Kanada – Trumps Nachbar, der nicht einknickt
KT Guttenberg: Kanada – wie das Nachbarland im Handelsstreit mit den USA Stärke zeigt und was Europa davon lernen kann
Meghan O'Sullivan: Die Harvard-Professorin über die Anpassungsfähigkeit der Deutschen in Krisenzeiten
Neuer wöchentlicher Podcast: BALL IN SICHT – der Sport-Talk mit Klaus Brinkbäumer und Rüdiger Barth
Meine Insights der Woche – 03. September 2026
Guten Morgen,
der Handelsstreit zwischen den USA und Kanada ist eskaliert, die beiden Nachbarn überziehen sich gegenseitig mit massiven Zöllen. Unterstützt von der großen Mehrheit der Bevölkerung fährt Kanadas Premierminister Mark Carney dabei einen ruhigen, unbeeindruckten Kurs und gibt im Ringen mit US-Präsident Donald Trump nicht wie andere Regierungschefs einfach nach – wie es angesichts des Machtgefälles erwartbar sein könnte.
Kanada ist ökonomisch ungleich abhängiger von den Vereinigten Staaten als Europa. Seine Grenze zu Amerika ist fast 9.000 Kilometer lang, seine Lieferketten sind nordamerikanisch, sein wichtigster Exportmarkt liegt direkt südlich des 49. Breitengrades. Und doch versucht Ottawa, genau das zu tun, was Europa seit Jahren rhetorisch beschwört und praktisch zu selten einübt: sich nicht gegen Amerika zu definieren, aber auch nicht von dessen Launen definieren zu lassen.
Die Kanadier haben lange von der Nähe zu Amerika gelebt. Nun lernen sie, mit ihr zu rechnen.
Welcher Politikstil dahintersteckt, warum sich Kanada gezielt der Europäischen Union zuwendet und was wir Europäer von Kanada lernen könnten – jetzt im NEULAND Update.
Viel Vergnügen!
PS: Zu den anstehenden Landtags-Wahlen in Sachsen-Anhalt haben wir in dieser Woche zwei spannende Podcasts zu bieten. Unsere aktuelle LAND IN SICHT-Folge finden Sie hier auf YouTube: „Sachsen-Anhalt vor der Wahl. Das CDU-Dilemma zwischen zwei Brandmauern – AfD und Linke“ (LIS #31).
Dazu haben der frühere SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und ich in einem Wahl-Extra eine konzentrierte Diskussion über die Frage geführt: „Drei Wahlen, eine starke AfD – wie regierbar wird Deutschland im Herbst?“ Unser Gespräch sehen Sie hier auf Youtube.
Alle aktuellen Podcasts können Sie natürlich wie immer auch auf Spotify und Apple hören, eine Übersicht gibt es auf www.guttenberg.media/podcasts.
I N S I G H T S
Kanada – der Nachbar, der nicht einknickt
Zeigt uns gerade ein Land mit knapp 42 Millionen Einwohnern, wie unser Kontinent – mit 450 Millionen Bürgern – gegenüber Donald Trump seine Interessen und seine Selbstachtung wahren könnte?
Ein Besuch im Weißen Haus, schon etwas her: Kanadas Premier Mark Carney (links) bei US-Präsident Donald Trump
Foto: WikiMedia Commons
I. Der Bruch
Kanada erlebt keinen gewöhnlichen Handelsstreit, sondern den Moment, in dem der vertrauteste Nachbar seine Rolle gewechselt hat: vom Anker zum Risiko, vom Verbündeten zum Verhandlungspartner unter Vorbehalt, vom manchmal hartleibigen Partner zum Provokateur.
Premierminister Mark Carney hat die Handelsgespräche mit Washington abgebrochen, nachdem ein nahezu unterschriftsreifes Abkommen an späten amerikanischen Forderungen gescheitert war.
Kurz darauf traten neue US-Zölle auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar in Kraft. Ottawa reagierte mit Gegenmaßnahmen im gleichen Umfang – und mit einer Botschaft, die für kanadische Verhältnisse fast revolutionär klingt: Ein Abkommen ist nicht um jeden Preis ein Erfolg. Man kann bei Vertragsverhandlungen scheitern und gleichwohl politische Handlungsfähigkeit gewinnen.
Bemerkenswert sind weniger die einzelnen Zollsätze als die politische Grammatik dahinter. Trump hat die Begründungen seiner Kanada-Politik mehrfach gewechselt: Grenzsicherheit, Handelsdefizit, Milchwirtschaft, Steuern, China, Waldbrandrauch. Handel ist hier kein regelgebundener Austausch mehr, sondern ein Instrument maximaler Verhandlungsmacht. Und Willkür wandelt sich von einer Laune zur Methode.
Für Kanada ist das besonders schmerzhaft. Sein Wohlstand ist tief mit dem US-amerikanischen Markt verknüpft, die Geographie lässt sich nicht wegverhandeln. Aber es beginnt, seine Zukunft nicht mehr ausschließlich mit einer Wette auf Amerikas Berechenbarkeit zu verbinden.
II. Das Phänomen Carney
Mark Carney ist eine politische Figur der Gegenwart, obwohl oder vielleicht weil er aus einer anderen politischen Epoche zu kommen scheint. Seine Vita umfasst zwei Zentralbanken, die Welt der Finanzmärkte, Klimafinanzierung und Krisenerfahrung: Er verkörpert Institutionen in einer Zeit, in der andere mit deren Zerstörung Politik machen.
Sein Stil ist der eines Krisenmanagers. Er dramatisiert nicht, um Stärke zu simulieren; er versucht, Stärke durch akribische Vorbereitung herzustellen. Keine Empörung als Ersatzhandlung, keine Pointe als Politik. Carney beschrieb bereits im Januar in einer vielbeachteten Rede in Davos die Lage als Bruch, nicht als bloße Übergangsphase – und zieht daraus die Konsequenz, Kanada wirtschaftlich und strategisch breiter aufzustellen.
Der Premier verzichtet auf das politische Spektakel und die Social-Media-Gewitter unserer Tage. Er setzt Trump nicht den kanadischen Mini-Trump entgegen und personalisiert den Konflikt möglichst wenig, widerspricht aber hörbar in der Sache. Verhandlungsbereit, ja. Unterwürfig, nein. Seine politische Sprache ist die eines Landes, das sich nicht von der Illusion trennt, dass es mit Amerika verbunden bleibt, wohl aber von der Illusion, diese Verbindung garantierte Sicherheit.
Carneys heutige Härte ist gerade deshalb glaubwürdig, weil sie nicht sein erster Reflex war. Er hielt die Gesprächskanäle offen, spielte auf Zeit und vermied zusätzliche Eskalation – bis Washington Forderungen erhob, die Ottawa als Eingriff in industrie-, handels- und kulturpolitische Spielräume verstand. Erst dann wurde der Rückzug vom Verhandlungstisch konkrete Handlungsoption. Dazu gehört ein neuer industriepolitischer Kurs, den Kanada lange gescheut hat: schnellere Genehmigungen, Konzentration auf Infrastruktur, kritische Rohstoffe, Verteidigung, Energie und neue Handelsachsen.
Carney zählt zu der seltenen Gattung Politiker, dessen Ruhe nicht wie Abwesenheit, sondern wie Widerstand mittels Kompetenz wirkt.
Trumps Provokation: Kanada bezeichnet er gerne als „51. Bundesstaat“ der USA...
Bild: WikiMedia Commons
… was dazu führt, dass die Kanadier den Kurs ihres Premiers mit großer Mehrheit stützen.
Repräsentative Umfrage: Ipsos Canada
III. Woher der Rückhalt kommt
Carneys Rückhalt erklärt sich nicht allein aus seiner Biographie. Er speist sich aus einem in der Bevölkerung verbreiteten Gefühl, dass Kanada nicht länger zwischen Anpassung und Selbstschädigung wählen darf. Viele Kanadier billigen den härteren Kurs gegenüber Washington – nicht weil sie sich einen Handelskrieg wünschen, sondern weil sie einem nachbarschaftlichen „Burgfrieden“ misstrauen.
Die strategische Haltung ist eingängig formuliert: Souveränitätsfragen sollen nicht zur Verhandlungsmasse werden; kurzfristiger wirtschaftlicher Schmerz kann weniger schädlich sein als dauerhafte Erpressbarkeit; Kanadas Rolle für die amerikanische Energieversorgung und für nordamerikanische Lieferketten soll werthaltiger werden; und die Abhängigkeit vom Süden soll durch neue Handels- und Sicherheitsbeziehungen sinken.
Carneys Rückhalt ändert indes nichts an der ökonomischen Asymmetrie: Kanada verkauft rund zwei Drittel seiner Warenexporte in die USA, vieles davon ist Teil gemeinsamer Lieferketten. Gegenzölle sind deshalb ein Signal der Selbstachtung, aber kein Selbstzweck. Sie müssen gezielt, glaubwürdig und reversibel bleiben – sonst trifft die Eskalation Kanada unverhältnismäßig hart.
Die Konjunktur verschafft Carney Zeit, aber keine Immunität. Zölle treffen nicht abstrakte Volkswirtschaften, sondern einzelne Fabriken, individuelle Investitionsentscheidungen und Lohnzettel. Nationale Geschlossenheit mag eine politische Ressource sein. Sie ist aber wie jede Ressource endlich.
Auch Öl- und Gasvorkommen schaffen Spielraum, aber keine Erlösung. Hohe Energiepreise stärken Investitionen und Einnahmen, vor allem in den westlichen Provinzen. Zugleich sind sie volatil, klimapolitisch umstritten und kein Ersatz für eine Diversifizierungsstrategie. In anderen Worten: Öl ist kein Plan. Aber es kann Zeit kaufen, um einen Plan zu machen.
IV. Die europäische Versuchung
Europa ist für Kanada keine Flucht über den Atlantik. Eher ein zusätzlicher Raum der Freiheit – wirtschaftlich und strategisch. Das Handelsabkommen CETA hat das Fundament gelegt; nun geht es um die Frage, ob daraus eine belastbarere politische Architektur werden kann. Sollte Kanada Mitglied der Europäischen Union werden?
Die gemeinsamen Interessen liegen auf der Hand: kritische Rohstoffe, Clean Tech, Energie, Verteidigung, Arktispolitik, digitale Regulierung, Forschung und resilientere Lieferketten. Kanada bietet Europa, was in einer Welt strategischer Knappheiten rar geworden ist: Ressourcen, Rechtsstaatlichkeit, wissenschaftliche Kompetenz und einen Partner, der Macht nicht gegen Regeln ausspielt. Bis auf Rohstoffe gilt dies auch umgekehrt.
Ein EU-Beitritt Kanadas bleibt allerdings ein Gedankenspiel. Artikel 49 des EU-Vertrags sieht die Mitgliedschaft europäischer Staaten vor. Kanada ist kein europäischer Staat und damit kein regulärer Kandidat. Wer daraus einen baldigen Beitrittsweg konstruiert, verwechselt politische Sehnsucht mit institutioneller Wirklichkeit.
Gerade deshalb ist die realistische Alternative interessanter: ein vertieftes CETA, gemeinsame Beschaffung, engere Sicherheits- und Verteidigungskooperation, Rohstoffallianzen, Rechtsangleichung und Anbindung dort, wo beide Seiten profitieren. Keine Mitgliedschaft durch die Hintertür, sondern eine Partnerschaft, die sich nicht mit freundlichen Gipfelfotos begnügt.
Nicht jede neu definierte Bindung braucht einen Beitrittsvertrag; manche beginnt mit gemeinsamen Interessen.
V. Was Deutschland davon hat
Für Deutschland ist Kanada weit mehr als ein sympathischer NATO-Partner mit viel Fläche, Elchen, Holz und Eishockey. Es ist eine seltene Verbindung aus Rohstoffmacht, demokratischer Stabilität, Technologiepotenzial und strategischer Verlässlichkeit.
Die energiepolitische Chance ist real, aber langfristig. Kanadisches LNG kann die deutsche Gasversorgung perspektivisch verbreitern; es wird allerdings weder die Energiekrise rückwirkend heilen noch über Nacht Abhängigkeiten ersetzen. Neue Projekte brauchen Kapital, Genehmigungen, Infrastruktur und verlässliche Abnehmer. Gerade deshalb sollte Berlin sie nicht als Symbolpolitik behandeln, sondern als langfristige Option.
Noch größer ist die industrielle Dimension. Kanada ist für Lithium, Nickel, Kupfer, Kobalt und Seltene Erden relevant; Deutschland bringt Maschinenbau, Verfahrenstechnik, industrielle Skalierung, Forschung und Zugang zum europäischen Markt mit. Kluge Politik wäre nicht, kanadische Rohstoffe lediglich gegen europäische Technik zu tauschen. Vielmehr gilt es gemeinsame Wertschöpfung aufzubauen: Verarbeitung, Batterien, saubere Technologien, Rüstung, Luft- und Raumfahrt sowie digitale Industrien.
Auch sicherheitspolitisch wächst die Schnittmenge – in der Arktis, bei NATO-Fähigkeiten, maritimer Sicherheit und Cyberabwehr.
Deutschland braucht nicht nur neue Lieferanten. Es braucht Mitgestalter strategischer Wertschöpfung.
Mark Carney in Davos, Januar 2026: Seine Forderung nach einer Allianz der „Mittelmächte“ fand international große Resonanz.
Bild: WikiMedia Commons
Ebenfalls in der Schweiz, Mai 2026: Kanadas Eishockey-Team (hier ihr Star Sidney Crosby, links) schlägt die USA im WM-Viertelfinale 4:0 und wirft den Nachbarn aus dem Turnier.
Bild: Hockeycanada / Matt Zambonin | HHOF-IIHF Images
VI. Vier Lehren für Europa
Für ein noch immer zwischen Selbstgefälligkeit und Therapiecouch lavierendes Europa bietet Kanada Anschauungsunterricht:
Größe ersetzt keine Strategie. Europa hat mehr Einwohner, einen weit größeren Binnenmarkt und ein höheres wirtschaftliches Gewicht als Kanada. Dennoch reagiert es auf amerikanischen Druck oft zögerlicher. Kaum verwunderlich, wenn man seine Macht auf 27 Hauptstädte, unterschiedliche Interessen und zu viele Vetopositionen verteilt.
Man muss nicht antiamerikanisch sein, um sich gegen amerikanische Zumutungen zu wehren. Kanada verwechselt Bündnistreue nicht mit Unterwerfung. Nur wer eigene Interessen benennen und verteidigen kann, bleibt ein relevanter Partner.
Gegenzölle ersetzen keine Strategie. Sie können Zeit gewinnen und Entschlossenheit demonstrieren; schwer erpressbar wird indes nur, wer Absatzmärkte, Energiequellen, Rohstoffzugänge, Technologien und Kapitalquellen diversifiziert. Nicht jeder Streit mit Washington verlangt Eskalation. Aber jeder verlangt vorbereitete, gezielte und reversible Optionen.
Carney zeigt, dass man der Politik der Erregung nicht mit Gegen-Erregung begegnen muss. Europa braucht weniger ritualisierte Besorgnis und mehr institutionalisierte Handlungsfähigkeit: schnellere Entscheidungen, gemeinsame Beschaffung, einen funktionsfähigen Verteidigungsbinnenmarkt und die Bereitschaft, strategische Projekte auch tatsächlich zu finanzieren.
Eine Union wird nicht souverän, weil sie das Wort oft genug ausspricht. Sie wird es, wenn sie zuweilen Nein sagen kann. Wer keine Alternativen besitzt, verhandelt nicht. Er hofft lediglich. Zuversichtlich stimmt, dass Kanada als Vorbild taugt: Es baut nicht auf Nostalgie, sondern macht Politik. Es versucht nicht, die alte nordamerikanische Gewissheit herbeizureden. Es schafft Alternativen: neue Märkte, eigene Infrastruktur, industriepolitische Kapazität, sicherheitspolitische Partnerschaften und einen realistischeren Blick auf die Kosten von Abhängigkeit.
Die Lehre für Berlin und Brüssel ist ebenso unbequem wie nützlich. Erpressbarkeit ist keine Naturkonstante. Sie ist das Ergebnis einseitiger Lieferketten, fehlender Reserven, unterlassener Investitionen und einer Politik, die Bequemlichkeit zu lange mit Strategie verwechselt hat. Die Weltordnung zerbricht nicht an einem Tag. Zuerst verliert sie ihre Selbstverständlichkeit.
Kanada wird Amerika nicht ersetzen können. Europa auch nicht. Aber beide können einander helfen, in einer unberechenbarer werdenden Welt weniger erpressbar zu sein.
Und Zuversicht ist kein Synonym für Optimismus. Zuversicht ist die Entscheidung, auf Unsicherheit vorbereitet zu sein.
A U F E I N W O R T
Warum so zuversichtlich,
Meghan O'Sullivan?
Die Harvard-Professorin, Expertin für Außenpolitik, war früher Beraterin im Weißen Haus. Angesichts der weltweiten Krisen lobt sie die Widerstandsfähigkeit vieler Nationen – auch Deutschlands
Meghan O'Sullivan ist Professorin für Internationale Beziehungen an der Harvard Kennedy School.
Bild: KT Guttenberg
NEULAND: Meghan, Sie erleben die Welt gerade in einem Zustand des Aufruhrs. Die Menschen sind bedrückt, sie haben Ängste. Was gibt Ihnen Zuversicht?
Meghan O'Sullivan: Was mir gerade Hoffnung gibt, ist die Widerstandsfähigkeit der Welt. Wir konzentrieren uns im Moment sehr stark auf die Krisen selbst, richten aber zu wenig Aufmerksamkeit auf unsere Fähigkeit, uns an diese Krisen anzupassen, Investitionen zu tätigen, um sie zu bewältigen. Und es gibt gute Beispiele dafür, dass wir aktuelle Krisen besser meistern, als man erwarten könnte – weil wir aus früheren Krisen gelernt haben. Das beste Beispiel dafür, auch wenn es zeitlich nicht unbegrenzt gelten mag, ist die Widerstandsfähigkeit, die die Weltwirtschaft angesichts der Schließung der Straße von Hormus gezeigt hat. Natürlich gibt es Teile der Welt, die die Hauptlast dieser Kosten getragen haben, aber insgesamt war die wirtschaftliche Auswirkung deutlich geringer als erwartet – weil wir aus früheren Krisen gelernt und in Infrastruktur investiert haben. Wir haben Lagerbestände aufgebaut, wir haben eine ganze Reihe von Dingen getan, die sich wirklich ausgezahlt haben. Wenn wir also heute auf die aktuelle Krise blicken, sollten wir auch unsere bewiesene Fähigkeit im Blick behalten, uns anzupassen – und uns für die nächste Krise besser aufzustellen.
NEULAND: Überträgt sich das, was Sie gerade als systemische Resilienz beschrieben haben, auch auf die Resilienz der Menschen selbst?
Meghan O'Sullivan: Ja, absolut, das ist zweifellos der Fall. Die Widerstandsfähigkeit etwa der Ukraine, einer Nation und ihrer Menschen, ist einfach enorm – und eine gewaltige Inspiration für viele Menschen, die unter weit weniger dramatischen, aber dennoch widrigen Umständen ihre eigenen Herausforderungen bestehen mussten. Wir sehen also die Resilienz globaler Systeme, aber wir sehen auch die Resilienz von Nationen – und darunter liegt natürlich immer die Resilienz einzelner Menschen.
NEULAND: Wenn Sie über den Atlantik blicken – Sie bereisen ja die ganze Welt und waren auch schon sehr oft in Deutschland: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie Deutschland gerade beschreiben müssten?
Meghan O'Sullivan: Das ist gerade ein wirklich außergewöhnlicher Moment für Deutschland. Und was Deutschland vielen von uns gerade zeigt, ist die Fähigkeit – in diesem Fall die Fähigkeit Deutschlands, der Deutschen und des deutschen politischen Systems –, einige der Grundannahmen zu hinterfragen, auf denen das Land in der Nachkriegszeit aufgebaut war. Man sagt sich: Vielleicht gelten diese Annahmen nicht mehr, vielleicht sind das nicht mehr die Annahmen, auf denen unsere nationale Strategie beruhen sollte. Sie kennen diese Annahmen genauso gut, sicher sogar besser als ich: die Vorstellung, eine Volkswirtschaft auf billigen Energieressourcen aus Russland aufzubauen, die Vorstellung, fiskalische Zurückhaltung sei besser als nationale Investitionen, oder die Vorstellung, militärische Operationen beziehungsweise die Verteidigung an die Vereinigten Staaten auszulagern. Das waren die Grundannahmen der deutschen Strategie. Aber die Deutschen haben sie sich angeschaut und gesagt: Diese Annahmen gelten nicht mehr. Und sie haben in unglaublich kurzer Zeit eine ganze Reihe von Schritten unternommen, um das umzukehren und einen neuen Kurs einzuschlagen. Ich finde das sehr inspirierend, und es zeigt wieder eine andere Form von Resilienz – die Fähigkeit, sich an neue Umstände anzupassen. Genau das zeigt Deutschland gerade.
Mit Meghan O'Sullivan sprach KT Guttenberg. Sie finden das Interview auch auf YouTube.
O – T Ö N E
GYSI GEGEN GUTTENBERG &
LAND IN SICHT &
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Mittwochs:
GYSI GEGEN GUTTENBERG
Was steckt in "links" oder "rechts"?
„Es wird nie eine Partei geben, die sich ‚Die Rechte‘ nennt, selbst wenn sie noch so rechts ist. Obwohl wir den Staatssozialismus hatten, mit seiner Art der Existenz und des Untergangs, ist das Wort ‚Linke‘ nicht so verbraucht wie das Wort ‚Rechte‘.“
Gregor Gysi, Pooodcaster
„Das liegt aber auch daran – und das dürft ihr auch mal selbstkritisch feststellen –, dass man ‚rechts‘ zum Kampfbegriff gemacht hat. Dahingehend, dass man auch jene darunter packt, die man wirklich noch in der Mitte sehen kann. Aber dadurch, dass sie nicht links sind und links denken, werden sie mit dem Begriff ‚rechts‘ belegt, so dass der gedankliche Sprung zu rechtsextrem oder rechtsradikal als ein kürzerer erscheint als der Sprung von links – was für manche etwas Wärmendes in der Sprache mit sich bringt – zu linksradikal.“
Gregor Gysi, Pooodcaster
L I V E E R L E B E N
GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR
Sehen wir uns?
Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26
Bochum, RuhrCongress, 30.10.26
Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26
Dienstags:
LAND IN SICHT
Merz' peinliche Unterwürfigkeit
„Es schlugen zwei Herzen in meiner Brust. Das eine hat gesagt: Alles klar, Trump benimmt sich offenbar hinter verschlossenen Türen wie ein zivilisierter Mensch. Dafür tritt er vorne auf wie der Bully, der er nun mal häufig ist. Aber alle sagen: ‚Jetzt macht er ja doch mit und ihr kennt den gar nicht richtig.‘ Das erinnert mich an Beziehungen, in denen die Frau sagt: ‚Wenigstens betrügt er mich nicht.‘ Der Maßstab ist so niedrig.“
Ricardia Bramley, Team LAND IN SICHT
„Super Vergleich, weil du zu Recht darauf hinweist, wie sehr sich die Maßstäbe verschoben haben. Wie wir schon voraussetzen, dass alles anders zu sein hat, wenn wir mit Trump zu tun haben, und wie sehr sich zivilisierte Politik zu etwas so Unterwürfigem verschoben hat. Wie alle froh sind – Merz inklusive, das ist für einen deutschen Bundeskanzler durchaus peinlich –, wenn sie mal gelobt werden oder nicht namentlich kritisiert werden.“
KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT
Reinhören =>
Wie gespalten ist das Volk der USA?
„Die Kritiker Amerikas versus die ‚Pro-American-everything‘-Fraktion spalteten sich früher nicht so in die Lager der politischen Parteien auf. Jetzt spaltet sich die Bevölkerung wirklich in MAGA und Democrats, während es damals okay war, die Regierung zu kritisieren, egal, welcher Partei du dich zugehörig fühltest. Du konntest auch innerhalb deiner Partei sagen: Ich bin gerade nicht zufrieden mit Watergate und damit, dass wir in die Parteizentrale der anderen einbrechen.“
Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Du wurdest damals eben auch nicht sofort von der Parteispitze verfolgt oder des Amtes beraubt – mit teilweise wüsten, mafiaähnlichen Methoden wie heute. Auf der anderen Seite gab es natürlich auch schon damals die harte Spaltung zwischen Democrats und Republicans. Da hat man sich nichts geschenkt. Diese Zweiteilung ist schon immer eine recht harte Bruchlinie gewesen. Nur ist sie mittlerweile ein Krater geworden, der kaum noch überwindbar zu sein scheint.“
KT Guttenberg,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Liebe Leserin, lieber Leser,
wie hat Ihnen diese Ausgabe von NEULAND Update gefallen? Schreiben Sie uns gern: feedback@guttenberg.media
Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!
Herzlichst, Ihr KT Guttenberg
T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.