Amerika von innen: exklusive Analyse
KT Guttenberg: Wie gespalten die amerikanische Gesellschaft wirklich ist – und was dies für uns heißt. Die exklusive Analyse der Umfrage von US-Forscher Frank Luntz
Enrico Letta, früherer Premierminister Italiens: Die junge Generation ist besser als wir
Hey KT, was würden Sie jungen Politikern raten: lieber 10.000 Follower oder 10 kluge Entscheidungen?
Meine Insights der Woche – 14. Mai 2026
Guten Morgen,
diese Woche traf ich in New York einen der bekanntesten amerikanischen Meinungsforscher. Frank Luntz ist eine schillernde Figur. Lange beriet er die Republikaner und war heftig umstritten, u.a. weil er Strategien zur Leugnung des Klimawandels entworfen hatte. Später räumte er öffentlich vor dem Kongress ein, sich geirrt zu haben. Von Donald Trump und der MAGA-Bewegung distanziert er sich.
Seine jüngste Umfrage* hat er uns zur Verfügung gestellt – im NEULAND Update veröffentlichen wir die brisanten Erkenntnisse in Auszügen. Die komplette Studie von Frank Luntz finden Sie als Mail-Abonnent kostenfrei unter diesem Link – und dort, in unserem Archiv, bieten wir Ihnen auch die Ausgaben der vergangenen Wochen.
Der Meinungsforscher analysiert, wie Amerika spricht, warum sein Volk so wütend ist und wieso diese Sprache bald auch Europas Politik und Unternehmen trifft. Zugleich liefert seine Studie – wenn man sich ihr konstruktiv nähert – eine klare Anleitung für Verantwortliche in Politik und Wirtschaft, wie Kommunikation in unseren Zeiten überhaupt noch wirksam sein kann.
PS: Am 25. August steigt in Hamburg unsere erste LAND IN SICHT Live-Aufnahme – ein Open Air-Event! Weiter unten in diesem Newsletter finden Sie unser Gewinnspiel, bei dem Sie drei mal zwei Eintrittskarten gewinnen können. Wer nicht auf sein Glück vertrauen möchte, Tickets gibt es direkt hier: https://landhaus-walter.de/ticketshop/
PPS: Mit dem Thema Meinungsfreiheit in den USA beschäftigt sich an diesem Freitag auch unser Podcast MAKE AMERICA GOOD AGAIN. Viel Vergnügen!
Insights
So tickt Amerika unter Trump – und 5 Lektionen für uns
Der US-Meinungsforscher Frank Luntz hat die gespaltene Gesellschaft der USA eingehend befragt. Seine Erkenntnisse sind alarmierend, wir stellen sie im NEULAND Update exklusiv vor. Und spinnen sie weiter: Sehen wir da Europas Zukunft? Was ließe sich dagegen tun?
Ein Volk, in Wut entflammt – und die Freiheitsstatue kann es nicht fassen.
Copyright: Frank Luntz
1. Die amerikanische Zukunftsangst ist unsere
Sie ist in erster Linie ein Blick in die amerikanische Seele – aber sie liest sich wie eine Vorwarnung für Europa. Eine überwältigende Mehrheit der US-Bürger hält ihr Land weiterhin für „das größte in der Geschichte“, gleichzeitig sagen zwei Drittel: Das sind gerade die schlimmsten Zeiten unseres Lebens. Weniger als ein Drittel glaubt, dass Amerika wirklich in ihre persönliche Zukunft investiert.
Diese Abstiegsangst kennen wir aus der deutschen und europäischen Debatte: „Standortkrise“, „abgehängte Mitte“, „Deutschland schafft sich ab“ – ein Gefühl, das sich dies- und jenseits des Atlantiks bereits in politischen Sprengstoff verwandelt.
Zwei Drittel der Amerikaner sagen, sie leben in den schlechtesten aller Zeiten...
... und dies in einem Land, das sich noch niemals so gespalten fühlte. (Legende: GOP = Republikaner, DEM = Demokraten, IND = Unabhängige; alle Hervorhebungen vom Verfasser).
2. Wie Sprache spaltet
Luntz beschreibt eine Verschiebung, die Europa aufmerksam machen sollte: In den USA ist „Democracy“ inzwischen ein demokratisches Codewort, „Patriotism“ ein republikanisches. Wer das eine Lager mit dem falschen Wort anspricht, wird bestraft – die politische Spaltung zerstört die gemeinsame Sprache. Fast die Hälfte der Amerikaner hat kein oder nur wenig Vertrauen in die politische Führung auf Bundesebene, egal welcher Partei. Auf lokaler Ebene verschiebt sich der Befund zugunsten der politisch Verantwortlichen.
In Deutschland und Europa beobachten wir eine mildere Variante desselben Phänomens. „Freiheit“ klingt für viele nach FDP oder Liberalkonservatismus, „Gerechtigkeit“ nach SPD und Linkspartei, „Heimat“ lange nach CSU, „Klima“ nach Grünen. Die semantische Landkarte differiert, das Muster ist identisch: Begriffe, die eigentlich Gemeingut sein sollten, werden parteilich markiert und verlieren damit ihre integrative Kraft.
3. Selbstzensur statt Debattenkultur
Fast die Hälfte der Amerikaner gibt an, in den letzten zwei Jahren ihre Meinung nicht geäußert zu haben, aus Angst vor „Bestrafung“. Rund die Hälfte hat dauerhaft Beziehungen abgebrochen – oder verloren –, weil man politisch nicht mehr miteinander umgehen konnte.
In Europa gibt es weniger Daten, aber ähnliche Dynamiken: Die Debatten um „Cancel Culture“, „Woke“ und „Political Correctness“ sind genau die Oberflächenphänomene dessen, was die US-Studie empirisch zeigt. Ob Genderstern, Corona, „Klimakleber“ oder Migration – viele Menschen erleben politische Diskussionen als Minenfeld, in dem ein falsches Wort soziale Kosten hat. Die Folge ist nicht mehr Beteiligung, sondern Rückzug.
4. Affordability als Schlüssel
Der stärkste Befund der Luntz-Studie ist ökonomisch: Über alle Parteigrenzen hinweg dominiert eine Sorge – die Bezahlbarkeit des Alltags. An erster Stelle stehen Nahrungsmittel und Benzin, dann der Zugang zu bezahlbarer Gesundheitsversorgung, die Kosten für Wohnen, erst danach Immigration, Steuern, Kriminalität und Polarisation.
Inflation trifft die Amerikaner am härtesten im Supermarkt: Die Hälfte sagt, sie spürt sie vor allem bei Lebensmittelpreisen. Klimawandel, Bildung, internationale Bedrohungen – Themen, die in europäischen Eliten-Debatten weit oben stehen –, landen in der Prioritätenliste ganz hinten.
Auch das kennen wir: In der deutschen Diskussion über Heizungen, CO₂-Preise und Industriestrom mündet fast jede moralische oder strategische Argumentation am Ende in einer Frage: „Kann ich mir das leisten?“
Die Sorgen der Amerikaner – erkennen wir uns wieder?
Copyright: Frank Lunt
5. Die „Rejectors“ – und Europas Varianten
Die Umfrage identifiziert eine kleine, aber strategisch entscheidende Gruppe: etwa 7 Prozent jener Wähler, die Donald Trump nicht mögen, Kamala Harris aber noch weniger. 2024 wählten diese „Rejectors“ zu 60 Prozent republikanisch – und schenkten der GOP zahlreiche Siege. Inzwischen sind sie unentschieden und tendieren leicht zu den Demokraten; gemeinsam ist ihnen vor allem eines: eine tiefe Abneigung gegen den Status quo.
Europa hat seine eigenen „Rejectors“: Wähler, die etablierte Parteien quer durch das Spektrum abstoßen, die aber nicht unbedingt stabil bei AfD, dem französischen RN, der spanischen Vox oder anderen radikalen Kräften landen, sondern zwischen Nichtwahl, Protest und wechselnden Optionen oszillieren. Ihr Motiv ist ähnlich: Sie wählen nicht etwas, sondern gegen etwas – gegen ein System, dem sie weder Kompetenz noch Respekt zutrauen.
A U F E I N W O R T
Warum so zuversichtlich, Niall Ferguson?
Der US-britische Historiker lehrt in Stanford und Harvard. Er gilt als einer der brillantesten Intellektuellen unserer Zeit – nicht selten bürstet er den Zeitgeist gegen den Strich. So auch im NEULAND Update
Niall Ferguson, Historiker, stammt aus Glasgow.
Bild: KT Guttenberg
NEULAND: Niall, die Welt ist in Aufruhr, von beiden Seiten des Atlantiks betrachtet: Was gibt Ihnen Zuversicht?
Niall Ferguson: Eine einzige Sache. Die amerikanische Verfassung. Sobald sich Europäer, Deutsche, auch die Briten, wieder einmal endlos über Präsident Trump beschweren, über die Vereinigten Staaten, über das Ende der liberalen Weltordnung – eine Ordnung, an die ich nie wirklich geglaubt habe –, dann erinnere ich mich an dieses Dokument. Es ist eine Frucht der Aufklärung, auch der schottischen Aufklärung, und es wurde sorgfältig darauf ausgelegt, zu verhindern, dass ein amerikanischer Präsident jemals zum König oder zum Kaiser wird. Es funktioniert seit mehr als zwei Jahrhunderten. Es funktioniert auch weiterhin. Die Checks and Balances sind real. Schauen Sie genau hin, und Sie werden es sehen: Trumps Macht ist begrenzt – durch die Zeit und durch die Verfassung. Das ist es, was mir Zuversicht gibt.
Mit Niall Ferguson sprach KT Guttenberg. Sie finden den Beitrag hier auf YouTube.
O – T Ö N E
GYSI GEGEN GUTTENBERG &
LAND IN SICHT &
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Freitags:
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
L I V E E R L E B E N
GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR
Sehen wir uns?
Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26
Bochum, RuhrCongress, 30.10.26
Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26
H E Y, K T !
"Wenn Sie morgens mal nur 10 Minuten Zeit haben – wie informieren Sie sich über die Weltlage?"
Fragt MAKE AMERICA GOOD AGAIN-Hörerin Tanja Schneider aus Hannover
Eine gedruckte Zeitung: archaisch, aber tief.
Bild: Shutterstock
KTs Antwort: „Zehn Minuten, um sich morgens zu informieren, sind ungefähr so sinnvoll wie ein Espresso als Abendessen: technisch möglich, existenziell unbefriedigend.
Ich bin Newsjunkie – aber einer mit altmodischen Ritualen. Ich schätze das Rascheln von Papier mehr als das nervöse Zucken eines Feeds.
Wenn es also wirklich nur zehn Minuten sind, greife ich nicht zum Zeitungsstapel oder Smartphone, sondern zum Laptop. Dort öffne ich die Startseiten der Financial Times, des Economist und der New York Times. Mein Triumvirat der Weltdeutung. Anschließend die Homepages führender deutscher Tageszeitungen. Erst die Welt, dann das Land – nicht aus Snobismus, sondern aus Proportion. Wer nur deutsche Schlagzeilen liest, verwechselt schnell Wetter mit Klima.
Gedruckte Zeitungen liebe ich trotzdem. Sie sind das letzte Medium, das noch so tut, als gäbe es eine Ordnung der Dinge. Zudem lese ich aufmerksamer als am Bildschirm. Aber ihre Aktualität ist die des Vortages – und die Welt hat sich über Nacht selten beruhigt. Also kombiniere ich: das Archaische für die Tiefe, das Digitale für die Gegenwart.
Soziale Medien? In diesen zehn Minuten strikt tabu. Empörung ist der schnellste, aber auch billigste Informationsmodus. Wer wenig Zeit hat, sollte sie nicht an das Lauteste verschwenden.
Mein Prinzip ist einfach: Nicht alles wissen wollen, sondern das (hoffentlich) Richtige zuerst. Oder, um es anders zu sagen: Information ist endlich, Aufregung unendlich."
Wollen Sie auch etwas von KT Guttenberg wissen? Dann los.
Liebe Leserin, lieber Leser,
wie hat Ihnen diese Ausgabe von NEULAND Update gefallen? Schreiben Sie uns gern: feedback@guttenberg.media
Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!
Herzlichst, Ihr KT Guttenberg
T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.