Wer kann die KI stoppen? Der Mythos-Schock

  • KT Guttenberg: "Mythos" und die neue Machtordnung – eine Aristo-KI. Die Welt erlebt einen Wendepunkt, wir müssen handeln. Ein Plädoyer

  • Venezuelas Unternehmer Alberto Vollmer über Zuversicht auch in dunklen Stunden und die lohnende Fähigkeit, auf Gegner zuzugehen

  • Hey KT, welches Buch über KI muss ich unbedingt gelesen haben?

Meine Insights der Woche – 23. April 2026­


Guten Morgen,

die Welt erlebt gerade einen Schockmoment, den sie noch nicht wahrnehmen will. Den "Mythos"-Schock. Wir stehen an einem Wendepunkt der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, der das Potenzial in sich trägt, die Krisen unserer Tage in den Schatten zu stellen. Neuland im Wortsinne. Was geschieht da? Auf einen Nenner gebracht: Künstliche Intelligenz wird im Eiltempo erwachsen, entdeckt seine Muskeln – und wir verharren daneben wie staunende Kinder.

Bevor wir in die Analyse springen, eine Hörempfehlung: unser Podcast LAND IN SICHT beschäftigt sich in dieser Woche ebenfalls intensiv mit dem Thema KI, vor allem mit Sam Altman und seinem dramatischen Machtkampf um OpenAI, der Firma hinter ChatGPT. Host Klaus Brinkbäumer und unsere Crew – allesamt Teil des Teams GUTTENBERG, das Sie auch weiter unten im Newsletter vorgestellt sehen – reden natürlich auch über den Einfluss der KI auf die Geopolitik. Die letzte Folge haben mehr als 35.000 Menschen gestreamt oder heruntergeladen. Reinhören lohnt sich!

Nun aber zu "Mythos", dem KI-Modell von Anthropic. Und seinen Folgen für unsere Welt, die wir in der Konsequenz noch kaum absehen können.


Insights

Die neue Machtordnung: eine Aristo-KI 

Selbst die US-Regierung ist aufgeschreckt: Das neue KI-Modell könnte Sicherheitssysteme zum Kollaps bringen, mit minimaler menschlicher Unterstützung. Ja, die KI bietet enorme Chancen – aber wir brauchen eine Art globale Rüstungskontrolle für Algorithmen. Ein Plädoyer.

Imagination der KI: "Mythos" regiert die Welt.

Bild: Pollo.Ai

Renommierte Experten drängen zur Eile 

In atemberaubender Geschwindigkeit ist KI vom Spielzeug der Tech‑Szene zur zentralen Machtinfrastruktur der Weltpolitik geworden. Die Entwicklung der KI ist nicht nur rasant, sie läuft inzwischen in einer Taktung, die unsere politischen und institutionellen Reaktionszeiten systematisch überholt und nahezu steinzeitlich erscheinen lässt. In wenigen Jahren ist die Zahl der Parameter großer Modelle von Millionen auf hundert‑Milliarden‑Skalen gesprungen, Trainingskosten gehen durch die Decke, und die globalen Investitionen in KI‑Infrastruktur werden binnen weniger Jahre von einigen Hundert Milliarden auf Prognosen im Mehr‑Billionen‑Bereich hochskaliert. Parallel explodiert der Stromverbrauch von Rechenzentren, die so viel aus den Netzen ziehen wie mittlere Städte. Der globale Strombedarf für Rechenzentren überstieg im Jahre 2025 den gesamten Jahresstromverbrauch einer Industrienation wie Deutschland. Tendenz: steil steigend.

Politik und Regulierung bewegen sich dagegen im Tempo alter Industriegesellschaften. Deutschland zumal. Genau diese Asymmetrie ist die Krux unserer Gegenwart: Technologische Entwicklungssprünge vollziehen sich mittlerweile in Wochen, die politischen Antworten brauchen nach herkömmlichem Muster Jahre. 

Die renommierte Zeitschrift The Economist spricht von einem Moment, in dem „laissez‑faire nicht mehr politisch haltbar oder strategisch klug“ ist – und warnt: Die Debatte über die Rolle des Staates in der KI‑Ära muss in Monaten geführt werden, nicht in alter Gewohnheit über Jahrzehnte.

1. „Mythos” als Wendepunkt

Auslöser des Alarmrufes ist ein Modell mit bezeichnendem Namen: Mythos – entwickelt vom US‑Unternehmen Anthropic. Laut Berichten ist es in der Lage, Sicherheitslücken in zentraler Software – von Betriebssystemen bis zu Kryptobibliotheken – besser aufzuspüren und auszunutzen als fast alle menschlichen Experten, und das mit minimaler menschlicher Unterstützung. Mythos, so stellt es Anthropic selbst dar, könnte Systeme zum Kollabieren bringen, auf die sich etwa Banken, Atomkraftwerke und das Militär stützen. Kurz darauf zog ein großer Konkurrent mit einer eigenen, auf Cyber‑Offensivfähigkeiten zugeschnittenen Variante nach.

Plötzlich erkennt selbst die US‑Regierung, dass die bisherige „freie Fahrt“ für KI‑Labs die eigene nationale Sicherheit untergräbt: Ein Modell, das globale digitale Infrastrukturen kompromittieren kann, ist nicht nur ein wirtschaftlicher Vorteil, sondern ein potenzielles Systemrisiko. Die schwindelerregende Entwicklung von KI‑Systemen, angetrieben von wenigen Firmen (OpenAI, Anthropic, xAI, Google DeepMind und Meta), bedroht inzwischen nicht nur Wettbewerber, etwa in China, sondern die Stabilität der USA selbst. Die Macht dieser fünf – stellvertretend für eine kleine Gruppe von Front‑Labs und Big‑Tech‑Konzernen – ist zur innenpolitischen und geopolitischen Frage geworden.

Gleichzeitig kippt die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung. In Umfragen meinen rund 70 Prozent der Befragten, KI werde Jobchancen eher schaden als nützen, nur eine kleine Minderheit sieht mehr Nutzen als Schaden. KI wird damit zum Blitzableiter für Frust – und zur Wette für die Wahl 2028. Politiker können das Thema nicht mehr an Thinktanks delegieren. In Europa zeichnen sich – mit der leider üblichen Verzögerung – ähnliche Tendenzen ab.

2. Die USA in der Zwickmühle

All dies geschieht vor dem Hintergrund einer bereits laufenden KI‑Rivalität zwischen USA und China. Während Washington lange auf Innovationsfreude und Marktkräfte setzte, nutzt Peking KI als strategisches Instrument für industrielle und militärische Aufholjagd, innenpolitische Kontrolle und Einfluss im Globalen Süden.

Zwei Kräfte definieren die Geopolitik der KI: Zum einen beschleunigen KI‑Konzerne ihre Modelle „so schnell wie technologisch möglich“, getrieben von Renditeversprechen und der Angst vor Konkurrenz. Die Regulierung hinkt aber hinterher; was an „Leitplanken“ existiert, ist meistens selbstauferlegt und mit Geschäftsmodellen kompatibel – und damit reversibel, sobald der Markt es verlangt. Der Mythos‑Fall verschärft das Dilemma: Nichts tun hieße, sich Angriffen durch KI‑gestützte Cyber‑Operationen, Desinformation und wirtschaftliche Schocks auszusetzen. Überregulieren würde bedeuten, das Feld China zu überlassen, das das eigene Tempo weiterhin hochhält.

Die USA sind in einer Zwickmühle, da sie ihre bisherige Rolle als „Wilder Westen für KI“ aufgeben, mindestens beschränken müssten, ohne sich selbst im strategischen Wettbewerb zu fesseln. Man beginnt indes zu begreifen, wie knapp die Zeit ist, wie extrem die Trade‑offs sind, und wie schwierig es sein wird, Fehler zu korrigieren.


Geschwister an der Spitze: CEO Dario Amodei gründete das US-Unternehmen Anthropic 2021 unter anderem zusammen mit...

Bild: WikiCommons

... seiner Schwester Daniela Amodei, heute Präsidentin der Firma.

Bild: ABCNews

3. Energiehunger mit Folgen

Parallel zur geopolitischen Beschleunigung laufen die physischen Zähler heiß: Stromnetze, Wasserhaushalt, Chip‑Produktionen. Rechenzentren entwickeln sich zu einer Art neuer Grundlastindustrie, der Stromverbrauch steigt wegen KI-Workloads im zweistelligen Prozentbereich.

Für Deutschland und Europa ist diese Ebene nicht optional: Wer ernsthaft eigene KI‑Kapazitäten will, braucht Netze, ausreichend Energie und Flächen. Geichzeitig muss aber erklärt werden, warum Rechenzentren eine ähnliche Priorität haben sollen wie etwa Wohnungsbau oder Naturschutz. Wer das nicht will oder nicht schafft, bleibt dauerhaft Kunde in fremden technologischen Sphären. Aber, so könnten Spötter sagen: Im Pflegen unserer Abhängigkeiten sind wir ja geübt, ebenso in der Hoffnung, dem totalen Disruptionsnarrativ mit Idealismus begegnen zu können.

Richtig ist: Je größer und rechenhungriger Modelle werden, desto stärker steigen Computer‑ und Energiekosten. Aber nicht jede theoretisch automatisierbare Tätigkeit wird praktisch ersetzt, weil die Kosten der Verdrängung – zusätzliche Rechenzeit, organisatorischer Umbau, politische Risiken – den Nutzen übersteigen können.

4. Jobs in Gefahr  

Viele wünschen sich auch, nicht von einem durch KI-getriebenen Jobverlust betroffen zu sein. Die Angst vor dem plötzlichen Arbeitsplatz‑Kollaps taugt für Alarmismus, greift aber zu kurz. Ein differenzierteres Bild ist geboten:

Schnelle Disruption sehen wir zuerst bei denen, die KI selbst entwickeln und betreiben. Tech‑Konzerne planen, den Umsatz und Output mit weitgehend stabiler oder sogar sinkender Belegschaft zu vervielfachen – große Unternehmen, Banken und Beratungen passen ihre Strategien bereits jetzt explizit daran an. In anderen Wissensbranchen kommt zunächst die Degradierung: Viele gut bezahlte Jobs bleiben formal bestehen, verlieren aber potentiell Autonomie, Einkommen und Status, weil Arbeit in kleinteilige, KI‑vermittelte Prozesse aufgeteilt wird.

Das politisch und gesellschaftlich Explosive: Hier ist nicht die klassische Industriearbeit betroffen, sondern die gut vernetzte, gut ausgebildete Mittelschicht. Historisch entstehen Aufstände nicht, wenn die Ärmsten verhungern, sondern wenn Eliten das Gefühl verlieren, dass es für sie aufwärts geht. KI könnte so zum Katalysator eines neuen Mittelschicht‑Konflikts werden, wenn Produktivitätsgewinne vor allem bei den Plattformbetreibern hängen bleiben.

5. Der Mensch als Statist

Neben der Frage nach Jobsicherheit beschäftigt Experten zunehmend die Sorge, wie sehr KI menschliches Verhalten „umzuformen“ versteht.

Persönliche KI‑Agenten – Bots, die Termine planen, Informationen filtern, Mails schreiben, Empfehlungen ausspielen – sind der nächste logische Schritt. Geschäftsmodelle zielen weniger auf Effizienz als auf permanente Interaktion: Jede Interaktion erzeugt Daten, Aufmerksamkeit, Lock‑in.

In diesem Kontext sind offene, sich schnell verbreitende, sogenannte „Agenten‑Systeme“ wie etwa „Openclaw“ warnende Vorboten:

Hierbei handelt es sich um Agenten, die mit anderen Agenten eigene Kommunikationsräume aufbauen und beginnen, Abschaltbarkeit, Regeln und menschliche Aufsicht zu umgehen oder zu „verhandeln“. Deren Verhalten könnte sich schon in der nächsten Iteration derart ausprägen, dass menschliche Entwickler die Nebenwirkungen nicht mehr vollständig überblicken.

Ob man das für übertrieben hält oder nicht: Wir bewegen uns rasant auf eine Phase zu, in der reale Agenten‑Zwischenfälle – etwa im Cyber‑Bereich oder im Finanzsystem – wahrscheinlich sind. Erst solche Krisen werden wohl die nötige politische Energie erzeugen, um Tempo aus der Entwicklung zu nehmen und echte Kontrollregime aufzubauen. Fraglich ist, ob es dann nicht bereits zu spät ist.

6. Wer hat am Ende das Sagen?

Gleichzeitig verschiebt sich das sicherheitspolitische Koordinatensystem. KI‑Systeme sind längst zentral für Aufklärung, Simulation, Cyber‑Operationen und militärische Entscheidungsunterstützung. Der Mythos‑Fall zeigt, dass KI nicht nur passive Infrastruktur, sondern aktiver Akteur im Cyberraum werden kann – mit Fähigkeiten, die bestehenden Sicherungslogiken überlegen sind.

Besonders heikel wird es, wenn Unternehmen ihre eigenen Sicherheitsversprechen wieder relativieren, weil Wettbewerber nicht mitziehen oder staatliche Nachfrage nach mächtigeren Modellen steigt. Dann zeigt sich: Die echte Grenze des Machbaren verläuft nicht bei Ethik‑Statements, sondern bei Kapital, Technologie und bei der Risikobereitschaft von Vorständen und Regierungen. Einige sehen bereits das akute Risiko weniger in einer Verbindungsstörung zwischen Menschheit und Maschine als in widerstreitenden Interessen zwischen einer sehr kleinen technischen und ökonomischen Elite und allen anderen.

Höchste Zeit für gemeinsame Kontrollen: US-Präsident Trump und Chinas Staatspräsident Xi. Erkennen die Führer der mächtigsten Staaten der Erde die Dringlichkeit?

Bild: WikiCommons

7. Eine kleine Gruppe besitzt die Macht

Am Ende verdichtet sich vieles in einem Bild: Eine Handvoll Konzerne und eine sehr kleine Zahl von Personen entscheiden über Architektur, Trainingsdaten, Sicherheitsmodi und Einsatzfelder der wichtigsten Modelle – und zwar für die ganze Welt. Sie definieren, welche Antworten ein global genutztes System gibt, welche Inhalte verstärkt oder gedämpft werden, welche Normen in Code gegossen werden.

Das ist mehr als klassische Unternehmensmacht. Es ist der Beginn einer privatisierten Souveränität: Grundrechtsrelevante Entscheidungen – über Zugang zu Information, über Profilbildung, über Sicherheit – wandern in Gremien, die keiner Wahl und keiner parlamentarischen Kontrolle unterliegen. Nationalstaatliche Politik läuft Gefahr, von einer gestaltenden Kraft zum Instrument nachträglicher Schadensbegrenzung degradiert zu werden.

Genau hier liegt aber auch der Ansatzpunkt für Zuversicht – sofern man sie nicht mit Technik‑Optimismus verwechselt.

8. Eine Art Rüstungskontrolle für KI

Henry Kissinger, mit dem ich oft über dieses Thema sprechen durfte, hatte knapp hundertjährig in seinem letzten Buch eine zentrale Einsicht formuliert: Wenn KI das strategische Gleichgewicht zwischen Staaten verändert, brauchen wir eine Art Rüstungskontrolle für Algorithmen, analog zu nuklearen Abkommen wie START.

Was hieße das konkret?

Es bedarf Transparenz über bestimmte Entwicklungsstufen und Tests besonders leistungsfähiger Modelle – nicht bis ins Quellcode‑Detail, aber so, dass Überraschungen begrenzt werden. Wir brauchen Verbote oder harte Grenzen für besonders riskante Anwendungen: voll autonome Offensivwaffen, bestimmte Formen flächendeckender Überwachung oder direkte Kopplung von KI an nukleare Kommandostrukturen.

Und es müssen Verifikations‑ und Krisenmechanismen entwickelt werden, die Missverständnisse entschärfen und Eskalationen begrenzen – etwa gemeinsame Gremien, Audits, Hotlines für KI‑Zwischenfälle.

Im Unterschied zur Nuklearlage ist KI aber tief in zivile Ökonomien eingebettet, wird maßgeblich von privaten Akteuren entwickelt und lässt sich militärisch und zivil nur begrenzt trennen. Ein „START für KI“ müsste also Staaten, Unternehmen und internationale Standardsetzer zusammenbringen – eine ungemütliche, aber notwendige Koalition. Die Hoffnung richtet sich darauf, dass die beiden maßgeblichen Wettbewerber, USA und China zur Besinnung kommen. Wenn sich Donald Trump und Xi Jinping im Mai dieses Jahres treffen, sollte dieses Thema an der Spitze der Agenda stehen.

9. Die Chance für Deutschland – wenn...

Europa antwortet auf die KI‑Revolution mit dem AI Act – einem Versuch, Risikoklassen, Transparenzpflichten und Verbote in ein kohärentes Regelwerk zu gießen. Das ist mehr als Symbolpolitik, aber zu wenig, wenn es nicht mit einer schlüssigen Industrie‑, Energie‑ und Bildungsstrategie verbunden wird.

Für Deutschland bedeutet das: Ohne eigene Rechen‑ und Energieinfrastruktur bleibt man Regelimporteur und dauerhafter Kunde fremder Plattformen. Ohne aktive Arbeitsmarktpolitik droht aus der technischen Chance ein sozialer Sprengsatz zu werden. Und ohne klare Linien für sicherheitsbehördliche Nutzung laufen zentrale Entscheidungen außer Sichtweite der Öffentlichkeit – in Ausschüsse anderer Staaten und in Aufsichtsräte globaler Tech‑Konzerne. Der Economist warnt, dass die Zeit knapp ist: KI entwickelt sich „mit Warp‑Geschwindigkeit“, während demokratische Debatten und Gesetzgebungsprozesse Jahre brauchen.

Um nicht missverstanden zu werden: All das heißt nicht, dass KI nur Risiko ist – im Gegenteil. Sie kann einer der stärksten Hebel für Produktivitätsgewinne, wissenschaftlichen Fortschritt und Problemlösung der nächsten Jahrzehnte sein. Sie hat das Potenzial, Entwicklung, Logistik, Planung, Forschung und Administration drastisch effizienter zu machen – ein strategischer Vorteil gerade für alternde Gesellschaften, deren Arbeitskräfteangebot schrumpft. Auch in Gesundheit und Wissenschaft sind die Chancen konkret: Mustererkennung in Diagnostik, Medikamentenentwicklung und Materialforschung führen bereits heute zu messbaren Fortschritten.

Im Klimaschutz kann KI helfen, Netze, Produktion, Mobilität und Energieverbrauch zu optimieren und zugleich präzisere Klimamodelle und Anpassungsstrategien zu entwickeln. Und schließlich bietet sie Chancen für Staat und Verwaltung: bessere Datennutzung, vereinfachte Prozesse, zielgerichtetere Politik – vorausgesetzt, KI wird als Werkzeug demokratischer Steuerung verstanden und nicht als bequeme Infrastruktur für Überwachung und soziale Kontrolle.

Aber wir sind an einem Wendepunkt. Wenn wir ihn verpassen, wird die Ordnung, in der KI läuft, nicht von Parlamenten und Gesellschaften geschrieben, sondern von einigen wenigen Unternehmen und Personen, die heute den Ton angeben. Und in nicht allzu ferner Zukunft von der KI selbst.

Es ist höchste Zeit aufzuwachen.


H E Y,  K T !­

"Welches Buch über KI muss ich unbedingt gelesen haben?"

Fragt MAKE AMERICA GOOD AGAIN-Hörer Alex Müller aus dem Breisgau

Ein Buch? Nein, besser drei – aber dann versteht man die Welt der KI wirklich.

Cover: Verlage

KTs Antwort: „Ich empfehle mindestens zwei – erst im Doppel entsteht meines Erachtens ein angemessen vielschichtiges Bild. Aus dem englischsprachigen Raum bilden Mustafa Suleymans The Coming Wave (C.H.Beck, 2024) und Henry Kissingers, Eric Schmidts und Craig Mundies KI Genesis: Der Beginn des neuen Zeitalters (Plassen, 2025) eine bemerkenswerte Konstellation. Das eine Buch stammt aus dem Inneren der KI‑Labore, das andere aus der Loge der Weltpolitik – beide zeigen KI als neue Infrastruktur der Macht.

Ich gestehe, ich bin ein wenig befangen, da ich die Autoren seit Jahren kenne (bzw. Kissinger kannte). Deshalb glaube ich aber auch einschätzen zu können, dass es ihnen nicht nur um den Verkaufserfolg anhand möglichst zugespitzter Thesen ging, sondern um eine ehrliche, teilweise aufrüttelnde Reflektion einzigartiger Erfahrungswerte. Beide Werke haben nicht an Aktualität verloren.

Mustafa Suleyman: Die Welle von innen

Suleyman, Mitgründer von DeepMind, erzählt KI als Welle, die quer durch Ökonomie, Sicherheitsarchitektur und Biotechnologie bricht. The Coming Wave zeigt, wie aus technischen Durchbrüchen Schritt für Schritt politökonomische Macht wird – in Konzernen, Ministerien, Militärs. Chancen und Risiken erscheinen als zwei Seiten derselben Infrastruktur: dieselben Modelle, die medizinische Fortschritte ermöglichen, eröffnen auch neue Räume für Überwachung und asymmetrische Konflikte.

Lesenswert ist Suleyman, weil er die simple Frage „Ist KI gut oder schlecht?“ unterläuft. Ihn interessiert, welche Institutionen und Regulierungen entscheiden, in wessen Händen diese Systeme landen und welche Interessen sie verkörpern. Man liest scheinbar ein Technikbuch – tatsächlich aber eine Analyse von Macht und Governance im 21. Jahrhundert.

Kissinger, Schmidt, Mundie: Die neue Großwetterlage

Dem stellt KI Genesis die Perspektive von Strategen gegenüber. Kissinger, der sich kurz vor seinem Tod im November 2023 intensiv mit dem Thema beschäftigte, bringt seine geopolitische Perspektive ein, während Schmidt und Mundie technologische Expertise beisteuern. Das Buch untersucht, wie KI als "neue Lebensform" die menschliche Existenz verändert, unsere Unabhängigkeit usurpiert und wie wir von dieser Technologie profitieren können, ohne unsere Souveränität aufzugeben.

Die Autoren balancieren zwischen der Hoffnung, dass KI Krisen wie den Klimawandel lösen kann, und der Gefahr, dass sie unkontrollierbare Risiken für die Menschheit darstellt. Schließlich wird eine Strategie für das KI-Zeitalter skizziert, die eine ethische und politische Steuerung der Technologie fordert, um die Beziehung zum Göttlichen und das menschliche Urteilsvermögen zu schützen. Die Verfasser verstehen KI nicht primär als Industrie, sondern als Zäsur im politischen und erkenntnistheoretischen Selbstverständnis moderner Staaten. Das Buch ist ein dringender Appell, die Entwicklung der KI aktiv zu gestalten und nicht nur genügsam zu beobachten.

Wildcard: Ethan Mollick

Als aktuellen Bestseller möchte ich noch Ethan Mollicks Co‑Intelligenz: Leben und Arbeiten mit künstlicher Intelligenz (Redline, 2025) erwähnen. Es beschreibt die unmittelbare Praxis der Zusammenarbeit mit KI – vom Büro bis zur Universität – und zeigt, wie sich Verantwortung, Kompetenz und Risiko im Alltag verschieben. So verbindet Mollick die große Welle und die neue Weltordnung mit den ganz konkreten Entscheidungen am eigenen Schreibtisch.

Wenn es also wirklich nur ein Buch sein muss, würde ich raten, nach Temperament zu wählen: lieber die Dynamik der Technologie mit Suleyman oder die geopolitische Großwetterlage mit Genesis. Wer KI als Macht‑ und Gesellschaftsprojekt ernsthaft verstehen will, kommt an diesen beiden – plus Mollick – kaum vorbei. Und ständig erscheinen neue Werke zum Thema – viele ärgerliche und einige wirklich bemerkenswerte. Wir werden hier im NEULAND Update weiter berichten."

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Meine Frage an KT =>


A U F  E I N  W O R T

Warum so zuversichtlich,  Alberto Vollmer?

Seit die USA Präsident Maduro entführte, blickt die Welt auf Venezuela. Wie tickt ein Top-Unternehmer des Landes? Alberto Vollmer, in fünfter Generation Präsident der ältesten Rum-Destillerie, überstand in der Diktatur viele Anfeindungen und kämpft heute für die Rehabilitation Krimineller. Konflikten begegnet er mit erstaunlichen Taktiken – er träume "gemeinsam mit meinen Gegnern"

Alberto Vollmer, CEO von Ron Santa Teresa.

Bild: KT Guttenberg

NEULAND: Lieber Alberto, wenn du heute auf die Welt blickst – und besonders auf dein Heimatland Venezuela –, was gibt dir Zuversicht?

Alberto Vollmer: (schmunzelt) Es ist unser Produkt. Was wir herstellen – Rum –, ist im Kern eine Einladung: nämlich im Angesicht der Widrigkeiten zu lächeln.

NEULAND: Es gab in den letzten Jahren nicht wenige Momente für dich, in denen zu lächeln wohl das Letzte war, wonach dir zumute war. Wie hast du da die Zuversicht zurückgewonnen?

Alberto Vollmer: Genau in jenen Momenten, in denen man überhaupt nicht lächeln wollte, haben wir uns dazu gezwungen. Wir haben Witze gemacht – einfach um den Geist in Bewegung zu bringen, um kreativ denken zu können, um Dinge mit Humor zu betrachten. Und das ist keine Kleinigkeit: Humor öffnet uns. Er lässt einen über Grenzen hinausdenken. Seit 1999, seit Chávez an die Macht kam, hatten wir unzählige Hindernisse. Die eigentliche Frage war immer: Wie verwandelt man ein Hindernis in einen Vorteil – möglichst nicht nur für sich selbst, sondern für alle Beteiligten? Denn wenn man nur auf den eigenen Vorteil schaut, wird man immer neue Gegner produzieren. Die Kunst liegt darin, Lösungen zu entwickeln, die alle einschließen – und so die Zahl der Widersacher zu verringern.

NEULAND: Du musstest 27 Jahre lang unter Chávez und Maduro viele Anfeindungen überstehen. Wie überlebt man eine solche Zeit?

Alberto Vollmer: Ich erinnere mich gut an den Anfang. Ich hatte die Führung eines sehr alten Familienunternehmens in Venezuela übernommen – mit dem Auftrag, es zu sanieren. Wir haben es tatsächlich aus der Insolvenz herausgeholt und gerade in ein profitables Unternehmen verwandelt. In genau diesem Moment kommt Chávez an die Macht. Und wenige Monate später besetzen Anhänger seines Lagers ein Stück unseres Landes – 500 Familien, über Nacht. Selbstverständlich stehen alle Behörden gegen einen. Und man fragt sich: Wie findet man eine Lösung, die man auch zukünftigen Generationen gegenüber vertreten kann? Was dann geschah, war langsam und mühsam: Nach und nach entwickelte sich eine Arbeitsbeziehung mit den Besetzern. Und der Satz, der diese Prozess einleitete, wurde zu unserem Mantra: „Ihr besetzt mein Land – ich besetze eure Köpfe." Jedes Mal, wenn die Regierung oder mit ihr verbündete Kräfte uns angriffen, sagten wir uns im Team: Sie besetzen unser Land, wir besetzen ihre Köpfe. Und Köpfe besetzt man mit Werten, mit Vision, mit Träumen. Wenn man beginnt, gemeinsam mit dem Gegner zu träumen, kann das eine erstaunliche Wirkung haben. Es klingt zunächst unrealistisch. Aber wenn man es tatsächlich tut, beginnt sich die Realität zu verändern.

NEULAND: Gab es Momente, in denen du die Hoffnung verloren hattest?

Alberto Vollmer: Es gab Momente, in denen ich sehr versucht war, sie zu verlieren. Aber für mich wäre Hoffnungslosigkeit gleichbedeutend mit Scheitern gewesen. Und scheitern durfte ich nicht – denn man muss nur einmal fallen, um zu verschwinden. Was mir geholfen hat: In einem besonders dunklen Moment hörte ich zufällig ein Lied. Es handelte von Dankbarkeit. Und plötzlich begann ich, dankbar zu sein – für alle Herausforderungen, die mich stärker machten. In jenem Moment der Trübsal kam ich zu einer Erkenntnis, die mich seitdem nicht losgelassen hat: Wenn man am Boden ist, wenn man keinen Ausweg sieht – genau dann wird man stärker. Wer sich in diesem Moment sagt: „Ich liebe diesen Moment, denn er macht mich stärker", der kommt sehr schnell wieder heraus aus der Depression und findet neue Wege.

Erst heute Morgen bekam ich eine Nachricht von jemandem, der einmal mein schärfster Widersacher war – ideologisch weit links von mir, in seiner Weltsicht eigentlich mein genaues Gegenteil. Heute sind wir wie Brüder. Wir haben noch immer unterschiedliche Meinungen zu manchen Dingen. Aber uns verbindet eine konstruktive Beziehung. Und ich sage das, weil er mich durch einige jener dunklen Momente hindurchgetrieben hat. Was man in der Schwierigkeit selten erkennt: Diese Schwierigkeit macht einen zu dem, der man ist.

NEULAND: Wenn du sechs Monate vorausschaust – wo steht Venezuela dann?

Alberto Vollmer: Das ist eine große Frage. Derzeit erleben wir einen schnellen Wandel. Ich glaube, wir werden bis dahin eine deutlich stärkere wirtschaftliche Verbindung zu den USA sehen. Amerikanische Unternehmen werden zurückkommen. Gleichzeitig spüre ich, dass Washington Druck machen wird, bis Ende 2026 Wahlen abzuhalten. Ich halte das für verfrüht – und zwar nicht aus taktischen Gründen, sondern aus einer tiefen Überzeugung: Wahlen sind nicht dasselbe wie Demokratie.

Unser Problem reicht weit zurück. 1935, nach 27 Jahren Diktatur, versuchten wir das erste Mal, eine Demokratie aufzubauen – aber wir bauten sie auf dem Fundament eben dieser Diktatur. Die Präsidentschaft wurde fast wie eine Diktatur konstruiert. Diesen Fehler haben wir immer wieder gemacht. Was wir brauchen, ist eine neue politische Architektur – eine echte Balance der Kräfte.

Und dann brauchen wir als Gesellschaft ein neues gemeinsames Fundament. Vielleicht eine neue Verfassung – aber das würde wohl die Büchse der Pandora öffnen. Vielmehr ein einfaches, klares Dokument: drei Seiten vielleicht. Erstens: eine langfristige Vision – was soll Venezuela in der Welt sein, worin soll es führend werden? Zweitens: die Do's and Don'ts des gesellschaftlichen und politischen Miteinanders. Und drittens: die Werte der Venezolaner – niedergeschrieben, weil man Werte, die nicht schwarz auf weiß stehen, nur schwer leben kann. Wenn alle Akteure dieses Dokument unterzeichnen würden – das wäre der Reset.

NEULAND: Könnte Europa dabei helfen, Deutschland etwa?

Alberto Vollmer: Das wäre fantastisch. Ehrlich gesagt, hatte ich darüber in dieser Form noch nicht nachgedacht. Aber du stellst da nicht nur eine Frage – du gibst eine großartige Anregung. Deutschland könnte in diesem Prozess eine wertvolle Rolle spielen: beim Neugestalten unserer Demokratie, beim Aufbau einer neuen politischen Architektur. Das ist eine Idee, die ich sehr ernst nehmen würde."

Mit Alberto Vollmer sprach KT Guttenberg. Sie finden den Beitrag hier auf YouTube.


O – T Ö N E

GYSI GEGEN GUTTENBERG & 

LAND IN SICHT &

MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Freitags: 
MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Einkaufen auf amerikanisch

„Ich meine den Superstore Greeter – das ist gern mal jemand, der schon pensioniert ist in seinem eigentlichen Job, er hat eine blaue Weste an. Und wenn du reinkommst, sagt er: "Good morning, honey, how are you? Can I help you find something today?" Und ich denke dann: den Sinn des Lebens vielleicht? (lacht) Aber unheimlich gern... Diese Leute sind wirklich nur da, um dich zu begrüßen. Braucht man das unbedingt für den Einkauf? Natürlich nicht. Aber alle diese kleinen Dinge sind Akzente, die zur Lebensqualität drüben beitragen."

Ricardia Bramley, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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L I V E  E R L E B E N 

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  • Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26

  • Bochum, RuhrCongress, 30.10.26

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Liebe Leserin, lieber Leser, 

wie hat Ihnen diese Ausgabe von NEULAND Update gefallen? Schreiben Sie uns gern: feedback@guttenberg.media 

Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst, Ihr KT Guttenberg­


T E A M  G U T T E N B E R G

KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.

Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.

Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.

Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.

Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.

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