9 Gründe: Der Liberalismus hat Zukunft!
KT Guttenberg: 9 Gründe, warum der Liberalismus in Deutschland eine Zukunft hat
John Baird, früherer Außenminister Kanadas, sagt: Die NATO ist stark wie nie
Hey KT, hast du als Kind die Fußball-WM geschaut – und welcher Spieler warst du?
Meine Insights der Woche – 04. Juni 2026
Guten Morgen,
eine Partei, die sich selbst nicht traut, wollte dem Land Vertrauen einflößen. Am vergangenen Samstag, 30. Mai 2026, trat die FDP in Berlin zum Bundesparteitag zusammen – offiziell, um sich neu zu erfinden. Was folgte, war Partei-Theater der alten Schule: Wolfgang Kubicki, 72, der Grande Provokateur des deutschen Liberalismus, sollte eigentlich ohne Gegenkandidatur zum Vorsitzenden gewählt werden. Dann trat Marie-Agnes Strack-Zimmermann ans Mikrofon. Spontankandidatur, 33 Unterstützer-Unterschriften – das Quorum erfüllt, die Bühne bereitet. Am Ende siegte Kubicki mit 59,3 Prozent zu 39,3.
Im Berliner „Blasensprech“ bemüht man gerne die Chiffre „ehrlich“ für solche Ergebnisse. Der Amtsvorgänger Christian Dürr ist Geschichte, bevor er überhaupt die Wahrnehmungsschwelle der Nation erreicht hat. Und die FDP hat nun einen Vorsitzenden, dessen kantiges Profil die Partei zumindest im Gespräch halten dürfte. Fürs Erste.
Die eigentliche Frage aber, die dieser Parteitag aufwirft und die weit über Personaldebatten hinausgeht: Ist das ein Neuanfang des deutschen Liberalismus — oder sein letztes großes Schaulaufen?
Verwechseln wir dabei nicht die Partei mit der Idee. Der Liberalismus ist älter als die FDP, tiefer als jedes Programm – und wird in Deutschland dringender gebraucht als je zuvor.
Insights
9 Gründe, warum der Liberalismus in Deutschland eine Zukunft hat
Die FDP liegt auf der Intensivstation. Aber Liberalismus und FDP sind nicht (mehr) dasselbe. Eine Rettungsschrift für eine Idee, die Deutschland gerade jetzt viele wertvolle Anstöße geben kann
"Die Freiheit führt das Volk" – Delacroixs berühmtes Bild von 1830, nur weht dank KI nun da eine deutsche Flagge. Bild: Eugène Delacroix, WikiCommons / Pollo.Ai
I1. Weil Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist — und nie war
Historische Einordnung
Der moderne Liberalismus entstand in Europa als direkte Antwort auf Absolutismus und Willkürherrschaft. John Locke formulierte 1689 das Grundprinzip, wonach das Individuum natürliche Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum besitzt – und der Staat ist nicht ihr Verleiher, sondern ihr Hüter. In Deutschland blieb dieser Gedanke lange unterdrückt. Die Revolution von 1848, das Paulskirchen-Parlament, das erste freie deutsche Parlament, war ein liberaler Traum. Er scheiterte. Erst 1949 wurden Grundgedanken des Liberalismus im Grundgesetz teilweise institutionalisiert.
Freiheit ist kein stabiler Aggregatzustand, sondern ein permanentes Projekt. An zahlreichen Orten beobachten wir, wie demokratische Mehrheiten demokratische Freiheiten einschränken: In der Türkei werden Oppositionelle verhaftet und in der Slowakei verwandeln sich – 35 Jahre nach der Samtenen Revolution – Studenten wieder zu Dissidenten. In Tschechien versucht eine neue Regierung, öffentlich-rechtliche Medien unter staatliche Budgetkontrolle zu bringen. In Georgien und Serbien erodiert Rechtsstaatlichkeit im EU-Vorzimmer. Die USA, Referenzpunkt liberaler Demokratie seit 200 Jahren, landen im Pressefreiheitsranking 2026 auf Platz 64 — zwischen Ost-Timor und Tonga.
Und auch Deutschland ist wie viele andere europäische Staaten alles andere als immun. Radikale Kräfte, die Freiheiten einzuschränken trachten, gewinnen weiter erheblich an Zustimmung. Wer also glaubt, liberale Grundrechte seien in Stein gemeißelt, hat die Geschichte nicht gelesen und verschließt die Augen vor der Gegenwart.
„Die gefährlichste aller Freiheiten ist die Freiheit, auf Freiheit zu verzichten.“
Jean-Jacques Rouseeau (1712-1778, zugeschrieben)
2. Weil Bürokratie die langsamste Form der Tyrannei ist
Max Weber warnte vor dem, was er das ‚stahlharte Gehäuse der Hörigkeit’ nannte. Jene schleichende Rationalisierung, die alle Lebensbereiche erfasst, bis das Verfahren wichtiger wird als das Ergebnis und die Zuständigkeit wichtiger als die Lösung. Weber dachte dabei an den Kapitalismus. Er hätte auch an die deutsche Bauverwaltung denken können. Deutschland ist Weltmeister im Verwalten. Wer hierzulande ein Unternehmen gründen, ein Haus bauen oder schlicht umziehen will, lernt schnell: Der Staat vertraut dem Bürger nicht. Er prüft, reguliert, genehmigt – und verzögert. Ein Schienenprojekt in Deutschland dauert nach eigenen Angaben der Deutschen Bahn im Idealfall zwölf Jahre – von der Planung bis zur Fertigstellung. Währenddessen erodieren Brücken, die in den 1960er Jahren für Lasten gebaut wurden, die heute kein LKW mehr unterschreitet. Ausschreibungsrecht und Vergabevorschriften machen jede Sanierung zum Marathonprojekt.
In diesem Kontext gehört liberales Denken nicht ins Reich der Ideologie, sondern ist Pragmatismus: weniger Staat dort, wo der Bürger es selbst regeln kann, mehr Staat dort, wo echte Schutzpflichten bestehen. Diese Unterscheidung fällt im deutschen Politikbetrieb allzu oft unter den Tisch.
„Das beste Regieren ist das, das am wenigsten regiert.“
Henry David Thoreau, Resistance to civil government, 1849
3. Weil Marktwirtschaft kein Selbstläufer ist – aber das beste System, das wir haben
Historische Einordnung
Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard, die Väter der Sozialen Marktwirtschaft, waren keine FDP-Männer, aber durch und durch liberale Denker. Für sie galten Wettbewerb als Motor und der Sozialstaat als Sicherheitsnetz, nicht als Hängematte. Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit war ihr Werk. Erhard warnte schon 1957 vor dem, was er 'kollektive Daseinsvorsorge' nannte. Die schleichende Versuchung, alles staatlich abzusichern, bis die individuelle Risikobereitschaft erlischt.
Die Bundesrepublik 2026 ist nicht mehr Erhards Deutschland. Der Subventionsstaat hat Konturen angenommen, die selbst hartgesottene Ordoliberale erschaudern lassen: Das Ergebnis ist nicht Sicherheit, sondern strukturelle Abhängigkeit. Von staatlicher Fürsorge, von überkommenen Industriestrukturen, von Subventionslogiken, die längst über ihren ursprünglichen Zweck hinausgewachsen sind. Das Ergebnis ist nicht Sicherheit, sondern das, was Erhard am meisten fürchtete: eine Gesellschaft, die sich ans Absichern gewöhnt hat und das Gestalten verlernt. Subventionen sind kein Wirtschaftsmodell. Eher dessen Vertagung.
„Wohlstand für alle — das ist das Ziel. Wohlstand durch Wettbewerb — das ist der Weg.“
Ludwig Erhard, Wohlstand für alle, 1957
Kein FDP-Mann, aber ein liberaler Geist: Ludwig Erhard, einer der Begründer der Sozialen Marktwirtschaft. Bild: WikiCommons
4. Weil Bildung eine wahrhaft gerechte Erbschaft ist
Seit über zwei Jahrzehnten zeigen PISA-Studien das gleiche Bild: In Deutschland hängt der Bildungserfolg stärker von der sozialen Herkunft ab als in den meisten vergleichbaren Industriestaaten. Das ist indes kein Naturgesetz, sondern eine politische Entscheidung, die man immer wieder neu trifft, indem man sie nicht ändert. Ein moderner Liberalismus kann sich hier nicht wegducken. Das Versprechen der Chancengleichheit ist sein ureigenes. Und solange ein Kind aus einer Akademikerfamilie statistisch doppelt so oft aufs Gymnasium kommt wie ein gleich begabtes Kind aus einer Arbeiterfamilie, ist dieses Versprechen nicht eingelöst.
Ein moderner Liberalismus muss Bildungsgerechtigkeit als Kernthema beanspruchen. Nicht etwa als sozialdemokratische Leihgabe, sondern als logische Konsequenz des Gleichheitsprinzips. Jeder Mensch verdient denselben Startpunkt. Was er daraus macht, ist letztlich seine Sache.
5. Weil KI und Digitalisierung auch liberale Antworten brauchen
Historische Einordnung
Der klassische Liberalismus des 19. Jahrhunderts entstand in einer Zeit technologischer Revolution. Dampfmaschine, Eisenbahn und Telegrafen hielten Einzug. Damals war die liberale Antwort auf neue Technologie: Vertrauen in Innovation, statt sie zu regulieren, bevor sie überhaupt entsteht. Die heutige Frage, wer von neuer Technologie profitiert und wer zurückbleibt, ist dieselbe wie damals. Nur die Geschwindigkeit hat sich verändert.
Die Europäische Union hat mit dem AI Act ein Regelwerk geschaffen, das so komplex ist, dass selbst dessen Schöpfer Mühe haben, es zu erklären. Es handelt sich um das weltweit erste umfassende KI-Regelwerk. Ein Umstand, der Anerkennung verdient. Doch die Zahlen erzählen eine nüchterne Geschichte: Von 2013 bis 2024 flossen in den USA über 470 Milliarden Dollar an privatem KI-Kapital – gegenüber rund 50 Milliarden Dollar in allen EU-Ländern zusammen. Die Schere, auch gegenüber China, klafft immer weiter auseinander.
Und während Europa reguliert, forderten im Sommer 2025 über 40 CEOs führender Industrieunternehmen — darunter Siemens, Airbus und Mercedes-Benz — in einem offenen Brief eine zweijährige Aussetzung wesentlicher AI-Act-Pflichten, weil die EU durch „überlappende und zunehmend komplexe Vorgaben“ das Gleichgewicht aus Innovation und Regulierung verliere. Europäische Tech-CEOs warnen vor Wettbewerbsnachteilen gegenüber USA und China. Liberale Technologiepolitik muss beides im Blick behalten: den Schutz vor Risiken und den Mut zur Gestaltung.
Dies bedeutet, Innovation zuerst verantwortungsvoll ermöglichen, dann regulieren – nicht umgekehrt. Es bedeutet, den Bürger als souveränes Subjekt im digitalen Raum zu begreifen, nicht als Datenpunkt staatlicher Aufsicht. Und es bedeutet, Deutschland wieder als Innovations- statt als Regulierungsstandort zu verstehen.
Vordenker liberaler Ideen: John Locke (1632 bis 1704)... Bild: WikiCommons
... und Karl Popper (1902 bis 1994). Bild: WikiCommons
6. Weil wir Toleranz aktiv verteidigen müssen
Der politische Diskurs in Deutschland hat sich verengt. Auf der einen Seite wächst ein Autoritarismus, der nationale Identität gegen pluralistische Offenheit ausspielt. Auf der anderen Seite gibt es Strömungen, die in ihrer Suche nach Gerechtigkeit zunehmend illiberal werden, dabei Meinungskorridore enger ziehen, Debatten abwürgen und moralische Eindeutigkeit einfordern, wo es sie nicht geben kann. Beide Extreme schaden der Demokratie.
Karl Poppers berühmtes Toleranzparadox gilt heute so präzise wie je. Er formulierte es 1945 in einer Fußnote und niemand ahnte, dass dieser Nebensatz zur meistzitierten Stelle seines Werkes werden würde: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“
Liberalismus ist damit kein naiver Pluralismus. Er hat eine Grenze, und er muss bereit sein, sie zu verteidigen.
7. Weil Europa nur als liberales Projekt eine Zukunft hat
Historische Einordnung
Die Europäische Einigung war von Beginn an ein zutiefst liberales Projekt: freier Waren-, Dienstleistungs-, Kapital- und Personenverkehr. Grenzen überwinden, Monopole brechen, Kooperation über Konfrontation. Die Gründungsväter - Adenauer, de Gasperi, Schuman - waren keine Liberalen im Parteisinne. Aber ihre Vision war eine zutiefst liberale, indem sie Frieden durch Verflechtung, Wohlstand durch offene Märkte und Würde durch geteilte Rechte in den Mittelpunkt stellten.
Heute wird dieses Projekt von zwei Seiten bedroht. Vom nationalstaatlichen Rückzugsreflex – der alten Versuchung, die großen Probleme mit kleinen Grenzen zu lösen – und von einer EU, die in Regelungseuphorie das vergisst, was Robert Schuman und Konrad Adenauer vor Augen hatten: eine Union freier Völker und nicht vorrangig eine Bürokratie über ihnen. Während der Nationalismus Einfachheit verspricht, betonen Brüsseler Institutionen die Sicherheit. Beide sind Illusionen. Der Liberalismus wäre eine politische Tradition, die beide gleichzeitig beim Namen nennen kann, ohne in die Falle der einen oder der anderen zu tappen.
Wer Europa liebt, muss es reformieren. Das bedeutet: eine Union, die stark ist, wo Stärke gebraucht wird — in der Außen- und Sicherheitspolitik, im Binnenmarkt, in der Handelspolitik — und die loslässt, wo Nähe besser regiert als Distanz. Subsidiarität ist kein Euphemismus für Rückbau. Vielmehr ist sie das architektonische Prinzip einer Demokratie, die ihren Bürgern vertraut. Ein liberales Europa ist kein Projekt der Vereinheitlichung, sondern der gemeinsamen Freiheit.
In der Verantwortung: der neue FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki. Bild: Juergen Nowak / Shutterstock
8. Weil Generationen-Gerechtigkeit das uneingelöste liberale Versprechen ist
Jede Generation steht auf den Schultern der vorigen und in der Schuld der nächsten. Eine Erkenntnis fern aller Sentimentalität – und schlichte Arithmetik. Die Bundesrepublik hat in den vergangenen Jahrzehnten eine stille Umverteilung betrieben, die in keinem Wahlprogramm so offen steht: von jung nach alt, von morgen nach heute, von Gestaltung nach Besitzstandswahrung.
Die Rentengarantien der großen Koalitionen, die jahrzehntelang aufgeschobene Infrastrukturinvestition, die Klimaschulden, die in atmosphärischen CO₂-Konzentrationen bilanziert werden – all das sind Formen des Konsums auf Pump, bezahlt von Menschen, die heute noch zur Schule gehen; und politische Entscheidungen, die man immer wieder neu trifft, indem man sie nicht revidiert.
Hier hat der Liberalismus ein ureigenes Argument und bisher zu wenig damit gemacht. Denn wer Eigenverantwortung predigt, muss auch erklären, welche Generation die Konsequenzen trägt. Wer Marktfreiheit verteidigt, muss fragen, ob zukünftige Generationen dieselben Startbedingungen haben werden wie die heutigen. Generationengerechtigkeit ist nicht Sozialpolitik. Sie ist das liberale Prinzip der Chancengleichheit, in die Zukunft verlängert.
Ein moderner Liberalismus, der dieses Thema ernst nimmt, muss unbequeme Wahrheiten aussprechen: dass manche Besitzstände nicht finanzierbar sind, ohne anderen die Zukunft zu verbauen. Dass Schulden keine abstrakte Zahl sind, sondern konkrete Lasten auf konkreten Schultern. Und dass eine Gesellschaft, die ihre Kinder mit den Rechnungen ihrer Eltern belastet, den Generationenvertrag nicht erneuert, sondern kündigt.
„Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt. Wir haben sie von unseren Kindern geliehen.“
Antoine de Saint Exupéry (1900-1944, zugeschrieben)
9. Weil freie Wissenschaft und offener Diskurs verwundbar sind
Der Fortschritt einer Gesellschaft hängt davon ab, ob sie ihre eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen vermag. Heute steht dieses Grundprinzip liberaler Demokratie unter Druck – und zwar nicht nur dort, wo man es erwartet. In der Slowakei geraten Universitäten zwischen politische Fronten. In den USA werden Forschungsprogramme gestrichen, weil ihre Ergebnisse unbequem sind. Aber auch in Deutschland wird die Frage lauter, welche Themen noch offen diskutiert werden dürfen, welche Positionen sagbar sind, welche Schlussfolgerungen gezogen werden dürfen, ohne soziale oder institutionelle Konsequenzen zu fürchten.
Ein Ruf nach schrankenlosen Diskursen wäre verwegen. Hassrede ist keine Meinung und Desinformation ist kein Argument. Aber zwischen dem, was verboten gehört, und dem, was bloß unbequem ist, liegt ein weites Terrain. Und dieses schrumpft, wenn niemand es verteidigt.
Ein Liberalismus, der Meinungsfreiheit nur schützt, wenn sie mehrheitsfähig ist, hat ihren Kern verraten. Freie Wissenschaft ist keine akademische Luxusveranstaltung, sondern die Grundbedingung einer lernfähigen Gesellschaft. Universitäten, die politischen Konjunkturen folgen statt der Wahrheit, produzieren keine Erkenntnis mehr, sondern lediglich Bestätigung. Demokratien, die das zulassen, werden sukzessive dümmer und treffen konsequenterweise nicht klügere Entscheidungen.
„Ich missbillige, was du sagst, aber ich werde bis zum Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.“
Evelyn Beatrice Hall, The Friends of Voltaire, 1906
Fazit: Der Liberalismus hat Zukunft
Man muss kein FDP-Mitglied sein, um zu begreifen: Eine Demokratie ohne eine ernsthafte liberale Kraft ist eine Demokratie mit einem blinden Fleck. Der Liberalismus steckt in der Krise, aber eine grundlegende Neuaufstellung wäre auch im Interesse der demokratischen Gesellschaft insgesamt.
Die Mitte ist nicht leer, aber unterversorgt. Millionen Bürger, die weder staatsgläubig noch nationalistisch denken, die Weltoffenheit schätzen und trotzdem fiskalische Vernunft einfordern, die individuelle Freiheit hochhalten und dennoch gesellschaftliche Verantwortung kennen – all jene warten auf Verantwortungsträger, die sie ernst nehmen.
Die neun Gründe oben sind keine Werbeschrift für eine Partei, aber eine Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht, wenn das liberale Erbe — von Kant über Erhard bis Popper — in Deutschland zu einer Randnotiz verkommt. Freiheit, Eigenverantwortung, Toleranz, Innovation, Europa sind keine Luxusgüter, sondern Grundbedingungen einer Gesellschaft, die ihre besten Zeiten noch vor sich haben will.
Der Liberalismus steckt weniger in einer Krise der Ideen als der Glaubwürdigkeit. Das ist heilbar, wenn der Wille erkennbar ist. Liberales Denken hat eine Zukunft in Deutschland. Aber sie will verdient werden. Wieder und wieder.
Redaktionstipp: HörenLesenGucken
Neuer WM-Podcast: BALL IN SICHT
Wir vom TEAM GUTTENBERG teilen Freud' und Leid der Fußball-Fans (siehe auch "Hey, KT", weiter unten). Zwei von uns haben viele Jahre als Sportreporter gearbeitet und für große Redaktionen von Weltmeisterschaften berichtet, für SPIEGEL bzw. stern – als Zuhörer kennen Sie die beiden vielleicht schon von unserem News-Talk LAND IN SICHT. Nun, bei der bald beginnenden WM in Nordamerika, starten Klaus Brinkbäumer und Rüdiger Barth ihren Podcast BALL IN SICHT. Sie reden über das Mysterium, warum die einen Teams siegen, die anderen scheitern, über die faszinierenden Momente und die stillen Helden. Und sie schauen etwa auch darauf, wie Donald Trump und ICE das Team des Iran behandeln werden. Eine Episode von BALL IN SICHT dauert nicht länger als eine Halbzeitpause – und ist so erfrischend wie unterhaltsam. Viel Spaß! (red)
BALL IN SICHT. Video-Podcast mit Klaus Brinkbäumer und Rüdiger Barth. Ab 10. Juni regelmäßig überall, wo es Podcasts gibt und auf YouTube. Oder direkt bei uns:
A U F E I N W O R T
Warum so zuversichtlich, John Baird?
Der frühere Außenminister Kanadas hält die NATO für deutlich entschlossener als noch vor zehn Jahren. Im NEULAND Update lobt er die Europäische Union: Sie sei eine "starke Kraft für das Gute"
Der Konservative John Baird war Außenminister Kanadas von 2011 bis 2015.
Bild: KT Guttenberg
NEULAND: John, die Welt ist im Aufruhr – Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten. Was gibt Ihnen noch Zuversicht?
John Baird: Das transatlantische Bündnis. Wirtschaftlich durch das Freihandelsabkommen mit der EU, sicherheitspolitisch durch eine NATO, die seit Russlands Einmarsch in die Ukraine erheblich gestärkt wurde. Vor zehn Jahren hätte ich gezögert, wenn mich jemand gefragt hätte: Was passiert, wenn ein Bündnispartner angegriffen wird, etwa Lettland, kommt die NATO zu Hilfe? Heute bin ich deutlich zuversichtlicher. Der Krieg in der Ukraine hat dieses Bündnis gefestigt, entschlossener gemacht, den Konsens verbreitert. Und wirtschaftlich: Kanada will seinen Handel diversifizieren – die EU ist der naheliegendste Partner, mit einem starken Abkommen und tiefen historischen Bindungen.
NEULAND: Da wir über die NATO sprechen – gesetzt den Fall, wir müssten Lettland bei einem möglichen russischen Angriff zur Seite stehen: Glauben Sie, wir wären dann auf uns allein gestellt – die Kanadier und die Europäer?
John Baird: Ich kann Ihnen garantieren, dass Kanada dabei wäre. Wir haben derzeit eine Ausbildungsmission in Lettland laufen, mit dort stationierten Truppen. Ich muss glauben, dass die Vereinigten Staaten ihre Verpflichtungen einhalten und eine russische Aggression stoppen würden. Ich halte es aber auch für weniger wahrscheinlich, dass es dazu kommt – weil Putin in der Ukraine so spektakulär gescheitert ist. Russische Soldaten sind dort in Convenience-Stores eingebrochen – nicht um zu rauben, sondern weil sie hungrig waren, und das war zwei oder drei Tage nach Kriegsbeginn. Man beginnt einen Krieg, ohne auch nur die logistische Unterstützung zu haben, um seine Truppen mit Essen zu versorgen! Es gibt Berichte, dass Soldaten die Treibstofftanks ihrer leichten Panzerfahrzeuge aufgestochen haben, weil ihnen der Mut und der Wille fehlte, weiterzumachen. Die schlechte Logistik, die schlechte Führung, die schlechte Ausrüstung – das war eine große Überraschung. Deshalb glaube ich, dass ein solcher Angriff weit weniger wahrscheinlich geworden ist.
NEULAND: Wenn wir nun auf Kanada schauen – Sie haben jetzt einen Premierminister, den Sie als Konservativer wahrscheinlich nicht gewählt hätten. Wie sehen Sie das?
John Baird: Nun, Premierminister Mark Carney nennt sich selbst einen Europäer (schmunzelt) – er ist also eindeutig ein starker Verbündeter in der transatlantischen Beziehung. Und das baut auf der Arbeit auf, die vor Jahren der damalige Premierminister Stephen Harper geleistet hat – nicht nur mit der Aushandlung des umfassenden Wirtschaftsabkommens, sondern auch des umfassenden politischen Engagements. In Kanada sehen wir die EU als eine starke Kraft für das Gute. Sie ist fast wie ein zweites Amerika, mit dem wir im Großen und Ganzen dieselben Interessen und dieselben Werte teilen.
Mit John Baird sprach KT Guttenberg, Sie finden das Video hier.
O – T Ö N E
GYSI GEGEN GUTTENBERG &
LAND IN SICHT &
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Mittwochs:
GYSI GEGEN GUTTENBERG
Fußball-WM: zu groß, zu teuer?
„Wenn schon Uli Hoeneß sagt, er fährt nicht hin, weil dieser Preis für diese Karten völlig unangemessen ist – nicht weil er sich das nicht leisten kann, aber das wäre so abgehoben, wenn du dann sagst, ich bezahle das selbstverständlich, während andere gar keine Chance auch nur auf die Andeutung einer Karte haben. Nein, das gefällt mir alles nicht. Ich bin für Fußball-Weltmeisterschaften, aber ich würde sie gerne entpolitisieren und auch entkommerzialisieren. Geht das?“
Gregor Gysi, Pooodcaster
„Ich glaube nicht, weil der Sport auf dem Niveau durchkommerzialisiert ist und es um Milliarden geht. Das betrifft nicht nur die Fußball-Weltmeisterschaft, sondern auch die großen Ligen dieser Welt. Am Ende hat man immer das Gefühl, wenn die Nationalmannschaften gegeneinander antreten, ist es eigentlich nicht vom Kommerz geprägt, aber natürlich ist es so.“
KT Guttenberg, Pooodcaster
L I V E E R L E B E N
GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR
Sehen wir uns?
Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26
Bochum, RuhrCongress, 30.10.26
Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26
Dienstags:
LAND IN SICHT
Kanzler Merz schon vor dem Aus?
„Wir, die nicht in Deutschland geboren sind, die hier teilweise seit Jahrzehnten leben, sich integriert haben, die Sprache sprechen und Steuern zahlen, schauen ganz genau auf die historischen Konsequenzen, wenn Merz nicht bleibt. Ich bin ein bisschen erbost, dass ich für Merz eine Lanze brechen muss. Aber ich bekomme immer wieder das Gefühl, dass Politiker Angst um ihren Arbeitsplatz haben – was ich ohnehin nicht verstehe, weil das keine finanziellen Konsequenzen hat. Und wenn diese Angst nicht gilt, frage ich mich: Warum ist ihnen die historische Konsequenz und Verantwortung dieses ganzen innerparteilichen Streits nicht bewusst? Warum verhalten sich Politiker nicht so, dass sie sagen: Wir haben eine historische Verantwortung. Hört auf, die Kollegen zu verprügeln, reißt euch zusammen. Das finde ich einfach erschreckend – für all jene von uns, die auf den September schauen und sich fragen: Können wir bleiben?“
Ricardia Bramley, Team LAND IN SICHT
L I V E E R L E B E N
LAND IN SICHT ON TOUR
Im Landhaus Walter in Hamburg steigt am 25. August ein besonderes Open-Air-Event mit unserer Crew Klaus Brinkbäumer, Ricardia Bramley und KT Guttenberg: die erste Live-Aufnahme von zwei LAND IN SICHT-Episoden. Inklusive Zuschauerfragen! Wir freuen uns sehr auf Sie.
DAS EVENT:
Hamburg, Landhaus Walter, 25.8.26
Freitags:
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Große Momente an der Uni
„Es gab bei Abschlussfeiern an der Uni schon oft sehr inspirierende Redner, wie Oprah Winfrey. Zwei Reden haben es auch um die Welt geschafft. Das war unter anderem die Rede von Steve Jobs.“
Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Die meisten haben diese Rede schon einmal gehört oder gesehen. Das ist wirklich eine Viertelstunde, die man sich immer wieder anhören kann. Von denen, die unter ihm gearbeitet haben, wird Jobs selten in warmen Worten beschrieben, und gleichzeitig hat er eine der berührendsten Commencement Speeches gehalten angesichts dieser Graduiertenfeier, wo er eine Reflexion über College Dropout, seine Krebserkrankung und den Tod angestellt hat.“
KT Guttenberg,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
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H E Y, K T !
"Hast du als Kind die Fußball-WM geschaut – und welcher Spieler warst du?
Fragt NEULAND Update-Leser Frank Lechner aus Karlsruhe
Argentiniens Mario Kempes im Finale 1978, für den sechsjährigen KT ein "Halbgott". Bild: WikiCommons
KTs Antwort: "Bitte? Ob ich als Kind die WM geschaut habe? Eine Frage, über die ich fast gekränkt bin, wenn sie nicht so aufrichtig gestellt wäre.
Die erste Erinnerung habe ich an die WM 1978 in Argentinien. Die Zeit der Zottel, Koteletten und Schnurrbärte. Lieber schwitzte man ein paar Liter mehr aus dem Körper als sich von Dauerwelle und Lippenspoiler zu trennen. Ich muss heute noch schallend lachen, wenn ich die vergilbten Bilder im Panini-Album betrachte.
Die Fußballspiele wirkten wie eine Wiederbelebung des Woodstock-Festivals. Das ganze Stadion rauchte. Wie man angesichts des Nebels brauchbare Fernsehbilder produzierte, ist mir bis heute schleierhaft (Hach, was für ein Wortspiel, seufz). Auch die Trainer am Seitenrand hatten die Fluppe im Mundwinkel. César Luis Menotti führte als lebender Schornstein die argentinische Mannschaft zum Weltmeistertitel und konservierte sich dabei offenbar selbst so nachhaltig, dass er uns erst vor zwei Jahren hochbetagt verlassen sollte.
Lediglich die Schlaghosen setzten sich auf dem Platz nicht durch. Wäre beim Anlaufen zum Elfmeter auch unpraktisch gewesen – und hätte dem Torwart einen aerodynamischen Vorteil verschafft, den die Regeln bis heute nicht vorsehen.
1978 war ich sechs Jahre alt. Alt genug, um Mario Kempes für einen Halbgott zu halten und um zu verstehen, warum mein Vater beim letzten Deutschland-Spiel so unmäßig fluchte. Uns hatten gerade die Österreicher („I werd narrisch!!!“-Cordoba) geputzt. Meine frisch geschiedene Mutter, Österreicherin, fand es gut. Mein Vater nicht.
Aber die eigentliche Fußballoffenbarung kam 1982. Spanien. Und mit ihr jene deutsche Mannschaft, die ich — mit der Unerbittlichkeit eines Zehnjährigen — für die beste der Weltgeschichte hielt. Karl-Heinz Rummenigge. Paul Breitner. Der Torwart Harald Schumacher, der im Halbfinale gegen Frankreich Patrick Battiston so unzimperlich aus dem Verkehr zog, dass mein Vater — sonst ein Mann gewählter Worte — erneut Ausdrücke verwendete, die ich hier nicht wiederholen werde.
Auf dem Bolzplatz war ich, ich gestehe es ohne übermäßige Reue: Rummenigge. Immer Rummenigge. Nicht wegen der Tore, sondern wegen der Haltung. Dieser leichten Überheblichkeit im Laufstil, die man als Kind für Eleganz hielt. Böse Zungen sagen, dass ich seitdem auch einen seltsamen Laufstil pflege.
Mein bester Freund hingegen bestand auf Breitner. Was insofern mutig war, als Breitner Maoist war, ein Buch von Mao Tse-tung auf Pressefotos spazieren trug und Interviews gab, die kein Mensch verstand, aber alle zitierten. Auf dem Bolzplatz übersetzte sich das in: viel reden, wenig passen, immer Recht haben. Er ist heute Unternehmensberater.
Das Schöne am Bolzplatz war, dass dort die Regeln der Welt noch formbar waren. Man konnte drei Tore schießen und trotzdem verlieren, wenn die Gegenseite die Zählweise neu definierte. Und man konnte, wenn gar nichts mehr half, den Ball für ungültig erklären und nach Hause gehen. Fähigkeiten, die manche Politiker bis in hohe Ämter hinein bewahrt haben – ich nenne keine Namen.
Geblieben ist mir von alldem: die Überzeugung, dass Fußball das einzige Kulturgut ist, das Generationen wirklich verbindet. Nicht durch Perfektion, sondern durch gemeinsam durchlittene Niederlagen. Mein Vater und ich haben nie so wenig gesprochen wie während eines deutschen WM-Aus — und selten so viel wie in den Stunden danach."
Wollen Sie auch etwas von KT Guttenberg wissen? Dann los.
Liebe Leserin, lieber Leser,
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Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!
Herzlichst, Ihr KT Guttenberg
T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.