Ist Putin der wahre Gewinner des Irankriegs?

  • KT Guttenberg: Russland und die Irankrise – ist Wladimir Putin etwa der wahre Gewinner?

  • BMW-CEO Oliver Zipse im Gespräch: 3 Gründe für Zuversicht in schwierigen Zeiten

  • Hey KT, was hat dich zuletzt aus der Fassung gebracht?

Meine Insights der Woche – 16. April 2026­


Guten Morgen {{ contact.FIRSTNAME }},

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Zur Aktualität: Vielfach ist derzeit die Rede davon, dass Russland unter Staatspräsident Wladimir Putin der "wahre Gewinner" des Irankriegs sei – weil man wieder deutlich mehr Öl verkaufen kann, weil die Welt seltener auf die Kriegsschauplätze in der Ukraine blickt, weil sich die USA als vermeintliche moralische Instanz selbst desavouieren. Die Wirklichkeit aber ist komplexer. Das aktuelle geopolitische Geschehen treibt auch Dynamiken an, die dem Kreml viel Kopfzerbrechen bereiten dürften. 

Ja, im engen, kurzfristigen Sinne ist Russland der Profiteur der letzten Wochen. Russland verdient an der Iran‑Krise, nutzt Irans Isolation, um eigene militärische und wirtschaftliche Engpässe zu überbrücken, und profitiert von jedem Riss in der Glaubwürdigkeit amerikanischer Ordnungspolitik. Es verlängert seine Kriegsfähigkeit in der Ukraine, stabilisiert sich gegenüber Teilen des globalen Südens und kann die eigene Aggression rhetorisch weiter relativieren.

Im strategischen Sinne allerdings ergibt sich ein anderes Bild: die Abhängigkeit von China vertieft sich; der Krieg in der Ukraine führte zu einer Erweiterung der NATO, die nach dem Beitritt Schwedens und Finnlands geographisch dichter vor die russische Haustür rückte; jede Aushöhlung westlicher Glaubwürdigkeit stärkt zwar Moskaus narratives Arsenal, aber zugleich beschleunigt sich die Herausbildung einer Weltordnung, in der Russland ökonomisch nicht auf Augenhöhe mit anderen Großmächten steht. Zudem hat der Einfluss des Kremls in der EU nach der Abwahl Viktor Orbáns in Ungarn empfindlich gelitten.

Schauen wir uns die Situation genauer an.


Insights

Ist Putin der Gewinner der Irankrise? 

Der Irankrieg. Trumps Drohungen an die NATO. Orbáns Abwahl in Ungarn. Was bedeuten die turbulenten Ereignisse unserer Zeit für Russland? Und welche Konsequenzen hat dies für Europa? Die Analyse.

Der Kreml, Moskau. Die Festung an der Moskwa ist Sitz von Staatspräsident Wladimir Putin.

Bild: WikiCommons

1. Ölkrise als Kriegsfinanzierung

Die neue Eskalation rund um Iran und die Straße von Hormus wirkt für den Kreml wie ein externer „Nachtragshaushalt“. Die zeitweise bis auf das Dreifache gestiegenen Preise für russisches Urals-Öl polstern den unter Sanktionen und Kriegsaufwand ächzenden Staatshaushalt auf und verschaffen Moskau kurzfristig Luft, um den Angriffskrieg gegen die Ukraine finanziell zu strecken – die Schätzungen der Experten belaufen sich auf ein Plus von bis zu 10 Milliarden Dollar pro Monat. Gleichzeitig signalisieren die USA mit der zeitweisen Lockerung von Ölsanktionen und der faktischen Duldung zusätzlicher russischer Lieferungen, wie rasch harte Sanktionslinien anderen Prioritäten zum Opfer fallen können.

Diese Gemengelage stärkt Putins Kalkül: Je mehr der Nahe Osten brennt, desto höher der Preis für russische Barrel. Damit lassen sich Haushaltslöcher stopfen, Soldzahlungen bedienen und Rüstungsaufträge finanzieren. Für Putin ist der Iran‑Konflikt damit nicht primär eine Bedrohung, sondern ein Hebel, der seinen hochmilitarisierten Haushalt einige Jahre länger stabilisieren kann. Allerdings ohne die strukturelle Schwäche zu beheben, dass Russland im Kern eine Rohstoffökonomie mit dünner industrieller Basis geblieben ist.

2. Iran als Arsenal, Puffer und Risiko

Militärisch ist Iran für Russland seit Jahren bedeutsam: Teheran fungierte als Drohnen‑ und Munitionslieferant, als Testfeld für Sanktionsumgehung und als politischer Komplize in der Herausbildung eines „Blocks der Sanktionierten“. Zudem speist der Iran‑Krieg indirekt die russische Feuerkraft in der Ukraine, weil insbesondere US-Ressourcen in Mittleren Osten gebunden werden, westliche Aufmerksamkeit verschoben wird und der Nachschubkanal für russische Kriegsführung in die Breite geht.

Doch Moskau hält Iran bewusst in einer Position der kontrollierten Abhängigkeit. Russland hat mehrfach zugesagte High‑End‑Waffensysteme wie Su‑35‑Jets verzögert oder nicht geliefert, um die regionale Balance nicht zugunsten Teherans zu verschieben. Dies würde die Beziehungen zu den Golfstaaten (und Israel) untergraben und die Gefahr einer direkten Konfrontation schaffen, in der Russland ungewollt in einen Konflikt hineingezogen werden könnte, der militärisch wie ökonomisch extrem kostspielig wäre. Genau deshalb liegt der russische Nutzen in einem vergleichsweise schwächeren, isolierten Iran: stark genug, um den Westen zu binden, aber zu schwach, um selbst die regionale Ordnung zu dominieren. Der Verweis auf „strategische Stabilität“ im Nahen Osten zeigt, dass Russland das Mullah‑Regime zwar als Werkzeug, nicht aber als gleichrangigen Partner sieht.

Logo des BRICS-Gastgebers 2026, Indien. Den Bund des "Globalen Südens" gründeten 2009 Brasilien, Russland, Indien, China, 2010 stieß Südafrika dazu, zuletzt schlossen sich weitere Länder an.

Bild: WikiCommons

3. Globaler Süden: vom Paria zum nützlichen Gegenpol

Im Westen bleibt Russland die klar benannte Aggressormacht. Im globalen Süden dagegen wird Moskau weit weniger als Paria empfunden, vielmehr dient es als nützlicher Gegenpol. Viele Staaten sehen den Ukraine‑Krieg als Teil eines größeren Ringens um Einflusszonen und nutzen Russlands Präsenz, um sich Spielräume gegenüber den USA und Europa zu sichern. Waffenlieferungen, Getreideexporte, Düngemittel und politische Rückendeckung in internationalen Foren machen Russland zu einem wertvollen, wenn auch nicht vertrauenswürdigen Partner.

Die Iran‑Krise verstärkt diesen Trend. Jedes Mal, wenn die USA militärisch eingreifen oder Sanktionen opportunistisch justieren, kann der Kreml das Narrativ vom „heuchlerischen Westen“ bedienen. In Afrika, Lateinamerika oder Teilen Asiens wird das aufmerksam registriert: Der Anspruch des Westens auf normatives Primat erodiert, während Russland – zusammen mit China – als Anwalt einer „multipolaren Ordnung“ posiert. Für Putins Argumentation zum Ukraine‑Krieg ist das ein Geschenk: Je fragiler die moralische Glaubwürdigkeit der USA, desto leichter lässt sich die russische Aggression als Teil eines allgemeinen Machtgefechts relativieren und rhetorisch normalisieren.

4. Wie Washington Putins Narrative füttert

Putins Rechtfertigung des Ukraine‑Feldzugs baut seit 2022 auf einer konsistenten Erzählung: Russland sei von einer expandierenden NATO „eingekreist“, müsse russischsprachige Minderheiten vor einem angeblichen „Genozid“ schützen und führe im Grunde einen präventiven Abwehrkampf gegen eine USA‑dominierte Ordnung. Dieser Diskurs ist in sich zynisch, aber er entfaltet Wirkung, da die USA selbst nicht sauber agieren.

Mit jeder Operation, bei der völkerrechtliche Begründung und politische Kommunikation auseinanderfallen, liefert Washington dem Kreml Stoff: Wenn die USA im Iran‑Konflikt de facto eigene Normen biegen, Sanktionen taktisch öffnen und militärische Gewalt wieder als Option etablieren, kann Moskau das als Bestätigung präsentieren – auch der Westen handle nur nach Machtkalkül. Für viele Staaten im globalen Süden verschwimmt so der Unterschied zwischen Aggressor und Ordnungsakteur. Die Folge ist nicht offene Parteinahme für Russland, aber eine bewusste Enthaltung, die Putin hilft, Isolation zu vermeiden und den Krieg in der Ukraine politisch länger durchzuhalten.

5. Russlands Wirtschaft: Kriegsboom ohne Zukunft

Ökonomisch wirkt Russland heute wie ein Land, das im Kriegsmodus einen letzten Aufschwung auspresst. Der Staat lenkt Kapital, Arbeitskräfte und industrielle Kapazitäten in die Rüstungsproduktion, hebt Löhne in militärnahen Sektoren und kompensiert mit Haushaltsausgaben, was an Produktivität und Innovation fehlt. Kurzfristig entstehen Wachstumszahlen, die ein gewisses Maß an Stabilität suggerieren.

Mittelfristig wird diese Kriegsökonomie jedoch zur Falle: Fachkräfte fehlen in zivilen Branchen, Investitionen in Zukunftstechnologien bleiben aus, die Abhängigkeit von Importen – gerade im Hightech‑Bereich – lässt sich unter Sanktionen nur begrenzt kompensieren. Parallel verschärfen demografische Faktoren (Überalterung, Abwanderung gut ausgebildeter junger Menschen) den Druck. Die Iran‑Krise lindert Symptome, nicht Ursachen: Sie spült zusätzliche Energieeinnahmen in einen Haushalt, der zunehmend von Militärausgaben dominiert wird und verlängert damit eher das Sterben (nicht nur) der Diversifizierung, als dass sie eine Transformation finanziert.

Russische Ukraine-Veteranen bei einer Parade in Moskau, 2025.

Bild: WikiCommons 

Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping (links) profitiert von Russlands Abhängigkeit.

Bild: WikiCommons 

6. Unterordnung unter China

Die strategisch vielleicht gravierendste Folge des Ukraine‑Kriegs – verstärkt durch die Iran‑Krise – ist die einseitige Bindung an China. Russlands Außenhandel hat sich in atemberaubendem Tempo Richtung Osten verschoben; der Verlust der EU als Premiummarkt macht Peking zum unverzichtbaren Absatz‑ und Beschaffungsraum. Das verleiht China strukturelle Verhandlungsmacht: Preise, Vertragslaufzeiten, Infrastrukturprojekte, Währungsfragen – überall kann Peking definieren, was es zu welchen Konditionen abnimmt. Für das Jahr 2026 ist prognostiziert, dass der bilaterale Handel zwischen beiden Ländern seit Jahren erstmals schrumpft. Während Peking seine wirtschaftlichen Bindungen verringert, fehlen Moskau andere Absatzmärkte.

Damit wird Russland zunehmend zur Rohstoff‑Peripherie einer chinesisch dominierten Asien‑Ökonomie degradiert. Politisch versucht der Kreml, diese Realität mit dem Pathos von „strategischer Partnerschaft ohne Grenzen“ zu kaschieren. Substanziell aber ist die Asymmetrie offensichtlich: China kann, anders als Russland, Alternativen organisieren – etwa durch Diversifikation von Energiequellen und Lieferketten. Moskau dagegen steht, nach der Entkopplung vom Westen, mit erheblich geringeren Ausweichoptionen da.

7. NATO: geografisch stärker, politisch fragiler

Sicherheitspolitisch stehen zwei Entwicklungen nebeneinander, die aus russischer Sicht widersprüchlich wirken, sich faktisch aber ergänzen. Auf der einen Seite hat Putin mit dem Angriff auf die Ukraine die NATO geostrategisch gestärkt: Mit Finnland und Schweden ist die Allianz näher an St. Petersburg gerückt, die Ostsee de facto ein NATO‑Binnenmeer, die Nordflanke besser geschlossen als je zuvor. Verteidigungshaushalte steigen, insbesondere in Nordeuropa, und es entstehen dauerhafte Strukturen, die militärisch näher an Russland rücken – ironischerweise genau jene Entwicklung, die der Kreml als Rechtfertigung seines Krieges ins Feld führt.

Auf der anderen Seite unterminiert US‑Präsident Trump die politische Verlässlichkeit dieses Bündnisses. Wenn Washington vom „Papiertiger“ spricht, mit Austritt droht oder den Beistandswillen offen relativiert, frisst das an der Glaubwürdigkeit der Abschreckung. Für Putin ist das ein strategischer Gewinn: Er sieht eine NATO, die militärisch zwar stärker aufgestellt, politisch aber unsicherer ist.

Die Gefahr, dass Moskau die Verteidigungsfähigkeit der NATO an ihrer Ostgrenze weitergehend provoziert als bisher, ist nicht geringer geworden.

8. Verlust eines Partners: die Abwahl Orbáns

Gleichzeitig bedeutet die Abwahl Viktor Orbáns für Russland einen herben politischen Verlust. Moskau verfügt aber durchaus über ökonomische Hebel und eine Reihe anderer Störfaktoren in Europa.

Orbán galt als „Putins bester Mann in Europa“: Er hat EU‑Sanktionspakete verwässert, Hilfen für Kiew blockiert (etwa den 90‑Milliarden‑Kredit) und mit demonstrativen Reisen zu Putin die Einheit der EU untergraben. Kurzfristig sinkt damit für Russland die Chance, über Budapest EU‑Beschlüsse zur Ukraine zu verzögern oder im Sanktionsregime Ausnahmen für Energie und Atomprojekte herauszuhandeln.

Der Kreml bemüht sich indes demonstrativ, den Bedeutungsverlust kleinzureden: Sprecher Dmitri Peskow respektiert offiziell das Wahlergebnis, erklärt Ungarn weiterhin zum „unfreundlichen Staat“ und betont, die Beziehungen zur EU könnten ohnehin kaum schlechter werden. Dahinter steht kalkulierte Schadensbegrenzung: Orbáns Nachfolger Péter Magyar gilt als prowestlich und hat angekündigt, die Energieabhängigkeit von russischem Öl, Gas und Nukleartechnologie bis 2035 zu reduzieren – aber er bleibt an langfristige Liefer‑ und AKW‑Verträge gebunden, die Orbán mit Moskau geschlossen hat. Das gibt Russland weiterhin wirtschaftliche und energiepolitische Hebel in Ungarn, auch wenn die politische Nähe bröckelt.

Abwägend lässt sich deshalb sagen: Für Russland ist Orbáns Abwahl ein symbolisch und taktisch schmerzhafter Schlag, der den Spielraum, EU‑Einigkeit zu sabotieren und prorussische Narrative von innerhalb der EU zu verstärken, deutlich verkleinert. Die strukturelle Lage des Ukraine‑Krieges ändert sich dadurch aber nur begrenzt, weil andere Faktoren – US‑Politik, Energiepreise, die innere Verfasstheit der EU – schwerer wiegen und Moskau weiterhin hoffen kann, über Energieabhängigkeiten und rechtspopulistische Parteien in mehreren Mitgliedstaaten Einfluss zu nehmen.

Partner von gestern: Ungarns Ministerpräsident Orbán (links) wird die EU-Politik künftig kaum mehr im Sinne Putins beeinflussen können.

Bild: WikiCommons

Mein Fazit

Russland ist weniger der souveräne Gewinner dieser Krise als ein von der eigenen Cleverness überzeugte Trittbrettfahrer, der aus jeder Erschütterung der Weltordnung kurzfristigen Nutzen ziehen möchte – und dabei übersieht, dass er selbst längst zum Objekt der langfristigen Machtverschiebung geworden ist. Russland ist somit ein großer, aber keineswegs ein souveräner Profiteur der Iran‑Krise: Es verdient an jedem Tag Krieg mit, gewinnt propagandistisch im globalen Süden – und rutscht zugleich tiefer in die Abhängigkeit von China, zudem in einen ökonomischen Kriegsmodus, der sich nur noch schwer zurückbauen lässt.

Diese Ausrichtung Russlands auf Kriegswirtschaft gilt es in allen Debatten im Blick zu behalten, wenn es um die Zukunftssicherung der NATO und Europas geht. Für die EU – und besonders für Deutschland – ist diese Gemengelage ein mehrfaches Warnsignal: Europa steht ökonomisch und sicherheitspolitisch unter doppeltem Druck. Der Iran‑Krieg treibt Öl‑ und Gaspreise erneut nach oben, belastet Wachstum, Haushalte und Industrie deutlich stärker als die USA und wirkt damit wie eine zusätzliche „Kriegssteuer“ auf die ohnehin angeschlagene europäische Konjunktur. 

Trumps NATO‑Drohungen verschärfen zugleich das strategische Dilemma: Europa soll im Mittleren Osten stärker militärisch liefern, während in Washington die Verlässlichkeit der Beistandsgarantie in Frage gestellt wird – eine Lage, in der ein wirtschaftlich geschwächtes Europa sicherheitspolitisch mehr Verantwortung übernehmen müsste, ohne auf den bisherigen US‑Schutzschirm zählen zu können. 

Die Abwahl Orbáns führt zwar zu einem Aufatmen in Brüssel, weil der Kreml einen wichtigen Störer am EU‑Tisch verliert, aber sie ersetzt nicht die Notwendigkeit, die eigene Resilienz gegenüber Energie‑ und Sicherheitsrisiken zu erhöhen. Für die EU und Deutschland heißt das, Verteidigungs‑ und Abschreckungsfähigkeit robuster auszubauen und politische wie ökonomische Anreize zu setzen, damit sich ein von Kriegswirtschaft getriebenes Russland nicht als vermeintlich „billige“ Alternative zu instabilen US‑Garanten in Teilen Europas etablieren kann.


Redaktionstipp: HörenLesenGucken

Die USA – ein faschistisches System?

Klaus Brinkbäumer ist Teil unseres Teams GUTTENBERG, und Sie haben ihn gewiss schon als Host unseren neuen Podcasts LAND IN SICHT erlebt – da ist er als Moderator gefragt, als Regisseur und Brückenbauer. In seinem neuesten Buch zeigt sich der langjährige USA-Korrespondent des SPIEGEL und Host des Erfolgs-Podcasts "Ok, America?" (DIE ZEIT) von seiner analytischen Seite – und die kommt in der tiefenscharfen Betrachtung der USA unserer Tage zu schmerzhaft klaren Erkenntnissen. "Der amerikanische Albtraum" schildert eindrucksvoll, wie die uralte Demokratie vor unseren Augen aufgebrochen und entkernt wird – und wie eine Riege sendungsbewusster, strategisch brillanter Köpfe an deren Stelle ein System bauen, das von Hass und Überlegenheitsphantasien gespeist wird. Brinkbäumer nennt dieses System schonungslos "Faschismus". Präsident Trump ist in seiner Perspektive nur das Symptom dieser amerikanischen Tragödie, keineswegs die Ursache. Lesen? Lesen! (rüb)

Klaus Brinkbäumer: Der amerikanische Albtraum. Faschismus made in USA. S.Fischer Verlag, 24 Euro.

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A U F  E I N  W O R T

Warum so zuversichtlich,  Oliver Zipse?

Nach sieben Jahren an der Spitze von BMW verabschiedet sich der Vorstandsvorsitzende im Mai. Sein Unternehmen steht auf dem Weltmarkt unter enormem Druck. Warum ist er dennoch optimistisch?

Oliver Zipse, noch bis Mai 2026 Vorstandsvorsitzender der BMW AG.

Bild: WikiCommons

NEULAND: Lieber Herr Zipse, wir leben in Zeiten, in denen es an allen Ecken und Enden geopolitische Einschläge gibt, in denen unsere Bevölkerung immer angstvoller auf diese Welt, aber auch auf das eigene Land blickt. Was gibt Ihnen Zuversicht?

Oliver Zipse: Neben allen Krisenherden, die es auf der Welt gibt, gilt immer das Karl-Popper-Prinzip – die Pflicht zum Optimismus, weil die Zukunft nicht vorherbestimmt ist. Das heißt, man muss sie gestalten. Drei Dinge machen mich ganz konkret zuversichtlich – und ich sage das als Unternehmer, wir machen Produkte, wir verkaufen diese Produkte weltweit. Erstens: In Deutschland haben wir eine kritische Gesellschaft. Und eine kritische Gesellschaft setzt voraus, dass die Menschen neugierig sind, dass sie wissen wollen, dass sie belesen sind, dass sie lernen wollen. Und diese kritische Gesellschaft ist ein großer Vorteil – wenn man am Schluss die Kraft besitzt, den Zug zu haben, aufs Tor schießen zu wollen. Eine Gesellschaft, die diese Kritizität und diese Neugierde nicht mehr hätte, wäre keine, in der ich leben wollte. Das Zweite ist: Vielleicht kennen Sie noch die alte Triade Japan, Deutschland, USA. Alle drei waren im Grunde Wirtschaftswunder nach dem zweiten Weltkrieg. Francis Fukuyama hat das mal gut beschrieben: Man konnte einander vertrauen. Man konnte einen Handschlag machen und man hat sich dran gehalten. Deutschland ist heute noch so. Wir sind weltweit vernetzt. Wir können Produkte nach China verkaufen, wir können Produkte in Europa in 27, 28 Ländern verkaufen – und wir haben immer noch eine ganz, ganz starke Position in den Vereinigten Staaten, wo wir sogar noch wachsen. Diesen Vorteil der internationalen Vernetztheit dürfen wir niemals in Deutschland aufgeben, ihn hat kaum ein anderes Land in dieser Intensität, in dieser Größenordnung. Und das Dritte ist ganz einfach Rechtsstaatlichkeit: sich darauf verlassen zu können, dass Recht gesprochen wird, dass ich eine Instanz habe, zu der ich hingehen kann, wenn ich unfair behandelt werde. Diese drei Dinge stimmen mich wirklich zuversichtlich.


NEULAND: 35 Jahre BMW neigen sich für Sie so langsam dem Ende entgegen. Was hält Sie künftig neugierig?

Oliver Zipse: 35 Jahre sind in wenigen Wochen in der Tat vorbei, aber es ist ja kein "vorbei". Wenn man so lange in einer wirklich tollen Firma arbeitet, ist man erst mal dankbar, dass man so lang dabei bleiben durfte, dass wir einen Beitrag leisten konnten, mit einem wirklich tollen Team auch die Zukunft gestaltet zu haben. Wir bringen jetzt gerade die "Neue Klasse" auf den Markt, die mit 150.000 Mitarbeitern entstanden ist, die ist groß gedacht worden, ein globales Produkt. Ich bin überzeugt davon, dass es absolute Weltspitze ist. Und es macht uns so einfach auch keiner nach, als systemintegratorisches Ergebnis ein Produkt zu haben, das in allen Themen Benchmark ist. Es macht mich zuversichtlich, dass wir das können."

Mit Oliver Zipse sprach KT Guttenberg. Sie finden den Beitrag hier auf YouTube.


O – T Ö N E

GYSI GEGEN GUTTENBERG & 

LAND IN SICHT &

MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Freitags: 
MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Einkaufen auf amerikanisch

„Ich meine den Superstore Greeter – das ist gern mal jemand, der schon pensioniert ist in seinem eigentlichen Job, er hat eine blaue Weste an. Und wenn du reinkommst, sagt er: "Good morning, honey, how are you? Can I help you find something today?" Und ich denke dann: den Sinn des Lebens vielleicht? (lacht) Aber unheimlich gern... Diese Leute sind wirklich nur da, um dich zu begrüßen. Braucht man das unbedingt für den Einkauf? Natürlich nicht. Aber alle diese kleinen Dinge sind Akzente, die zur Lebensqualität drüben beitragen."

Ricardia Bramley, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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H E Y,  K T !­

"Was hat dich zuletzt aus der Fassung gebracht?"

Fragt LAND IN SICHT-Hörerin Marie-Luise Prosinger aus Berlin

Trump in Messias-Pose. Er sehe sich als Arzt dargestellt, sagt der US-Präsident. 

KI-Bild: Netz

KTs Antwort: „Grundsätzlich bin ich tiefenentspannt. Wirklich. Kein esoterischer Zustand, eher eine Überlebenstechnik in unserer schrillen Empörungskultur. Wer sich jeden Tag von den Exzessen der Gegenwart provozieren ließe, wird irgendwann selbst zum tumben Social Media-Kanonier. Aber manchmal, sehr selten, stolpert selbst der Gelassenste über eine Gegebenheit, die ihm den Kamm schwellen lässt.

Kürzlich war es so weit: Donald Trump, verhaltensauffälliger US-Präsident und Impresario des permanenten Ausnahmezustands, postete ein KI-generiertes Bild von sich auf Truth Social. Für sich genommen ist das kein Aufreger mehr. Und eigentlich halte ich mich mittlerweile für immun gegenüber den unterschiedlichen Varianten chronischer Donalditis. 

Diesmal nicht. Trump posiert in dem Bild als Messias, in weißen Gewändern, die Hand segnend auf der Stirn eines Unbekannten, im Hintergrund nationaler Symbolkitsch, als hätte jemand einen patriotischen Altar zusammengeschraubt. Kurz zuvor hatte Trump den Papst frontal attackiert. Dieser hatte es gewagt, Amerikas Kriegs- und Machtpolitik sowie die Vereinnahmung Gottes zu kritisieren.

Böse Zungen sagen, Trump hätte den Pontifex Maximus auch effektiver ärgern können, etwa mit einer militärischen Blockade des Jakobswegs.

Offenbar sind mit dem Jesus-Stunt aber auch die Schmerzgrenzen zahlreicher Anhänger des Präsidenten ausgereizt. Konservative Geistliche wetterten über „Blasphemie“, katholische Kommentatoren zeigten sich entsetzt, selbst den Satirikern war irgendwie die Arbeitsgrundlage genommen. 

Sodann erfolgte ein eher ungewöhnlicher Schritt im Trump-Universum: Er löschte das Bild. Bemerkenswert vor allem, da der Mann sonst eher die Realität löscht als seine Posts. Trumps eigene Erklärung ist fast noch erhellender als das Bild selbst. Er habe sich gar nicht als Jesus gesehen, versicherte er; man würde seinen Humor nicht verstehen; das sei „er als Arzt“ gewesen, der Menschen heile. Aha. Nun, es soll dahinstehen, ob er nicht selbst gelegentlich einen Arzt aufsuchen sollte.

Man könnte über all das lachen, aber dann würde man ihm am Ende noch Witz attestieren – und das wäre wohl die größte Blasphemie von allen. Und doch werden Menschen immer wieder ihren Messias suchen. Nicht selten, wenn sie fürchten, den Verstand zu verlieren. Aber nichts ist gefährlicher als die religiöse Heilserwartung an politische Eitelkeit. Oder an einen Messias, der selbst den Verstand zu verlieren scheint.
Alles Gründe, um sich – umgeben von Klangschalen und Räucherstäbchen – auf die Yogamatte zu legen. Tiefenentspannt."

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L I V E  E R L E B E N 

GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR

Sehen wir uns?­

  • Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26

  • Bochum, RuhrCongress, 30.10.26

  • Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26

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Liebe Leserin, lieber Leser, 

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Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst, Ihr KT Guttenberg­


T E A M  G U T T E N B E R G

KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.

Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.

Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.

Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.

Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.

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Eine NATO ohne die USA? Die Analyse