Droht der Weltwirtschaft der Kollaps?

  • KT Guttenberg: Der Irankrieg als Stresstest für die globale Wirtschaft – die Risiken, die Chance

  • Österreichs Bundeskanzler Christian Stocker im Gespräch: Warum ich zuversichtlich bin

  • Hey KT, auf welchen Sport würden Sie niemals verzichten?

Meine Insights der Woche – 2. April 2026­


Guten Morgen {{ contact.FIRSTNAME }},

zunächst ein kleiner Tipp in eigener Sache. Auch in diesem Jahr sind Gregor Gysi und ich in Deutschland wieder auf Pooodcast-Tour – Sie können bei der Aufnahme von GYSI GEGEN GUTTENBERG dabei sein, und wir stellen uns auch live und ungescripted Ihren Fragen. Neugierig? Wir würden uns freuen, Sie begrüßen zu dürfen. Die Termine:

  • Aachen, Eurogress, 27.5.26

  • Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26

  • Bochum, RuhrCongress, 30.10.26

  • Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26

Und hier geht's zu den Tickets.

Aber springen wir nun hinein in die Analyse dieser Ausgabe. Es geht, aus aktuellem Anlass, um die komplexen Folgen des Irankriegs auf die Weltwirtschaft. Auch dieses Mal bemühe ich mich um Zuversicht, versprochen! 


INSIGHTS

Szenarien für die Weltwirtschaft

Der Irankrieg zerreißt Lieferketten, treibt Preise, zerstört Vertrauen. Die Folgen für Unternehmen, Regierungen und Haushalte werden auf der ganzen Welt groß sein. Und doch liegt in der Krise auch eine Chance

Der Krieg hat Auswirkungen – und wir spüren sie mehr und mehr. Von den Tankstellen-...    

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... bis zu Lebensmittelpreisen...  

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Ein Krieg als Stresstest

Der Irankrieg ist nicht nur ein weiterer Konflikt im überbordenden Nachrichtenticker, sondern ein gewaltiger ökonomischer Stresstest. Und seine Wucht hängt entscheidend davon ab, wie lange er dauert. Doch selbst wenn es in Kürze zu einem (innenpolitisch motivierten) Rückzug der USA und einem Waffenstillstand käme, ist der Schaden bereits jetzt erheblich: Die OECD senkt das erwartete Weltwirtschaftswachstum für 2026 auf 2,9 % und für 2027 auf 3,0 % – obwohl sie ohne den Krieg ihre Prognose für 2026 um 0,3 Prozentpunkte auf 3,2 % angehoben hätte.

Ökonomische Narben entstehen nicht erst in einem lange anhaltenden Krieg, sondern schon jetzt – durch verlorene Investitionen, zerstörtes Vertrauen und einen erneuten Inflationsschub, der die ohnehin erschöpfte Weltwirtschaft vor enorme Herausforderungen stellt.

Der neue Energieschock

Der Konflikt hat ausgerechnet jene Engstelle ins Visier genommen, durch die ein signifikanter Teil des weltweiten Öl‑ und LNG‑Handels läuft: die Straße von Hormus. Plötzlich sind nicht mehr nur einzelne Segmente, sondern ganze Exportströme unsicher. Der Economist spricht vom „größten Energieschock in der Geschichte des Ölmarkts“; rund 15 % der globalen Ölversorgung seien gestört. Dies ist fast doppelt so viel wie in der Krise der 1970er‑Jahren – trotz geringerer Energieintensität der Weltwirtschaft. Brent hat sich über die Marke von 110 Dollar pro Barrel geschoben, Szenarien von 120 bis 150 Dollar pro Barrel werden von Energiemarktanalysten offen diskutiert.

Die Internationale Energieagentur reagiert mit koordinierten Freigaben aus strategischen Reserven. Hunderte Millionen Barrel sollen die Versorgung über Wochen stabilisieren, doch laut OECD und anderen Institutionen ersetzt dies keine dauerhafte, sichere Passage durch Hormus.

„Zusatzsteuer“ und Strukturbruch

Ökonomisch wirkt dieser Schock wie eine heftige Zusatzsteuer. Haushalte zahlen mehr für Heizung, Strom und Sprit – und haben entsprechend weniger Geld für alles andere. Besonders trifft es die unteren und mittleren Einkommen, bei denen die Konsumquote hoch ist und damit ein Großteil der Nachfrage generiert wird. Sie verzichten zuerst auf das, was die Konjunktur trägt: Restaurantbesuche, Reisen, größere Anschaffungen und hochwertige Geräte. Rezessionen sind fast immer Rezessionen langlebiger Güter. Gleichzeitig steigt aus Angst vor Job‑ und Einkommensverlusten die Sparquote – der Konsum schrumpft nicht nur, er erstarrt.

Auf der Angebotsseite geraten energie‑ und kapitalintensive Branchen – Chemie, Stahl, Metalle, Baustoffe, Teile der Auto‑ und Logistikindustrie – unter massiven Druck: Kosten explodieren, Investitionen werden gestoppt, Kapazitäten und Jobs abgebaut. Einige sprechen bereits von einem Produktivitätsschock, weil eine Kapitalstruktur, die auf preiswerte, fossile Energie ausgelegt ist, plötzlich nicht mehr zum neuen Preisgefüge passt. Produktionsverfahren, die unter Bedingungen kostengünstiger Energie und globalisierter Lieferketten rational waren, wirken über Nacht wie ein Anachronismus. Das ist kein klassischer Zyklus, sondern potentiell ein Strukturbruch, der die industrielle Landkarte verschieben könnte.

Mehr als Öl: Dünger, Helium, High‑Tech

Der Iran‑Krieg ist längst mehr als ein Ölkrieg. Rund ein Drittel der globalen Düngemittelexporte, vor allem Harnstoff aus dem Golf, läuft durch Hormus; die OECD und der IWF warnen, dass der Ausfall pünktlich zur Aussaatzeit zu schlechteren Ernten und höheren Nahrungsmittelpreisen führen kann.

Gleichzeitig bedrohen Ausfälle in Katar einen erheblichen Teil der Welt‑Heliumproduktion. Mit Folgen für Halbleiterindustrie, Medizintechnik, Raumfahrt und Forschung – in einem Moment, in dem die Weltwirtschaft sich gerade von der letzten Chipkrise erholt. Weitere Chemikalien (etwa petrochemische Vorprodukte) und Spezialmetalle werden knapper oder teurer, was Kunststoff‑, Verpackungs‑ und Elektronikindustrie verteuert. Der IWF betont, dass dies zusammen mit höheren Fracht‑ und Versicherungskosten schon jetzt Lieferketten verlängert und verteuert. Damit reicht der Schock von der Ernte bis zum Rechenzentrum.

... von den Ernten in der globalen Landwirtschaft...

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... bis zur Ausstattung für Rechenzentren. Betroffen sind viele Branchen, zahllose Unternehmen und Haushalte. Im Grunde: wir alle.

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Das geldpolitische Dilemma

Somit ist die Bühne für ein geldpolitisches Drama bereitet. Höhere Energie‑ und Nahrungsmittelpreise treiben die Inflation nach oben, just in dem Moment, in dem viele Zentralbanken sich von der Zinswende lösen und in Richtung Lockerung bewegen wollten. Es besteht die Gefahr eines klassischen Stagflations‑Dilemmas, in der die Inflation wieder anzieht, während der Schock das Wachstum schwächt.

Reagieren maßgebliche Zentralbanken, wie die Federal Reserve und EZB, zu hart, würgen sie eine zarte Erholung ab; reagieren sie zu weich, riskieren sie einen erneuten Glaubwürdigkeitsverlust – mit der Gefahr, dass Inflationserwartungen erneut entgleiten. Der Handlungsspielraum ist enger als in früheren Ölkrisen, weil das System schon von Pandemie, Ukraine‑Krieg und vorangegangener Zinswende gezeichnet ist.

Das verwundbare Europa

Für Deutschland und Europa ist dieser Krieg eine besonders bittere Pille. Der Kontinent war gerade dabei, die energiepolitische Notoperation nach dem Ausfall russischer Gaslieferungen in ein neues, halbwegs stabiles Gleichgewicht zu überführen. Nun trifft ihn der nächste Schlag.

Die energieintensive Industrie – vom Rhein‑Ruhr‑Chemiegürtel bis zur Grundstoffproduktion in Osteuropa – steht erneut unter Druck. Deutsche Chemiekonzerne heben bereits ihre Preise an und warnen gleichzeitig vor anhaltenden Wettbewerbsnachteilen und möglichen Produktionsverlagerungen. Das ifo‑Institut beziffert in seiner Frühjahrsprognose den Wachstumsdämpfer für Deutschland im Basisszenario auf etwa 0,2 Prozentpunkte; in einem eskalierenden Szenario summieren sich die Verluste über dieses und das nächste Jahr auf bis zu 0,8 Punkte. Die erhoffte Erholung nach den Krisenjahren würde damit auf ein Prozentwachstum im unteren Bereich zusammengedrückt.

Für die Eurozone insgesamt droht ein ähnliches Muster: schwache Grunddynamik, höheres Inflationsrisiko, verzögerte Zinssenkungen. Europäische Medien warnen vor einer „Dauerschwäche“, in der hohe Energiepreise, strukturelle Defizite und begrenzte fiskalische Spielräume sich gegenseitig verstärken. Die Gefahr, dass Europa in eine Phase niedrigen Wachstums und hoher politischer Frustration hineingleitet, ist real.

Wie viel hängt an der Dauer des Krieges?

Die Härte der Auswirkungen bemisst sich an unterschiedlichen Szenarien – angelegt an die mutmaßliche Intensität des Konfliktes.

•  Kurzer Schock – begrenzte Narbe 

In einem „benignen“ Szenario dauert der heiße Krieg nur einige Wochen, die Zerstörung an Energie‑Infrastruktur bleibt begrenzt. Ölpreise springen, fallen aber relativ rasch wieder, ein Risikoaufschlag bleibt. Die OECD erwartet für diesen Fall ein gedämpftes, aber positives globales Wachstum – etwa 0,3 Prozentpunkte niedriger –, während die Inflation vorübergehend höher liegt. Zentralbanken würden den Schock eher „durchschauen“ und an vorsichtigen Lockerungspfaden festhalten. Trotzdem bliebe ein dauerhafter Schaden: abgesagte Investitionen, höhere Risikoaufschläge, ein struktureller Sicherheitszuschlag auf Energiepreise.

•  Mittlere Dauer – strategischer Dämpfer 

Hält der Konflikt zwei bis drei Monate an, mit weiteren Angriffen, aber ohne völlige Zerstörung großer Förderkapazitäten, sehen Ökonomen Brent stabil um 120 Dollar und einen globalen Wachstumsverlust von etwa 0,5 Prozentpunkten. Inflation bliebe deutlich erhöht, Zentralbanken würden Zinssenkungen aufschieben oder ganz streichen – in Europa wären erneute Anhebungen nicht ausgeschlossen. In diesem Szenario würden Investitionsentscheidungen in energieintensiven Branchen und in empfindlichen Schwellenländern „auf unbestimmte Zeit“ verschoben, der Modernisierungsstau würde größer.

•  Langer Krieg – Stagflationsfalle 

Dauert der Konflikt länger als ein Quartal und verursacht dauerhafte Schäden an Förderanlagen und Exportinfrastruktur, sehen Analysten ein Stagflationsszenario: Ölpreise von 120 Dollar und mehr über ein Jahr, globales Wachstum um bis zu 1 Prozentpunkt niedriger, in Europa nahe Null oder darunter. Die OECD warnt in diesem Kontext vor einem „Abgleiten“ in einen Pfad höherer Inflation und schwacher Aktivität, der politische Spielräume dramatisch einengen würde. Schon jetzt verweisen Experten darauf, dass selbst im günstigeren Fall ein Inflations‑„Butterfly‑Effekt“ denkbar ist, der die Teuerung jahrelang über Vorkrisenniveau hält.

Der entscheidende Punkt: Selbst im Kurzszenario ist der Schaden nicht trivial – auch wenn er bereits in einige Wachstumsrevisionen, Inflationsprognosen und Investitionsentscheidungen eingepreist ist. Die Frage ist nicht, ob der Krieg ökonomische Spuren hinterlässt, sondern wie tief und wie dauerhaft diese werden.

Nur Verlierer?

Der Schock ist global, aber asymmetrisch: Energieimporteure treffen die höheren Kosten härter als Exporteure, arme Länder mit geringen Pufferreserven stärker als reiche. Große Energieimporteure in Asien und Europa tragen die Hauptlast der höheren Öl‑ und Gaspreise, während viele Länder in Afrika, im Nahen Osten, Asien‑Pazifik und Lateinamerika zusätzlich unter höheren Nahrungsmittel‑ und Düngemittelpreisen sowie verschärften Finanzierungsbedingungen leiden. Niedrigeinkommensländer, in denen Lebensmittel ein erhebliches Maß der Konsumausgaben ausmachen, sind besonders gefährdet.

Langfristig wirkt der Konflikt als Katalysator. Im Nahen Osten könnte das iranische Regime geschwächt, militarisiert und innerlich instabil aus dem Krieg hervorgehen, während die Golfstaaten ihre Infrastruktur redundant machen, sich enger koordinieren und ihre sicherheitspolitische Kooperation – selbst mit Israel – vertiefen könnten.

China hat das Potential, relativ gestärkt hervorzugehen: besser vorbereitet auf Schocks, mit staatlicher Steuerungsfähigkeit und Vorräten, investiert es weiter in Elektrifizierung und positioniert sich als scheinbar verlässlichere Ordnungsmacht, die nach Kriegsende Einfluss auf die Sicherung der Seewege beanspruchen könnte. 

Die USA, als Energie-Nettoexporteur, stehen zwischen innenpolitischer Lähmung und außenpolitischer Handlungsfreiheit; Europa zwischen wachsender sicherheitspolitischer Verantwortung und struktureller wirtschaftlicher Schwäche.

Land in Sicht?

Auch wenn der „Geist der Inflation“ wieder aus der Flasche ist und Märkte die Kombination aus Energieschock, verschuldeten Volkswirtschaften und versteckten Verwundbarkeiten im Finanzsystem unterschätzen, ließe sich dieselbe Diagnose in einem optimistischeren Szenario auch umkehren: Sollten sich Politik und Gesellschaft nicht damit abfinden, Schocks nur zu verwalten, sondern sie zum Anlass nehmen, Strukturen zu verändern, kann aus dem Krisenmodus heraus eine robustere Ökonomie entstehen.

„Land in Sicht“ ist in diesem Kontext kein naiver Optimismus, sondern eher eine Zumutung. Sie verlangt, den Ernst der Lage nicht kleinzureden – die reale Verarmung von Haushalten, die drohende Deindustrialisierung, die politische Sprengkraft von Inflation und Verteilungskämpfen anzuerkennen. Und zugleich die Konsequenz daraus zu ziehen: einseitige fossile Abhängigkeiten klug zu reduzieren, industrielle Strategien neu zu denken, Finanzsysteme stabiler zu machen und eine vernünftige und nicht ideologisierte Energiewende als Sicherheits‑ und Standortprojekt zu begreifen.

Der Irankrieg zeigt, was auf dem Spiel steht. Ob aus diesem Schock ein verlorenes Jahrzehnt oder ein beschleunigter Aufbruch wird, ist keine Frage der Geopolitik allein. Es ist die offenste ökonomische Entscheidungsfrage unserer Gegenwart – und sie wird, wie so oft, nicht in den Schlagzeilen, sondern in den stilleren Entscheidungen von Haushalten, Unternehmen und Regierungen beantwortet.

4. Was sich in der EU ändern müsste

All diese Entwicklungen treffen auf einen lange beklagten Strukturfehler der EU: das Einstimmigkeits-Prinzip in Außen‑ und Sicherheitspolitik sowie wesentlichen Finanzfragen. Was als Schutz kleiner Staaten gedacht war, ist längst zum Druckmittel geworden– gegen Geld, Garantien oder Nachsicht in Rechtsstaatsfragen. 

Welche Reformideen werden diskutiert?

Abschied von der Einstimmigkeit in der Außenpolitik: Andernfalls werden Erweiterungsfragen und die Ukraine‑Politik absehbar weiterhin in Sackgassen laufen.

•  Qualifizierte Mehrheiten: Dieser Vorschlag zielt darauf ab, bei besonders sensiblen Entscheidungen eine „Supermehrheit“ einzuführen – etwa alle minus eins –, um systematischen Missbrauch von Vetos zu verhindern. Das würde den symbolischen Schutz kleiner Staaten bewahren, aber das Geschäftsmodell erpresserischer Einzelregierungen aushebeln.

Opt‑outs und Kerneuropa: Diskutiert werden auch thematische Opt‑outs (wer nicht mitmachen will, ist draußen, blockiert aber nicht) oder ein abgestuftes „Kerneuropa“ handlungswilliger Staaten, das bei Verteidigung, Ukraine‑Politik und Erweiterung vorangeht. Eine Variante ist die alte Idee eines „Europas unterschiedlicher Geschwindigkeiten“, in dem sich flexible Koalitionen um einzelne Themen bilden können. Damit würden sich neue Machtzentren herausbilden, die etwa ein Orbán nicht mehr aufhalten könnte – fraglos mit dem Preis einer stärker fragmentierten Europäischen Union.

•   Schärfere Nutzung von Artikel 7 und Konditionalität: Demnach würde eine Regierung, die systematisch gegen die Werte aus Artikel 2 EUV verstößt, ihr Vetorecht in existenziellen Fragen verwirken. In der Praxis würde das heißen: Mittel einfrieren, politische Isolation und im Extremfall Suspendierung von Stimmrechten, um gezielte Blockaden bei Sanktionen und Ukraine‑Hilfe zu umgehen. 

Aber: Die Durchsetzungschancen dieser Reformen bleiben begrenzt, weil jede Abschaffung der Einstimmigkeit selbst einstimmig beschlossen werden müsste. Realistischer sind daher wohl Zwischenschritte: kreative Umgehungen einzelner Vetos, verstärkte „Koalitionen der Willigen“ und ein wachsender faktischer Unterschied zwischen einem integrationsbereiten Kern und einem störrischen Rand.

5. Ungarn: die Schicksalsmacht Europas?

Die Wahl in zwei Wochen kann Signalwirkung entfalten. Der prominenteste Protagonist ist freilich der amtierende Premier Orbán. Innenpolitisch nutzt er für die Dauerfehde mit der EU ein Belagerungsnarrativ: Rechtsstaatsverfahren, eingefrorene Gelder und Kritik aus westlichen Hauptstädten dienen als Gründe, demonstrativ unerschrocken nationale Interessen zu verteidigen. Orbán nutzt die EU-Außenpolitik als Zwangsmittel.

Viktor Orbán – ein europäischer Dämon?

Vielen gibt Orbáns Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin ein Rätsel auf. Sie beruht auf Energie, Ideologie und innenpolitischem Kalkül. Ungarn ist bei Öl und Gas weiterhin eng an Russland gebunden, der Ausbau des Kernkraftwerks Paks II mit russischen Reaktoren vertieft diese Bindung; jedes Sanktionspaket wird so zum Hebel für Ausnahmen und Garantien. In seiner berühmten Tusnádfürdő‑Rede von 2014 reihte Orbán Russland neben China, Singapur und der Türkei ausdrücklich unter die Staaten ein, die „nicht westlich, nicht liberal und vielleicht nicht einmal Demokratien“ seien – und gerade deshalb aus seiner Sicht als Erfolgsmodelle für einen „illiberalen Staat“ taugen, als Vorbild für das von ihm geführte Ungarn. Brüssel ist in dieser Perspektive weniger Partner als Gegenentwurf.

Eine analytischere Sicht auf Orbán beginnt dort, wo die Dämonisierung aufhört. Der ungarische Premier ist kein bloßes Abziehbild des autoritären Bösewichts, der sich gegen einen geschlossenen Volkswillen an der Macht hält. Er verfügt über eine reale, wenn auch medial gestützte Legitimitätsbasis: Ein erheblicher Teil der Ungarn bewertet seine Regierungsleistung positiv, gerade in älteren und ländlichen Milieus. Das soll nicht seine Verfassungspolitik rechtfertigen, relativiert aber die Vorstellung eines isolierten Autokraten.

Auch ökonomisch ist die Bilanz ambivalent. Orbán hat ein System von Klientelismus und EU‑Mittelabhängigkeit aufgebaut, das Korruption strukturell begünstigt – zugleich ist die Wirtschaft gewachsen, die Beschäftigung gestiegen und Ungarn für industrielle Investitionen attraktiv geblieben. Seine Wähler leben nicht in einem kollabierenden System, sondern in einer Mischung aus Wohlstandsgewinnen, wachsender Verwundbarkeit und ungerechter Verteilung.

Ähnlich doppelgesichtig ist seine Rolle in der Migrations- und Sicherheitspolitik. Orbán hat die Sicherung der südlichen Schengen‑Außengrenze aggressiv politisiert, aber Ungarn trägt faktisch einen Teil der physischen Grenzsicherung, deren Logik sich später in Reformen des europäischen Asylsystems wiederfindet. Gleichzeitig hat Budapest die Verteidigungsausgaben deutlich angehoben, das NATO‑Zwei‑Prozent‑Ziel erreicht und investiert in Modernisierung – während es außenpolitisch bei Russland und der Ukraine blockiert. Die toxische Mischung entsteht aus genau dieser Spannung: Obstruktion nach außen bei gleichzeitiger Einbettung ins westliche Bündnis.

Schließlich ist Orbán weniger ideologischer Kreuzritter als strategischer Machtpolitiker. Konzepte wie „illiberale Demokratie“ oder das Pathos vom „christlichen Abendland“ dienen vor allem als Rahmenerzählungen, um ein polarisiertes, klientelistisches System zu stabilisieren. Das macht seine Politik nicht zwingend legitim, verschiebt aber den analytischen Fokus: Wer ihn nur als Dämon begreift, unterschätzt die Rationalität seines Vorgehens – und damit auch die Mühen, ein solches System von innen und außen zu verändern.

Ein neues Ungarn unter Péter Magyar?

Orbáns Gegenspieler Péter Magyar setzt an dieser Schnittstelle von Außenpolitik und Systemfrage an. Er präsentiert sich als „kritisch pro‑europäischer“ Konservativer: für Rechtsstaat und Westbindung, gegen Korruption und Vetomissbrauch, aber ohne Bruch mit dem kulturell konservativen Profil vieler ungarischer Wähler. Aus heutiger Sicht wäre der wesentliche Unterschied zu Orbán weniger eine völlig andere Ideologie als eine veränderte Praxis: weniger Blockade, mehr Berechenbarkeit gegenüber EU und NATO, Rücknahme der demonstrativen Nähe zu Moskau und Peking. Magyar kündigt an, die russlandfreundliche Schlagseite zu korrigieren, Sanktionen und Hilfspakete nicht mehr als Druckmittel zu missbrauchen und Ungarn wieder auf einen Kurs der „loyalen Kooperation“ mit der EU zu bringen - bei anhaltender Vorsicht gegenüber einem schnellen EU‑Beitritt der Ukraine.

Genau hier liegt das strukturelle Gewicht der ungarischen Wahl. Sie könnte Europa verändern – nicht, weil Budapest plötzlich zum Vorbild würde, sondern weil ein zentrales Hindernis für die EU‑Außenpolitik wegfiele. Und daher lohnt der Blick in zwei Wochen nach Budapest. Ungarn, das bisherige Bleigewicht Europas, kann Europa in kritischer Zeit eine neue Chance eröffnen. 



A U F  E I N  W O R T

Warum so zuversichtlich,  Christian Stocker?

Österreichs Bundeskanzler hofft, dass Deutschland in eine Führungsrolle für Europa zurückgefunden hat – und plädiert dafür, dass wir uns unserer Stärken viel mehr bewusst werden

Christian Stocker, ÖVP, seit 2025 Bundeskanzler Österreichs

Foto: WikiCommons

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NEULAND: Herr Bundeskanzler, wir leben in einer Welt, in der es dauernd Einschläge gibt. Wir schauen auf den Iran, wir haben den Krieg in der Ukraine, wir haben einen Präsidenten in den Vereinigten Staaten, der nicht an Überraschungen verlegen ist. Was gibt Ihnen in diesen Tagen Zuversicht? 

Christian Stocker: Es scheint tatsächlich so, dass die Welt fast verrückt geworden ist. Aber es gibt immer wieder Begegnungen und – Gott sei Dank – sehr viele Begegnungen mit Menschen, die mir Zuversicht geben. Wenn ich im Land unterwegs bin, merke ich, wie viel Engagement hier ist, auch wie viel Innovation bei uns vorhanden ist und wie viel Bereitschaft auch vorhanden ist, sich in der Gesellschaft zu engagieren. Und wenn ich mit den Menschen in diesem Land rede, dann bekomme ich Zuversicht, weil ich weiß, die Stimmung ist nicht das, was mir hier vermittelt wird.


NEULAND: Lässt sich diese Zuversicht auf das Modell Europa übertragen? Was müsste geschehen, damit dieses Europa einen zuversichtlicher stimmt?
Christian Stocker: In Europa sollten wir auch die Zuversicht deshalb nicht verlieren, weil wir viel stärker sind als wir manchmal selbst glauben. Wenn wir uns die Fesseln, die wir uns selbst anlegen, auch wieder abnehmen, dann gibt es auch für Europa jeden Grund für Zuversicht.

NEULAND: Und wie ist der Blick zum Nachbarn, nach Deutschland?
Christian Stocker: Friedrich Merz ist ein Bundeskanzler, der mir Hoffnung gibt, dass es auch in Europa wieder eine Führungsrolle durch Deutschland gibt, dass man wieder eine richtige Richtung einschlägt, mehr Wettbewerbsfähigkeit, Kapitalmarkt, Binnenmarkt als Stichworte. Deutschland ist ja nicht nur unser Nachbar… – Deutschland ist mit uns so verbunden: Was trennt uns? Die gemeinsame Sprache (lacht). Was verbindet uns? Sehr, sehr vieles. Deutschland ist für mich im Wirtschaftlichen, Politischen, natürlich auch im Gesellschaftlichen das Land, das uns am nächsten ist.

Mit Christian Stocker sprach KT Guttenberg. Sie finden den Beitrag hier auf YouTube.

O – T Ö N E

Make America GOOD Again & 

Land in Sicht & 

Gysi gegen Guttenberg

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Freitags: 
MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Zu Besuch bei Gott

„Ich bin ja keine regelmäßige Kirchgängerin. Aber ein Freund in New York sagte zu mir: Du musst mitkommen in die Times Square Church... Und dann ging da der Gesang los, mit diesem Gospel-Chor. Selbst wenn du an nichts glaubst, wenn du in diese Kirche reingehst, hast du das Gefühl, jetzt habe ich Gott gesehen. Wenigstens für eine Sekunde. Weil es so kraftvoll war."

Ricardia Bramley, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

„Ich habe diese wunderbaren Gospel-Gottesdienste auch immer wieder inhaliert. Da muss man gar nicht glauben, um die Kraft des Glaubens zu begreifen. Nun bin ich gläubig, und ich tue mich sehr schwer mit meiner Kirche – ich bin Katholik, die haben es einem nicht so wahnsinnig leicht gemacht in den letzten Jahren. Ich ringe da immer wieder. Gleichzeitig halte ich sehr viel von der Institution, sofern sie in der Lage ist, sich zu reformieren."

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KT Guttenberg, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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Dienstags:
LAND IN SICHT

Wie Italiens Fußballreform verpuffte

„Trainer Roberto Mancini hat es 2021, als er die Europameisterschaft mit Italien gewonnen hat, geschafft, unitalienisch zu spielen: sehr modern, sehr offensiv. Ich habe noch nie erlebt, dass so viele meiner deutschen Freunde mit Italien gezittert haben, sich für Italien gefreut haben. Mancini hat auf Offensivfußball gesetzt, und das war ein Moment, der alle im Land sehr glücklich gemacht hat, nicht nur die Fußballfans – weil Italien da gezeigt hat, dass es wirklich die Kraft hat, sich neu zu erfinden und Reformen anzugehen. Aber das verpuffte danach total."

Giuseppe Di Grazia,

stern Chefredaktion,
Gast von LAND IN SICHT 

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Haben wir aus Corona gelernt?

„Was mich im Rückblick mit am meisten verwundert, ist die Fähigkeit des Menschen zu vergessen. Das kann man jetzt positiv sehen – und man kann es aber auch als leichtsinnig erachten."

­KT Guttenberg, Pooodcaster 

„Mich hat damals erstaunt, wie gespalten unsere Gesellschaft war. Das ging bis in Familien hinein. Freundschaften sind kaputt gegangen, weil es leidenschaftliche Gegner überhaupt der Vorstellung gab, dass Corona eine so schlimme Krankheit ist. Und dass all diese Maßnahmen erforderlich sind. Ich meine nicht die, die die Krankheit selbst geleugnet haben – aber es gab ja auch viele, die gesagt haben: Klar gibt es Corona, aber es gibt keinen Unterschied zur Grippewelle. Und da ist mir wieder ein Kommunikationsmangel aufgefallen."

­Gregor Gysi, Pooodcaster 

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N E U L A N D   C O M M U N I T Y

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H E Y,  K T !­

"Auf welchen Sport – im TV oder aktiv – würden Sie niemals verzichten?"

Fragt MAKE AMERICA GOOD AGAIN-Hörerin Ilka Müller-Kohlmeier aus dem Bergischen Land 

Der Traum vom Tourengehen: Im nächsten Winter klappt es ganz sicher!

Foto: Shutterstock

KTs Antwort: „Erwischt! Es gibt Sportarten, die man macht, und solche, über die man redet. Das eine verlangt altersgerechte Disziplin; das andere, na ja, eine Meinung – immerhin an Letzterer besteht bei mir kein Mangel.

Wenn Sie mich aber fragen, auf welche Sportart ich niemals verzichten würde, lautet die ehrliche Antwort: Stabhochsprung über gute Vorsätze. Sieht elegant aus, ist aber weit genug von der Wahrnehmung entfernt. Ich bin gewissermaßen ein sportlicher Stoiker – gelassen im Vorsatz, mäßig in der Ausführung, unbeirrbar in der Begründung. Ich folge dabei der „Dichotomie der Kontrolle“: das ist die Unterscheidung zwischen Dingen, die man beeinflussen kann (der gute Wille, zu schwitzen) und denen, die man nicht beeinflussen kann (die unvermeidbare Übersprungshandlung, die verlässlich vom Schwitzen abhält).

Hierzu passt ein jährliches Ritual: Schon im Oktober lagere ich Felle und Ski im Kofferraum. Bereit für den Aufstieg, für das Gipfelglück, für die Abfahrt ins metaphysische Nirgendwo. Als eigentlich begeisterter Tourengeher. Nun ja, eigentlich. Denn das Schicksal der alpinen Ausrüstung ist beklagenswert. Monatelang verharrt sie im Auto, nährt mein schlechtes Gewissen und erinnert mich daran, wie idiotisch es ist, ständig die Anklage der eigenen Trägheit im Rückspiegel zu betrachten.

Die einzigen Höhenmeter, die ich erreiche, sind schließlich die Stufen zum Fitnessraum irgendeines Provinzhotels, wo ich dann – getrieben von heiligem Eifer– die Hanteln in Bewegung setze und auf abgeranzten Matten Verrenkungen vollziehe, die anwesende Yogajünger in hysterisches Kichern versetzen. Dabei feile ich nur an der Beweglichkeit meiner alternden Gelenke – und am Gefühl, noch nicht ganz vom digitalen Zeitalter verschluckt zu sein.

Zuhause widme ich mich aber doch gelegentlich dem Hochleistungssport. Mit Hingabe. Mit ausreichend Flüssigkeit und Nährstoffen. Und - mit einer Fernbedienung. Hier hat der Stoiker Pause. Ich wandele mich zum Epikuräer. Mit Lust am Spiel, am Schwitzen anderer und am Sofa. Panem et circenses…

Ganz so erbärmlich ist es freilich nicht. 45 Minuten pro Tag versuche ich tatsächlich Sport zu treiben. Und sei es nur, um dem Körper jene Gnade zu erweisen, die wir sonst nur den Gedanken gewähren: das Recht, sich irren und doch wieder in Gang kommen zu dürfen."

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­Meine Frage an KT =

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Mensch, öffne dich

­Als Abonnierende des NEULAND Update kennen Sie sicher Peter Greve schon – er ist Teil unseres TEAMS GUTTENBERG und trägt zur Produktion dieses Newsletters bei. Und beim Podcast LAND IN SICHT ist Peter Woche für Woche unser Experte für Themen aus der bunten Welt der Kultur. Seine Gedanken sind scharf – und nicht selten regen sie zum Überdenken der eigenen Positionen an. In seinem eigenen Podcast DIE LEKTION MEINES LEBENS empfängt der Berliner seit einiger Zeit Schriftstellerinnen wie Ronya Othmann und Schauspieler wie Dimitrij Schaad, Menschen mit spannendem persönlichen Hintergrund, beeinflusst von anderen Kulturen – und führt mit ihnen Gespräche, die nachhallen. Das liegt daran, dass Peter zuhören kann. Und im Zuhören jene Fragen findet, die seine Gegenüber schließlich öffnen. Die zweite Staffel dieser famosen kleinen Podcast-Reihe hat gerade begonnen. (rüb)

DIE LEKTION MEINES LEBENS, 2. Staffel. Von Peter Greve. Überall, wo es Podcasts gibt.

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wie hat Ihnen diese Ausgabe von NEULAND Update gefallen? Schreiben Sie uns gern: feedback@guttenberg.media 

Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst, Ihr KT Guttenberg­


T E A M  G U T T E N B E R G

KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.

Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.

Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.

Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.

Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.

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Die Zukunft Europas: Ungarn als Chance