI-Kenntnisse absolviert, verlässt das Seminar mit einem Führerschein für Pferdekutschen.

Es gibt einen Satz, der mir in letzter Zeit nicht aus dem Kopf geht: „Jede Generation bekommt die Schule, die sie verdient. Aber die Kinder verdienen es besser.”

Das KI-Zeitalter ist keine Bedrohung für Bildung. Es ist ihre härteste Prüfung. Und anders als im Abitur sollte man nicht auf die Möglichkeit des Wiederholens setzen."

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­Meine Frage an KT =>­


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Herzlichst, Ihr KT Guttenberg­


T E A M  G U T T E N B E R G

KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.

Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.

Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.

Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.

Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.

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