Erfolgreich regieren – unmöglich?
KT Guttenberg: Erfolgreich regieren – unmöglich? Warum Reformpolitiker in Demokratien von den Wählern bestraft werden. Und was man dagegen tun könnte.
Sebastian Thrun: Der Waymo-Gründer und Stanford-Professor für Künstliche Intelligenz über Deutschlands große Stärke.
Hey KT, warum trägst du keine Krawatten mehr?
Meine Insights der Woche – 20. August 2026
Guten Morgen,
in diesem NEULAND Update widmen wir uns einem Phänomen moderner Demokratien, und beileibe nicht nur der deutschen: Selbst mit großer Mehrheit gewählte Regierungen verspielen ihren Kredit bei Wählerinnen und Wählern heutzutage in hoher Geschwindigkeit. Wer zudem noch Reformen anpackt, mutet den Bürgern viel zu – die erhofften Erfolge können sich aber oft sehr viel später einstellen. Die Folge: breite Unzufriedenheit. Oft genug: Abwahl der Verantwortlichen.
Können wir gegen diesen verhängnisvollen Mechanismus, der unsere Demokratien zu untergraben scheint, etwas tun? Ja, einiges – aber lesen Sie bitte selbst. Ich wünsche Ihnen eine zuversichtlich stimmende Lektüre.
I N S I G H T S
Erfolgreich regieren – unmöglich?
Gewählte Regierungen liefern, Wähler quittieren nicht. Über ein grundlegendes Problem moderner Demokratien – und keineswegs nur der deutschen. Dabei könnte man etwas dagegen tun.
Bundeskanzler Friedrich Merz unterzeichnet den Koalitionsvertrag, 5. Mai 2025.
Foto: WikiMedia Commons
Der unzufriedene Bürger
Am 9. Juli trat der Bundeskanzler vor den Bundestag und legte eine Regierungsbilanz vor, in der Hoffnung, sie könnte sich sehen lassen: Rente, Krankenversicherung, Einkommensteuer, Arbeitsmarkt, Infrastruktur, Bürokratieabbau. „Vieles, was schon beschlossen wurde, beginnt zu wirken“, sagte Friedrich Merz. Er sprach von über dreitausend Firmengründungen im ersten Halbjahr. Und der Ausblick: Steuer, Rente, Gesundheit, Arbeitsmarkt seien ein wuchtiges Reformpaket, das keine Bundesregierung der letzten Jahre in diesem Umfang angepackt habe. Ein Teil der reklamierten Bilanz liegt also noch in der Zukunft.
Fünf Wochen später meldete das Marktforschungsinstitut Insa laut „Bild“: 78 Prozent der Deutschen seien unzufrieden mit der Arbeit des Kanzlers, nur 16 Prozent zufrieden. Die Union steht in der Sonntags-Frage bei 20 Prozent, dem schlechtesten Insa-Wert seit Oktober 2021, knapp drei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Man könnte das für ein deutsches Problem halten. Für eine Frage der Kommunikation, des Tons, dieses Kanzlers. Das wäre bequem und sicher nicht ganz inkorrekt. Und doch ist es in dieser Pauschalität schlicht auch: falsch.
Der Befund
John Burn-Murdoch hat für die „Financial Times“ 2024 eine Zahl gehoben, die man sich merken sollte: In jedem einzelnen der zehn großen Industriestaaten, die in jenem Jahr gewählt hatten und in der Datenbank ParlGov erfasst sind, verlor die Regierungspartei in der Folge Stimmenanteile. Nicht in den meisten – in allen. Das hat es in fast hundertzwanzig Jahren Aufzeichnung nicht gegeben.
2024 war kein Ausreißerjahr. Das Meinungsforschungsinstitut Pew fragt seit 2017 in zwölf wohlhabenden Ländern durchgängig nach der Zufriedenheit mit der eigenen Demokratie. Damals stand es 49 zu 49; in der Erhebung von 2025 waren im Median 64 Prozent unzufrieden. In den Vereinigten Staaten fiel die Zufriedenheit binnen eines Jahres von 37 auf 30 Prozent – getrieben ausgerechnet von Republikanern.
Der Extremfall ist nicht Berlin, sondern London. Labour gewann im Juli 2024 mit 411 von 650 Sitzen. Anfang Juli 2026 waren dreizehn Prozent der Briten mit Premierminister Keir Starmer zufrieden und neunundsiebzig Prozent unzufrieden – ein Saldo von 66 Punkten im Minus und der schlechteste Wert, den das Institut Ipsos seit 1977 für einen Premierminister gemessen hat. Am 20. Juli übernahm Andy Burnham das Amt, der siebte Premier in zehn Jahren, ohne dass es dazu eine Neuwahl gegeben hätte. Ein Erdrutschmandat, aufgebraucht in gut zwei Jahren. Frankreich liefert die chronische Variante: 23 Prozent der Franzosen erklärten sich im Juli mit Staatspräsident Emmanuel Macron zufrieden – und das war eine Verbesserung.
Hier könnte der Text enden, mit der wohlfeilen Diagnose einer erschöpften Demokratie. Er endet hier nicht, weil es ermutigende Gegenbeispiele gibt – nur halten sie leider kürzer als man hofft.
Emmanuel Macron, Frankreichs Staatspräsident (links), und Keir Starmer, früherer Premierminister des Vereinigten Königreiches, in der Downing Street, London, 2025.
Bild: WikiMedia Commons
Die Halbwertszeit
Sanae Takaichi übernahm im Oktober 2025 in Japan eine Minderheitsregierung in beiden Kammern, löste im Januar das Unterhaus auf und gewann am 8. Februar 2026 mit 316 von 465 Sitzen: ein Zugewinn von 118 Sitzen und die größte Mehrheit einer einzelnen Partei in der japanischen Nachkriegsgeschichte. Das oppositionelle Bündnis fiel von 172 auf 49 Sitze. Eine Regierungspartei, die wächst – genau das, was 2024 nirgends vorkam. Ein halbes Jahr später misst der Sender NHK für Takaichi 53 Prozent Zustimmung, fünf Punkte weniger als im Juli.
Kanada zeigt dieselbe Kurve: Mark Carney lag im Februar nach seiner aufrüttelnden Davos-Rede bei 63 Prozent, inzwischen nurmehr bei 55 – und das Angus Reid Institute stellt daneben, dass Justin Trudeau nach vierzehn Monaten im Amt bei genau diesem Wert stand. Australien liefert die Extremform. Labor gewann im Mai 2025 mit dem größten Abstand seit 1943; im Juni 2026 lag Anthony Albaneses Nettozustimmung auf einem Rekordtief von minus 24 Punkten.
Die „NS Champion“, laut US-Behörden ein Schiff der russischen Schattenflotte.
Bild: WikiMedia Commons
Der Verfassungsschutzbericht für 2025, vorgelegt Ende Juni 2026, formuliert es für unser Land unmissverständlich: Deutschland befinde sich täglich „im Zielkorridor hybrider Angriffe“; man werde praktisch permanent angegriffen. Russische Dienste setzten zunehmend sogenannte Wegwerfagenten ein – rekrutiert über Messengerdienste, bezahlt in Kryptowährung, oft ohne Kenntnis des Auftraggebers, mitunter minderjährig. Was das mit dem hiesigen Verständnis des Begriffs „Verteidigung“ macht, ist die eigentliche Zäsur. Fünf Verschiebungen sind erkennbar.
Erstens: Verteidigung beginnt nicht mehr an der Grenze. Sie beginnt am Umspannwerk, am Rechenzentrum, am Frachtterminal. Kritische Infrastruktur ist zum Gefechtsfeld geworden, weil eine Front ohne diese nicht funktioniert.
Zweitens: Der Zwischenzustand ist der Normalzustand. Unser Recht kennt den Verteidigungsfall. Dieser ist klar definiert. Unser Recht definiert den Frieden als Normalzustand ohne bewaffneten Konflikt. Die rechtlichen Vor- und Zwischenstufen jedoch bilden die permanente Bedrohungslage, in der wir uns befinden, nicht ab. Die Wirklichkeit spielt seit Jahren dazwischen.
Drittens: Föderale Zuständigkeit trifft auf Sekundenlagen. Binnen kürzester Zeit müssen Maßnahmen in hochkomplexen Entscheidungsstrukturen beschlossen werden. Immerhin: Seit Dezember 2025 arbeitet ein Gemeinsames Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern, seit Juni 2026 ein Gemeinsames Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen; im Februar 2026 hat der Bundestag das Luftsicherheitsgesetz novelliert und der Bundeswehr Amtshilfe gegen Drohnen bis hin zur Waffengewalt eröffnet. Die Reform des Bundespolizeigesetzes steht noch aus.
Viertens: Die Ökonomie der Flugabwehr ist ruiniert. Eine Drohne für zehntausend Euro mit einem Lenkflugkörper für vierhunderttausend Euro zu bekämpfen, mag militärisch wirksam sein, ist aber ökonomischer Selbstmord. Der Gegner rechnet mit unserer Rechnung.
Fünftens: Die Wirtschaft, Gesundheitseinrichtungen und Infrastruktur werden zur neuen Frontlinie. Ein Flughafenbetreiber, ein Netzbetreiber, ein Krankenhaus, ein Logistiker führt kein Sicherheitsressort und trägt doch Verteidigungslast. Der „Operationsplan Deutschland” beschreibt das bereits; finanziert und eingeübt ist es allerdings allenfalls teilweise.
Japans Premierministerin Sanae Takaichi...
Bild: WikiMedia Commons
…und Kanadas Premier Mark Carney, hier bei der Amtseinführung.
Bild: WikiMedia Commons
Der eigentliche Härtetest ist Dänemark, weil dort eine sozialdemokratische Regierung die Zumutungen beschlossen hat, vor denen sich anderswo die Konservativen drücken: Renteneintritt mit 70 bis zum Jahr 2040, das höchste Alter Europas, dazu die härteste Asylpolitik des Kontinents, die inzwischen von der britischen Innenministerin ausdrücklich als Vorbild genannt wird. Und Premierministerin Mette Frederiksen hatte, was Kanzler in Mitteleuropa nicht haben: einen Gegner mit Adresse. Sie rief die Neuwahl aus einer Position patriotischer Stärke im Grönland-Streit mit Washington aus.
Das Ergebnis vom 24. März 2026: 21,9 Prozent – das schlechteste Abschneiden der dänischen Sozialdemokraten seit 1903, bei gleichzeitigen Zugewinnen der rechten Dänischen Volkspartei. Erst am 1. Juni stand eine wackelige Vierparteienkoalition. Entschieden wurde die Wahl nicht über Grönland, sondern bei Lebenshaltungskosten, Renten und einer Vermögensteuer. Frederiksen regiert weiter. Belohnt wurde sie nicht.
Schweden schließlich zeigt, dass selbst gute Wirtschaftsdaten sich nicht in gute Zustimmungswerte übersetzen lassen. Die OECD erwartet für 2026 ein Wachstum von 2,6 Prozent, die Kommission veranschlagt die niedrigste Inflation der Europäischen Union, die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel wurde zum 1. April halbiert – und die Schweden sind mit ihrer Demokratie zufriedener als die Bürger jedes anderen der von Pew befragten Länder. Gewählt wird am 13. September, sieben Tage nach Sachsen-Anhalt. Im Juli lag der sozialdemokratisch geführte Oppositionsblock bei 53 Prozent, die Regierung Kristersson bei lediglich 46. Der Riss im Bild ist der Arbeitsmarkt: 8,7 Prozent Arbeitslosigkeit. Wachstum ohne Arbeitsmarkt erscheint wahltaktisch wertlos.
Ausschlaggebend ist letztlich nicht die Reformbilanz, sondern der frische Auftrag – und gegebenenfalls ein sichtbarer äußerer Gegner. Beides wirkt. Aber beides hat eine Halbwertszeit, die sich in Monaten bemisst. Ein äußerer politischer Gegner wie Trump in der Grönlandfrage trägt bis zur Wahlkabine. Dann entscheidet das Portemonnaie. Anders mag es sich im Fall konkreter militärischer Bedrohung verhalten.
Warum Leistung nicht zählt
Reformen haben eine unangenehme Eigenschaft: Ihr Nutzen fällt später an als ihre empfundene Zumutung. Eine Rentenreform etwa wirkt erst in zwanzig Jahren. Entbürokratisierung ist im besten Fall die Abwesenheit von Ärger, und Abwesenheiten bemerkt niemand.
Wer regiert und reformiert, bittet die Wähler daher um einen Kredit: Vertrauen heute gegen Ertrag morgen. Doch dieser Kredit wird derzeit kaum noch gewährt. Es fehlt nicht unbedingt immer an Leistung, es fehlt aber gewiss an Bonität – und Kopenhagen zeigt, wo die Grenze verläuft: Reformen kaufen bestenfalls Duldung. Mit Blick auf Deutschland kommentierten einige, dass Reformverzicht bis zu 16 Jahren Arbeitsplatzgarantie für einen Kanzler nach sich ziehen kann.
Alexis de Tocqueville hat das Muster im Rückblick auf das Ancien Régime beschrieben: Der gefährlichste Augenblick für eine schlechte Regierung ist der, in dem sie beginnt, sich zu bessern. Reformen wecken Ansprüche schneller als sie Ergebnisse liefern. Dazu kommt die Inflation, für den „FT"-Journalisten Burn-Murdoch die stärkste Erklärung der Anti-Amtsinhaber-Welle: Steigende Preise waschen ideologische Erwägungen aus dem Wahlverhalten heraus. Man wählt dann nicht mehr für etwas, sondern gegen jemanden.
Mette Frederiksen, Premierministerin Dänemarks.
Bild: WikiMedia Commons
Die Gegenwährung
Die politischen Ränder ziehen aus dieser Lage strukturell Nutzen. Populisten von rechts wie links verkaufen nicht Bilanzen, sondern Bedrohung. Und Bedrohungswahrnehmung ist von messbaren Größen bemerkenswert unabhängig. Ipsos fragt seit über einem Jahrzehnt nach geschätzten und tatsächlichen Werten. In einer internationalen Erhebung von 2018 schätzten die deutschen Befragten den Anteil von Einwanderern an der Bevölkerung auf 30 Prozent – real waren es 15. In der Zehnjahresbilanz von 2024 hält Ipsos außerdem fest, dass die Überzeugung, die Kriminalität stiege, über alle Wellen hinweg konstant bleibt.
Eine Wahlkreisanalyse des DIW Berlin zur Bundestagswahl 2025 findet, dass die AfD in Ostdeutschland gerade dort besonders stark abschnitt, wo der Ausländeranteil ungewöhnlich gering war. Für den Westen gilt das indes nicht: Eine frühere Untersuchung desselben Instituts zur Europawahl 2024 fand dort auch in Kreisen mit hohem Ausländeranteil hohe Zustimmung. Beides sind Zusammenhänge zwischen Wahlkreisen, keine Aussagen über einzelne Wähler; dass Zuwanderung als Thema keine Rolle spielte, folgt daraus nicht. Der ostdeutsche Befund bleibt trotzdem bemerkenswert: Dort ist die Furcht am größten, wo ihr Gegenstand am seltensten anzutreffen ist – und kein Zahlenwerk löst sie auf.
Daraus bloße Einbildung zu machen wäre allerdings falsch. Verschiedenste Institutionen und Stiftungen betreiben Ursachenforschung. Beispielsweise findet die ILS-Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung über vierhundert Kreise hinweg deutliche Zusammenhänge zwischen Defiziten bei Breitband, Bildungschancen und Kinderbetreuung und hohen Stimmenanteilen der AfD, wobei im Osten das subjektiv empfundene Zurückgesetztsein schwerer wiegt als die objektive Lage. Es handelt sich um Korrelationen, nicht um nachgewiesene Ursachen; die Autoren betonen das. Die Angst dockt an Perspektivlosigkeit und empfundener Vernachlässigung an und wächst dann über sie hinaus.
Damit schließt sich der Kreis. Wer regiert, verkauft eine Bilanz, deren Ertrag erst später anfällt; wer opponiert, verkauft ein Gefühl, das sofort verfügbar ist. Das ist kein fairer Wettbewerb – und er wird nicht dadurch erfolgversprechender, dass man das Produkt der Gegenseite kopiert. Eine Auswertung von 350 Strategien etablierter Parteien über 108 Wahlen (Krause, Cohen und Abou-Chadi, 2023) kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Übernahme radikaler Positionen in der Regel nicht auszahlt; umstritten ist vor allem, ob das auch gilt, wenn sie im Gegenteil mit Ausgrenzung dieser Positionen einhergeht. Wähler, so ein Jean-Marie Le Pen zugeschriebener Satz, ziehen jedenfalls das Original der Kopie vor.
A U F E I N W O R T
Warum so zuversichtlich,
Jeff Koons?
Verzweifelt einer der bekanntesten zeitgenössischen Künstler an unserer turbulenten Zeit? Im Gegenteil! Der US-Amerikaner schwärmt von den Möglichkeiten, wie wir uns entwickeln können.
Jeff Koons schöpft die Ideen für seine Skulpturen aus Konsum, Popkultur und Kitsch.
Bild: KT Guttenberg
NEULAND: Jeff, wir leben in einer Welt, die zerrissen ist. Vielerorts herrscht Aufruhr, nicht wenige Menschen suchen nach Gründen für Hoffnung. Was gibt Ihnen Zuversicht?
Jeff Koons: Wissen Sie, ich bin immer wieder dankbar dafür, in dieser Zeit leben zu dürfen. All die Informationen, zu denen wir Zugang haben! Ich bin wirklich begeistert, dass ich mich, wie ich zumindest glaube, weiterentwickeln, mich selbst bilden und versuchen kann, mir der Möglichkeiten bewusst zu werden, die ich in dieser Welt habe – und auch der Fähigkeit, Lebenserfahrung mit anderen Menschen zu teilen. Ich neige zum Optimismus, ich versuche stets, mich von meiner besten Seite zu zeigen. Aber ich glaube, wir haben die Gelegenheit, echte Erfahrungen zu machen, Abstraktion wirklich zu verstehen, Freundschaft zu verstehen, zu teilen, einander zu dienen. Deshalb bin ich Künstler. Ich möchte versuchen, über mich hinauszuwachsen und ein besserer Mensch zu werden. Am Ende geht es in der Kunst wirklich um Kommunikation, um das Teilen von Erfahrung. Die Fähigkeit, das zu vermitteln, was wir gemeinsam haben – das ist im Grunde die Basis der Kunst.
NEULAND: Waren Sie schon immer Optimist oder gab es einen Moment, in dem sich Ihr Denken in diese Richtung gewandelt hat?
Jeff Koons: Ich glaube, ich habe die verschiedenen Facetten des Optimismus schon in meiner Familie mitbekommen – und durch Freunde ebenso. Das gehört zu meiner Generation. Ich wurde 1955 geboren, und als Künstler liebte ich den Gedanken der Avantgarde. Ich wollte immer Teil einer Gruppe sein, und die Kunst war für mich ein Vehikel, das mir das Gefühl gab, an einer Gemeinschaft teilzuhaben, in der wir gemeinsam Ideen entwickeln konnten. Manche davon wurden geteilt, und wir versuchten, uns eine Welt zu schaffen, an die wir glauben konnten – aber auch eine, mit der wir das Umfeld um uns herum verändern und ihm wirklich dienen konnten.
NEULAND: Sie sind eng mit einer metallverarbeitenden Fabrik aus Hessen verbunden, mit der Sie Skulpturen realisieren – ein Wort zu Deutschland, bitte.
Jeff Koons: Seit fast drei Jahrzehnten arbeite ich mit diesem Unternehmen namens Arnold in Deutschland zusammen. Und ich habe immer die Zuversicht geschätzt, mit der dort auch schwierige Projekte angegangen werden – stets mit dem Anspruch, Technologie einzusetzen, Universitäten und Institute einzubeziehen, um Probleme zu lösen und das Bestmögliche zu schaffen. Und im besten Fall Kunstwerke zu erschaffen, die eine gewisse visuelle Qualität besitzen, bei denen wir die Möglichkeiten der Fertigung wirklich an ihre Grenzen bringen konnten, um etwas so Besonderes wie möglich zu erschaffen – in der Hoffnung, dass sich das dem Betrachter auch visuell vermittelt.
Mit Jeff Koons sprach KT Guttenberg. Sie finden das Interview auch auf YouTube.
O – T Ö N E
GYSI GEGEN GUTTENBERG &
LAND IN SICHT &
MAKE AMERICA GOOD AGAIN
Mittwochs:
GYSI GEGEN GUTTENBERG
Was steckt in "links" oder "rechts"?
„Es wird nie eine Partei geben, die sich ‚Die Rechte‘ nennt, selbst wenn sie noch so rechts ist. Obwohl wir den Staatssozialismus hatten, mit seiner Art der Existenz und des Untergangs, ist das Wort ‚Linke‘ nicht so verbraucht wie das Wort ‚Rechte‘.“
Gregor Gysi, Pooodcaster
„Das liegt aber auch daran – und das dürft ihr auch mal selbstkritisch feststellen –, dass man ‚rechts‘ zum Kampfbegriff gemacht hat. Dahingehend, dass man auch jene darunter packt, die man wirklich noch in der Mitte sehen kann. Aber dadurch, dass sie nicht links sind und links denken, werden sie mit dem Begriff ‚rechts‘ belegt, so dass der gedankliche Sprung zu rechtsextrem oder rechtsradikal als ein kürzerer erscheint als der Sprung von links – was für manche etwas Wärmendes in der Sprache mit sich bringt – zu linksradikal.“
Gregor Gysi, Pooodcaster
L I V E E R L E B E N
GYSI GEGEN GUTTENBERG ON TOUR
Sehen wir uns?
Neunkirchen, Neue Gebläsehalle, 29.9.26
Bochum, RuhrCongress, 30.10.26
Kulmbach, Dr.-Stammberger-Halle, 1.12.26
Dienstags:
LAND IN SICHT
Merz' peinliche Unterwürfigkeit
„Es schlugen zwei Herzen in meiner Brust. Das eine hat gesagt: Alles klar, Trump benimmt sich offenbar hinter verschlossenen Türen wie ein zivilisierter Mensch. Dafür tritt er vorne auf wie der Bully, der er nun mal häufig ist. Aber alle sagen: ‚Jetzt macht er ja doch mit und ihr kennt den gar nicht richtig.‘ Das erinnert mich an Beziehungen, in denen die Frau sagt: ‚Wenigstens betrügt er mich nicht.‘ Der Maßstab ist so niedrig.“
Ricardia Bramley, Team LAND IN SICHT
„Super Vergleich, weil du zu Recht darauf hinweist, wie sehr sich die Maßstäbe verschoben haben. Wie wir schon voraussetzen, dass alles anders zu sein hat, wenn wir mit Trump zu tun haben, und wie sehr sich zivilisierte Politik zu etwas so Unterwürfigem verschoben hat. Wie alle froh sind – Merz inklusive, das ist für einen deutschen Bundeskanzler durchaus peinlich –, wenn sie mal gelobt werden oder nicht namentlich kritisiert werden.“
KT Guttenberg, Team LAND IN SICHT
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Wie gespalten ist das Volk der USA?
„Die Kritiker Amerikas versus die ‚Pro-American-everything‘-Fraktion spalteten sich früher nicht so in die Lager der politischen Parteien auf. Jetzt spaltet sich die Bevölkerung wirklich in MAGA und Democrats, während es damals okay war, die Regierung zu kritisieren, egal, welcher Partei du dich zugehörig fühltest. Du konntest auch innerhalb deiner Partei sagen: Ich bin gerade nicht zufrieden mit Watergate und damit, dass wir in die Parteizentrale der anderen einbrechen.“
Ricardia Bramley,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
„Du wurdest damals eben auch nicht sofort von der Parteispitze verfolgt oder des Amtes beraubt – mit teilweise wüsten, mafiaähnlichen Methoden wie heute. Auf der anderen Seite gab es natürlich auch schon damals die harte Spaltung zwischen Democrats und Republicans. Da hat man sich nichts geschenkt. Diese Zweiteilung ist schon immer eine recht harte Bruchlinie gewesen. Nur ist sie mittlerweile ein Krater geworden, der kaum noch überwindbar zu sein scheint.“
KT Guttenberg,
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN
HEY, KT!
"Warum weinen Männer jetzt öffentlich?"
Fragt BALL IN SICHT-Hörerin Carmen Nusselt aus Nürnberg
Argentiniens Fußball-Star Lionel Messi in Tränen, nach dem 3:2 über Ägypten, einem Achtelfinal-Sieg bei der WM.
Bild: Magenta.TV
"Jetzt? Ernsthaft? Verehrte Fragestellerin, Männer weinen öffentlich, seit es Öffentlichkeit gibt. Neu ist nicht die Träne. Eher, dass wir sie wieder sehen dürfen, ohne dass jemand hastig das Licht ausschaltet.
Ein Blick in die Bibliothek: Odysseus, der listenreichste Mann der Weltliteratur, sitzt bei Homer sieben Jahre am Strand der Kalypso und weint. Täglich, in Serie, mit Blick aufs Meer. Achill heult um Patroklos, dass die Götter zusammenzucken. Im Rolandslied rauft sich Karl der Große den Bart, während seine Ritter reihenweise ohnmächtig vom Pferd kippen. Eine Szene, gegen die jede moderne Trainerbank wie ein Meditations-Seminar wirkt. Und einer der kürzesten Verse der Bibel, Johannes 11,35, lautet in erhabener Knappheit: „Jesus weinte.” Kein Kommentar der Jünger. Es war ganz offenkundig in Ordnung. In der Luther-Übersetzung heißt es wiederum etwas lyrischer: „Und Jesus gingen die Augen über.“
Die Träne war jahrtausendelang keine Schwäche. Vielmehr diente sie als Charakterbeweis: Wer weinen konnte, hatte eine Seele, und wer eine Seele hatte, dem konnte man trauen. Goethes Werther ließ noch einen ganzen Kontinent junger Männer in Tränen ausbrechen. Erst das neunzehnte Jahrhundert erfand den trockenen Mann. Fabrik, Kaserne, Kontor: Die Träne wurde wegrationalisiert, wie alles ohne messbare Rendite. „Ein Junge weint nicht” ist also keine ewige Wahrheit, sondern eine industrielle Norm, ungefähr so alt wie die Dampflok und deutlich weniger charmant gealtert.
Dass sie nie funktionierte, zeigt die Praxis. Churchill weinte öffentlich mit einer Regelmäßigkeit, die seine Zeitgenossen längst eingepreist hatten. Paul Gascoigne schluchzte 1990 im WM-Halbfinale so herzzerreißend, dass England ihm nicht die Männlichkeit absprach, sondern den Fußball als Nationalgefühl zurückeroberte. Barack Obama wischte sich 2016 vor laufenden Kameras die Tränen aus dem Gesicht, als er über die erschossenen Kinder von Sandy Hook sprach. Und im September 2025 stockte Friedrich Merz in der wiedereröffneten Münchner Synagoge an der Reichenbachstraße mitten in der Rede, kämpfte mit den Tränen, verlor – und gewann doch. Denn was hätte an diesem Ort eine ungerührte Stimme bewiesen? Es gibt Momente, in denen die Fassung zu wahren bedeutet, die Lage zu verfehlen.
Nun die Wissenschaft. Bis etwa zum dreizehnten Lebensjahr weinen Jungen und Mädchen gleich oft. Danach klafft die Schere weit auf: Männer weinen sechs- bis siebzehnmal im Jahr, Frauen dreißig- bis vierundsechzigmal. Die Differenz wird nicht geboren, sie wird anerzogen – mit dem Stimmbruch kommt das Tränenverbot. Und wann weinen Männer dann doch? Überdurchschnittlich oft aus Mitgefühl und vor Freude – also wenn sie über sich hinausgehen, nicht wenn sie in sich zusammenfallen. Keine schlechte Bilanz.
Lionel Messis verheultes Antlitz nach dem Sieg gegen Ägypten bei der diesjährigen WM stützt die These. Ronaldos wässrige Augen nach dem Ausscheiden Portugals widersprechen ihr wohl.
Warum also „jetzt”? Vielleicht, weil eine Generation nachwächst, die den Unterschied zwischen Fassung und Haltung kennt. Fassung ist, was man wahrt. Haltung ist, was man hat. Das eine kann man verlieren, ohne das andere einzubüßen. Und vielleicht, weil wir endlich verstehen, dass das männliche Schweigen über das Innenleben kein Heldentum war, sondern ein Gesundheitsrisiko mit Krawatte.
Bleibt die Grenze: Die Träne taugt nicht als Instrument. Wer strategisch weint, hat das Weinen verraten – echte Tränen haben ein Timing, das keine Medienberatung der Welt hinbekommt. Aber die ehrliche Träne des ehrlichen Mannes? Die war nie das Problem. Das Problem waren hundertfünfzig Jahre, in denen wir so taten, als gäbe es sie nicht. Odysseus wusste es besser. Und der saß immerhin an einem Strand, an dem ihn niemand filmte."
Die größte aller Familienserien
Haben wir nicht alle mal Phasen, in denen man Trost und Zuversicht gebrauchen kann? Dann hier der Sommertipp: Gut gemachte Familienserien (BRD der 80er: Diese Drombuschs, US-Westküste 2010er: Parenthood) geben uns bekanntlich berührende und ermutigende Einblicke in den Alltag der anderen, sie nehmen uns huckepack mit auf diese Achterbahnfahrt namens Leben. THIS IS US leistet all das – und noch viel mehr. Diese sagenhaft komplexe und zugleich zugängliche Serie, die das ZDF jetzt in Gänze bietet, erzählt die Geschichte der Pearsons, die tragisch sein könnte, wenn sie nicht so beglückend wäre. Wie mühelos die Macher mittels Setdesign, Moden, Musik, Themen, Schauspielern permanent zwischen den Jahrzehnten springen, wie nahtlos funktioniert, dass jede Figur glaubwürdig in den verschiedensten Phasen ihres Lebens gezeichnet wird – das gibt uns Zuschauern das Gefühl, das ganze Panorama dieser Familie zu verstehen, alle Handlungsmotive, alle Traumata, alle Momente der Erfüllung. Und am Ende begreifen wir: Was wir da über sechs Staffeln gebannt verfolgt haben, das waren in der Tat wir selbst. (rüb)
THIS IS US. TV-Serie. 6 Staffeln. ZDF-Mediathek
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Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!
Herzlichst, Ihr KT Guttenberg
T E A M G U T T E N B E R G
KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.
Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.
Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.
Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.
Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.