Timmy, der Wal, und wir Deutschen

  • KT Guttenberg: Der Wal „Timmy“, Deutschlands seltsamer Umgang mit sich selbst – trotzdem ein Grund zur Zuversicht?

  • Finnlands Außenministerin Elina Valtonen: Die Sehnsucht nach Freiheit

  • Hey KT, was tun gegen Frühjahrsmüdigkeit?

Meine Insights der Woche – 30. April 2026­


Guten Morgen,

gefühlt halb Deutschland bangt und zittert seit Wochen um "Timmy", den Buckelwal. Nun ist er auf dem Weg in den Atlantik. Nur ein anrührendes Tierschicksal? Nur eine Boulevard-Posse? Nur die Selbstinszenierung von Influencern, Wissenschaftlern und Politikern?

All das: ja, aber aus meiner Sicht geht es um mehr. Wenn wir das Neuland unserer Zeit meistern wollen, lohnt es sich, aus unserem Umgang mit dem Phänomen "Timmy" zu lernen. Und daraus Zuversicht zu schöpfen. Ich wünsche viel Vergnügen!


Insights

Der Wal und wir 

Man kann das Spektakel um "Timmys" Rettung als Medien-Hype abtun. Dabei übersähe man das konstruktive Moment: Die Deutschen zeigen gerade Empathie, Aufmerksamkeit, Energie. Könnten wir so nicht endlich auch den großen Fragen unserer Zeit begegnen?

Ein Buckelwal in seinem Element. Nein, "Timmy" ist es nicht. Aber über ein solches Tier reden wir.

Bild: WikiCommons

Nicht noch eine Timmy-Story. Oder doch?

„Timmy verabschiedet sich von Poel“ „Hier schwimmt Timmy ins Reisebett“ „Timmy auf Nachtfahrt“. Dienstag Abend – und die BILD hämmert uns im Mitgefühlsstakkato den letzten Rettungsversuch eines gestrandeten Buckelwals ins Gedächtnis. Gleichzeitig verkümmert das spektakuläre Champions League-Halbfinale zwischen Paris St. Germain und dem FC Bayern beinahe zur Randnotiz. Nun ja, beinahe.

28 Tage diente ein faszinierendes urzeitliches Geschöpf als Spiegel, ach was, als Aggregatzustand der Republik. Eine Projektionsfläche für alles, was unser Land umtreibt: Ohnmacht, Sehnsucht nach Erlösung, Wut auf „die da oben“, moralische Selbstvergewisserung. Man könnte also den tausendsten Text schreiben: Chronologie, Expertenstreit, Ministerzitate, Influencer-Exzesse.

Interessanter sind indes drei andere Fragen: Warum gelang es einem gestrandeten Wal, die Aufmerksamkeit eines 83‑Millionen‑Landes so zu fesseln – inmitten von Kriegen, Koalitionskrisen und einer Demokratie unter Stress?  Was sagt das über uns aus? Und warum darf uns all das tatsächlich Hoffnung machen?

Die deutsche Seele zwischen Wal und Welt

Geschichten um Tierschicksale erfahren in Deutschland eine besondere Resonanz: Bruno, der „Problembär“ und „Superstar“ der bayerischen Wälder, wurde 2006 zum globalen Medienereignis, samt T‑Shirts („Mich kriegt ihr nie“) und moralischer Stellvertreterdebatte (zumal, nachdem er eine Kugel „kriegen“ sollte). 2007 wurde der Berliner Eisbär Knut vom Zoo und den Medien zur Marke aufgeladen: vom „hilflosen, pelzigen Wicht“ zur globalen Ikone, um die sich Tierschutz, Kommerz und sentimentale Öffentlichkeit rauften. Es folgten Flocke (noch ein Eisbärbaby) und die „Orakelkrake“ Paul. Jetzt Timmy: ein Wal, der an einer Sandbank hing – und an dem sich erneut ein ganzes Bedeutungsuniversum festklammerte.

Spinnen wir Deutschen denn? Ich würde sagen: Nein, wir sind höchstens ein bisschen neurotisch, aber auf empathische Art.

Wochenlang verfolgten Menschen den Gesundheitszustand eines einzelnen Wals, kannten den Wasserstand in der Kirchsee genauer als ihre eigene Rente und diskutierten im Detail, ob Big Bags und Sperrzonen die richtigen Methoden sind. Parallel wurde eine ganze Rettungsindustrie aufgebaut, von Behörden bis zur privaten „Free‑Willy‑Mission“ eines vermögenden Mitbürgers, inklusive Live-Berichterstattung mit beeindruckenden Klick-Raten von der Sandbank.

Das ist keine klassische Verrücktheit, sondern eine sehr deutsche Form von Gefühlsmanagement: Die Welt ist brutal, aber wir bündeln unsere Hilflosigkeit in einem einzigen, benennbaren Wesen. Als wären wir ein Land, das zwar global mit der eigenen Überforderung ringt, aber lokal in der Wismarer Bucht Weltspitze sein will – emotional und organisatorisch.

Timmy wirkte folglich wie eine nationale Identitätsfigur: Wir können die Kriege nicht stoppen, das Klima nicht allein retten, Reformen nicht anschieben, aber wir können versuchen, einen Buckelwal in den Atlantik zu verschippern. Das ist rührend, vielleicht ein ganz klein wenig pathologisch – und, ehrlich gesagt, immer noch die sympathischste „Neurose“, die sich ein Land in Europa leisten kann. 

Eine Frage der Moral?

Bemerkenswert war aber die moralische Aufladung des Falls: Plötzlich wurde der Umgang mit einem Tier zur Charakterfrage. Wer den Wal retten wollte, galt als human. Wer zögerte, als kalt. Doch Moral, die sich an symbolträchtigen Fällen entzündet, läuft Gefahr, selektiv zu sein. Während Timmy Schlagzeilen machte, blieben andere Themen randständig – weniger sichtbar, weniger emotional, aber nicht weniger relevant.

Manche Kommentatoren zeichnen die Deutschen seit Jahren als ein Volk moralisch hochgerüsteter Melancholiker – ein Land, das seine Geschichte so tief internalisiert hat, dass es aus Schuldgefühl eine Art Hochleistungsmoral entwickelt, die zugleich grandios und lähmend ist. Stimmt das? Immerhin Timmy scheint in dieses Muster zu passen: Wir haben es mit einem Wesen zu tun, das unschuldig ist, groß, verletzlich, nicht aggressiv – und dem wir zunächst nicht wirklich helfen konnten, ohne ihm noch mehr Leid zuzufügen. Die Geschichte war also wie gemacht für das verbreitete Bedürfnis, sich in Mitleid, Schuldzuweisung und Moraldebatte hineinzusteigern, ohne andere große Gesellschaftsfragen zu berühren.

Irgendjemand sagte dieser Tage: In Deutschland lieben wir Katastrophen, bei denen wir sicher sein können, dass wir nicht verantwortlich sind – und behandeln sie dann, als wären wir es doch

Ein gestrandeter Pottwal, Niederlande, 1598

Bild: Jacob Matham / WikiCommons

Entscheidungskultur: die Kunst des Nicht‑Entscheidens

Die Wal-Episode erzählt aber nicht nur etwas über die Psyche, sondern über unsere Entscheidungskultur. Man richtet Kommissionen und Expertengremien ein, um Verantwortung zu verteilen. Dabei scheut man die Klarheit einer Entscheidung und sucht lieber nach Zwischenlösungen, indem man kritische Schritte gern „privaten Initiativen“ überantwortet und damit die politische Haftung minimiert.

Derweil hielt die Diskussion über immer neue, teils bewundernswerte Ideen für Rettungsmissionen an, befeuert von Medien, Demonstrationen, und politischen Winkelzügen. Immer mehr wurde der Wal selbst zum Symbol für ein Gefühl kollektiver Hilflosigkeit und für den Frust über Behörden. Timmy stand bald nicht mehr für sich selbst, sondern für all die Felder, in denen Bürger das Gefühl haben, dass der Staat entweder überfordert, gleichgültig oder beides ist – egal, ob Migration, Infrastruktur, Digitalisierung, Energie oder Sicherheit.

Und so lieferte ein Buckelwal uns einen realen Stresstest für drei zentrale demokratische Ressourcen: Vertrauen, Aufmerksamkeit, Zumutbarkeit. Dessen Ergebnisse scheinen auf den ersten Blick ernüchternd. Wenn nämlich jede behördliche Entscheidung sofort mit Verschwörungsnarrativen beantwortet wird, erodiert das Vertrauen in Institutionen schneller, als es durch Transparenz wieder aufgebaut werden kann. Und wenn ein bedauernswertes Lebewesen über Wochen die Berichterstattung dominiert, verschiebt sich die politische Agenda – nicht, weil das Tier „wichtiger“ wäre, sondern weil die Aufmerksamkeitsökonomie keinen Unterschied mehr kennt zwischen moralischem Drama und politischer Relevanz. Zuletzt scheut sich die Politik zunehmend, der Öffentlichkeit harte Wahrheiten zuzumuten – ob bei Renten, Verteidigung, Klimapolitik, KI oder eben einem möglicherweise sterbenden Tier. Dass Timmy nach heutigem Stand – so ist zu hoffen – gerettet werden könnte, ändert wenig an diesem Befund.  

Demokratie im Stress: Was Timmy über uns verrät 

Demokratien geraten dann in eine Krise, wenn ihre maßgeblichen Vertreter versprechen, alles und alle zu schützen, genau deswegen aber nichts mehr entscheiden. Die Politik verlegt sich darauf, zu reagieren. Sie kann kaum anders. In einer Demokratie, die zunehmend im Takt der Echtzeitkommunikation pulsiert, wird Nicht-Reagieren schnell als Zynismus ausgelegt. Ein Dilemma? Wahrscheinlich spiegelt es eher die Erkenntnis, dass in der Politik nicht nur entscheidend ist, was Menschen glauben, sondern was sie glauben, was andere glauben – wie die Politikwissenschaftler Ivan Krastev und Stephen Holmes argumentieren. In dieser Verschiebung von Überzeugung zu Wahrnehmung liegt der eigentliche Resonanzraum moderner Demokratien – und die Erklärung für jene eigentümliche Dynamik, die einen Wal zum nationalen Ereignis werden lässt.

Der Fall Timmy zeigt: Entscheidungen werden nicht nur nach rationalen Kriterien getroffen, sondern unter dem Druck öffentlicher Erregung. Rettet man den Wal um jeden Preis? Lässt man die Natur entscheiden? Jede Option wird moralisch aufgeladen. Hier offenbart sich eine (nicht nur) deutsche Besonderheit: die Sehnsucht nach der richtigen Entscheidung – nicht nur im Ergebnis, sondern auch im moralischen Gehalt. Ein Restbestand jener Haltung, die Max Weber einst als „Gesinnungsethik“ beschrieb, im Spannungsverhältnis zur „Verantwortungsethik“.

Moderne Demokratien erscheinen zunehmend anfällig für eine Emotionalisierung der Politik bei gleichzeitiger Technokratisierung der Entscheidungen. Man fühlt lauter und entscheidet intransparent. In Deutschland trifft das auf eine besondere Disposition: Wir misstrauen Macht, verehren Moral – und laufen Gefahr, in einer seltsamen Mischung aus moralisierter Symbolpolitik und verwalteter Realität aufzuwachen.

Protagonisten eines Mediendramas, von links oben im Uhrzeigersinn: Meeresbiologe Robert Marc Lehmann, Tierärztin Jenna Wallace, Aktivist Danny Hilse, Minister Till Backhaus (l.). Bilder: TTV News, Instagram, Epoch Times, msn

Medien, Empörungsökonomie und digitale Gewalt

Zu dem Getöse trugen die Medien wesentlich bei, klassische wie soziale im Wechselspiel. Timmys Haut, schrieb ein Kolumnist, sei von „Diskursen wie Seepocken“ überzogen; die Medien profitierten vom „Bedeutungsmayhem“. Lokalberichte über ein verirrtes Tier wurden zum nationalen Live‑Drama mit Ticker, Drohnenbildern und Expertenrunden. Influencer aus dem rechtsextremen und esoterischen Umfeld stilisierten den Wal zum Symbol eines angeblich scheiternden Staates („Symbol für eine Politik, die weder Timmy noch ihr eigenes Volk zu retten in der Lage ist“), Verschwörungsnarrative mischten sich mit Heilsversprechen. Und in Kommentarspalten und Social‑Media‑Threads eskalierten Emotionen, Fake‑Infos, Drohungen gegen Behörden und Wissenschaftler.

Peter Sloterdijk hat politische Systeme einmal als „Zornbanken“ beschrieben – als Institutionen, die gesellschaftliche Erregung sammeln und kanalisieren. Heute, im Zeitalter sozialer Medien, scheint diese Logik zu verschwimmen: Zorn zirkuliert ohne feste Speicher, Empörung wird zum Dauerzustand.

Sie trifft bestenfalls auf eine Art „Empörungsverwaltung“, an der nicht wenige Institutionen und Medien mitwirken. Und zeigt, wie im Fall Timmy, die Hilflosigkeit der eigentlichen Verwaltung: Empörung wird eben nicht mehr kanalisiert, sondern outgesourct – an Algorithmen, Influencer, Telegram‑Kanäle. Die Öffentlichkeit gleicht weniger dem deliberativen Raum, von dem Jürgen Habermas träumte, sondern eher einem Strudel: Wer das stärkste Bild liefert, bestimmt für 24 Stunden, worüber Deutschland „spricht“.

Ein verirrter Wal eignet sich perfekt dafür, weil er drei Bedingungen erfüllt: Er ist visuell eindrucksvoll, emotional anschlussfähig und politisch scheinbar folgenlos. Währenddessen rücken jene Themen aus dem Blick, die keine spektakulären Bilder liefern: sei es demografischer Wandel, die geopolitische Verwundbarkeit Europas oder die schleichende Erosion demokratischer Institutionen.

Neuland heißt: aus der Wal‑Republik herauswachsen

Und doch. Trotz der Auswüchse, trotz aufflackernder Hysterie: Dass der Fall Timmy uns den Spiegel vorhält, dass wir Deutsche so reagieren, wie wir reagiert haben, gibt mir Anlass Hoffnung. Wie das?

Die Versuchung ist groß, am Ende den pädagogischen Zeigefinger zu heben: weniger Timmy, mehr Weltpolitik, weniger Empörung, mehr Ratio. Das aber wäre zu einfach – und unterschätzte völlig, dass Empathie eine wundervolle Ressource ist, keine Krankheit. Der Punkt ist nicht, dass Deutschland sich nicht für einen Wal interessieren sollte. Der Punkt ist, was wir aus dieser Emotion machen.

Wir sollten akzeptieren, dass solche Fälle emotionale Aufmerksamkeit bündeln – und diese bewusst nutzen, um jene Fragen zu anzugehen, die uns den Fall Timmy erst bescherten: Ozeanpolitik, Schifffahrtsregeln, Klima, maritime Sicherheit. Wir sollten sie nutzen, um Institutionen zu stärken, die in emotional aufgeheizten Situationen Entscheidungen kommunizieren müssen, die gegebenenfalls auch weh tun; und um in der Gesellschaft eine Medienkompetenz zu entwickeln, die zwischen Empörungskick und politischer Relevanz unterscheiden lernt – und die versteht, dass nicht jedes Drama ein Systemversagen sein muss.

Neuland beginnt in dieser Geschichte dort, wo ein Land fähig wird, die Energie, die es an ein Lebewesen wie Timmy bindet, auf seine wirklichen Wale zu richten: die großen, unbeweglichen Themen, die seit Jahren unangetastet auf der Sandbank liegen – und auf die wir weniger emotional, aber viel entschlossener reagieren müssten.

Vielleicht lautet die produktivste Lehre aus dieser Geschichte: Eine Gesellschaft, die einen Wal liebt, ist nicht verloren. Deutschland ist mehr als seine Aufmerksamkeitszyklen. Es ist ein Land, das in der Lage ist, aus Selbstbeobachtung Konsequenzen zu ziehen. Vielleicht braucht es gerade diese scheinbar bizarren Momente, um unsere blinde Flecken sichtbar zu machen.

Timmy wird verschwinden – aus den Schlagzeilen, irgendwann aus dem kollektiven Gedächtnis - und hoffentlich im Atlantik seine Artgenossen wiederfinden. Was bleibt, ist die Frage, ob wir etwas gelernt haben.

Neuland beginnt nicht mit großen Gesten. Es beginnt mit der Bereitschaft, den Spiegel nicht nur anzusehen, sondern auch zu verstehen, was wir sehen.

Nicht nur der Wal war gestrandet. Sondern auch unsere Fähigkeit zur Aufmerksamkeit.



A U F  E I N  W O R T

Warum so zuversichtlich,  Elina Valtonen?

Die Menschen sehnen sich am Ende immer nach Freiheit, sagt die finnische Außenministerin, die als Kind mehrere Jahre in Deutschland lebte. So sei die Welt in den letzten 50 Jahren eine bessere geworden

Elina Valtonen, Außenministerin Finnlands.

Bild: KT Guttenberg

NEULAND: Liebe Elina, in einer Zeit, in der die Welt an allen Ecken und Enden brennt, in der in Europa und mit Amerika gestritten wird, was gibt dir Zuversicht? 

Elina Valtonen: Ich schöpfe meinen Optimismus aus dem Gedanken, dass die Menschen sich am Ende immer nach Freiheit sehnen – und das sehen wir jetzt in der Ukraine, natürlich. Die Ukraine ist erst seit zehn Jahren wirklich eine Demokratie, und dass sie jetzt die Möglichkeit haben, an ihrer Demokratie, an ihrer Freiheit zu arbeiten – sobald der Aggressor mit dem Krieg aufhört –, das ist natürlich ganz toll. Es sind jetzt 51 Jahre seit der Schlussakte von Helsinki, seit der KSZE-Konferenz* also zwischen der Sowjetunion, Europa und Nordamerika. Damals waren es 35 Länder, die die Schlussakte unterschrieben haben. Heutzutage sind es 57 Länder, die der OSZE zugehören. Und die allermeisten dieser Länder genießen fast die gleichen Freiheiten wie wir hier im Westen. In den letzten 50 Jahren hat sich die Welt, vor allem in Europa, zu einer viel besseren, zu einer offeneren entwickelt. Wir müssen jetzt einfach nur zusehen, dass es so weitergeht

Die KSZE, die "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa", fand 1975 statt, um den Frieden in Europa zu sichern, und wurde danach verstetigt. Heute heißt der Verbund "Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (OSZE) – d.Red.

Mit Elina Valtonen sprach KT Guttenberg. Sie finden den Beitrag hier auf YouTube.


Ein Buch? Nein, besser drei – aber dann versteht man die Welt der KI wirklich.

Cover: Verlage

KTs Antwort: „Ich empfehle mindestens zwei – erst im Doppel entsteht meines Erachtens ein angemessen vielschichtiges Bild. Aus dem englischsprachigen Raum bilden Mustafa Suleymans The Coming Wave (C.H.Beck, 2024) und Henry Kissingers, Eric Schmidts und Craig Mundies KI Genesis: Der Beginn des neuen Zeitalters (Plassen, 2025) eine bemerkenswerte Konstellation. Das eine Buch stammt aus dem Inneren der KI‑Labore, das andere aus der Loge der Weltpolitik – beide zeigen KI als neue Infrastruktur der Macht.

Ich gestehe, ich bin ein wenig befangen, da ich die Autoren seit Jahren kenne (bzw. Kissinger kannte). Deshalb glaube ich aber auch einschätzen zu können, dass es ihnen nicht nur um den Verkaufserfolg anhand möglichst zugespitzter Thesen ging, sondern um eine ehrliche, teilweise aufrüttelnde Reflektion einzigartiger Erfahrungswerte. Beide Werke haben nicht an Aktualität verloren.

Mustafa Suleyman: Die Welle von innen

Suleyman, Mitgründer von DeepMind, erzählt KI als Welle, die quer durch Ökonomie, Sicherheitsarchitektur und Biotechnologie bricht. The Coming Wave zeigt, wie aus technischen Durchbrüchen Schritt für Schritt politökonomische Macht wird – in Konzernen, Ministerien, Militärs. Chancen und Risiken erscheinen als zwei Seiten derselben Infrastruktur: dieselben Modelle, die medizinische Fortschritte ermöglichen, eröffnen auch neue Räume für Überwachung und asymmetrische Konflikte.

Lesenswert ist Suleyman, weil er die simple Frage „Ist KI gut oder schlecht?“ unterläuft. Ihn interessiert, welche Institutionen und Regulierungen entscheiden, in wessen Händen diese Systeme landen und welche Interessen sie verkörpern. Man liest scheinbar ein Technikbuch – tatsächlich aber eine Analyse von Macht und Governance im 21. Jahrhundert.

Kissinger, Schmidt, Mundie: Die neue Großwetterlage

Dem stellt KI Genesis die Perspektive von Strategen gegenüber. Kissinger, der sich kurz vor seinem Tod im November 2023 intensiv mit dem Thema beschäftigte, bringt seine geopolitische Perspektive ein, während Schmidt und Mundie technologische Expertise beisteuern. Das Buch untersucht, wie KI als "neue Lebensform" die menschliche Existenz verändert, unsere Unabhängigkeit usurpiert und wie wir von dieser Technologie profitieren können, ohne unsere Souveränität aufzugeben.

Die Autoren balancieren zwischen der Hoffnung, dass KI Krisen wie den Klimawandel lösen kann, und der Gefahr, dass sie unkontrollierbare Risiken für die Menschheit darstellt. Schließlich wird eine Strategie für das KI-Zeitalter skizziert, die eine ethische und politische Steuerung der Technologie fordert, um die Beziehung zum Göttlichen und das menschliche Urteilsvermögen zu schützen. Die Verfasser verstehen KI nicht primär als Industrie, sondern als Zäsur im politischen und erkenntnistheoretischen Selbstverständnis moderner Staaten. Das Buch ist ein dringender Appell, die Entwicklung der KI aktiv zu gestalten und nicht nur genügsam zu beobachten.

Wildcard: Ethan Mollick

Als aktuellen Bestseller möchte ich noch Ethan Mollicks Co‑Intelligenz: Leben und Arbeiten mit künstlicher Intelligenz (Redline, 2025) erwähnen. Es beschreibt die unmittelbare Praxis der Zusammenarbeit mit KI – vom Büro bis zur Universität – und zeigt, wie sich Verantwortung, Kompetenz und Risiko im Alltag verschieben. So verbindet Mollick die große Welle und die neue Weltordnung mit den ganz konkreten Entscheidungen am eigenen Schreibtisch.

Wenn es also wirklich nur ein Buch sein muss, würde ich raten, nach Temperament zu wählen: lieber die Dynamik der Technologie mit Suleyman oder die geopolitische Großwetterlage mit Genesis. Wer KI als Macht‑ und Gesellschaftsprojekt ernsthaft verstehen will, kommt an diesen beiden – plus Mollick – kaum vorbei. Und ständig erscheinen neue Werke zum Thema – viele ärgerliche und einige wirklich bemerkenswerte. Wir werden hier im NEULAND Update weiter berichten."

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O – T Ö N E

GYSI GEGEN GUTTENBERG & 

LAND IN SICHT &

MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Freitags: 
MAKE AMERICA GOOD AGAIN

Einkaufen auf amerikanisch

„Ich meine den Superstore Greeter – das ist gern mal jemand, der schon pensioniert ist in seinem eigentlichen Job, er hat eine blaue Weste an. Und wenn du reinkommst, sagt er: "Good morning, honey, how are you? Can I help you find something today?" Und ich denke dann: den Sinn des Lebens vielleicht? (lacht) Aber unheimlich gern... Diese Leute sind wirklich nur da, um dich zu begrüßen. Braucht man das unbedingt für den Einkauf? Natürlich nicht. Aber alle diese kleinen Dinge sind Akzente, die zur Lebensqualität drüben beitragen."

Ricardia Bramley, 
Host MAKE AMERICA GOOD AGAIN 

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Redaktionstipp: HörenLesenGucken

Der größte aller Romane?

Wer dieses Buch noch nicht gelesen hat, der sei beneidet. "Moby-Dick", erschienen 1851, ist: purer Abenteuerstoff, Wissenschaftsessay, psychologische Meisterschule, Almanach der Walkundler, voller christlicher Symbolik, ach, es steckt einfach alles drin. Auf der ersten Seite geht es so los, der Ton ist gesetzt: "Immer wenn ich merke, dass ich um den Mund herum grimmig werde; immer wenn in meiner Seele nasser, niesliger November herrscht; immer wenn ich merke, dass ich vor Sarglagern stehenbleibe und bei jedem Leichenzug hinterhertrotte; und besonders immer dann, wenn meine schwarze Galle so sehr überhandnimmt, dass nur starke moralische Grundsätze mich davon abhalten können, mit Vorsatz auf die Straße zu treten und den Leuten mit Bedacht die Hüte vom Kopf zu hauen – dann ist es höchste Zeit für mich, sobald ich kann, auf See zu kommen. Das ist mein Ersatz für Pistole und Kugel." (Übersetzung von Matthias Jendis, btb Verlag) Als der vielseitige "Moby-Dick" herauskam, war Herman Melville gerade mal 32 Jahre alt. Zuvor war er jahrelang als Walfänger im Pazifik unterwegs gewesen, hatte gierig die blutigen Anekdoten und Legenden des Walfangs aufgesogen. Viele Kritiker verlachten sein Werk, das Publikum seiner Zeit ignorierte es. Den Weltruhm erlebte der Autor nicht mehr, er arbeitete zuletzt als Zollinspektor im Hafen. 175 Jahre alt ist dieser Roman nun. So etwas Kühnes, so etwas Tiefes wird womöglich nie wieder geschrieben. (rüb)

Herman Melville: Moby-Dick. Diverse Verlage, zB Diogenes, 16 Euro.

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H E Y,  K T !­

"Was tun Sie gegen Frühjahrsmüdigkeit?"

Fragt NEULAND Update-Leser Finn-Ole Christiansen aus Hamburg

Zum Gähnen, so ein Frühjahr. 

Bild: WikiCommons

KTs Antwort: „Nichts. Oder zu wenig. Aber hier ist, was ein Mensch, der weniger zur Unvernunft neigt als ich, tun sollte (ich hab's mir angelesen und versuche es von nun an selbst zu befolgen):

1. Ins Licht stolpern 

Gehen Sie morgens so früh wie möglich nach draußen – ohne Heldenattitüde, gern mit Augenringen und Kaffeebecher.

Tageslicht ist das stärkste Signal für Ihren inneren Taktgeber und hilft, das Melatonin (Schlafhormon) runter- und das Serotonin (Stimmungs- und Wachmacher) hochzufahren. Frühjahrsmüdigkeit ist im Kern ein hormonelles Übergangschaos, weil sich Ihr Körper vom dunklen Winter- auf den hellen Frühlingsmodus umstellen muss.

2. Bewegung statt zweiter Schlummertaste 

Jeden Tag 20–30 Minuten in moderatem Tempo: zügig gehen, leicht joggen, Rad fahren – am besten wieder draußen. Das bringt Kreislauf und Stoffwechsel aus dem Winterschlaf, stabilisiert den Tag-Nacht-Rhythmus und macht den Kopf klarer, als es der dritte Kaffee oder Berge von Pillen und Pülverchen jemals könnten.

3. Schlaf ernst nehmen (nicht nur ankündigen) 

Halten Sie einigermaßen feste Schlafenszeiten ein, reduzieren Sie abends das Blaulicht-Gestarre auf Displays und gönnen Sie sich ein Schlafzimmer, das eher nach Ruhe als nach Gerätepark aussieht. 

So kann sich Ihr zirkadianes System an die längeren Tage anpassen, ohne dass Sie tagsüber wie ein Duracell-Hase mit entladenen Batterien durch den Frühling wanken.

Wenn Sie all das tun, bleibt die Frühjahrsmüdigkeit vielleicht nicht völlig aus – aber sie wird vom störenden Mitbewohner zum vorübergehenden Besuch einer ungeliebten Tante. Und Letztere lässt sich dann irgendwie mit unerschütterlicher Gelassenheit ertragen."

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Bis nächste Woche, wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst, Ihr KT Guttenberg­


T E A M  G U T T E N B E R G

KT Guttenberg war irgendwann mal Politiker und kennt die glatten Bühnen vor und hinter dem Vorhang aus dem Effeff. Was da passiert, erzählt er in NEULAND Update. Heute schreibt er Bücher, macht Filme und podcastet mit linken Legenden. Ach ja, und Unternehmer ist er auch.

Klaus Brinkbäumer ist Bestseller-Autor ("Zeit der Abschiede"), Moderator ("Riverboat", MDR) und Podcast-Co-Host ("Ok, America?"). Früher war er mal Chefredakteur des SPIEGEL. Jetzt beginnt die Woche für ihn mit unserem Podcast LAND IN SICHT.

Rüdiger Barth, Journalist, Historiker und Buchautor ("Deutschland 1946"), ist Geschäftsführer der Open Minds Media, die das NEULAND Update, Podcasts und Dokus produziert. Zum Optimismus neigt er allein schon, weil ihm zum Pessimismus das Talent fehlt.

Ricardia Bramley ist US-Amerikanerin, hat Wurzeln in vielen Ländern und lebte lange in New York – aufgewachsen aber ist sie in Deutschland. Seit Jahren produziert und hostet sie leidenschaftlich gern Podcasts. Eigentlich schon, solange es Podcasts gibt.

Peter Greve ist Consultant, Creative, Stratege. Für seinen Podcast "Die Lektion meines Lebens" trifft er ziemlich bekannte Menschen – und bringt sie auf seine leise, genau hinhörende Art dazu, ziemlich unbekannte Geschichten zu erzählen.

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