Können wir noch Wunder?
Rüdiger Barth: Wir konnten ja mal Wunder! 15 Inspirationen aus der Nachkriegszeit
Fareed Zakaria, CNN-Host und TIME-Kolumnist: Europa ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte
Hey KT, was bedeutet die KI für den Bildungsstandort Deutschland?
Meine Insights der Woche – 21. Mai 2026
es ist eine Zeit der internationalen Konfliktherde, Brände und Krisen. Die beunruhigenden Nachrichten scheinen sich an manchen Tagen zu überschlagen. Verzagen aber darf keine Option sein – wir brauchen in unserem Land mehr denn je die Zuversicht, auch große Probleme meistern zu können. Worauf sich ein solcher Optimismus gründen könnte? Der Blick in unsere Geschichte liefert Anlass genug. Wenn wir uns besinnen, woher wir und unsere Bundesrepublik Deutschland kommen, werden wir uns womöglich wieder bewusst, was wir tatsächlich zu leisten vermögen.
Zu unserem TEAM GUTTENBERG gehört der Historiker Rüdiger Barth, der auch bei unserem Podcast LAND IN SICHT fest an Bord ist. Kürzlich sprach ich mit ihm über die Frage, was wir krisengeschüttelten Deutschen von heute denn aus der Nachkriegszeit lernen könnten – gemeinsam mit dem ZEIT-Journalisten Hauke Friederichs hat Barth im vorigen Herbst das Buch "Deutschland 1946. Das Wunder beginnt"* bei Heyne veröffentlicht. Seine Antworten empfand ich als hochspannend, und ich würde sie im Folgenden gerne mit Ihnen teilen. Mein Kollege nennt seinen Essay "eine Anleitung in 15 Gedanken", schöpfend aus den Lehren der Nachkriegszeit. Ich hoffe, Sie finden die Lektüre des folgenden Textes ebenso inspirierend wie ich – und, ja: Mut machend.
Viel Vergnügen!
PS: Bis Ende Mai noch läuft unser Gewinnspiel für unsere erste LAND IN SICHT Live-Aufnahme am 25.8. in Hamburg – ein Open Air-Event. Weiter unten in diesem Newsletter finden Sie unser Gewinnspiel, bei dem Sie drei mal zwei Eintrittskarten gewinnen können. Wer nicht auf sein Glück vertrauen möchte, Tickets gibt es direkt hier: https://landhaus-walter.de/ticketshop/
Insights
Wir konnten ja mal Wunder
Rechtsradikale im ganzen Land, aggressive Töne aus Moskau, die Wirtschaft am Boden, Migration als Dauerthema – unsere Demokratie ist in Bedrängnis, wir müssen als Gesellschaft neu zusammenfinden. Wie das gehen kann? Nach dem Krieg haben wir Deutschen es schon einmal geschafft. Unter weit schwierigeren Umständen.
Die Seiltänzerin Margret Zimmermann über dem zerstörten Heumarkt in Köln, 1946.
Bild: WikiCommons
Von Rüdiger Barth
Deutschland im Jahr 2026: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik sieht sich unsere Demokratie durch Feinde von außen wie von innen existenziell herausgefordert. Russische Spitzenpolitiker, die mit Raketen auf Berlin drohen und Drohnen nach Polen schicken, hybride Angriffe auf Unterseekabel und Kasernen, ein US-Präsident, der Truppen abziehen will und sich nicht klar zur NATO bekennt, und die größte Oppositionspartei im Bundestag, die AfD, mit zweifellos rechtsextremistischen Tendenzen und wachsender Zustimmung in den Umfragen. Dazu kommt die brisante weltpolitische Lage, der Irankrieg, der lange Krieg in der Ukraine, der Israel-Gaza-Konflikt, die technologischen und ökonomischen Umwälzungen.
Klingt nach einem perfekten Sturm. Und doch gilt: Ein perfekter Sturm ist keine Naturkatastrophe, sondern eine Einladung zur Charakterprüfung.
Man könnte resignieren, sagen: da ist nichts zu machen, wursteln wir weiter und hoffen auf das Beste. Oder man hält es für möglich, dass uns Deutschen aus eigener Kraft ein Neustart gelingt. Wir haben es immerhin schon einmal vollbracht: lange her, direkt nach dem Krieg, im Jahr 1946 fing es an. Man sollte historische Epochen naturgemäß nicht gleichsetzen, aber der Blick in die Geschichte kann uns helfen, unsere Probleme von heute besser zu verstehen und die Zukunft schlüssiger zu bauen. Nicht Analogien sind das Ziel, sondern Inspiration.
Eine Anleitung in 15 Gedanken.
1. Mut oder Bequemlichkeit?
Die Nachkriegszeit hält uns in vielerlei Hinsicht den Spiegel vor. Rechtsradikale im ganzen Land, aggressive Töne aus Moskau, die Wirtschaft am Boden, Migration als Dauerthema – so ist es heute, so war es damals auch, im Jahr eins nach Hitler. Der NS-Terror war 1946 gerade vorbei. Die deutschen Städte lagen in Trümmern. Besetzt von den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, inmitten von Not und Hunger, mussten die Verbrechen der Deutschen begriffen, der Faschismus auch in den Köpfen besiegt werden. Mehr als zehn Millionen Geflüchteter und Vertriebener suchten eine neue Heimat – und unser Land suchte eine Idee, was werden sollte.
Was die Deutschen damals mit Hilfe der Amerikaner, Briten und Franzosen auf den Weg brachten – eine neue demokratische Kultur –, steht heute auf dem Spiel. Unsere Werte, unsere Freiheiten, unser politisches System wurden von mutigen Menschen formuliert, mit vielen Kompromissen zwar, auch zweifelhaften, aber hineinmodelliert in eine völlig ungewisse Zukunft.
Ungewiss ist unsere Zukunft auch heute. Möglichkeiten haben wir sehr viel mehr als 1946. Der Unterschied: Damals hatten wir kaum Ressourcen, aber viel Mut; heute haben wir (immer noch) viele Ressourcen – und erstaunlich wenig Mut. Wobei man präziser sein müsste: Es ist weniger Mutlosigkeit als Bequemlichkeit. Mut setzt voraus, dass man etwas riskiert. Wir aber glauben, so viel zu verlieren, dass wir es vorziehen, gar nichts zu wagen.
2. Integrität
Wie sich die Deutschen nach Kriegsende aufrafften: die Währungsreform von 1948, das Grundgesetz von 1949, dann das Wirtschaftswunder der 50er Jahre: So schnurstracks geht die Schulversion, wie sich der Westen, die spätere Bundesrepublik also, aus den Ruinen des Krieges zum Wohlstand aufgeschwungen hat, der Osten – die spätere DDR – folgte mit Verzögerung.
In Wahrheit aber begann das Wunder früher zu keimen, sollte sich bereits 1946 in Deutschland jene kulturelle und wirtschaftliche Dynamik entwickeln, von der wir noch heute zehren. Es war ein Kraftakt ohnegleichen, den die Deutschen, dieses Volk aus Tätern und Opfern, da zu stemmen begannen. Wie konnte er gelingen? Antworten finden wir in den Biografien der damaligen Politiker, Unternehmer, Intellektuelle und Künstler, Männer wie Frauen. Sehr unterschiedliche Charaktere, aber was sie verband, war ansteckende Entschlossenheit, Klarheit, Tatkraft nicht nur in eigener Sache und mitunter knochentrockener Pragmatismus. Auch: die Abwesenheit von Larmoyanz. Die Sozialdemokraten folgten im Westen dem von Krieg und Nazi-Folter schwer gezeichneten Kurt Schumacher, der sich vehement gegen einen Zusammenschluss mit den Kommunisten verwahrte, ein streitbarer Genosse. Aber konstruktiv sein, das konnte Schumacher auch. Und integer war er.
Wir brauchen heute Politikerinnen und Politiker, die so kämpfen – nicht für den Eigennutz, sondern für unser Gemeinwesen, auf Basis unserer Werte. Integrität ist die einzige Währung, die in der Politik nie abwertet.
Kurt Schumacher, SPD. Vom Krieg schwer gezeichnet, hielt er die Sozialdemokraten im Westen vom Zusammenschluss mit den Kommunisten ab.
Bild: WikiCommons
3. Die Würde des Menschen
Zu Schumachers konservativem Gegenspieler erhob sich Konrad Adenauer, geboren 1876. Dessen sieben Kinder hatten den Krieg allesamt überlebt, seine Frau aber hatte in Gestapohaft schwer gelitten. Adenauers CDU war eine völlig neuartige Partei: überkonfessionell und bürgerlich, konservativ und sozial, proeuropäisch und wirtschaftsfreundlich. Unter der Leitung des früheren Oberbürgermeisters von Köln verloren sozialistische und rechtsradikale Strömungen rasch an Einfluss. „An der Würde und den unveräußerlichen Rechten der Person findet die Macht des Staates ihre Grenzen”, notierte Adenauer Anfang des Jahres 1946. „Die Würde des Menschen”, so sollte drei Jahre später der erste Satz des Grundgesetzes der Bundesrepublik beginnen.
Dieses Grundgesetz ist noch heute unser Leitbild. Schon das kann man ein deutsches Wunder nennen. Ein Land, das die Würde des Menschen an den Anfang stellt, darf sich nicht damit zufriedengeben, sie am Ende nur noch zu verwalten.
Konrad Adenauer als Bundeskanzler, 1952. In seine Partei, die CDU, trat er im Juni 1946, mit 70 Jahren, ein...
... und diese überkonfessionelle CDU warb auf Plakaten für "Liebe und Versöhnung".
Bilder: WikiCommons
4. Baustelle Europa
Die Alliierten hatten schon im Jahr 1 nach Hitler so viel Vertrauen in die Besetzten gefasst, dass sie den Deutschen die ersten demokratischen Wahlen zubilligten. Was wollte der große Wahlsieger in der britischen Besatzungszone, dieser Adenauer? Unter anderem den Schulterschluss mit Frankreich. Und, Zitat: die „Vereinigten Staaten von Europa”.
Die Europäische Union ist in unserer Zeit längst Realität, aber inzwischen, angesichts des Powerplays der autoritär geführten Großmächte, massiv unter Druck, als politischer und wirtschaftlicher Verband, als Idee erst recht. Brexit, Dauerstreit um Rechtsstaatlichkeit, Migrationspolitik und Erweiterung zeigen die Zerbrechlichkeit dieses Konstrukts.
Und doch bleibt Europa die beste Idee, die Europa je hervorbrachte. Nicht als fertiges Gebäude, sondern als nie endende Baustelle – und genau darin liegt seine Stärke.
5a. Brücken statt Sprengstoff
Konrad Adenauer holte später einen leitenden Technokraten des NS-Regimes wie Hans Globke in seinen inneren Kreis. Aus moralischer Sicht war der Preis solcher Entscheidungen hoch, wie überhaupt die Kontinuitäten der Karrieren vieler früherer NS-Funktionäre im Westen schwer erträglich sind. Adenauer, der Vernunftmensch, wurde aber gerade für sein Brückenbauen, für seinen Realitätssinn immer wieder gewählt, auch 1949 zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik.
Sprengmeister gibt es heute genug. Vertrauen wir lieber den Brückenbauerinnen und Brückenbauern.
5b. Keine Heiligen
Adenauer war kein Heiliger. Schumacher war es auch nicht. Und die Unternehmer, die damals das Wirtschaftswunder mitbauten, hatten nicht selten eine Vergangenheit, über die man heute schweigt oder die man in Fußnoten versteckt. Manche profitierten von Zwangsarbeit, manche von Arisierungen, manche von beidem. Der Aufbau gelang nicht wegen makelloser Charaktere, sondern oft genug trotz fragwürdiger.
Das ist keine Relativierung, sondern eine schmerzende Erkenntnis anderer Art: Wer auf Wunder wartet, die von integren Menschen in geordneten Verhältnissen gemacht werden, wartet sehr wahrscheinlich zu lange. Die Nachkriegsgeschichte lehrt, dass Gesellschaften sich auch dann erneuern können, wenn die handelnden Personen unvollständig sind – was Menschen nun einmal sind. Das Entscheidende war nicht die Reinheit der Absicht, sondern die Richtung des Handelns.
Manches gelang trotz der Politik. Manches gelang, weil Menschen einfach anfingen, ohne auf Erlaubnis, Konsens oder den richtigen Moment zu warten. Die Geschichte des Wiederaufbaus ist keine Heldengeschichte – sie ist eine Geschichte des Machens unter schwierigen Menschen in schwierigen Zeiten. Das sollte uns nicht entmutigen. Im Gegenteil.
Inhalt eines CARE-Pakets, 1946. Brücken bauen, das konnten die Amerikaner damals.
Bild: WikiCommons
6. Zumutbare Wahrheiten
Adenauer mutete seinen Landsleuten auch unbequeme Wahrheiten zu. Nicht wenige wollten die Vergangenheit lieber ruhen lassen, aber gerade solchen Deutschen rief er 1946 an der Kölner Universität zu: „Der Nationalsozialismus hätte in Deutschland nicht zur Macht kommen können, wenn er nicht in breiten Schichten der Bevölkerung vorbereitetes Land für seine Giftsaat gefunden hätte. Ich betone, in breiten Schichten der Bevölkerung.” Gewählt wurde er trotzdem.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn unbequeme Wahrheiten werden in Demokratien selten belohnt. Adenauer hatte offenbar Landsleute, die die Reife besaßen, Zumutungen zu akzeptieren. Ob wir das heute noch können, ist eine offene Frage.
Unbequeme Wahrheiten anderer Art gibt es auch in unserer Zeit. Wir sollten jene Politiker belohnen, die den Mut haben, sie auszusprechen – wenn sie dies wertschätzend tun und konstruktive Wege ihrer Begegnung aufzeigen.
7. Diskussionskultur
In der NS-Zeit war den Deutschen der freie Disput verboten gewesen. Der Heidelberger Philosoph Karl Jaspers forderte 1946 eine erwachsene Diskussionskultur ein: „Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht kommen”, schrieb er. Es gehe um „das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden”. Er forderte also geradezu Ungeheuerliches – den bewussten Perspektivenwechsel. „Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen.”
Das wäre im Jahr 2026 mal ein Programm, das nicht polarisierte, das viele Menschen anziehen würde, die sich nach Zusammenhalt sehnen. Hat eine Partei dazu die Kraft?
Vielleicht beginnt die Erneuerung aber gar nicht bei einer Partei, sondern bei uns selbst: Erst wenn wir im Anderen mehr sehen als ein Gegenargument, kann aus Streit wieder Gespräch werden.
8. Die Medien unserer Zeit
In den Trümmerlandschaften wurden 1946 Radiosender und Printpublikationen en masse gegründet, debattierfreudige Blätter wie die „Neue Zeitung” in München entstanden, von Millionen täglich gelesen. Auch die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit, 1947 der SPIEGEL, 1948 der stern. Der Bestseller-Autor Erich Kästner warf sich in der Redaktion der „NZ” in den Maschinenraum, baute das beste Feuilleton des Landes auf und leitete es gleich selbst, gab vielen neuen, auch widersprüchlichen Stimmen eine Bühne und verknüpfte die Kultur Weimars mit dem, was da entstehen mochte. Es war eine sehnsüchtig vermisste alte, radikal neue Streitkultur. Kästner selbst legte sich auch mit Thomas Mann an.
Verschanzen ist bequem. Lasst uns in den Medien unserer Zeit – gerade auch in den sozialen – anständig streiten. Dafür müssen wir uns (und seitens der Medien) allerdings erst mal wieder zuhören. In einer Zeit sozialer Plattformen, deren Algorithmen Empörung belohnen, ist Zuhören die eigentliche Revolte. Und noch etwas: Kästner, Jaspers, Schumacher – sie alle stritten in Formaten, die Konzentration verlangten. Langer Text. Langes Gespräch. Langes Nachdenken. Vielleicht ist auch das eine Form von Eigenverantwortung: sich die Zeit zu nehmen, die ein Gedanke braucht.
Bestseller-Autor Erich Kästner, 1930. Nach dem Krieg kämpfte er mit seiner "Neuen Zeitung" für eine freie Streitkultur.
Bild: Grete Kolliner / WikiCommons
9. Wider allen Nörgelns
Nach dem Krieg galt es, Millionen Schlesier und Sudetendeutsche zu integrieren, und in vielen ländlichen Regionen Deutschlands entbrannten kulturelle und religiöse Konflikte. Man hielt es aus. Man hielt durch – dabei gab es so viel weniger als heute. Wir könnten darauf stolz sein. Wir könnten auch, trotz aller Herausforderungen, auf die vollbrachte Wiedervereinigung stolz sein.
Warum nörgeln wir Deutschen so viel? Warum sehen wir so oft, was nicht da ist, warum nur sind wir unfähig zu sehen, was da ist? Seien wir zuversichtlich. Es gibt Grund genug dafür. Wer glaubt, Pessimismus sei die intellektuell redlichere Haltung, irrt. Er ist oft nur die bequemere.
10. Wehrhaftigkeit
Seid nie wieder fähig zu einem Krieg. Das forderten damals die Sieger von den Deutschen, und auch die Besiegten dachten so. Frieden war sowohl Versprechen als auch Verpflichtung für unser Land, das binnen eines Vierteljahrhunderts zwei Weltkriege entfacht hatte. Die Alliierten forcierten auch die Entnazifizierung – die mal konsequent, mal läppisch durchgezogen wurde –, und es schien angeraten, den Deutschen ihren ewigen preußischen Militarismus auszutreiben.
Dies gelang im Lauf der Jahre so gründlich, dass wir nun, da es gilt, unsere zahnlose Demokratie wehrhaft zu machen, darüber diskutieren, ob man das Wort „kriegstüchtig” verwenden darf.
11. Einfach anfangen
Wenn wir heute vom „Wunder der Nachkriegszeit” sprechen, denken wir vor allem an das Wiedererstarken der Wirtschaft. Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, Know-how und Kapital stehen weiterhin bereit. Heute aber erzählen wir uns vor allem Geschichten vom schleichenden Niedergang, viel seltener Geschichten von Innovation.
Damals gab es Pionierstories wie die von Beate Uhse. Die frühere Luftwaffen-Pilotin, Kriegswitwe und junge Mutter, damals 26 Jahre alt, erkannte nach dem Krieg Empfängnisverhütung als Geschäftsmodell. Start-up-Spirit besaß auch Grete Schickedanz, 34, die den vor dem Krieg florierenden Versandhandel ihres Mannes neu belebte, die „Quelle”, die 1938 gegründet worden war. Ihr Mann hatte sein Entnazifizierungsverfahren noch nicht überstanden und ohnehin keine Kraft zum Neuanfang. Grete Schickedanz hingegen schon. Und keiner dieser Pionierinnen wartete auf ein Förderprogramm, einen Zuschuss oder staatliche Absicherung. Man fing an – mit dem, was man hatte, und dem Willen, etwas aufzubauen. Das ist keine romantische Verklärung, sondern eine nüchterne Tatsache: Eigeninitiative war damals nicht Tugend, sondern Überlebensprinzip.
Als vor einiger Zeit im Kanzleramt Wirtschaftsgrößen zur Beratung zusammenkamen, waren kaum Frauen zugegen. Dabei gibt es auch heute zahlreiche erfolgreiche Unternehmerinnen. Und erfolgreiche junge Gründer ebenso. Lernen wir von ihnen. Vielleicht brauchen wir weniger „Gipfel” im Kanzleramt und mehr Freiräume für diejenigen, die einfach anfangen.
Beate Uhse als Testpilotin der Luftwaffe, 1937. Die Ostpreußin begann nach dem Krieg in Flensburg ein neues Leben – und half mit ihren Verhütungsmethoden zahlreichen Frauen.
Bild: WikiCommons
12. Was noch da ist
Durch den Krieg war die Industrie so gut wie zerstört, die Reparationen gaben ihr den Rest – so ist es im kollektiven Bewusstsein mehr oder weniger überliefert, oder? Trotzdem falsch. Das Potenzial der deutschen Wirtschaft war 1946 noch immer groß, die Fähigkeit zum Wachstum gespeichert. Ende 1946 bedeutete die Schaffung der „Bizone”, das Zusammenlegen der britischen und amerikanischen Zone zu einem Wirtschaftsraum, einen entscheidenden Schritt. Handelshemmnisse und Zollgrenzen wurden abgebaut. Verkehr und Warenströme konnten fließen. 41 Millionen Menschen lebten wieder auf einem einheitlichen Gebiet, dem Kern der späteren Bundesrepublik.
Übertragen wir dies auf heute: Was nicht mehr da ist, ist vielfach beklagt. Was immer noch da ist, wird selten gewürdigt. Wie viel Potential ist in unserer Wirtschaft gespeichert, das nur zögerlich zur Entfaltung kommt, weil tausendundeine Auflage – Brandschutz, Datenschutz, Sonstwas-Schutz – aus den Hauptstädten dies verhindern.
Aber seien wir ehrlich: Nicht nur die Regierenden in Berlin und Brüssel sind der Quell unserer obsessiven Überregulierung. Zuweilen sind wir es auch selbst. Von daher gilt es: Brocken aus dem Weg zu räumen, damit mehr fließen kann. Regeln sollen Leitplanken sein, keine Betonblöcke.
13. Mit den Augen der Trümmergeneration
Unser Wohlstand baute in den letzten Jahrzehnten vor allem auf billige Energie (Russland), billiger Produktion und ungebremste Nachfrage (China) sowie militärischer Sicherheit (USA). Alle drei Säulen sind weggebrochen oder könnten wegbrechen. Der Druck steigt zusätzlich durch Klimakrise, Deglobalisierungstendenzen und den Subventionswettlauf um Zukunftstechnologien. Deutschland und seine Wirtschaft brauchen neue Märkte, neue strategische Allianzen, eine andere Flexibilität.
Wenn wir aber Adenauer und Schumacher vor 80 Jahren erzählt hätten, dass Deutschland im Jahr 2026 eingebunden sein würde in die Europäische Union, ein ungeteiltes Land, wirtschaftlich vergleichsweise prosperierend, sie hätten vermutlich gesagt: Das ist doch wunderbar. Oder nicht? Fraglos kämpft unsere Volkswirtschaft derzeit um Anschluss, aber vielleicht sollten wir uns von Zeit zu Zeit mit den Augen derer betrachten, die aus Trümmern starteten.
Presseausweis des Reporters Willy Brandt beim Hauptkriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg. Nach seiner Rolle in der SPD suchte er da noch.
Bild: WikiCommons
14. Die Nächsten
Bereits 1946 begann der Kalte Krieg, der Ost und West trennte, Churchill war es, der vom „Eisernen Vorhang” sprach. Heute nun, obwohl wir in der NATO sind, scheint unsere Sicherheit wieder fragil. Aber, im Vergleich zur Nachkriegszeit: Wie viel leichter haben wir es. Wie viel mehr ist da, auf dem wir aufbauen können. Ein 16-jähriger Jugendlicher namens Helmut Kohl wurde im Herbst 1946 für die westliche Demokratie entflammt, als er in Ludwigshafen am Rhein seine erste Wahl beobachtete.
Die prägenden Persönlichkeiten der kommenden Jahrzehnte, sie sind schon jetzt unter uns, als Jugendliche, Auszubildende oder Studierende. Gerade für sie müssen wir Perspektiven Kompromisse finden. Aber auch mit ihnen. Und zu ihnen gehören auch junge Gründerinnen und Unternehmer, die heute nicht fragen, was der Staat für sie tut – sondern die einfach loslegen. Diese Menschen verdienen nicht nur Bewunderung, sondern unsere Stärkung.
15. Machen. Oder nicht.
Gleich nach dem Krieg hatten die US-Amerikaner Konrad Adenauer als Oberbürgermeister der Stadt Köln wieder eingesetzt. Als kurz danach die Briten übernahmen, beurlaubten sie ihn. Sie waren nicht überzeugt, dass man Adenauer eine solche Verantwortung geben sollte – die Geschichte sprach ein anderes Urteil. Das Wirtschaftswunder war kein Zufall, es war ein Produkt von Potential und kluger Politik und einem Volk, das es vermochte, wie Karl Jaspers gehofft hatte, das Gemeinsame im Widersprechenden zu ergreifen. Aber es war auch das Produkt von Menschen, die nicht auf Erlaubnis warteten. Die keine staatliche Blaupause benötigten, um ihr Unternehmen, ihren Verein, ihre Zeitung, ihr Leben neu zu bauen. Eigenverantwortung war, siehe oben, in jener Zeit kein politisches Schlagwort – sie war gelebte Notwendigkeit.
Damals wie heute gilt: Krise ist kein Endzustand, sondern ein Übergang. Und Übergänge sind unbequem, aber formbar.
Wer nur auf den Abgrund starrt, übersieht die Brücken. Wer nur auf die Brücken starrt, vergisst, dass darunter immer noch der Abgrund liegt.
Nach dem Krieg bauten die Menschen aus Trümmern Häuser und aus Schuld eine neue Verfassung – heute müssen wir aus Zweifel wieder Vertrauen bauen.
Haben wir noch das Potential? Oh ja.
Haben wir noch kluge Politiker? Das dürfen wir hoffen.
Sind wir im Jahr 2026 noch ein Volk, das das Gemeinsame im Widersprechenden ergreifen kann? Zeigen wir es uns.
Wunder passieren nicht – sie werden gemacht. Oder eben nicht. Das „Oder eben nicht" sollte uns nicht kalt lassen. Geschichte gibt keine Garantien. Die Nachkriegsdeutschen hätten auch scheitern können – und niemand hätte ihnen nachträglich Unrecht gegeben. Sie scheiterten aber nicht.
Die Frage ist also nicht, ob wir es könnten. Die Frage ist, ob wir es wollen.
* Rüdiger Barth, Hauke Friederichs: Deutschland 1946. Das Wunder beginnt. Heyne, 24 Euro. Hier geht's zum Verlag.
A U F E I N W O R T
Warum so zuversichtlich, Fareed Zakaria?
Der US-amerikanische Journalist ist einer der präzisesten Analytiker des Weltgeschehens. Im NEULAND Update weist er auf Entwicklungen hin, die wir gern mal übersehen – und preist Europa als Erfolgsmodell
Fareed Zakaria, CNN-Host und TIME-Kolumnist, wurde in Indien geboren und lebt in New York.
Bild: KT Guttenberg
NEULAND: Fareed, die Nachrichten klingen von Woche zu Woche schlimmer, viele Menschen machen sich Sorgen. Was gibt Ihnen noch Zuversicht?
Fareed Zakaria: Die Schlagzeilen hören sich oft schlecht an, aber die Trends sind oftmals sehr positiv. Schauen Sie auf die weltweite Lebenserwartung, auf das Durchschnittseinkommen. Ich bin in Indien aufgewachsen – und es ist schlicht erstaunlich, wie viele Menschen dort noch immer der Armut entkommen, mit welcher Energie dieser Aufstieg vorangeht. Man muss sich das immer wieder bewusst machen: Die langfristigen Kurven zeigen nach oben. Weniger Menschen sterben an vermeidbaren Krankheiten, mehr Menschen können sich zwei Mahlzeiten am Tag und ein Dach über dem Kopf leisten. Das ist kein kleiner Fortschritt.
NEULAND: Wenn Sie auf die Europäer schauen – gibt Ihnen irgendetwas Hoffnung?
Fareed Zakaria: Europa sollte sich an seine eigene Geschichte erinnern. In den vergangenen dreißig Jahren hat sich dieser Kontinent auf eine Weise verändert, die historisch einmalig ist: die Integration Osteuropas, der Aufbau eines Kontinents "whole and free" – wie George Bush Senior es einmal formuliert hat. Das ist eine außerordentliche Leistung. Und Europa betreibt nach wie vor das beeindruckendste Modell internationaler Zusammenarbeit, das die Welt kennt. Ja, das wirtschaftliche Wachstum könnte stärker sein, und es gibt vernünftige politische Antworten darauf. Aber in der großen Erzählung der Geschichte gehört Europa zu den erstaunlichsten Erfolgsgeschichten überhaupt. Ich sage das ein wenig zögernd – denn manchmal macht solches Lob selbstgefällig. Es gibt genug zu verändern. Aber es gibt auch genug, worauf Europa stolz sein kann.
Mit Fareed Zakaria sprach KT Guttenberg. Sie finden den Beitrag hier auf YouTube.
O – T Ö N E
GYSI GEGEN GUTTENBERG &
LAND IN SICHT &
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Mittwochs:
GYSI GEGEN GUTTENBERG
Kein Frieden in Sicht
„Und jetzt es ist doch im Augenblick so, wenn ich das richtig verstehe, dass Putin sagt: Ich will, dass die Krim und das Donezk-Becken russisches Territorium werden. Und Selenskyj sagt: Auf keinen Fall! Punkt. Das kann man ja auch verstehen. Jetzt ist das Problem: Siehst du da eine Lösung? Worin könnte die bestehen?"
Gregor Gysi, Pooodcaster
„Nein, keine Lösung, die angesichts der momentanen Lage beide zufriedenstellen könnte – und so etwas gibt es aber auch in der Historie nicht. Es gibt, glaube ich, keinen Friedensschluss, auf den man objektiv blicken würde, der Zufriedenheit auf beiden Seiten hinterlassen hätte. Das wäre ja auch der Gipfel des Zynismus.“
KT Guttenberg, Pooodcaster
L I V E E R L E B E N
GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR
Sehen wir uns?
Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26
Bochum, RuhrCongress, 30.10.26
Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26
Dienstags:
LAND IN SICHT
Chinas Blick auf den Westen
„Lacht China über die westliche Demokratie, oder – wenn es nicht lacht, weil es natürlich strategisch geschickter ist – , belächelt es die westliche Demokratie? Hält es sie für zu schwach? Ja, oder?"
Klaus Brinkbäumer, Host LAND IN SICHT
„Ja und Nein – man hat schon auch Respekt vor den großen westlichen Demokratien. Aber in vielen chinesischen Eliten gilt die westliche Demokratie als ineffizient, als spalterisch und auch als ökonomisch riskant. Man verweist dann gern auf die Finanzkrisen, man verweist gerne auf die Polarisierung, zumal in den USA, aber auch zunehmend in unseren Ländern, und auf die politischen Blockaden, die daraus entstehen. Man sieht den Westen in dem Sinne nicht als Vorbild. Sondern eher als warnendes Beispiel.“
KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT
L I V E E R L E B E N
LAND IN SICHT ON TOUR
Im Landhaus Walter in Hamburg steigt am 25. August ein besonderes Open-Air-Event mit unserer Crew Klaus Brinkbäumer, Ricardia Bramley und KT Guttenberg: die erste Live-Aufnahme von zwei LAND IN SICHT-Episoden. Inklusive Zuschauerfragen! Wir freuen uns sehr auf Sie.
Wollen Sie für unsere Live-Premiere Tickets gewinnen? Machen Sie mit bei unserer Verlosung von drei mal zwei Eintrittskarten – Mail an lis@openminds.media bis zum 28. Mai 2026 genügt.
Gewinnspiel
Veranstalter: Open Minds Media, Prannerstr. 11, 80333 München. Teilnahmeberechtigt sind Personen ab 18 Jahren mit Wohnsitz in Deutschland. Unter allen Einsendungen verlosen wir am 29. Mai 3 × 2 Tickets für obiges Event. Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt. Kein Kaufzwang, keine Barauszahlung, Mehrfachteilnahme ausgeschlossen. Teilnehmerdaten werden nur zur Auslosung genutzt und danach gelöscht.
DAS EVENT:
Hamburg, Landhaus Walter, 25.8.26
Wo endet die Freiheit des Worts?
Es gab die Fälle bei uns, wo irgendwelche Leute – auf wüste Weise wohlgemerkt – beispielsweise Robert Habeck im Netz beleidigt haben und dann stand plötzlich die Polizei vor der Tür eines Rentners. Das sind die Fälle, die in den USA zu genau diesen Äußerungen führen. Sie sagen: Wir brauchen von euch Deutschen gerade noch eine moralisch saure Belehrung, wo ihr ja die Meinungsfreiheit sehr viel mehr einschränkt als wir das tun.“
KT Guttenberg,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Ich würde aber eine Lanze brechen für Deutschland und den deutschen Umgang damit – dass es eben diese Hassreden nicht geben darf, weil wir wissen: Alle Freiheit gilt ja eigentlich nur so lange, oder ist nur so lange wirklich fair, wie sie nicht die Freiheit eines anderen massiv beeinträchtigt. Das ist etwas, das wir in Amerika nicht unbedingt draufhaben.“
Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Redaktionstipp: HörenLesenGucken
Der Sommer unseres Lebens
Gibt es noch Menschen, die "Tschick" entdecken können? Dann nichts wie los. Ein deutsches Roadmovie, ein Sommerroman, wie ihn nur ein so einfallsreicher Kopf und gefühlsreicher Mensch wie Wolfgang Herrndorf schreiben konnte, der leider viel zu früh gestorben ist. Wir begleiten zwei jugendliche Ausreißer in ihrem geklauten Lada auf ihrer Suche nach der "Walachei", wo immer das ist, und was die beiden erleben, das ist so wild und so vertraut, so lustig und so traurig, so doof und so klug, dass es eine Freude ist. Wenn Sie einen Teenager kennen, den Sie mal wieder zum Lesen verführen wollen, geben Sie diesem jungen Menschen einfach "Tschick" in die Hand. Und wenn er oder sie partout nicht will, lesen Sie dieses Buch einfach selbst nochmal. Gerade jetzt, da der neueste Sommer unseres Lebens beginnt. (rüb)
Wolfgang Herrndorf: Tschick. Rowohlt, 13 Euro.
H E Y, K T !
"Was bedeutet die KI für den Bildungsstandort Deutschland?"
Fragt GYSI GEGEN GUTTENBERG-Hörer Hans-Peter Reichert aus München
Eine Interpretation der KI zum Thema: KI in der Schule von morgen. Gepromptet von einem Menschen, versteht sich.
Visualisierung: Pollo.AI
KTs Antwort: „Im 15. Jahrhundert mag es Herrscher gegeben haben, die auf die Erfindung des Buchdrucks reagiert haben, indem sie das Lesen lehren ließen. Es gab andere, die – hätten sie gekonnt – wohl erst eine Kommission einberufen hätten. Deutschland neigt in der Gegenwart jedenfalls zu Letzterem. Nun steht eine Erfindung vor der Tür, die den Buchdruck in seiner Wucht locker übertrumpft – und die Frage ist berechtigt: Welches Deutschland erleben wir diesmal?
Künstliche Intelligenz ist längst kein Silicon-Valley-Hype mehr, den man aussitzen kann wie eine schlechte Konjunktur. Sie ist, wenn man Gelehrten wie Geoffrey Hinton oder Demis Hassabis auch nur ansatzweise Glauben schenkt, ein fundamentaler Einschnitt in das Verhältnis von Mensch und Arbeit, von Wissen und Macht, von Schöpfung und Reproduktion. Wer das noch immer für übertrieben hält, dem empfehle ich, seinen Steuerberater zu fragen, ob er nachts noch ruhig schläft.
Besuchen wir gedanklich eine typische deutsche Schule. Nicht die wenigen leuchtenden Ausnahmen, die man gerne auf Konferenzen präsentiert, sondern den schmerzhaften Durchschnitt. Der Umgang mit digitalen Werkzeugen beschränkt sich häufig auf das Ausfüllen von PDF-Formularen und den gelegentlichen Ausflug ins Internet, bei dem der Lehrer im Zimmer bleibt, damit niemand auf falsche Gedanken kommt.
ChatGPT, Claude, Gemini – diese Systeme sind in den Köpfen vieler Kultusminister so willkommen wie ein ungebetener Verwandter zu Weihnachten. Die Reaktion ist häufig die gleiche: „Nutzung bei Prüfungen verboten". Fertig. Problem gelöst. Man hat das Wasser aufgewischt und den Hahn vergessen.
Dabei brauchen junge Menschen heute vor allem dreierlei.
Erstens: Urteilsvermögen. Nicht das Wissen selbst wird zur Mangelware, sondern die Fähigkeit, es zu bewerten. Eine KI kann Ihnen hundert Quellen zur Klimapolitik liefern – aber sie kann nicht für Sie entscheiden, welcher Stimme Sie vertrauen, welchem Framing Sie misstrauen und welche Schlussfolgerung Sie für Ihr Leben ziehen wollen. Das ist genuin menschlich. Das müssen Schulen trainieren, täglich, hartnäckig, anhand echter Widersprüche – nicht anhand abgesicherter Lehrbuchtexte, die schon beim Druck veraltet waren.
Zweitens: Promptkompetenz als neue Kulturtechnik. Ich weiß, das klingt technokratisch. Aber wer heute keine Maschine sinnvoll befragen kann, ist in einem sehr konkreten Sinne illiterat – so wie es Illiteralität in der Gutenberg-Galaxie war, keinen Brief lesen zu können. Das Formulieren guter Fragen, das präzise Beschreiben eines Problems, das kritische Hinterfragen von Antworten: Das sind keine Informatik-Fähigkeiten. Das sind zutiefst geisteswissenschaftliche Tugenden, die sich hervorragend im Deutschunterricht, in Geschichte, in Philosophie kultivieren lassen – wenn man denn wollte.
Drittens: Emotionale und soziale Intelligenz – das klingt wie ein Kalender-Spruch, ist aber bitterernst gemeint. Empathie, Konfliktfähigkeit, kreative Kollaboration: Das sind die Felder, auf denen Maschinen systematisch schwach bleiben. Eine Bildung, die sich auf diese Stärken konzentriert, bereitet nicht auf das Gestern vor, sondern auf das Morgen. Seltsamerweise hat die Menschheit das schon länger gewusst – und trotzdem konsequent die MINT-Fächer mit Budgets überschüttet, während Kunst, Musik und Ethik als Auslaufmodelle galten. Wer Kinder aber darauf vorbereitet, ohne KI zu leben, bereitet sie darauf vor, in der Vergangenheit zu wohnen.
Ja, KI wird Berufe vernichten. Nicht alle, nicht sofort – aber sie wird es tun. Radiologen, Juristen, Übersetzer, Programmierer: Berufsbilder, für die man gestern noch jahrelang studiert hat, stehen heute unter einem Veränderungsdruck, den keine Abiturgeneration mehr ignorieren kann. Eine Bildung, die das verschweigt, ist keine Bildung – sie ist Beruhigungsmedizin.
Doch es gibt genuine Chancen. KI kann Bildung individualisieren wie kein Lehrplan es je könnte. Sie kann Lehrerinnen und Lehrer von Routinearbeit entlasten – damit der Mensch tun kann, was Menschen gut können. Und sie kann Kindern aus bildungsfernen Haushalten erstmals echten Zugang zu Wissen geben, den bisher nur Privilegierte hatten. Der Sohn eines Akademikers hatte meist jemanden, der seine Hausaufgaben kommentiert. Der Sohn einer Reinigungskraft nie. Das kann sich ändern. Das ist, wenn man es ernst nimmt, eine kleine Revolution der Chancengerechtigkeit.
Es fehlt in Deutschland selten an Diagnosen. Es fehlt an Therapiewillen. Deshalb, ohne föderale Weichspülung: KI-Kompetenz gehört verbindlich ins Curriculum – nicht als Wahlfach für Technikbegeisterte, sondern als Pflicht. Prüfungsformate müssen neu gedacht werden. Und die Lehrerausbildung muss modernisiert werden – wer sie heute ohne KI-Kenntnisse absolviert, verlässt das Seminar mit einem Führerschein für Pferdekutschen.
Es gibt einen Satz, der mir in letzter Zeit nicht aus dem Kopf geht: „Jede Generation bekommt die Schule, die sie verdient. Aber die Kinder verdienen es besser.”
Das KI-Zeitalter ist keine Bedrohung für Bildung. Es ist ihre härteste Prüfung. Und anders als im Abitur sollte man nicht auf die Möglichkeit des Wiederholens setzen."
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T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.